Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 16 (18.4.1930)
- Date
- 1930-04-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 ein besonderes Vergnügen bereiten würd e." Es kann sich also das Kuriosum ereignen, daß — sagen wir — ein jüdischer Student aus dem Deuschen Reiche, der an der Wiener Universität als ordentlicher Hörer betrachtet wird, sich gemäß der neuen Verordnung zur „Deutschen Studentenschaft" als der Vertretung der deutschen „Studentennation" bekennt und diese Einspruch gegen seine ihr nicht genehme Zugehörigkeit zu ihrem Verbände erhebt. Dieser Einspruch kommt vor das Schiedsgericht, in dem drei Mitglieder des akademischen Senats sitzen, deren Entscheidung nach dem Geiste, den die jüngste Verordnung dieser Körperschaft atmet, kaum zweifelhaft ist. Wie der Vertreter der „Deutschen Studentenschaft" entscheiden wird, steht ebenfalls fest. Und da die famose „gemischte Studentennation" nicht allzu bald gebildet werden dürfte, wird als fünftes Mitglied — „nach Lage des Falles" — wahrscheinlich ein Vertreter der „jüdischen Studentennation" dem betreffenden Schiedsgericht angehören. Der jüdischnationale Vertreter wird sich gewiß bemühen, möglichst viele Seelen seiner aller Wahrscheinlichkeit nach nicht allzu großen „Studeritennation" zu retten. Und so wird der jüdische Student aus dem Deutschen Reich aus seiner „deutschen Studentennation", zu der er sich bekennen wollte, einfach hinauskomplimentiert. Verweilen wir einen Moment bei der „jüdischen Studentennatio n", deren Bildung, angesichts der bekannten Verhältnisse auf der Universität, vermutlich bald erfolgen dürfte. Denn wir können schwer annehmen, daß den Jüdischnationalen die Schaffung einer solchen „jüdischen Studentennation" allzu sehr wider den blau-weißen Strich gehen sollte, wird doch auf diese Weise die von ihnen behauptete „jüdische Volkszugehörigkeit" gewissermaßen von Amts wegen auf der Universität anerkannt. Aber diese „Anerkennung" wird für die Jüdischnationalen und damit leider für die Juden überhaupt nur einen Pyrrhussieg bedeuten. Kann man wirklich glauben, daß. diese „jüdische Studentennation" besonders Liebkind bei dem akademischen Senat sein wird, ,der durch die von ihm vorgenommene unerhörte . Auszeichnung, der hakenkreuzleriscben „Deutschen Studentenschaft" seine wahre Gesinnung verraten hat.. Hier wird ein gefährliches Spiel getrieben, vor dem von allem Anfang an eindringlich gewarnt werden muß. „Volksrecht vor Staatsrecht". Das ist nach dem Willen der deutschnationalen Studenten und des ihnen recht gefügigen Senats der Wiener Universität das leitende Prinzip der neuesten Verordnung. Kann der Herr Unterrichtsminister, in dessen Ressort doch eigentlich die Erlassung eines Studentenrechtes fallen sollte, es wirklich stillschweigend billigen, daß der ihm unterstehende akademische Senat aus eigener Machtvollkommenheit nach solchen Prinzipien eine reaktionäre Regelung des Hochschulorganismus vornimmt. Schweigt der Herr zugung von Hakenkreuzlern ruhig gefallen lassen müssen. Es ist anzunehmen, daß sie sich zu einem energischen Protest gegen diese Willkür des akademischen Senats vereinigen und ihn dabei auch daran erinnern werden, daß sie seit Jahren der Universität gerne Unterstützungen und Subventionen zuteil werden ließen, die nach diesem Affront sicherlich ausbleiben werden. Oskar Hirschteld. jf'^fej^V Ihnen dafür, da& Sie das damit verschlossene DßPTCLdüHOtl üfld Stfüfe Speisefett Kunerol ohne Bedenken zur Zuf y. , PI «./»■* ••/•**«> bereüung der Osierspeisen verwenden können. (16S tlQtiptfflCttlTlS UT£yjU&. Kürze erscheinenden Kunerol ist reines Kokosnufrfett und wird in den Kunerolwerken, Wien, unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Matiersburg erzeugt kUHEROL 100# REINES KOKOSNUSS FETT Unterrichtsminister dazu, dann handelt er ganz im Gegensatze zu seinem früheren preußischen Kollegen Dr. Becker, der dem mißratenen Gebilde der „Deutschen Studentenschaft" bekanntlich die staatliche Anerkennung und damit die reichen Geldmittel.und umfassenden Befugnisse entzogen. Mittlerweile ist man in Bonn daran gegangen, eine neue „Studentenschaft" zu gründen, die in ihren Satzungen ausdrücklich aui das Rassenprinzip verzichtet and in bezug auf die Mitgliedschaft eine durchaus liberale Auffassung vertritt, ein Beispiel, das in den letzten Monaten in verschiedenen anderen deutschen Hochschulstädten Nachahmung gefunden hat. Und in diese Zeit des erfreulichen Umschwunges in Deutschland, an das Oesterreich angeblich eine Rechtsangleichung vornehmen will, fällt der un-; glaubliche Erlaß des hohen .akadenüschea Senates .der Wiener Universität, bisher stillschweigend geduldet vom Unterrichtsminister. Aber der Herr Urrterrichsrninister wird aus seiner beschaulichen Reserve schon heraustreten müssen. Denn wenn auch gemäß dem Erlaß „nach keiner Richtung hin ein Zwang ausgeübt" werden soll, eine Möglichkeit, von der die freiheitliche Studentenschaft sicherlich größten Gebrauch machen wird und soll, bleibt doch die Frage offen, ob wirklich mit der fabelhaften Hochschulautonomie Mißbrauch zugunsten des Antisemitismus getrieben werden darf. . Ganz rechtlos sind die österreichischen Juden denn doch nicht, daß sie sich eine solche Bevorfand, da rief er ihn zu sich ins Arbeitszimmer und man hörte am Schlüsse dieser erregten Auseinandersetzung des Alten dröhnende Stitune: ..Hinaus mit dir! Wage es fortan nicht, die Schwelle meines Hauses zu betreten, unsere Beziehungen sind gelöst für immer!" Und des Eidams krächzendes Organ: „Das sollt ihr mir büßen, und nicht nur ihr allein, euch allen werde ich einen Denkzettel geben, daran, ihr genug haben sollt!" Und Itzig verließ eiligen Schrittes das Haus und sah den kleinen fünfjährigen Sohn der Näherin Seidler im Gäßchen spielen. Da schoß diesem entmenschten Patron ein teuflischer Gedanke ins Hirn! Er lockte das Kind an sich, nahm es bei der Hand und begab sich mit ihm zu Vaclav Rybars Weinkeller, der in einem der düsteren Seitengäßchen lag und in welchem sich lichtscheues Gesindel aufzuhalten pflegte. Hier traf er den Hynek. einen verwahrlosten, struppigen Gesellen, der ihm für sein schändliches Vorhaben willkommen schien. Er versprach diesem eine große Summe Gokkhikaten für das Blut des Kindes. Um elf Uhr abends wollte er sich „das Rascher!" gegen den vereinbarten Blutlohn abholen. Aber bei dem struppigen Vagabunden schienen nicht alle guten Triebe verdorrt zu sein. Er führte den Knaiben zur Wirtin, der „Madame Rybar", der Barbara, die gerade in Begriff war, einer Gans das irdische Dasein zu nehmen, und beschloß, dem Klebler einen Streich zu spielen und ihm die Flasche mit Gänseblut zu füllen. „Der Itzig wiW seine Mischpoche und die ganze Judenschait an den Galgen bringen," sagte der Hynek. „da kann ihm dieser Saft genügen!" * * In dieser Nacht wälzte sich Rabbi Esriel. der große Kabbaiist, schlaflos in seinem Bett herum. Schon einmal schien es ihm, als habe er eine Stimme vernommen, die Sin anrief: „Stehe auf, du hast noch nicht ordentlich Chomez gebattelt!" Der Rabbi erwachte. War das eine Sinnestäuschung?. Doch nein, es ma« seine erregte Phantasie gewesen sein und er Hegte sich von neuem nieder. Da aber rief es ihn aufs neue und nunmehr, im verstärkten Tone: „Stehe auf, du hast noch nicht ordentlich Chomez gebattelt!" Und als der Rabbi nach dem Fundort fräste, da rief die Stimme ihm zu: „Im Schreine gegenüber der Lade des Herrn befändet sich das verderbliche Chomez!" Da machte sich Rabbi Esriel auf, weckte den Schammes und beide begaben sich ins Gotteshaus. Hier fanden sie die Flasche mit Blut Entsetzt sank der Schammes in die Knie. Der Rabbi aber hieß ihn aufstehen, die Flasche säuberlich am Brunnen reinigen, mft Wein zu füllen und gebot ihm zu schweigen. Der Festesabend war da, das Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefüllt und als den Rabbi zu einer Ansprache die Kanzel bestieg, da erschienen, geführt von Itzig, die Schergen. Der Anführer der letzteren begab sich zum Rabbiner, ihn von dem Zweck seines Erscheinens zu unterrichten, da donnerte es von der Tribüne herab: „Und nun, du Ausgeburt der Hölle, vollende dein teulüsebes Werk!" Da löste sich, zynisch grinsend, Itzig von der Gruppe, trat zum Schrein, entnahm diesem Flasche und Kelch und übergab solches dem Kommissar. Dieser entkorkte die Flasche, hob sie hoch und siebe — ein hellroter köstlich duftender Wein ergoß sich in den Pokal! „Ha, Itzig, ist das Blut?!" ertönte die Stimme des Kommissars; „treibt der Kerl seinen Scherz mit uns?" riefen die übrigen. Da »überschrie sich kreischend der Unhold: „Weh nrir, der Gott Israel» kann Wunder tun!" In diesem Augenblick erschien in der Eüigangstür die Barbara, die den kleinen Stephan an der Hand führte. „Packt ihn!", rief der Kommissar und Itzig wurde abgeführt Aus dem in Buch: Der Prozeß des Hauptmanns Dreyfus, von Dr. Bruno W e i'L geben wir im iolgenden mit Erlaubnis defl Verlages Dr. Walthem Rothschild in Berlin einen kurzen Abschnitt wieder, m diesem Buche dürfte das Rätsel jenes FaBes, der che ganze Welt jahrelang in Spannung Welt, auf Grund der Akten des deutschen Außenministeriums, der französischen Gerichtsakten und anderer neuer Quellen abschließend gelöst sein. Das Sekretariat der „Union deutschösterreichischer Jude n", Wien IX.. Berggasse 4, Tel. A19-2-77, nümmt Vorausbestallungen zum Subskriptionspreis (broschiert Mk. 3.60, gebunden Mk. 4.80) entgegen. Sonnabend, 5. Jännen 1895. Die Degradation ist auf frühmorgens festgesetzt 7 Uhr 20. Eine Schwadron der republikanischen Garde unter dem Kommando des Hauptmanns Lebrun- Renauft feitet nach dem Gefängnis Cherche-Midi, um Dreyfus abzuholen. Zwei Gendarmen bringen ihn zur Gefängnässebrefberei und durchsuchen ihn. „Ist das nötig?" fragt Dreyfus. „Befehl!" antwortet der Offizier. Dann legt man ihm Handschellen an. „Ist auch das Befehl?" Keine Antwort. Nur eine befehlende Handbewegung des Kapitäns. „Sie sehen. Herr Hauptmann", sagt er. alle Streifein an meiner Uniform sind schon aufgetrennt Sie hängen nur noch an Fäden. Auch die Knöpfe, und die Litzen. Darf ich Sie bitten, den Wachtmeister zu ersuchen, schnell zu machen, wenn wir da draußen sind?" Keine Antwort. „Ich sehe Ihnen ins Gesicht Sie sehen es wohl, Herr Hauptmann, und wenn ich wage das zu tun. so darum, weil ich unschuldig bin. Meine Verurteilung ist das größte Verbrechen dieses Jahrhunderts." 7 Uhr 45. Der Zug verläßt das Mlitärgefängnis. Zwei Reiter der republikanischen Garde. Revolver in den Faust, an der Spitze. Ein Zug folgt. Der Hauptmann, der die Schwadron führt reitet vor dem Zellenwagen mit seinen vier Pferden, in dem Dreyfus zwischen zwei Gendarmen sitzt Der Wagen rechts und finks von Reitern umgeben. Em zweäter Zug schließt sich hinten an. 7 Uhr 50. Ankunft in der Militärschule. Dreyfus wartet ein Stunde lang in einem Dtemstzanmea „Während dieser langen Minuten iraffte ich alte Kräfte meines Daseins zusammen. Die Erinnerung an die herben Monate, welche hinter mSm Jagen, kam in mein Gedächtnis und m abgerissenen Sätzen murmelte ich von dem letzten Besuche, den min der Major Paty de Clam in meinem Gefängnis gemacht hatte." 8 Uhr 50. Vier Artaietjsten treten an. „Hier sind die Leute, die Sie abholen, Herr Dreyfus", sagt der Kapitän Lebrun. „Gut Henn Hauptmann. Ich folge Aber fch wiederhole Ihnen, ich bin unschuIdSg." Zwischen vier Mann und einem Unterorfizier in die Mitte des Paradeplatzfes geführt General Darras kommandiert hoch zu Merd die Exekutwnspairade. „Dreyfus, Sie sind unwür- Waffe? zu tragen. Im Namen des französischen Volkes degradieren wir Süß!" Dreyfus hebt die beiden Arme gegen den Himmel und ruft mit starker Stimme: ..iclr bin unschuldig, ich schwöre, daß ich unschuldig bin! ^e/ra?kre^!',', \lAn ^Igen m« antdemJr w!X^ V^™"P- »» *"» Augenblick, in dem cer Wachtmeister Hand an ihn legen und im r5p*n "ndt.L,t»». <* Abzeichen seiner Würde abreißt protestiert Dreyrus von neuem: „Beim Haupte ^nh"Jrau.nndi mcmer Kinder- «chwöre ich, daß ich Tmort.KAb'L ^.SCllWÖr€ es! Es lebe ^nkrelchT me&ter IJtJSP* ^ortet <*e Menge. Der Wacht- £i Ä1"*«?.?", Desen md wir*t «hm die Stöcke von die Fuße. Wieder ruft Dreyfus- .Man *eradtert einen, Unschuldigen!" Dann wird er zwÄ, TweTunterotfizieffen im Viereck herum an der Front der Truppen Ä?e*£rt Immernoch ruft das Publikum: „Zum i 41?? an das GitteT ankommt das den Hof Jfr Str-a^e ,trennt' sieht *» die Menge besse?« Das Schreien wird lauter, vervielfältigt sich UndEteÄ SSTSf kannblTChU,<BK-^ fS*S? "Är^ris ifc,«,?™ Pfeifkonzert ist die LS B^F? ä^äE ^sftft aassa ä t^nSFtzt^zu - ™* „ freyfusi marschiert weiter. Jetzt steht er vor der Gruppe der Pressevertreter. „Sagen Sie Frankreich daß ich «HcbuMfe hfe- „Sei *»**. Elender!" aS?„ ^J!f,rundunSeri raien: ••p»«lmg! VerräterTJudasl" Dreyfus begehrt auf. „Sie haben nicht das Rechf^nich zu berefdfeen!" Eine einzelne Stimme löst sRsTe! Laut und feierlich erklang des Chasens Stimme: Jf truppe: ,.Sie wissen wohl,daß Sie nicht unschuldig sind" „Borechhu es adonaj hamwanroch!" und jubelnd fie\£ -Es «ehe Frankreich!" „Schmutziger Jude1" Dann mar die Beterschar ein: X* scjfert er weiter. Seän Anblick ist trostlos.'Wo sonst dte „Boruch adonaj hamwanroch ieaulom woed!" StreSfen auf der Uniform saßen, hängen lange Zwirns- I! IHl w