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Die Wahrheit · 1930-04-25 · Heft 17 (25.4.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 17 (25.4.1930)
Date
1930-04-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische DI» HUrU Erscheint jeden Freitag MlHIIIIIÜIIIillllllllllllililOUIIIIllllllllUllüllM I » mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeihde Wien Redaktion und Administration: Wien 1!., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV1. Jahrgang Wien 25. April 1930 Nummer 17 Das auserwählte Volk. Eine zeitgemäße Betrachtung. Du glaubst gewiß, daß ich von den Juden reden will. Aber du irrst dich, mein Freund. Ich meine die — Engländer. Jawohl, diese sind jetzt das auserwählte Volk. Freilich, als „auserwählt" fühlt sich jedes Volk in jener Epoche seiner Entwicklung, da ungebrochene Jugendkrait und Tatendrang ihm stürmisch durch die Adern brausen, gleichwie der Einzelmensch in derselben Epoche seines Lebens sich sozusagen als den Mittelpunkt der Welt fühlt und alles auf seine Person bezieht. Und das ist sein gutes Recht. Die Auserwähltheit ist ja dann nur der theologische Ausdruck für das Gefühl der eigenen Wichtigkeit, von dem jedes lebenskräftige Individuum, so lange es nicht enttäuscht wurde, erfüllt ist. Aber das Bewußtsein der Auserwähltheit kann in einem Volke auch in den Epochen des Niederganges entstehen, als trotzige Bejahung des Willens zum Leben den Schlägen des Schicksals gegenüber. So hat z. B. die romantische Poesie Polens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die polnische Nation in einem gewissen Sinne als auserwählt bezeichnet, indem sie ihr eine besondere, einzigartige, nur durch unsägliche Leiden zu erfüllende Mission innerhalb des Völkerkreises zuschrieb. Auch manche kleine Natiönchen, so unter anderem die Rumänen, betrachten sich als auserwählt, wie man aus ihren Nationalliedern ersehen kann. (Die Rumänen treiben übrigens die Auserwähltheit so weit, daß sie die Nichtrumänen als „Uoamini spurgati", schmutzige Menschen, bezeichnen.) Männer wie Tolstoi und Dostojewski betrachteten die Russen als das auserwählte Volk. Wenn Chamberlain die Germanen als das auserwählte Volk proklamierte, so hatte das sogar den Sinn, daß dieser Titel ihnen das Recht gibt, alle anderen Völker, nämlich die Romanen und Semiten „in die Berge zu verdrängen" und auszurotten. Keinem Volke aber wurde der Anspruch auf Auserwähltheit so furchtbar verübelt wie den Juden, obgleich dieser Anspruch sich nur auf sie als Träger der jüdischen Lehre bezog, die nach dem bekannten Prophetenwort „das Licht der Welt" werden sollte. In späteren Zeiten nahm dieses Wort einen märtyrerhaft tragischen Beigeschmack an und bildete einen unschuldigen Trost in Zeiten bitterster Not. Nirgends aber als bei den Engländern hat sich das Gefühl der eigenen Superiorität und „Auserwähltheit" zu einer förmlichen Theorie kristallisiert, die, bis ins Einzelne durchgeführt und in allen Punkten begründet, zur Unterstützung und Rechtfertigung der praktischen Politik dient. Ja, mehr noch, die Söhne Albions leiten ihr „Erstgeburtsrecht'4, ihren Anspruch auf den Titel „Auserwähltes Volk" von der Bibel her, indem sie sich als die Erben des Volkes Israels betrachten. Es existiert über diesen Gegenstand in englischer Sprache eine ganze Literatur von seltsamen und in ihrer Art witzigen und spitzfindigen Interpretationen des Wortes der Bibel, namentlich gewisser Prophetenstellen, von denen es sich verlohnt,' einige hierher zu setzen. Unter den heraldischen Emblemen im Wappen des vereinigten Königreiches Großbritannien befindet sich auch der Löwe und das Einhorn. Das ist nun das vereinigte Wappen der Königreiche Juda und Ephraim (Israel), wie aus einem Verse beim Propheten Micha und aus einem anderen im „Segen Jakobs" hervorgeht. Braucht man noch eines kräftigeren Beweises dafür, daß die Bibel an nichts anderes als an Großbritannien dachte? Doch muß hier bemerkt werden, daß jenes Einhorn keineswegs so einwandfrei ist, denn das Wort „Reem", das sich in der Bibel findet, wird verschieden gedeutet. Wenn Jesajas an mehreren Stellen von den „Inseln des Ozeans" spricht und Jeremias dem „Lande im Norden" eine große Zukunft verheißt, konnten sie etwas anderes im Sinne haben als das britische Inselreich, das im hohen Norden gelegen ist? „Der Ort ist mir zu enge, weiche, damit ich mich ansiedeln kann", ruft England nach einem Zitat aus Jesaja (49, 20); dieser hat also vor dritthalbtausend Jahren vorausgesagt, daß von den „Inseln des Ozeans" ein Volk ausgehen werde, „das sich über die ganze Erde verbreiten und sie in Besitz nehmen werde." Daß aber Jesajas sogar an Kolonialpolitik, an eine Flotte ersten Ranges wie auch an afrikanische Gold- und Diamantenfelder dachte, geht ja unwiderleglich aus jener Stelle in seinem Buche (69, 9) hervor, wo er ruft: „Dir werden die Bewohner der Inseln vertrauen und die Schiffe von Tarschisch werden an der Spitze einherschwimmen, ihre Söhne werden sie aus der Ferne bringen und ihr Gold und ihr Silber zugleich." Hierbei ist offenbar die Rede von einem Volke von Seeleuten und Kolonisatoren, das Handel treibt und eine Industrie besitzt, aber zugleich kriegerisch und eroberungslustig ist; natürlich kann kein anderes als das englische Volk gemeint sein. Und wer anderes erfüllt so gewissenhaft des Jesajas Weissagung oder Wunsch (49, 8): „Auf daß du das Land aufrichtest und verödete Erbtümer besiedelst!" Darum kann sich auch einzig und allein auf England die Prophezeiung des Ezechiel beziehen (37, 16), wonach die Tarschisch-Flotte berufen ist, dereinst „die Invasion des Barbarenstammes Gog vom heiligen Lande abzuwehren." Ein reiches Erbe von Prophezeiungen und Weissagungen hat den Engländern unser Erzvater Jakob in dem Segen (Genesis 44 bis 49) hinterlassen, den er seinen Söhnen und Enkeln spendete: „Er lagert wie ein Löwe, wer wagt es, ihn zu wecken?" . . . „Das Zepter entsinkt nicht den Händen Jehudas und ihm gebührt der Gehorsam der Völker."... „Ihm wird die Fülle der Nationen gehören"... All das verkündet die unvergleichliche Ausbreitung der anglosächsischen Rasse, das Anwachsen ihrer Macht und Unabhängigkeit in der Welt. Als im Jahre 1878 eine Deputation kanadischer Franzosen bei dem Generalgouverneur Marquis of Lome erschien und von ihm gewisse Konzessionen zugunsten der französischen Nationalität forderte, erhielt sie folgendes zur Antwort: „Wir Engländer herrschen über Franzosen in Kanada und auf Mauritius, über Spanier auf Trinidad und Gibraltar, über Italiener auf Malta, über Deutsche auf Helgoland, über Holländer in Südafrika, über Chinesen in ihrem eigenen Vaterlande, über Araber in Asien, über Griechen auf Cypern, ohne die zahllosen Asiaten anderer Stämme zu erwähnen. Aber wo in der ganzen Welt gibt es den kleinsten Streifen Landes, wo englisch sprechende Menschen unter fremder Botmäßigkeit leben oder den Gesetzen eines fremden Landes gehorchen?" Also sprach der Marquis oi Lome. Wie heißt es nun im 5. Buche Mosis (15, 6): „Du wirst über viele Nationen herrschen, keine aber wird dir gebieten." Eine andere Weissagung in demselben Verse lautet: „Du wirst vielen Nationen leihen, bei keiner wirst du entleihen." Das konnte sich freilich auch auf Frankreich beziehen, das vor dem Kriege der Gläubiger der ganzen Welt war, und seit dem Kriege auch Amerika. Aber weder England noch Frankreich dachten je daran, die mit diesem Segen verknüpfte Forderung zu erfüllen: „Jedes siebente Jahr sollst du einen Schuldenerlaß einführen ... Erlassen soll jeder Gläubiger das Geld, das er seinem Nächsten geborgt." Es ist nicht bekannt geworden, daß jemand in England an die Vollstreckung dieser Vorschrift gedacht hätte. „Dein Geschlecht wird die Pforten seiner Feinde besitzen", sprach Gott zu Abraham nach der Opferung Isaaks. Der erste beste jüdische Kommentar etwas älteren Datums wird dir gern klar machen, daß dieses Wort besagen wollte: Jeder Israelit, der seinen Willen dem Willen Gottes unterordnet, werde dafür zum Lohn die Macht über alle Eingänge erhalten, durch die der ewige Feind, der „Jezer hara", der Geist des Bösen, sich in die Seele des Menschen einzuschleichen sucht, um sie zu beherrschen. Nicht so der praktische Engländer; für ihn bedeuten feindliche Pforten — Kohlenstationen, Inseln, befestigte Punkte, die er auf der ganzen Welt besitzt, in solcher Lage, daß sie die Eingänge zu ganzen Reichen, Ozeanen, Weltteilen beherrschen... Kann da jemand noch zweifeln, daß das britische Volk der Erbe aller dem jüdischen Volke verkündeten Weissagungen ist?... Noch eine Aehnlichkeit mit Israel weist England auf: Es feiert nämlich den Sabbat (das heißt natürlich den Sonntag) beinahe ebenso strenge und ebenso heiligmäßig wie die Juden. Und dadurch zeichnet es sich vor allen anderen Völkern aus. Israel, das ist also England... Anfangs der Neunzigerjahre veranstaltete der „Morning Herald", damals eines der angesehensten Londoner Blätter, eine öffentliche Diskussion über diese Frage. Ein Mitglied der anglikanischen Hochkirche nahm das Wort zu folgenden Ausführungen: „Das von den Propheten angekündigte große und mächtige Reich muß in materiellem und nicht bloß in geistigem Sinne verstanden werden. Wenn aber nicht wir Engländer dieses Reich sind» wenn nicht wir es sind, die in der ganzen Welt unsere Kräfte anspannen, um die Pläne der Vorsehung zu verwirklichen, wer ist es denn

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