Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 16 (18.4.1930)
- Date
- 1930-04-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE Seite 2 DIE WAHRHEH 4 Sieg des Hakenkreuzes. Der akademische Senat der Wiener Universität hat ausgerechnet während der Semesterferien einen von ihm bereits vor zwei Monaten gefaßten Beschluß publiziert, der sicherlich den Gipfelpunkt dessen darstellt, was diese erzreaktionäre Körperschaft sich bisher an Unglaublichkeiten leistete. Dieser Erlaß des akademischen Senats will eine seit langem umstrittene Frage, die des Studentenrechtes in einer Weise regeln, die den schärfsten Widerspruch aller freiheitlich Empfindenden auslösen muß. Schon die ersten Sätze der Kundgebung zeigen klar und deutlich die Tendenz auf, die der Verordnung zugrunde liegt. Es wird nämlich der „DeutschenStudentenschaft",dieser unrühmlich bekannten Hakenkreuzlerorganisation der Wiener Universität eine ganz ungebührliche Vormachtstellung eingeräumt, indem der akademische Senat beschlossen hat, „ihre gewählte Vertretung als die Vertretung aller Studierenden deutscher Volkszugehörigkeit und Muttersprache anzuerkennen". Wenn die -Jungen Herrschaften der „Deutschen Studentenschaft" bisher in ihrer Organisation dem Arierparagraphen huldigten, so konnte uns dies zu einem gewissen Grade gleichgültig bleiben. Wenn aber der hohe akademische Senat dieses Universitätsghetto legalisiert, dann müssen wir gegen diesen Gewaltakt protestieren. Denn damit wird dieser bisher wohl nur scheinbar illegalen, in Wirklichkeit stets von den akademischen Behörden bevorzugten Vereinigung, die stramm auf dem Rassenstandpunkt steht, eine legale Position gegeben, die sie, da sie auch jetzt kaum von ihrem bisherigen, den Staatsgrundgesetzen widersprechenden Standpunkt abgehen dürfte, zum Schaden all jener mißbrauchen wird, die nach dem Ermessen dieser Rassenantisemiten „nicht dem deutschen Volke zugehören". Der akademische Senat glaubt aber, weiß Gott wie gerecht zu sein, indem er gleichzeitig auch die Rechtsverhältnisse aller Studierenden der Wiener Universität ordnen will, die je nach ihrer „A b s t a m m u n g u.n d Muttersprache" sogenannte „Studentennationen" schaffen dürfen, sofern sie mindestens ein Prozent aller ordentlichen Hörer zählen. Wir sehen hier ganz davon ab, daß in der heutigen Zeit die Studentenschaft weit mehr als in nationaler Beziehung verständlicher Weise in weltanschaulicher Hinsicht gegliedert ist, item, der hohe Senat will in seinem weisen Ratschluß „Studentennationen", und er wird schon wissen, warum. Denn der Pferdefuß kommt gleich. Wenn nach modernen Prinzipien das freie Bekenntnis bei der Auswahl der „Studentennationen", denen sich die einzelnen Studenten anschließen wollen, entscheidend sein würde, so könnte man im allgemeinen nicht viel gegen die neue Studentenordnung an der Wiener Universität einwenden. Es macht nun wohl den' tindruck, als ob ein solches freies Bekenntnis bei. dieser Auswahl obwalten sollte, denn der. akademische Senat dekretiert, daß als Grundlage für die jeweilige Zugehörigkeit zu einer „Stüdentennation" das im amtlichen Nationale abgegebene Bekenntnis bezüglich der „Volkszugehörigkeit und Muttersprache" angesehen werden soll. Hier Finden wir schon einen krassen ' Widerspruch, denn der Erlaß des akademischen Senates spricht, wie erwähnt, einleitend von „Abstammung", später von „Volkszugehörigkeit", zwei Begriffe, die, wie solch hervorragende Wissenschaftler eigentlich wissen sollten, absolut nicht identisch sind. Der hohe akademische Senat wird sich da doch zu einer Interpretation seines delphischen Orakels herbeilassen müssen. Mit Recht schrieb die „Neue Freie Presse" in ihrer Ausgabe vom 13. d. M. diesbezüglich folgendes: „Volkszugehörigkeit und Abstammung sind durchaus nicht sich deckende Begri f fe. Für die Volkszugehörigkeit ist maßgebend das persönliche Bekenntnis jedes einzelnen, zu welchem Volke er sich zugehörig fühlt. So hat es seinerzeit als Rektor der Wiener Universität der Staatsrechtlehrer Bernatzik in seiner berühmten Rektoratsrede formuliert, so liegt es auch im Interesse des Deutschtums, besonders jetzt nach dem Weltkriege, da viele unserer Volksgenossen, die 'durch die Pariser Friedensdiktate fremden Nationalstaaten einverleibt wurden, treu sich zum deutschen Volkstum bekennen. Bekanntlich suchen einige der neuen Erobererstaaten solche treue Volksgenossen vom Deutschtum abzusplittern, indem sie trotz dieses Bekenntnisses sie für sich reklamieren und sich dabei auf deren Abstammung, sei es von väterlicher oder mütterlicher Seite, in irgendeinem Verwandtschaftsgrade berufeiu Diesen Vorgang müssen wir Deutsche als eine gefährliche Vergewaltig-ung uhsert;f~;V«Ik-sgeh'ossün:' ansehen und müssen itn Interesse mehrerer Millionen Deutscher, die uns sonst verloren gehen würden, energisch auf der Bekenntnisfreiheit bestehen. Die andere Formulierung des Begriffes Studentennation spricht dagegen von Hörern, die gleicher Abstammung sind. Abstammung ist aber etwas, das mit Bekenntnis nichts zu tun hat und das freie " Selbstbestimmungsrecht des Individuums ausschaltet. Dadurch nun, daß zwei so verschiedene Begriffsbestimmungen zur Definition ein und derselben Sache, der Studentennation, verwendet werden, ist ein unbehebbarer Zwiespalt in die ganze Einrichtung getragen, eine Quelle unabsehbarer Streitigkeiten." AKTIENGESELLSCHAFT l., BoaernmorM Nr. 10-12-14 Vil., raariaiiillerstraoe Nr. AA (Ecke Zieglergasse) W Größte AHSvrahl! LINOLEUM DECKEN Billigste Preise t . Den Vertretungen der „Studentennationen" steht aber weiters das Recht zu, wenn Zweifel über die Zugehörigkeit eines Studierenden zu ihrer „Nation" bestehen, Einspruch gegen seine Zugehörigkeit zu erheben, und damit ist das freie Bekenntnis vollkommen illusorisch geworden. Von diesem Einspruchsrechte wird sicherlich vor allem die „Deutsche Studentenschaft", denn diese wird unerhörter Weise als die deutsche „Studentennation" anerkannt, in allen jenen Fällen Gebrauch machen, wenn sich etwa deutschfühlende jüdische Studenten in dieser Organisation betätigen wollten. Man darf auf die Erfahrungen, die man in diesen Fällen machen wird, äußerst gespannt sein. Der Einspruch der betreffenden „Sfudentennationen" erhält nämlich eine Behandlung, die, sollte — was mit aller Kraft verhindert werden muß — die Verordnung des Senats sich durchsetzen, für die Zukunft höchst lehrreich sein wird. Ueber den Einspruch entscheidet unanfechtbar ein Schiedsgericht, das Nachforschungen (?!) pflegen darf und das aus drei Mitgliedern des akademischen Senats, einem Vertreter der den Einspruch erhebenden „Studeatennafion" ^ühd^'einem Vertreter der „gemischten Stüdentennation" (d. i. — bitte nicht zu lachen '— die Vertretung der ordentlichen Hörer „gemischter Abstammung") oder an Stelle des letzteren „nach der Lage des Falles" einem Vertreter einer anderen „Nation" besteht. „Auf welcher Grundlage", fragt Sie „Neue Freie Presse" in dem zitierten Artikel, „soll nun das Schiedsgericht entscheiden? Darf es das Bekenntnis in Frage stellen? Ein solcher Spruch würde mit der bekannten Auffassung nicht nur der Deutschen, sondern aller hochstehenden Nationen und mitdemBegriffderSelbstbestimmung in Widerspruch geraten, ganz abgesehen davon, daß er höchst bedenkliche Folgen für unsere Nation haben und unseren Feinden Jeuitteton Aas dem Prager Ghetto. Bedikas hachomez. Nach einer alten Erzählung von Rolf Reinstein. „Hine. lau ionim schaumer Jisroel!" welau jischun Wer durch den Torbogen des Pulvertunms die schmale Zeltnergasse entlang schreitet, der gelangt gar bald zum Altstädter Ring, einem Platz, der noch heute nichts von jener düsteren Romantik entschwundener Jahrhunderte eingebüßt hat Geschehnisse ferner Epochen rotten sich vor unserem Auge ab. als trennten ans nicht Jahrhunderte von ihnen, als geschah es gestern! Seinen ganzen Zauber offenbart dieser Platz zur Dämmerstunde, wenn der scheidenden Sonne Strahlen riesenhafte Silhouetten hervorzaubern oder nachts, wenn im bleichen Mondschein Spukgestalten das Rondell beleben. Schaurig-schön hallt zur Abendstunde das Echo des Ave-Maria, der Marktfrauen, die sich um die hohe Säule des „Svaty Nepomuk" gruppieren. Und während zur «rechten der Teinkirche hohe Gotik den Platz begrenzt, erblicken wir links das alte Rathaus mit der berühmten Utan. die stündlich mit „kling-klang" die zwölf Apostel, einen innrer dem andern, erscheinen laßt Am Ende des Platzes aber befindet sich die Josefstadt, das Ghetto. — Hören wir, was der Chronist erzählt! Kurz vor dem Pesachfeste war es. Im Hause des . Vorstehers Jakob Schulhof feierte man Verlobung. Des Vorstehers Haus, das sich durch eine breitere Front von den übrigen Häusern der eintönig grauen Judengasse abhob, zeigte festliches Gepränge, nicht etwa äußerlich — das könnte auffallen, denn wie leicht war des Pöbels Plfindernngswut heraufbeschworen! — nein, tief drinnen im Hause Jakobs, nachdem man den kahlen Hausflur und Schulhofs ärmliches Arbeitszimmer durchschritt, öffnete sich der festliche Raum. Hier konnte man einen Begriff von dem soliden Reichtum des hochgeachteten Gastgebers gewinnen. Smyrnateppiche deckten den Boden, schön geschnitzte Truhen standen im Räume, kostbare Oeägemälde zierten die Wände und ein reichgedeckter Tisch bot sich dem Besucher dar. Auf dem Diwan r-ber ruhte sie. die Tochter Jakobs, die schöne Judith. Dieses Mädchenaraflitz war von rührender Schönheit, von jener Schönheit der Jüdin, wie sie Heine so treffend kennzeichnet. Wo in aller Welt sollte es denn schönere Jüdinnen geben, als hier in Prag, der Stadt, wo Elend und Verfolgung dem Antlitz der Jüdin den erblichen Ade) aufprägte! Aber diese Braut schien nicht glücklich zu sein. Das edle Auge blickte umflort; ein schmerzlicher Zug umlagerte den feingeschnittenen Mund and teilnahmslos schien diese holde wohlgestaltete Jungfrau die fröhliche Schar der Besucher zu überblicken. Und neben diesem schönen Frauenbilde stand er. der sich dieses Besitzes erfreuen sollte, der Bräutigam. War jene das vollendete Abbild der Schönheit und der Jugend, so war dieser junge Mann in allem das Gegenteil. Auf einem buckligen, mißgestalteten Könper saß ein großer, mit rotem struppigen Haan bewachsener Kopf und mit listig verschlagenen Gesichtszügen. War die Braut eine Grazie, so war dieser Bräutigam ein häßlicher Faun! Was mochte wofoä die junge Braut fn «fieser Stunde denken, welchen Träumen hing sie nach' — 0 wir glauben, es zu wissen.-Sie dachte an ihn, den schönen untf ritterlichen Jüngling, den sie erst kürzlich auf dem Heimweg von der Musiksrunde wiedersah, ah Victor Leon, den Sohn des großen Arztes, der das Privileg genoß, außerhalb der Judenstadt wohnen zu dürfen, der sienut der ganzen Glut seiner Jugend liebte und dessen Liebe sie ebenso wahr erwiderte. Daran dachte Judith. Und wehen Schmenz empfand sie darüber, daß der Vater sie zu diesem Verlöbnis gezwungen, denn Itzig Klebler war ein vermögender Eidam und so einer bot sich nicht aüle Tage und wer könne wissen, ob es dieser junge Fant, der Leon, winklich ernst meine; so dachte der Vater Judiths und einer jüdischen Tochter ziemt es, sich dem Wunsche der Eltern zu fügen. Psalmodierend schritt David Rubin, der Chasen, auf und nieden. Die feiste Tante DewMefcs umgab die Braut mit Zärtlichkeiten, indes die gute rundliche Mutter die Gäste bewirtete. Eine Fülle von Blumen in Körben und Sträußen strömte einen fast betäubenden Duft aus, da geschah das, was dieser Feier ein vorzeitiges Ende bereiten sollte: Die schöne Judith erlöste eine Ohnmacht und besorgt brachte man sie in ihr Schlafgemach. * * * Wenige Tage hierauf kam Schulhof in sichtbarer Erregung nach Hause. Sein Masses und verstörtes Aussehen fiel Lea, seiner besorgt dreinschauenden Frau auf. „Was hast du. Kobi, warum ißt du nicht?", fragte sie ihn. Da nahm Schulhof sie beiseite und berichtete ihr unter allen Anzeichen seelischer Erschüttenung von seinem Zusammentreffen mit dem alten Stern, dem Althändler, heute morgen, als er vom Gottesdienst kam, und daß beim Stern Hausdurchsuchung nach gestohlenem Kirchengut gehalten wurde und daß man den Itzig Klebler als das Haupt den Diebesbande bezeichnete. „Da fiel es mir auf," sagte Schulhof. „daß er es immer abends so eilig hatte fortzukommen." Lea schlug die Hände zusammen. Auch sie hätte, als sie ihre Einkäufe machte, wahrgenommen, daß man überall über ihn getuschelt habe; - der alte Lachmahn habe sogar recht eindeutig sein Mißtrauen ihr gegenüber geäußert, sie aber habe dem kein Gewicht beigelegt Schulhof beschloß nunmehr, der Sache auf den Grund zu gehen, und als am Nachmittage desselben Tages der junge Klebler bei ihm sich einnii