Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 16 (18.4.1930)
- Date
- 1930-04-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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OIE WAHRHEIT Seite t durch die Berufug auf den Nationalismus zur Seite schieben wollen. Der Redner beschäftigte sich sodann mit dem Berichte der Shaw-Kommission über die Untersuchung der Massakers in Palästina. Es würde zu weit führen, sich im Detail ntk diesem Berichte zu beschäftigen. Wohl aber muß auch jeder Zionist aus dem Berichte ersehen, daß England gewillt seK in Palästina englische und nicht jüdische Politik zu betreiben. Die Vorschläge über Beschränkung der Einwanderung, die Vorschläge über den Ausschluß der zionistischen Exekutive von der Führung des Landes, die sich durch den ganzen Bericht ziehende Entschuldigung der Araber usw. lassen ganz klar erkennen, daß Lord Baliour nur zu recht harte, als er in seiner Rede im Oberhaus am 21. Juni 1922 erklärte, er leugne nicht, daß es sich beim Aufbauwerk um ein Wagestück handle, es kann freilich auch scheitern. Mag aber auch die Auübaupolitik Palästinas im Interesse der leidenden Judenschaft fortgesetzt werden, jedenfalls aber muß unentwegt die Anschauung bekämpft werden, daß wir österreichische Juden nicht gleichberechtigte Staatsbürger sind, sondern nur Staatsbürger, die auf Grund einer Bestimmung des Friedensvertrages Minderheitsrechte besitzen. Der Erlaß des akademischen Senates der Wiener Universität hat allen Juden gezeigt, wohin nationale Absonderungspolitik der Juden führt. Es gibt wohl keinen Juden, der glauben wird, daß der Erlaß des Rektors den Zweck hat, die'„Studentennationen" zu fördern, sondern der Erfaß des Rektors ist nichts anderes als die P r i v ilegierung der „Deutschen Studentenschaft", die einstimmig die Juden als minderwertig, als unebenbürtig bezeichnet hat und die von ihren Mitgliedern verlangt, daß sie bis ins erste Geschlecht die Rassonreinheit nachweisen müssen. So sieht die Lernend Lehrfreiheit in Oesterreich aus. Und es ist traurig, daß Männer der Wissenschaft nicht den Mut besitzen, offen den Kampf zu führen, sondern ihre Ziele zu erreichen versuchen durch Erlässe, die infolge ihrer Fassung den Zurückgesetzten schwer die Möglichkeit geben, die obersten Gerichte der Republik anzurufen. Es wird wohl eine ewige Kulturschande bleiben, daß im 20. Jahrhundert die Vertreter einer weit über die Grenzen hinaus bekannten Hochschule durch einen Erlaß bewiesen haben, daß Ihre Ideen in die ärgste Zeit des ■Mittelalters gehören. Es ist zu erwarten, daß sich die gesamte österreichische Oeffentlichkeit, vor allem aber alle diejenigen Bürger dieses Staates, die sich von den Schlacken des Mittelalters geistig losgelöst haben, gegen diesen, eine Schande unserer Universität bedeutenden Erlaß erheben und endlich einmal beweisen werden, daß es in Oesterreich, Gott sei Dank, nur eine ganz geringe Anzahl von Menschen gibt, die die Tätigkeit des akademischen Senates in diesem Punkte billigen. (Lebhafter BeifalL) Sodann ergriff Herr Präsident Dr. Jakob Ornstein das Wort, um in einer ausführlichen Auseinandersetzung die immer auftauchenden Anfragen zu beantworten, warum wir-„Unionistea".. die»-wir für das traditionelle Judentum eintreten, aus unseren Gebeten nicht jene Stellen eliminieren, die auf die Rückkehr nach Palästina hinweisen. In eingehender Weise verstand Herr Dr. Ornstein es zu erklären, daß man immer wieder In Erwägung ziehen muß, daß alle unsere Gebete zu einer Zeit entstanden sind, wo die Judenschaft geplagt und gepeinigt wurde, wo Juden, ausgeschlossen von der Erwerbung von Grund und Boden, ausgeschlossen von den Zünften und Innungen, ausgeschlossen vom Besuche der öffentlichen Schulen, hinter Ghettomauern schmachten mußten, in einer Zeit, wo unsere Ahnen zitternd und ängstlich in Kellern ihre Sederabende geben mußten, weil sie die schreckliche Blutbeschuldigung fürchteten. In dieser Zeit war es wohl verständlich, wenn die Juden zu Gott beteten, er möge sie doch aus diesen Qualen er- HQgicnlsdies KöniöslicM Seit vielen Jahren das anerkannt beste ö^-natw Man achte auf die gas. gesch. Mark« „Hyglen. KönlgsllcM" und Harn« Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhlrschengasse 3 Telephon P 33-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in. den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt. lösen und in das Land der Väter, in ein freies Land, führen. Die Zeiten haben sich geändert, wir haben in diesem Staate die Gleichberechtigung, erreicht Wir haben dieses Land, Li dem das Judentum seit Jahrhunderten bodenständig ist, lieben gelernt. Und trotzdem wollen wir nicht aus unseren Gebeten die Sätze streichen, die uns unsere Sehnsucht nach dem Heiligen Lande dokumentieren. Denn diese Sätze verbinden uns mit unseren Vorfahren und sie werden dem Verständigen immer wieder jene Zeiten ins Gedächtnis zurückrufen, wo die Juden unter den Peitschenhieben ihrer Verfolger Not und Etend Brten. (Stürmischen BeifaJL) Herr Rudolf Hlawatsch berichtete über den Anteil der „Union" in den letzten Jahren an der Abwehr des Antisemitismus. Herr Jakob S. Straßb e r g über seine eigenen in Palästina gewonnenen Eindrücke und Herr S. Mandl forderte einen stärkeren Zusammenschluß der nichtnationalen Juden im Bezirke. Der Zwischenruf eines anwesenden Zionisten. der zu behaupten wagte, daß die „Union" die „Heimwehr" unterstütze, dann aber seine unerhörte Beschuldigung dahin richtigstellte, daß ein — übrigens nicht der „Union" angehöriger — Glaubensgenosse sich diesen persönlichen Luxus leiste, löste stürmische Auseinandersetzungen aus; die Herren Dr. Feldsberg und Dr. Ornstein erwiderten dem Zwischenrufer auf diese und andere Beschuldigungen, die ebenso „stichhältig" waren, ganz glänzend. Wahrheiten vom Ja&e „Aas dem Osten". „Sie (die Regierung) hat das Recht der Kontrolle zuerst der Bankkreditbank übertragen, deren Aktien dem reichen östlichen Textilhändler Jossua gehören und hat dieser Bank des Herrn Jossua für die Ausübung der Kontrolle eine Provision von dreieinhalb Millionen Schilling versprochen .... Jeder Mieter muß allmonatlich Zmsgroschen für die Zwecke der Wohnbaü-Förderung des Bundes bezahlen; und dieses Geld benutzt die Regierung dazu, dem reichen Jossua aus dem Osten ein fettes Geschäft zuzuschanzen." Diese äußerst geschmackvollen Sätze entnehmen wir nicht einem Hakenkreuzlerblatt, sondern der Wiener sozialdemokratischen „Arbeiter - Zeitung". „Wir fragen nun — nicht den Artikelschreiber — nein, den moralisch und politisch für das Zentralorgan der Partei ve rantw ortlichen Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung": Muß das sein? Ist ein sozialdemokratischer Publizist verpflichtet, die Herkunft eines von der Korruption des bürgerlichen Regimes profitierende Geschäftemachers festzustellen? Ist es für diesen Korruptionsfall wirklich wesentlich, daß Jossua „aus dem Osten" ist? Wäre der Skandal geringer, wenn Jossua aus Waidhofen stammen würde? Ist sich der Chefredakteur dessen bewußt, in wessen Nachbarschaft sich die „Arbeiter-Zeitung" begibt, wenn sie so argumentiert? Wir wollen es ihm verraten: in die Nachbarschaft jener Hakenkreuzblätter, deren Kampfmethoden man übernimmt — wenn man im politischen Kampfe des Schlagwortes „aus dem Osten" nicht entTaten kann". Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei festgestellt, daß auch diese geharnischten Sätze an einer merkwürdigen Stelle zu lesen waren, nämlich im Organ der „Poale- Zion", „Der jüdische Arbeiter". Das hindert uns aber nicht, zuzugeben, daß der Gedankengang dieses jüdisch-sozialistischen Parteiblattes ein richtiger war, als es seinem nicht mehr jüdischen Genossen aus der Linken Wienzeile vorhielt, wohin derartige unerhörte journalistische Mätzchen führen: zur Propagierung des Antisemitismus unter der Sozialdemokratie. Verspätete Mazzes. In der „Stunde" vom 16. d. M. finden wir folgendes „Kuriosum": Nach dem Pessach- Feste erläßt die polnische Regierungeine Zollbegünstigung bei Einfuhr von Mazzes. Der Amtsschimmel schieint zu befürchten, daß seinem Magen allzu frisches Gebäck schadet. Es ist zum Staunen, daß die polnische Regierung mit ihrem Zollbenefizium nicht noch einige Monate gewartet hat. Etwa bis zum Versöhnungstag, an dem die Juden — fasten. Völkische Beobachtungen. Der Münchener „Völkische Beobachter", Hitlers Organ, meldet am 2. April: „Siegmund und Sieglinde — ein „jüdisches" Wälsungenpaar. In der gestrigen Aufführung der „Walküre" sangen der Jude Fischer den Siegmund und die Jüdin M t h a c s e k (he Sieglinde. Also ein jüdisches Wälsungenpaarl. Kurs Franckenstein." — Wenn Hitler Reichspräsident wird; darf nur „Die Jüdin" von einer Nichtarierin gesungen werden. VonWothe xuWodke Kultusgemeindewahlen in Prag. Am 4. Mai finden die Neuwahlen in die Repräsentanz der Prager jüdischen Gemeinde statt. Wiederum haben sieben Parteien ihre Listen überreicht, so ziemlich dieselben, wie bei den letzten ungültig erklärten Wahlen. Eine Aenderung ist bei der poalezionistischen Liste insofern eingetreten, als sie jetzt sozialdemokratische Partei heißt; an erster und zweiter Stelle stehen Poalezionisten. Jüdischer Kultus im tschechoslowakischen Budget Im Staatsvoranschlag für 1930, der eben im Senat zu Ende beraten wird, sind für die Bedürfnisse des jüdischen Kultus insgesamt 1,800.000 Kc eingesetzt (ungefähr ebensoviel wie im letzten Budgetabschnitt). Von diesem Betrage entfallen auf Böhmen, Mähren und Schlesien I, 050.000, auf die Slowakei 680.000, auf Karpathorußland 130.000 Kc. In der Slowakei sind vorgesehen 500.000 Kc für Kongrua (staatlicher Beitrag zu den Gehältern der qualifizierten Rabbiner), 50.000 für Erziehung. 35.000 für Pensionen, 15.000 für StetrbebeUräge. In Karpathorußland entfallen 70.000 auf Kongrua. 5000 auf Erziehungsbeitrag, 20.000 auf Pensionen und 5000auf Sterbebeiträge. Die Palästina-Judenschaft protestiert gegen den Bericht der Shaw-Kommission. In einer in Jerusalem abgehaltenen außerordentlichen Setzung faßte der Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat und exekutive Körperschaft der in der palästinensischen Gesetzgebung anerkannten jüdischen Nationalversammlung) eine Resolution, in der gegen die von der Palästina-Untersuchungskommission in ihrem Bericht niedergelegten Schlußfolgerungen und gegebenen Empfehlungen protestiert wird. In der gleichen Resolutdon richtet der Waad Leumi an die Jewish Agency die dringende Bitte, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Wirkungen der im Bericht gemachten Schlußfolgerungen und Empfehlungen, die von der palästinensischen Judenheit ungerecht und falsch empfunden wenden, zu paralysieren. Die Not der polnischen Judenheit. Als ein Beweis für die furchtbare wirtschaftliche Not der polnischen Judenheit dient die Tatsache, daß in Lodz, dem „polnischen Mancheatcr". 12.000 Familien, die Hälfte der gesamten jüdischen Bevölkerung der Stadt, bei der jüdischen Gemeinde von Lodz um Pessach-Unterstützug angesucht haben. Der jüdisch-akademische Verein „Tbeologla" veranstaltet im Sommersemester folgende Kurse: Propheten, geleitet von cand. phH. et theo!. Herrn H. Frostig; Jore Dea, geleitet von cand. phik et theo!. Herrn S. Schönbiu m; Talmud, geleitet von cand. phiL et theol. Herrn M. Zick*r. Der Verein dankt auch den KoUegen IL Frostig, Schönblum und Zicker für die im Vorjahre gehaltenen wissenschaftlichen Vorträge Ober Propheten. Jore Dea und Talmud. Der Humanitäts-Verein der westlichen Bezirke Wiens (Nachlas Jeschurun) veranstaltet Donnerstag, den 24. d. M., um halb 9 Uhr abends, im roten Saale des Cafe Mariahilf. VI.. Mariahilferstraße Nr. 89a, eine Akademie mit Tanz (Eintritt S 2.50), deren Reinerträgnis der Ferienkolonie Vöslau zufließt. Gäste herzlichst willkommen. — Der Humanitäts-Verein hat sich veranlaßt gesehen, mit Rücksicht auf die veränderten Ferientermine, seine wie alljährlich stattfindende Ferienkolonie für Mädchen und Knaben von 6 bis 14 Jahren zu nachstehenden Terminen durchzuführen: I. Turnus vom 8. Juli bis 7. August; II. Turnus vom 12. August bis 11. September. Aufnahme: Sekretariat. VI.. Mollardgasse 85 (Fritz K r a m e r). von 9 bis 12 Uhr: Helene Kanitz, IX.. Zimmermannpiatz Nr. 8 (Mensa judaica) von 8 bis 17 Uhr. Verein der Kinderfreunde zur Bekleidung armer israelitischer Schulkinder für den 16. und 17. Bezirk in Wien. Gründungsjahr 1881. Sitz: XVI., Hubergasse 8. Die 45. ordentliche Generalversammlung dieses Vereines fand am 7. d. M.. im Cafe „Neue Welt" statt. Die starke Beteiligung und die Anwesenheit der Vertreter aller jüdischen Vereine des Bezirkes und illustrer Gäste gaben der Versammung ein vornehmes Gepräge. Nach der Kundgebung der Trauer für die verstorbenen Mitglieder wies der Obmann-, Herr Obervettermärrat Tferarzt Heinrich Rosenzweig, darauf hin. daß der Verein im abgelaufenen Jahre 140 Schulkinder mit einem Kostenauf wände von 6000 Schilling bekleidet hat. Dieser Erfolg ist der Freigebigkeit der Verein^anhänger und dem großen Reingewinn der Redoute zu danken. Am Schlüsse seiner mit großem Beifall autgenommenen Darlegungen bat er. in Ansehung der kommenden 50- Jahrfeier der „Kinderfreunde" sich mit ganzer Kraft in den Dienst der Humanität zu stellen. Die Entlastung wird einstimmig gegeben. Hierauf zollen Ehrenmitglied Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Prof. Dr. J. M. Bach, dann der Ehrenpräsident Herr Kultusvorsteher MecL-Rat Dr. J. Deutsch, Herr Sitzmann (Bezirkskommission), Herr Weiler (Tempelvorstand) und Herr Dr. R e i k (Ausspeisungsverein) der abtretenden Leitung hohes Lob. Frau Rosenrauch (Frauenverein) rühmt die von großer Liebe zu den Kindern getragene, nimmermüde Tätigkeit der Frau Rosa Brecher, welche innig bewegt dankt. Die vom Ehrenpräsidenten geleitete Neuwahl beläßt den bisherigen Vorstand in seinen Funktionen. Der Jahresbeitrag von zumindest S 2.— wird nach Befürwortung durch Herrn Rudolf Urbach auf S 3.— (Mindestjahresbeitrag) erhöht. Der Obmann, dem im Namen der Mitarbeiter Herr Krohn für die zielbewußte Führung dankte, konnte mit vollem Rechte sagen, daß alle Anwesenden von dem Bewußtsein erfüllt sind, nicht einer Generalversammlung, sondern einem Festakt beigewohnt zu haben. S. S.