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Die Wahrheit · 1930-04-25 · Heft 17 (25.4.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 17 (25.4.1930)
Date
1930-04-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 -lju-j —L DIE WAHRHEI1 sonst? Alle Israel gegebenen Verheißungen von Macht, Reichtum, Größe und Glück (die, wie gesagt, in rein materiellem Sinne zu verstehen sind, nicht im spirituellen, wie es der Talmud und die späteren jüdischen Kommentatoren tun) haben sich an uns verwirklicht. Wir sind die Zeugen Gottes, welche die Welt bekehren. Wir senden die Missionen nach allen Himmelsgegenden aus, wie das dem Volke Israel verheißen war. Wenn wir nicht Israel wären, so hätten wir es nicht nötig, für diese Dinge zu arbeiten. Was mich betrifft, so bin ich überzeugt, daß wir Israel sind, und in dieser Ueberzeugung gewährt es mir eine große Genugtuung, daß wir von allen kontinentalen Mächten gehaßt werden." Doch darf man die Identität zwischen England und Israel nicht nur bildlich, sondern physiologisch im eigentlichen Sinne verstehen. Die anglosächsische Rasse soll nämlich (Chamberlain, verhülle dein Haupt!) die eigentliche hebräische Rasse darstellen. Erst vor nicht langer Zeit erschien in neuer Auflage ein Buch, das zuerst vor mehr als 30 Jahren gedruckt wurde und den Titel führt: „Anglo-Israel und das jüdische Problem. Die zehn verlorenen Stämme Israels gefunden und mit der anglosächsichen Rasse identifiziert." In England existiert seit Jahrzehnten eine British Israel Association, die mittels der von ihr herausgegebenen Zeitschriften „The Banner of Israel" und „The Covenaint People" wie auch des Handbuches „British Israel Truth", das in 15.000 Exemplaren verbreitet, die Ansicht propagiert, daß die Engländer die verlorenen zehn Stämme Israels seien. Jene zehn Stämme sind bekanntlich unauffindbar vom Erdboden verschwunden. Wo sind sie hin? Die Bibel erzählt, sie wären hinter den Euphrat vertrieben worden. Das Gebiet hinter dem Euphrat ist weit, sehr weit. Es erstreckt sich über ganz Mittel- und Ostasien und den amerikanischen und europäischen Kontinent hinüber, bis es eben wieder am Euphrat vom Westen her anlangt; auch Großbritannien gehört in diesen Bereich ... B. W. Segel. TEPPICHHAUS „Schreckbilder". Im „Neuen Wiener Journal" erschien vor kurzem unter dem sensationellen Titel „Die Budapester Juden sterben aus'* ein Artikel, in dem auf Grund verschiedener Ereignisse in der ungarischen Landeshauptstadt der Budapester Berichterstatter des genannten' Blattes der Meinung Ausdruck gab, „daß die Gefahr bestehe, daß das Judentum in Ungarn der vollständigen Vernichtung anheimfallen werde." Schon eine oberflächliche Prüfung des in diesem Aufsatze angeführten Beweismaterials ließ in uns die Ansicht entstehen, daß diese Befürchtungen ziemlich übertrieben seien. Wir haben uns deshalb an den auch in dem zitierten Aufsatze erwähnten Oberrabbin er Dr. S. Hevesi mit der Bitte gewendet, uns nähere Mitteilungen über den wahren Sachverhalt zukommen zu lassen. Oberrabbiner Dr. Simon Hevesi ist in freundlichster Weise unserem Ersuchen nachgekommen, indem er uns ein ausführliches Schreiben übermittelte, in dem er die Meldungen des Budapester Korrespondenten des „Journals" widerlegte. Es heißt in diesem Briefe u. a.: „Der Berichterstatter hat verschiedene Einzelheiten zusammen- und in Verbindung gebracht. Am 8. März hielt ich im überfüllten Tabaktempe! eine Rede, in der ich über jüdische Erziehung und gegen die Fahnenflucht und Treulosigkeit der vom Judentum Abfallenden sprach und die Glaubensbrüder aufforderte, brüderliche Selbsthilfe zu schaffen zur Stützung derjenigen, die in der wirtschaftlichen Notlage den schwersten Kampf zu. bestehen haben. Vom Aussterben der Budapester Juden habe ich nicht gesprochen, denn ich sehe keine Veranlassung, solche Schreckbilder an die Wand zu malen, leb bin fest übe£££u.gt, daß das Budapester und das ungarische Judentum die gegenwärtige wirtschaftliche Lage glücklich überstehen und sich weiter entwickeln und behaupten wird. Ferner ist es Tatsache, daß Rabbiner Dr. Großmaiin, Kanzleidirektor unseres AKTIENGESELLSCHAFT iM Baaernmarkl Nr. 10-W-14 Vll., Mariatilllerstra0€ (Ecke Zieglergasse) "** 00 TEPPICHE rORHÄNQE raoBELSTorrE E1NOKEIM DECKEN Orößfe Auswahlf Billigste Preise! Rabbinates, am 22. März im Tempel in der Dohäny-utca eine (in der „W a h r h e i t" kürzlich erwähnte) Predigt gegen die Taufe und die Vernachlässigung der jüdisch-religiösen Eheschließung hielt; auch er sprach nicht vom Aussterben des Budapester Judentums. Was meinen in dem Bericht des „Journal" gestreiften „Hirtenbrief" betrifft, so enthielt dieser eine Kundgebung unserer Gefühle gegenüber den Religionsverfolgungen in Rußland, unseres patriotischen Schmerzes über die schwere Lage der hart geprüften ungarischen Nation und über die nachteilige Einwirkung der allgemeinen mißlichen Lage auf das Familienleben, das Familienglück und die Erziehung der Kinder. Diese verschiedenen Antecedenzien — auch eine Veröffentlichung des statistischen Zentralamtes — verknüpfte der Berichterstatter des „Journal" recht frei. Ich finde keine Ursache, daraus auf das Aussterben der Budapester Juden zu schließen. Wenn in einer prüfungsvollen, schweren Zeit die Zahl der Fahnenflüchtigen sich im Jahre auf zirka 400 beläuft — und da sind Personen vom ganzen Lande, ja sogar aus Gebieten über der Grenze und aus dem Auslande inbegriffen —, so ist das im Vergleich mit den statistischen Daten anderer Länder und Gemeinden nicht so niederschmetternd, um daraus ein Aussterben des ungarischen Judentums zu kombinieren ..." Feuilleton Heines religiöse Wandlung- In diesen Tagen rüstet man wieder, um dem viel geschmähten, aber npch mehr geliebten Heine das lange vorenthaltene Denkmal zu setzen. Diese Denkmalaffäre soll uns jedoch hier nicht beschäftigen. Sie bildet ein besonderes Kapitel deutscher und wenn man will europäischer Kulturgeschichte. Heine selbst hätte sich über die bisherige Verweigerung eines Monumentes sicherlich leicht hinweggesetzt; eine kleine Variation in seinem, anläßlich der Sammlung für ein Goethe-Denkmal in Frankfurt enstandenen Sonett, böte den schönsten Trost. O laßt dem Dichter seine Lorbeerreiser, Ihr Handelsherrn! behaltet Euer Geld. Ein Denkmal hat sich (Heine) selbst gesetzt Der Geist eines Heine, heute noch anregend und fortzeugend wie ehedem, lebt und bedarf noch gar nicht jenes herzlos-kalten, steinernen Merkmals, um das die Menschen streiten. Dennoch ist dieser Geist in einer Beziehung, in der für die Menschheit wichtigsten Beziehung zur Religion nicht genügend erkannt und wenn erkannt, nicht hinreichend gewürdigt worden. Der Grund hierfür ist, daß Heine in der Blüte seines Lebens und in seinen phüosophischen Hauptschriften eine Richtung vertrat, der er später und im letzten Abschnitt seines Lebens eindeutig entsagte. Obwohl er dies in wunderbarer geistiger Klarheit und mit aller Entschiedenheit getan hat, sind seine früheren pantheistischen oder verkappt atheistischen Ansichten über die ewigen Dinge nachhaltiger in unser Bewußtsein gedrungen. So kennt man Heine besser als Spötter, als phantheistischen Lebensgenießef und Nachbeter Spinozas, denn als Monotheisten, der er seit jeher im Grunde seines Herzens war und wofür er gegen das Ende seines Lebens zu auch bewußten Ausdruck gefunden hat. Es ist nicht zu leugnen: in seinem geschichtsphilosophischen und literaturhistorischen Haupwerk „Ueber Deutschland", erschienen >m den Jahren 1833 und 1834, bekennt sich Heine unumwunden zum Pantheismus. Aber sein Pantheismus ist weder geistig noch gemütsmäßig gründlich fundiert und eher als eine stimmungsmäßige Opposition von Heines damaliger sogenannter „sensualistischer" Weltanschauung gegen das weltflüchtige Christentum aufzufassen. Nun begeht Heine damals den verhängnisvollen Fehler, Judentum und Christentum unter dem gemeinsamen Begriff des „Nazarenerrums" als gleichartig anzusprechen, während ja das Judentum durchaus nicht asketisch, sondern stets sehr lebensbejahend gewesen ist. Wenn Heine sagt: ... „daß von den Juden das Absolute nur in der alleinigen Form des Geistes anerkannt wird", das heißt, daß Gott ein Geist sei, so hat er dem Ausdruck nach recht. Aber Heine, in jener Zeit gewohnt pantheistisch zu denken, versteht unter dem Absoluten die Identität zwischen Natur und Geist und leitet daher eine „Fletrierung", eine Unterdrückung des Materiellen bei den Juden ab. Nun ist aber der jüdische Gott absolut kein philosophischer Gott Er ist weder die „unendliche Ausdehnung" noch auch das „unendliche Denken". Er ist vielmehr der geheimnisvolle Ursprung dieser beiden, die nicht Attribute Gottes, sondern Attribute des Daseins sind, das von Gott selbstherrlich geschaffen wurde. Diese Erkenntnis vom wahren Inhalt des Judentums ist auch schließlich Heine offenbar geworden. In den Jahren seiner schweren Krankheit, in der düsteren Marratzengruft ist ihm der Sinn des Judentums aufgegangen und dort hat er sich zur jüdischen Religion bekannt. Schon im Vorwort zur zweiten Auflage seines Werkes „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" erklärt er wörtlich: „Ich bekenne daher unumwunden, daß alles, was in diesem Buche namentlich auf die Gottesfrage Bezug hat, ebenso falsch wie unbesonnen ist. Ebenso unbesonnen wie falsch ist die Behauptung, die ich in der Schule nachsprach, daß der Deismus in der Theorie zugrunde gerichtet sei und sich nur noch in der Erscheinungswelt kümmerlich hinfriste. Nein, es ist nicht wahr, daß die Vernunftkritik, welche die Beweistümer für das Dasein Gottes, wie wir dieselben seit Anselm von Canterbury kennen, vernichtet hat, auch dem Dasein Gottes selber ein Ende gemacht hat. Der Deismus lebt, lebt sein lebendigstes Leben, er ist nicht tot, und am allerwenigsten hat ihn die neueste deutsche Philosophie getötet." Dies ist wohl deutlich genug. Aber in seinen im Winter 1853/54 verfaßten „Geständnissen" geht er noch weiter und teilt mit, daß er ein bereits fertig vorliegendes Elaborat über die Hegeische Philosophie einfach verbrannt hat. „Ach könnte ich doch alles, was ich einst über deutsche Philosophie drucken ließ, in derselben Weise vernichten" ruft er aus. Wenn man nun bedenkt, daß Heine die Behauptung aufgestellt hatte, daß die ganze neuere deutsche Philosophie in Spinoza wurzle, so wird man darin auch zweifellos eine vollständige Abkehr vom Apostel des Pantheismus erkennen müssen. "In den „Geständnissen" finden sich ferner noch seine bekannten Aussprüche über Moses, über die Ueberlegenheit der Juden gegenüber den schönen hellenischen Jünglingen, hymnische Stellen über die Bibel und schließlich der stolze Satz: „Ja, den Juden, denen die Welt ihren Gott verdankt, verdankt sie auch dessen Wort, die Bibel." S. Taubes.

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