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Die Wahrheit · 1930-04-18 · Heft 16 (18.4.1930) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 16 (18.4.1930)
Date
1930-04-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Art von Nomaden In allen Ländern hervorsetan haben, weB die Kraft dieser 15 MfflSonen, ohne Zentrum, ohne Regierung, ohne Waffen überall fühlbar ist und darum Haß und Eifersucht erzeugt hat . . . hat man in dieser Zeit der neuen Völkerwanderungen beschlossen, dSesem merkwürdigen Volke ein© Art von Zentrum zurückzugeben, das es einst verlor." Heimatlose Nomaden? Nomaden, die unstet, keinem Lande verhaftet umherziehen, nur durch den Zufafi dem Boden, auf dem sie leben, verbunden, jederzeit bereit, ihn zu verlassen? Man könnte kaum ein unglücklicheres Bild wählen, wenn man die Lage der Juden von heute charakterisieren wollte End Ludwig sagt selbst an einer anderen Stelle, daß nur efn kiefner Teil der Juden und nur ein sehr kleiner der Westjuden selbst bei unbegrenzten Siedl ungsmöglictakeiten in Palästina dorthin auswandern würde. Wenn trotzdem eäm so großer Teil der Juden sich mit dem Palästina-Aufbau verbunden fühlt, so kann es nicht das Gefühl der „Heimatlosigkeit" sein, das sie dazu treibt Emil Ludwig wird sicher hi Amerika so manchen aus dem einflußreichen Kreise amerikanischer Juden kennengelernt haben, die sich mit einer seltenen Opferbereitschaft für Palästina einsetzen, es aber weit von sich weisen würden, sich als heimatlose Nomaden in ihrem eigenen Lande zu fühteu> oder als solche angesehen zu werden. Und sottte Emil Ludwig die Scharen der Palästinafreunde unter, den deutschen Juden so schlecht kennen, daß er sie von dieser Betrachtungsweise getrieben glaubt? Das Gefühl einer Gesamtverantwortung für eine große gemeinsame Aufgabe, die der Welt eine sichtbare Leistung des Judentums zeigen soH, und die Verbundenheit mit dem Vateriande, der Geburt und der Lebensarbeit sind keine Gegensätze, Erst vor wenigen Tagen hat ein Nfchtjude, der Hamburger Demokratenf ülhrer. Bürgermeister Petersen, erklärt: „Das möchte ich in diesem Zusammenhange deutsch aussprechen: Daß wir keinesfalls eine Bewegung zu unterstützen in der Lage sein würden, die in irgendeiner Form den deutschen Juden ihr deutsches Staatsbürgerrech* und ihr Heimatrecht zu bestreiten geeignet wäre." Nun ist leider das von Emid Ludwig gewählte Bild nicht nur unglücklich, sondern ungeheuer gefährlich. Denn es deckt steh voll ständig mit: der Formatierung, die wir deutschen Juden von einer ganz anderen Seite zu hören gewohnt sind: Von der antisemitisch-völkischen Bewegung, von den Tagen des Hofpredigers Stöcker her bis zu HMer und Goebbels. Heimatlose Fremdlinge, denen man ihr subjektives Bekenntnis zur deutschen Kultur nicht glaubt und' denen man ihre objektive Zugehörigkeit bestreitet, so werden wir in allen Reden und Schriften der Nationalsozialisten immer wieder genannt Wenn eiln Mann von dem Ansehen Emil Ludwigs dieses Wo et von den heimattosen Nomaden braucht, so liefert er damit ohne es zu wollen, den Antisemiten eine gefäbrliic.he. WafJe,_W«r müssen mit Sicherheit erwarten, daß dieses Wort jetzt überall in der nationalsozialistischen Presse als eine Bestätigung völkischer Anschauungen aus jüdischem Munde auftauchen wird. Und es verrät eine große Fremdheit EmÜ Ludwigs in den deutschen politischen Verhältnissen, daß er an diese Wirkung seiner Worte nicht gedacht hat und so. sicher gegen seinen Willen, denen geschadet hat, die heute schon schwer genug kämpfen müssen ... Beide, Z o 11 s c h a n und B r o d n i t z, aus verschiedenen Lagern kommend, nach verschiedenen Zielen strebend, beide verfechten schließlich die gleiche Ueberzeugung. Die Ueberzeugung, daß die Zugehörigkeit der Juden zu den Ländern, in denen sie geboren sind und in denen sie leben, im Laufe der geschichtlichen Entwicklung und unabhängig von derWertung, diedereinzelnedieserTatsache zuteil werden läßt, so fest und unwiderruflich geworden ist, daß weder von einer nationalen Bindung innerhalb der Judenheiten der Welt, noch von einer Heimatlosigkeit der Juden innerhalb der jetzigen Volks- und Kultur kreise gesprochen werdenkann. öl5Ä7£ji^wii"n Stessen. Das neue Studenten recht avüI eingestandenermaßen auf die im gotischen Mittelalter an den" deutschen Hochschulen bestandene Einrichtung von „Studentennationen" zurückgreifen. Dem Herrn Rektor Wenzel Gleispach, dessen Geist das Studentenrecht atmet, darf das Kompliment nicht verweigert werden, daß ihm, falls nicht im letzten Moment doch noch eine höhere Macht hindernd eingreift, der Anschluß an das Mittelalter vorzüglich gelungen ist. * * * Nörgler haben. natürlich auch an diesem Werke manches auszusetzen. Sie bemängeln z. B., daß das Studentenrecht bezüglich seiner Ziele sich einer komplizierten Weitschweifigkeit befleißigt, anstatt mit schlichter deutscher Geradheit es kurz herauszusagen, daß in Zukunft an der Wiener Universität die Vertretung der „Deutschen Studentennation" ausschließlich den antisemitisch gesinnten Hakenkreuzlern zusteht. Wer soll denn auf die Vermutung kommen, daß der hohe akademische Senat sich auch darüber die weisen Köpfe zerbricht, wie man die Regierungen von Bul-' garien, Indien, Mesopotamien usw., usw., über das Schicksal ihrer in Wieji studierenden Landeskinder am besten beruhigen kann. * *: Gewiß, die hakenkreuzlerischen Studenten an der Wiener Universität waren keinen Moment über das im Zweifel, was das Studentenrecht bezweckt Sie erkannten sofort die in ihm schlummernden Tendenzen oder richtiger, die Tendenzen, die in ihm allzu wach sind. Sie begrüßten daher das Gleispach'sche Opus sofort mit jubelnder Begeisterung, die ein mächtiges Echo in der gan- .zen antisemitischen Presse fand. * * * Aber daß es auchkeinen Schatten eines Zweifels über die dem neuen Studentenrecht innewohnenden Tendenzen geben kann, dürfte man aus einer anderen Tatsache entnehmen. Jene studentischen Gruppen, die sich gleichfalls zum Deutschtum, jedoch ohne hakenkreuzlerische Basis bekennen, haben auch söfprt den schärfsten P r o.te. s t gegen, den. CÜejspaeh'schen .Ukas ^erhoben. Und wie die antisemitische Presse unisono Gleispachs antisemitischen Vorstoß pries, war auch die freiheitlichePresse aller Schattierungen — ein seltener Fall — einig in der Verurteilung des reaktionären Unternehmens, das eine der Pflege der Wissenschaft geweihte Stätte zum Bollwerk des Antisemitismus umgestalten möchte. Man sieht, die Meinungen über Gleispachs Werk sind — ungeteilt. * * * Herr Rektor Gleispach braucht diesmal wahrhaftig nicht zu befürchten, daß ihn von irgendeiner Seite der Zuruf: - „Schöne Maske, ich kenne dich!" treffen könnte. Er hat die Maske wirklich fallen lassen und sein ehrliches Gesicht gezeigt, indem er mit seinem Studentenrecht ein wahres Kunstwerk bot: 'Unausgesprochen der ausgesprochenste Antisemitismus! ,. * * Ein besonderes ehrendes Zeugnis stellt dem Herrn Rektor die „Dötz", der Moniteur der Hakenkreuzler, aus. Selig stammelt sie: „Unter dem Rektorate des mit Recht so hoch verehrten Professors Dr. Graf Gleispach wurde das langersehnte Studentenrecht verwirklicht..... Ein Festtag der deutschen Studentenschaft Wiens, Oesterreichs und des ganzen Deutschen Reiches." Das mit dem Deutschen Reich ist Intelligente junge Dame representatJonsfähig, kaufmännisch und universell gebildet, .Sprachenkenntnisse, sucht ihren Fähigkeiten entsprechenden Wirkungskreis im Geschäft oder Privat U nter „Arbeitsfreudig" an die Expe d. diese 8 Blattes. An unser« Glaubensbriider T Das Gotteshaus des Orth. Israel. Bethaas-Vereines „Emunas Aves". Wien XIV., Storcbengasse 21. welches sieben Jahrzehnte für die religiösen Bedürfnisse der Bezirke XIL. XÜL. und XIV. diente, steht vor dem Einstürze. Diese heilige Stätte zu erhalten, ist die Pflicht eines jede« jüdisch fühlenden Menschen. Der Vorstand wendet sich daher an die Herzensgute unserer Glaubensbriider und bittet, einen Beitrag zu diesem gewiß xottaefällieen Werke beizusteuern. Der Verein Orth. Israel Bethans-Verein JEmunas Aves". (Postsparkassenkonto 56169.) em wenig übertrieben. Im Deutschen Reich, wo man erst vor kurzem dem Versuch, den Hakenkreuzlern die Herrschaft an den Universitäten einzuräumen, ein schmähliches Ende bereitete, dürfte man jetzt kaum den Anschluß an Gleispachs gotische „Studentennationen" suchen. * u. * * Und was ist's, dürfte vielleicht mancher fragen, was ist's mit den Schwierigkeiten für den Nachweis der „Abstammung", die nach dem Gleispach'schen Ukas Mitgliedern der „Deutschen Studentennation" erwachsen könnten, die auf so höchst germanisch klingende Namen wie z. B. „Trnik" hören. Lieb' Vaterland, magst ruhig sein. Die merkwürdig komplizierten Schiedsgerichte, die in der neuen Studentenordnung vorgesehen sind, werden schon dafür sorgen, daß keinem Hakenkreuzler, und mag er einen noch hundertmal kömpromittierenderen Namen tragen, ein Haar gekrümmt werde. Den Jubelruf, mit dem -die deutschen Hakenkreuzler an der Wiener Universität die Errichtung von „Studentennationen" begrüßten, hat der „ungemischte" Urgermane Trnik unterschrieben. Unglaublich, aber wahr. - ■ - ' * * Nein, nein, der Verdacht, daß der Ukas des Herrn Rektors Gleispach irgendwelchen nichtjüdischen Studenten Verdrießlichkeiten bereiten könnte, ist gänzlich ausgeschlossen. Dafür bürgt nicht allein ein Trnik, der im Vorstande der hakenkreuzlerischen Studenten sitzt. In einem Lande* in welchem, wie man meinen sollte, der Unterrichtsminister Srbik auch ein Wörtchen in Hochschulangelegenheiten mitzureden hat, wird man sich doch hüten, Studenten wegen ihrer slawisch klingenden Namen zu terrorisieren. Ego. VeröfämficfiVrigen; der Tinion beutsd}österreid)isd)en Juden Mitgliedschaft Favoriten. Am 10. d. M. hielt die Ortsgruppe Favoriten der „Union deutschösterreichischer Juden" unter Vorsitz des Obmannes Herrn Kommerzialrat Carl Weis eine Bezirksversammlung ab, in der Herr Dr. Ernst Feldsberg über „Kultus und Politik" referierte. Der Redner führte aus, daß in jedem Kulturvolke eine religiöse Anlage wohne. Die Fähigkeit, religiös zu empfinden, ist ebenso ursprünglich, wie die Fähigkeit zu Liebe und Haß, wie die Fähigkeit zu Furcht und Hoffnung. Es ist aber einer der schlimmsten und folgenschwersten Irrtümer, wenn man annimmt, daß eine Religion an innerer Macht und Stärke gewinne, wenn sie ihr Gebiet über alles Wesen und Treiben der Menschen ausdehnen will. Handelt es sich den Vertretern einer Religionsgemeinschaft, den Trägern eines bestimmten Kultus nicht mehr um die Hebung des Religionsgefühles, nicht mehr um die Ausübung der Gebräuche und Vorschriften des Glaubens, sondern um die Herrschaft über die Seele und den Körper und um die legale Anerkennung dieser Herrschaft so ist dies die religionswidrige Richtung, die man mit dem Namen Klerikalismus bezeichnet Dieser Klerikalismus ist aber dem Judentum fremd, weil es vor allem keinen Klerus mehr besitzt. An Stelle des Hohen Priesters ist eben der Lehrer getreten, der nur Erster unter Gleichen, nicht aber eine Mittelsperson zwischen den Gläubigen und Gott ist Die persönliche Frömmigkeit unseres Glaubens beruht auf Gerechtigkeit, Liebe und Treue. Sie bedeutet eine Verinnerlichung der Religion, eine Verlegung derselben in die Sphäre des Geistes, die wohl das beste Mittel zur Abwehr des Antisemitismus ist. Der uns durch unseren Glauben gelehrte höchste Idealismus von Menschenliebe, die von unserem Glauben gelehrte Nächstenliebe sind die besten Lehrmeister für die ethische und moralische Erziehung der Kinder. Es ist daher nicht notwendig, und unbedingt für die Erhaltung der durch den Glauben gelehrten höchsten Menschenideale äußerst bedenklich, von einen Renaissance im Judentum zu sprechen. Dabei begehen aber die Vorkämpfer der Renaissance- Idee den Fehler, an Stelle einer wohl sehr schwer durchzuführenden Renaissance der Dogmatik der jüdischen Religion ein Ersatzmittel in der Politik zu finden. Alle Kämpfe, die das jüdische Volk zu bestehen hatte, alle Torturen, alle Martern und Qualem ane Verfolgungen und Judenaustreibungen hatten einzig und allein ihre Ursache in dem Bekenntnis zum jüdischen Glauben. Und nur um unserer Religion willen wurden wir verfolgt, und nur um unserer Religion willen haben unsere Ahnen und Vorfahren ihr Märtyrerblut verspritzt niemals aber wegen einer Idee, deren Geburtsstunde die französische Revolution war, einer politischen Idee. Unsere Väter, denen der Nationalismus, der ja viel zu jung ist, vollkommen, unbekannt war, waren sicher wenigstens so gute Juden, als diejenigen, die die ihnen vielleicht lästig gewordenen religiösen Gebräuche

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