Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 17 (25.4.1930)
- Date
- 1930-04-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Eine jüdische Friedenstal „Die Wahrheit" hat vor einiger Zeit über die große Kundgebung in der Berliner Hochschule für Musik,„DieFriedenssendungdes Judenturas" berichtet, die unter allen bisherigen Veranstaltungen des „Jüdischen Friedensbundes" die erfolgreichste war. Da Scharen des Publikums infolge Ueberfüllung des Saales abgewiesen werden mußten, wurde die Kundgebung im Logenhaus wiederholt. Neben den Ansprachen von Oscar Wassermann, Lion Feucht wanger, Alfred N o s s i g, Rabbiner Dr. P r i n z, ErnestineE schelbacher, fesselte besonders die „Friedensbotschaft" von Albert Einstein die Anwesenden. Der berühmte Gelehrte rief in seinen geistvollen Ausführungen die jüdische Gemeinschaft auf, den vom Friedensbund ausgearbeiteten Plan einer „Freiwilligen Jüdischen Friedenssteuer" in die Tat umzusetzen. Die jüdische Friedensbewegung vermag ihre Ziele ohne erhebliche Mittel nicht zu verwirklichen. Die Friedenssteuer soll den Beitrag der Judenheit zum Weltfriedensbudget darstellen. Neben den Begüterten sollen auch die breitesten Massen durch kleinste Geldopfer an dem jüdischen Friedenswerk sich beteiligen. Von Alt und Jung wird die Friedenssteuer in der gleichen Höhe einer Einheit der Landeswährung erhoben werden. Sie wird gleichzeitig das wirksamste Instrument für die Propaganda der Friedensidee bilden. Der Frauenausschuß des Jüdischen Friedensbundes hat bereits den ersten praktischen Versuch der Einführung der Friedenssteuer in den Kreisen der Berliner Judenheit mit gutem Erfolg unternommen. Am 6. Februar fand nun unter dem Vorsitz von Oscar Wassermann eine Beratung In den Erinnerungen des Kriminalkommissars a. D. Gustav Steinhauer, die gegenwärtig im Berliner „8 Uhr Abendblatt" veröffentlicht werden, erzählt dieser sehr interessante und bisher unveröffentlichte Aeußerungen des ehemaligen deutschen Kaisers über die Konitzer Ritualmordaffäre und antisemitische Schauermärchen adeliger Judengegner aus seiner Umgebung. Die Unterhaltungen fanden gelegentlich eines Jagdaufenthaltes auf dem Gut des Grafen Eulenberg statt: „Auch die Geschichte mit dem Ritualmord i n K o n i t z, die seinerzeit die ganze Welt in Aufregung versetzte, bildete stundenlang das Thema der Unterhaltung. Ich muß gestehen, daß die vernünftigste Ansicht in dieser Sache der Kaiser äußerte. Er nannte die ganze Geschichte einfach Blödsinn. „Ich bedaure es sehr, daß es noch einflußreiche und sonst vernünftige Leute gibt, die diesen Blödsinn nicht nur kolportieren, sondern ihn dadurch noch nähren, daß sie nicht dagegen angehen." An den Mienen der Herren konnte ich bemerken, daß sie nicht alle seiner Meinung waren. Darüber ärgerte er sich. Als dann einer der Herren bemerkte, daß sich die Juden doch tatsächlich gesellschaftlich von den Christen absondern, so daß man auf den Gedanken kommen könnte, daß sie Heimlichkeiten treiben, erwiderte der Kaiser ziemlich ironisch: „Ich habe von einem gesellschaftlichen Absondern, insbesondere in den höheren Kreisen, noch nicht viel gemerkt Ich kann auch nicht sagen, daß mein Vater oder mein Großvater ein besonderes Vorurteil gegen die Juden gehabt hätten. Im Gegenteil, der letztere hatte einen jüdischen Bankier namens Cohn. Dieser stand bis an sein Lebensende in größter Achtung bei meinem Großvater." Er bemerkte dann weiter, daß nach seiner Ansicht der Ritualmordgedanke von vielen Leuten nur aus Neid genährt werde, und zwar aus dem Grunde, weil der Wohlstand der Juden immer mehr steige. „Schauen Sie doch einmal nach England und Amerika; da kümmert sich kein Mensch um die Juden, und zweifellos hat mein Onkel Eduard viele persönliche Freunde, die der jüdischen Religion angehören." sämtlicher dem Friedensbund angeschlossenen Körperschaften statt, um die Mittel und Wege zur Organisation der Friedenssteuer auf breitester Basis zu erörtern. In der letzten Zeit sind dem Friedensbund auch die Großloge U. O. B. B., der Allgemeine Rabbinerverband in Deutschland, sowie die Jüdische Mittelpartei und die Jüdische Volkspartei körperschaftlich beigetreten. Es wurde ins Auge gefaßt, zunächst in Berlin, hierauf auch in anderen größeren Gemeinden eine nach Stadtteilen und Straßen geordnete Kartothek der jüdischen Bevölkerung anzulegen. Es sollen dann möglichst kleine Bezirksgruppen geschaffen werden, die. durch die Mitglieder der Bezirkskomitees auf dem Wege persönlicher Besuche über die Bedeutung der Friedenssteuer aufgeklärt werden sollen. So soll eine wahrhaft allgemein-jüdische Einrichtung ins Leben gerufen werden. Nach den Worten von Einstein soll „in diesem Dienste um.die Friedensidee das Judentum vorangehen, wie einst unsere Propheten vorangegangen sind. Dabei hoffen wir nichts sehnlicher, als daß wir Juden durch die Anhänger der mächtigen Schwesterkonfessionen recht bald durch Größe der Leistung in den Schatten gestellt werden mögen." Im Laufe der letzten Monate hat die jüdische Friedensbewegung begonnen, sich über ganz Deutschland auszubreiten. In einer erheblichen Anzahl von Gemeinden wurden von berufenen Persönlichkeiten aufklärende Vorträge gehalten. In den größten Zentren bilden sich Initiativkomitees zum Zweck der Errichtung von Ortsgruppen. Ueberall gibt sich auch Interesse für die Friedenssteuer als Mittel zur Mobilisierung der ganzen jüdischen Bevölkerung im Dienste der Friedensidee kund. Ich mußte leider aus dienstlichen Gründen dann den Saal verlassen Jund konnte das interessante Gespräch nicht weiter verfolgen. Zweifeilos wurde aber das Thema noch weiter ausgesponnen: denn als ich am nächsten Morgen bei Eulenberg war, um mir das Programm des Tages zu holen, sagte dieser folgendes zu mir: „Sie sind doch Kriminalist, Herr Steinhauer, wissen Sie, ob es ein Gesetz gibt, das für die Frauen jüdischer Religion Todesstrafe vorschreibt, wenn sie sich Christen hingeben?" Ich konnte ihm darüber nichts sagen, erbot mich jedoch, Erkundigungen einzuziehen. „Wie schnell können Sie das tun?" „Wenn ich einen Wagen zur Bahn bekomme und nachher wieder abgeholt werde, kann ich um drei Uhr wieder zurück sein." „Gut, gut", sagte er, „aber bringen Sie mir bestimmten Bescheid. Es wurde gestern abends noch behauptet. Der Kaiser hat es zwar als eine Dummheit hingestellt, möchte aber doch Klarheit darüber haben." Ich fuhr also nach Berlin und war um ein Uhr schon bei einem mir bekannten jüdischen Rechtsanwalt. Dieser lachte zwar über meine Frage, meinte aber: „Wenn es der Kaiser wissen will, will ich lieber an kompetenter Stelle anfragen." Er setzte sich nunmehr mit einem Rabbiner, M a y b a u m mit Namen, in Verbindung. Dieser teilte ihm kurz und bündig mit, daß ein derartiges Gesetz nicht bestehe. Um drei Uhr nachmittags konnte ich dem Fürsten schon die Antwort überbringen. Als Eulenberg diesen Bescheid den Jagdgästen bekannt gab, meinte sein Freund, der Graf G., sehr ironisch: „Na, Phlli, du hast es ja mit der Aufklärung sehr eilig gehabt." Der Kaiser bemerkte nur: „An den Blödsinn habe ich überhaupt nicht geglaubt, und wundere mich nur, daß vernünftige Menschen so etwas ernst nehmen können." Jüdisches Waisenmädchen im Alter von 14 bis 17 Jahren, die sich für ein Wirkwaren-Geschäft eignet, wird von alleinstehender Dame mit voller Verpflegung aufgenommen. XVIII., Währingerstraße 136, Tür Nr. 5 BUFA-TON-KINOH IJj Wien TaborilraB« 8 H| | Telephon R 42-3-41 U| I Vierte Woche || 1 Konrad Ueidt und Rärin Evans 1 I Die letzte Kompagnie I II Ein Tonfilm der JOE MAY-Produktion der UFA ||| Hl Regie: Kurf Bernhardt || || Musik von Ralph Benafzky || II] Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr || jlll An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr M Glossen. Der hohe akademische Senat der Wiener Universität hat, wie offiziell mitgeteilt wird, rasch auf Grund der unlängst erst erlassenen „Studentenordnung", die ein hervorragender Professor der Rechte der Wiener Universität als „der verfassungsmäßigen Rechtsgrundlage ermangelnd" öffentlich brandmarkte, die Satzungen und die Wahlordnung der bei allen Universitätsskandalen vielgenannten „D e u t s c h e n S t u d e n t e n s c h a f t" genehmigt. Nun wird der hohe akademische Senat sicherlich auch Zeit finden, an die Prüfung der Proteste zu schreiten, die in diesem „Studenten r e c h t" die Stabilisierung des von der „Deutschen Studentenschaft" bisher geförderten Studenten-Unrechts erblicken. * * * Preisfrage: In akademischen Kreisen plant man die Ausschreibung folgender Preisfrage: „Welches Schicksal würde zahlreichen jetzt an der Wiener Universität lehrenden Professoren zuteil werden, wenn sie bei ihrer nicht zu verleugnenden „Abstammung" jetzt erst als — Studenten an die Wiener Universität kämen?" * * * Ford will mit seiner Familie zu längerem Aufenthalte nach Wien kommen. Die hakenkreuzlerischen Blätter erklärten seinerzeit das Bekenntnis Fords, daß er die schändlichen Lügen des Antisemitismus verwerfe, damit, daß der Amerikaner aus gemeinen Geschäftsrücksichten sich vor den Juden erniedrigen mußte. Man wird zugeben,- daß die hakenkreuzlerischen Blätter nunmehr mit der gleichen Wahrheitsliebe und Gewissenhaftigkeit versichern dürfen, daß der unglückliche Ford, um nicht ganz auf den Bettelstab zu kommen, dem Befehle der „Weisen von Zion" folgend, sich bei allen großen Kultusgemeinden die besondere Verzeihung für seine antisemitische Vergangenheit erflehen muß. Armer Ford! Welch bittere Canossagänge stehen ihm noch bevor, wenn er nicht zusperren will. * * Die „Dötz" speit Gift und Galle gegen jene, die in dem Glauben an die Schuldlosigkeit Philipp Halsmanns Unterschriften von diese Ueberzeugung teilenden Juden und Christen sammeln, die ihn der Gnade des Bundespräsidenten empfehlen sollen. Die „Dötz" hat, wie erinnerlich, Halsmann schon während des Prozesses, lange bevor noch das Verdikt über ihn gefällt worden, in dreister Mißachtung von Anstand, Menschlichkeit und — Gesetz als „Meuchelmörder" bezeichnet. Es wäre daher nur begreiflich, wenn die „Dötz" nun selbst in der Begnadigung Halsmanns eine Ansehensfrage erblickte. Aber nein, in herausfordernder Unverschämtheit bezeichnet die „Dötz" den Fall Halsmann als „eine Ansehenssache des Judentums, für die in der ganzen Welt gekämpft wurde." Fälle, in denen Nichtjuden vor Gericht standen, hat es wohl auch schon gegeben, aber von einem Menschen, der so tückisch, so frech oder so verrückt gewesen wäre, das Ansehen des — Christentums mit der Tat dieses Einzelnen in Verbindung zu bringen, hat man wohl noch nicht gehört. Die „Dötz" sollte es ganz genau wissen, denn sie könnte es selbst aus ihren eigenen Spalten ersehen, daß nicht nur viele Juden, sondern auch viele Christen sich in der Ueberzeugung begegnen, daß es sich in der Affäre Halsmann um einen Kampf gegen einen Justizirrtum handelt. Aber die „Dötz" beharrt bei der nichtswürdigen Verleumdung, daß das „Ansehen des Judentums" in Frage Wilhelm IL gegen das Ritualmordmärchen. V