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Die Wahrheit · 1930-04-18 · Heft 16 (18.4.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 16 (18.4.1930)
Date
1930-04-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen tDahrh Erscheint jeden Freitag III« mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden und den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien ■11110 u Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 18. April 1930 Nummer 16 Die Zahl Gedanken zum Pessacbfeste 5690. Von Dr. Adolf A11 m a n n, Oberrabbiner in Trier. Von allen Wissenschaften, die es gibt, ist die bestfundierte die Wissenschaft der Zahl. Es gibt keinen Beweis, den die Gelehrten führen, der nicht auf der Zahlenkraft, der inathematischen Grundlage, aufgebaut wäre. Alles auf dem Gebiete der Erkenntnis ist umzustoßen, aber das, wofür die Zahl spricht, nicht; es steht fest, wie auf Granit gebaut. Darum hat schon ein Denker des Altertums zu behaupten gewagt, daß das Grundwesen aller Dinge in der Welt der Erscheinung die Zahl sein müsse. Auch die Ideenwelt des Judentums baut sich auf dem unwandelbaren Axiom der Zahl auf, und zwar auf der Eins. Sie ist Grundzahl aller Zahlen, ihr Ausgangspunkt und Prüfstein. Bis auf eins, das erste und letzte, muß jedes Zahlengebäude stimmen, wenn es Sicherheit und Gewißheit in sich tragen soll. Dieses erste und letzte, der Urgrund aller Sicherheit und Gewißheit, aller Wahrheit Ausgangspunkt und Basis, ist uns Gott. Eins ist das Alpha und Omega der jüdischen Lehre. Damit gewinnt die Zahl überhaupt Eingang in den Denkakt unserer Religion. Es ist deshalb sehr wohl zu verstehen, daß die Zahl und das Zählen auch im Kultus und Ritus des Judentums Aufnahme fand, ja vielfach zu dessen Anfang und Ende geworden ist. Mit der Verherrlichung dies Einen Einzigen fangen täglich unsere Gebete an und mit der Lobpreisung Gottes, des E i n i g E i nz i g e n schließen si'e. Unser Schema, das Bekenntnis zu unserem Glauben, findet seinen Höhepunkt in: Gott ist einzig. Die dreizehn Glaubensartikel heben mit der Betonung der unvergleichlichen Einigkeit und Einzigkeit des Schöpfers an. Israel wird das Einzige und die Thora die Einzige genannt. Aber die Weihung der Zahl bleibt nicht bloß bei der Eins mit Bezug auf Gott, Israel und die Thora stehen, auch eine Reihe anderer Zahlen wird in den Kreis religiöser Heiligung gezogen, um so zu zeigen, daß die Zahl überhaupt der Steigerung des religiösen Bewährtseins zu dienen vermag. Die Kabbala gründet ihr mystisch-philosophisches System auf den Esser Sfirot, den zehn Zahlen, die die Ausstrahlung der Gotteserkenntnis der Welt zuführen. Das schöne, volkstümliche Lied der Haggada „Eins, w erkennt die Zah 1?" zählt z. B. dreizehn uns liebe und werte Zahlenbilder auf, die aus Religion, Natur und Geschichte uns ansprechen und im Kehrreim unsere Erinnerung immer wieder auf eins und Gott zurückführen. Den Höhepunkt des Gedankens, die Zahl und das Zählen in den Dienst von Religion und Ritus zu stellen, stellt das Gebot des Omerzählens dar. Hier erreicht die Idee, daß vom Eins und Einen ausgehend schließlich alle Zahlen einen heiligen Sinn gewinnen können, die weitestgehende Auswirkung. Sieben mal sieben Tage, die Zahl einer Woche von Wochen, die an das Schöpfungswerk der Woche erinnert und deshalb alle möglichen Zahlen von Weltall und Leben umschließt. wird täglich mit feierlichem Segensspruch das Zählen des Omer verrichtet. Der Pessach mit allen seinen Gebräuchen und Formen wird von uns scheiden, aber von allem, was er uns an Mizwah, an religiösen Pflichten brachte, wird er nur das „Omern" als Vermächtnis über seine Dauer hinaus zurücklassen. Da empfiehlt es sich, in besonderem Maße über die Bedeutung dieses religionsgebotenen Zählens am Pessach nachzudenken und überhaupt darüber zu sinnen, was für ein Wert der Zahl in unserem Leben und Wirken zukommt und was ihre Beeinflussung und Forderung für uns ist. Auf allen Gebieten des Lebens und Strebens beherrscht uns die Zahl. Sie wird befragt, nach ihr richtet man sich, ja es wird nach dem Wieviel mehr gefragt als nach dem Was und Wie. Man sieht sich die Dinge des Lebens nicht immer danach an, was sie sind, ob sich, von der höheren Warte aus betrachtet, das Streben nach ihnen auch lohnt, ob sie im Einklang stehen mit den ewigen Gesetzen des Guten und Frommen, aber ihr Wieviel, d. h. wie weit sie das Zahl- und Zahlenmäßige berühren, besieht man sich genau, einerlei ob es sich um Faktoren des Wirtschaftslebens handelt oder um die unserer sonstigen Geltung, immer geht es uns zuerst um die Erraffung des Zahlreichen, des Vielen. Man möchte nur viel, sehr viel haben, gleichgültig, wie und wieso. Selbst wenn es sich um das Kostbarste, das . Leben an und für sich handelt, dankt man nur an das Leben vieler schöner Tage, aber nicht an das moralische Wie und Was dieses Vielen. Das, was der Zahl den soliden Unterbau gibt, das Einfache, das Schlichte, das oft auch im Wenigen ruhende Lebenswohl wird verkannt und übergangen. Eins gilt nichts, „eins ist keins", nur mehr muß es sein, mehr, viel mehr. Aber, Mensch, merkst du nicht, daß alles schließlich auf das Eine zurückkommt, alles im Eins von dem es ausging, immer wieder mündet? Bedenke, woher du kommst, wohin du gehst, vor wem du stehst, es ist alles dasselbe Eins. Eins ist Gott, von dem du kommst, zu dem du gehst, vor dem du stehst. Kannst du dich durch hohe Ziffern und Zahlen flüchten vor diesem Eins und Einen? Ob der Mensch tausend Jahre leben würde oder einen Tag lebt, er geht dahin, als wäre er nie gewesen. Die Zahl gibt seinem Dasein weder Gewicht noch wahre Dauer. Ob du viel errafft hast oder wenig, es berührt den Sinn deines Besitzes nicht. Erst wenn du deine Ziffern zu heiligen weißt, gibst du ihnen Sinn und Seele. Frage nicht nach dem Wieviel, frage nach dem Was. „Was ist es, wofür ich mich mühe, wird es mir bleiben, wenn ich vor meinen Schöpfer und Richter trete? Wird das Viele vor dem Einen bestehen können?" Habe Achtung, daß die Erfolge oder Mißerfolge deiner Zahlen dir nicht zum Menetekel deines Lebens werden! Wie mancher ist schon gestrauchelt an der Zahl, zu deren Höhe es ihn wie mit magischen Kräften hinzog. „Wer das Silber liebt, wird am Silber nicht satt", sagt Kohelet (5, 9). Die Weisen fügen hinzu: Hat ein solcher die Zahl von hundert erreicht, will er zweihundert und immer weiter immer mehr. Nicht, daß die Zahlenlehre, die die Religion dem Menschen gibt, vom Wirken und Streben am Irdischen abriet, vom Zahlenmäßigen der menschlichen Arbeit wegführen möchte, alle Freude am Erfolg und Besitz zu verleiden ausgeht. Bewahre! Gerade das Gegenteil will die Religion; sie will Ansporn sein zur freudig regsamen, schöpferisch tätigen Kraftentfaltung. Das kann sie aber nur und tut sie nur, indem sie auf das Ewige im Vergänglichen hinweist und vor dem Vergänglichen an sich warnt. Sie zeigt die unverlierbar lohnende Seite aller Arbeit und Zahlenstrebung, die Heiligung der Zahl. Gehe von der Grundzahl aus. Auch zwei und drei und zehn und hundert kommen von der Eins. Mögen sich viele oder wenige Zahlenglieder an deine Ziffer reihen, vergiß nicht, die Eins ihr vorauszusetzen, denke an Gott, den Einen. Auch deine Tage lebe so, denke an jedem Tage, es wäre der einzige, der erste und der letzte und handle so, als hinge deine ganze Zeitliclikeit und Ewigkeit von diesem einen Tag ab. Segne Gott und zähle deine Tage. Gestalte sie so, daß sie ein Lobpeis auf Gott darstellen. Das ist Setiras Hoomer, das Omerzählen und sein Sinn. In unserer Zeit spielt die Zahl in einem besonderen Sinne eine Rolle. Durch die Statistik stellt man die Schicksalslinie ganzer Völker und Gruppen von Menschen im Bilde der Zahl dar. Das Auf und Nieder, das Steigen und Fallen vieler Gemeinschaften liest man aus solchen Zahlenbildern. Auch für unsere jüdische Gemeinschaft hat man Zahlenprognosen gestellt und sie lauten in vielen Fällen erschütternd. Insbesondere für die deutsche Judenheic prophezeite die Statistik kein günstiges Zukunftsbild. Wenn Gleichgültigkeit und Sünde wider den Geist unseres Stammes, Abfall und Verrat an unseren Heiligtümern sich weiter wie bisher fortsetzen, dann wird man nicht nur von einem Niedergang reden, er wird auch bedenklich in unsere Nähe gerückt sein. Aber die Zahl der Statistik ist nicht wie sonst die Zahl, ein Gesetz der Natur, das unseren Willen bindet. Wir können sie vielmehr nach unserem Willen ändern. Wir müssen uns eben wieder auf unsere Verantwortung für Israels Bestand besinnen, wieder Liebe und Treue unserem Judentume entgegenbringen. Dann werden die betrübenden Zahlen verschwinden und die trostreichen und freudigen an ihre Stelle treten. Ob einer als Kaufmann mit der Zahl arbeitet, oder als Gelehrter in ihr lebt, nie in der Zahl der profanen Nüchternheit aufgehen, immer auch an die Zahl im heiligen Sinne denken. Immer fühlen, daß es im Leben einen Rest gibt, der nicht auflösbar ist im Irdischen, sondern auf das Höhere, über den Menschen Hinausgehende, auf das Göttliche hinweist, damit, wenn Gott dereinst unsere Tage und Taten zählt, die Zahl uns nicht in Nichts zerrinne, sondern sich verdichten und festigen könne zu einer heiligen Ziffer, die den Ewigkeitswert unseres Lebens ausdrückt.

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