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Die Wahrheit · 1930-04-11 · Heft 15 (11.4.1930) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 15 (11.4.1930)
Date
1930-04-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Stossen. Die Juden sollen an. den beglückenden. Auszug «us Mlzrajim, dem Lande ihrer Sklaverei, auch dadurch erinnert werden, daß sie acht Tage nur ungesäuerte Brote essen. Aber ach, wie viele Juden auch in Ländern, die ganz ferne von Aegypten liegen, müssen das ganze Jahr hindurch darüber klagen, daß ihnen jeder Bissen Brot — sauer gemacht wird. * * * Se. Durchlaucht, der junge Fürst S t a r h e mberg, hatte zur grenzenlosen Verblüffung aller, die ihn für einen Gegner des Marxismus (mit Nachsicht der Kenntnis der schweren Werke Marx') hielten, nunmehr offen erklärt, daß er eigentlich nichts gegen den Marxismus als solchen einzuwenden habe. Die „Dötz", das einzige Wiener Blatt, das die jüngste umfangreiche programmatische Karapfrede.Sr. Durchlaucht im Wortlaute veröffentlichte, brachte einen wichtigen Passus dieser Rede in fingerdicken Lettern: „Unser Kampf — sagt der junge Fürst — gegen den Marxismus geht gegen dU judischen Verführer der Arbeiterschaft, welchen wir die Maske vom Gesicht herabreißen wollen usw." Na also: nur auf die paar Juden unter den sozialdemokratischen Führern ist der. Fürst bös, aber gegen die vielen anderen, die keine Juden oder kaum Juden sind, aber der Zahl nach sicherlich die ungeheuere Majorität bilden, geht sein Kampf nicht. Denen will Se. Durchlaucht weder die Maske herabreißen, noch ein Haar krümen, sonst hätte er doch nicht die grenzenlose Unvorsichtigkeit gehabt, speziell von den „jüdischen Verführern" zu sprechen. Ein treuer Anhänger Sr. Durchlaucht, der niederösterreicMsche Bauernabgeordnete und Heimwehrführer Raab, hat sich offenbar in diesem Punkte ganz starhembergisch orientiert Die sozialdemokratischen Abgeordneten, die sicherlich eine vielköpfige Minorität im Hause bilden, überschütteten in der letzten Sitzung des Hauses den Referenten unisono mit ihren Zwischenrufen. Herr Raab aber machte den Vorsitzenden geflissentlich ausschließlich auf zwei Abgeordnete, die sich bei den Zwischenrufen wahrlich um nichts von den anderen unterschieden, in folgender höchst geschmackvoller Weise aufmerksam: „Die zwei Juden dort halten keine Ruhe. Das liegt in ihrer Rasse!" Ja, Herr Raab sieht ganz wie Se. Durchlaucht nur die Juden unter den Sozialdemokraten. Man spielt jetzt; nach Berlin, auch in einem Wiener Theater die „Affäre Öreyfus". Die französische Regierung würde aber, so liest man, es nicht gestatten, daß das Stück auf eine Pariser BGhne käme. Es ist allerdings begreiflich, daß man in keinem Staate die Erinnerung an Justizirrtümer und Justizmorde mit Begeisterung fördert, aber gerade was die „Affäre Dreyfus" betrifft, so dürfte man sich in Frankreich sagen, daß die Erinnerung an sie alles in allem doch auch für ewige Zeiten einen Ruhmestitel für das Land bilden wird, in welchem es schließlich einer kleinen Schar heldenmütigen Männern gelang, die Gerechtigkeit zu retten, im Widerstand gegen Millionen Betörter und Irregeführter, die wirklich glaubten, daß Patriotismus, die Ehre der Armee, das Ansehen der Justiz unerbittlich die Opferung eines Unschuldigen forderten. Dieser Ruhmestitel ist um so höher anzuschlagen, als das Opfer ein Jude und die Kämpfer für die Gerechtigkeit Christen waren. * * * Paul Sandor, der jetzt seinen70.Geburtstag feiert, ist bei Freund und Gegner — selbst die Antisemiten schließen sich da nicht aus — wegen seiner glänzenden Geistes- und Charaktereigenschaften als ein Mann anerkannt, der zu den hervorragendsten Gestalten des öffentlichen Lebens in Ungarn gezählt werden muß. Was aber seine Glaubensgenossen in Ungarn betrifft, so sind diese vielleicht in Verlegenheit, was sie am meisten <an Paul Sandor schätzen, wofür sie ihm am meisten danken müßten. Er ist der Mann, der für die Ehre des Judentums und seiner Religion, begeistert und erfolgreich mit seiner glänzenden Feder, mit seiner feingeschliffenen Rede und auch — in manchem blutigen Duell — mit Degen und Pistole eingetreten ist Kein Ausdruck der Dankbarkeit und Verehrung ist dem Manne gegenüber zu überschwenglich, der seine Liebe dem Judentum während seines ganzen Lebens und selbst mit PreSsgebung seines Lebens verkündete. * * * In Budapest muß, wie man aus offiziellen Mitteilungen des Rabbinates entnehmen kann, an ernsthafte Abwehrmittel gegen die von vielen Seiten eifrig betriebene Bekehrungssucht gedacht werden. Einer dieser Missionäre, der Juden mit den bestrickenden Hinweis, daß sogar in den Kirchen einmal im Jahre liebevoll für die Bekehrung der Juden gebetet wird, gewinnen will, erhielt die Antwort: „Wie wäre es, Hochwürden, wenn sie lieber für die Bekehrung jener Christen beten würden, die so schmählich gegen das Evangelium sündigen, indem sie Haß und Verfolgung predigen." * * * Wie die Blätter melden, hofft Prinz Windischgrätz, durch das Urteil eines Ehrengerichtes, das seine Selbstlosigkeit in der Francfälscher-Affäre anerkennt vollständig rehabilitiert, zu werden. Dann aber will er sich auf das Programm der „Erwachenden" in das Parlament wählen lassen. Vielleicht wird der Prinz später doch noch zu der Erkenntnis gelangen, daß das Francfälschen lange nicht so schimpflich war als das Treiben der „Erwachenden", die wirklich nur vom Fälschen der — Wahrheit leben. Ego. DgglcDisdies Kdnlüslicht Seit vielen Jahren das anerkannt beste tD3^-HÖ^J Man achte auf die ges. gesch. Marke „Hyglen. Kdnlgsllcht" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braun hlrschengaise 3 Telephon R 33-1-87 Den allgemeinen Wünsehen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt. Bergrat Dr. h. c. Max Qütmann | Ein kluger, gewandter, charaktervoller Mann voll Eifer für humanitäre Angelegenheiten ist von uns gegangen. Am 2. d. M. verschied im 72. Lebensjahre der Seniorchef der Firma Gebrüder Gutinann, Bergrat Dr. h. c. Max (Ritter von) Gutin a n n. Max G u t m a n n war der Sohn des Großindustriellen Wilhelm Ritter von Gut mann. Die Selbstbiographie dieses unvergeßlichen Wohltäters ist ein Glaubensbekenntnis im wahrsten Sinne des Wortes; schlicht und einfach in ihrer Auffassung über die Pflichten der besitzenden Klasse und rührend der in derselben gebrauchte Satz, er sei überzeugt daß seine Bestrebungen in seinen Kindern fortleben werden. Bergrat Dr. Max Gutmann war tatsächlich ein würdiger Sohn seines großen Vaters, Er ist nach Absolvierung der technischen und montanistischen Studien in Wien und Leoben im Jahre 1883 in die Firma Gebrüder G u t m a n n eingetreten. Seit dem Jahre 1888 war er öffentlicher Gesellschafter des Hauses. Max G u t m a n n widmete seine Arbeitskraft in erster Linie der Ausgestaltung der Bergbaubetriebe in Witkowitz und dem Ausbau des Steinkohlenbergwerkes in Orläu-Lazy. Auf die Modernisierung der Bergbaubetriebe in Oesterreich, Ungarn und in Schweden, die seiner Firma nahestanden, hat er maßgebenden Einfluß genommen. Durch viele Jahre war Max G u t m a n n Präsident des Industriellenklubs, des Zentralverbandes der Industriellen Oesterreichs, Präsidialmitglied des Zentralvereines der Bergwerksbesitzer sowie Mitr glied des Industrierates und des ßtaatseisenbahnr rates. Er hat eine Reihe von Arbeiten auf dem Ge-T biete der Industriepolitik verfaßt. Im Jahre 1916 wurde er zum Herrenhaus-! mit glied ernannt 1925 verlieh ihm die Technische Hochschule in Aachen, 1927 die montan!?, stische Hochschule in Leoben das Ehrendok-" tora t Max Gutmann gehörte unter anderem dem Vorstand der Poliklinik und des Rudolfinerhausesan. Der Name „Gutmann" ist aber auch mit dem Waisenverein und den Waiseh-1: h e i m e n aufs innigste verbunden. Die Heime wer-" den noch heute im Geiste ihrer Gründer und ersten Präsidenten Wilhelm und David R. y. Qutmann geleitet, damit auch künftige Generationen den Waisen verein als ein hervorragendes Werk edelster Menschenliebe anerkennen und die beiden unter Leitung des Vereines und Mitwirkung der Familienmitglieder des Hauses Qutmann stehenden Anstalten, das Mädchen Waisenhaus in der Ruthgasse und das Knaben Waisenhaus in der Probusgasse, auch künftighin als Musteranstalten würdigen und anerkennen. Entsprechend der überragenden Stellung, die Bergrat Dr. ing et monr. h. c. Max Ritter v. Gutmanmim wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben einnahm, gestaltete sich sein Leichenbegängnis, das Freitag, den 4. <L M. auf dem ZerrtraMriedhofe stattfand, zu einer imposanten Kundgebung, an der trotz des trüben Regentages unzählige Menschen aus aflen Schächten der Be^ völkerung teilnahmen. Im Musikzirnmer des Traiierhauses in der, CoUoredogasse 24, wo der Sarg aufgebahrt war, hatten sich Bundeskanzler Doktor Schober namens der Regierung, Gesandter Vavreczka namens der tschechoslowakischen Republik sowie die obersten Beamten der. einzelnen Betrßeibe der Firma Gebrtöder Gut m ann eingefunden. Nach leSnem Trauerähonal, dten Oberkantor D. Groß, begleitet von einer großen. Schar von Chorsängern, wirkungsvoll anstimmte, wurde der Sarg aus dem Traueriiause zum Leichenwagen getragen, um die Fahrt zum Zmtralfriedhofe anzutreten. Eine endlos lang« Autokolonne begleitete den Galafourgon, so daß auf dem Rennweg und auf der Sirnrneringer. Hauptstraße nicht selten kurze Verkehrsstauungen eintraten. Dam mit Blumen und Kränzen über und über beladenen Lei-; chenwagen folgte eine ganze Menge von Wagen, die ledfgiich Kranze zur Grabesstätte brachten; In der, ZeremonienhaHe. in der die Trauergäste dicht gedrängt standen, wurden von Forstbeamten, von Wütkowitzer Knappen in Gruberrtracht von uniformierten tschechoslowakischen Eisenbahnbeamten sowie.. Mitgliedern verschiedener freiwilliger Landfeuerwehren. ein dichtes Spalier gebildet, während zwei Knappen mit Grubenlaternen vor der Gruft Wache hielten. Nachdem Oberkantbr Heinrich Fischer an der Spitze eines stanken Chores die Trauergesänge gesungen, h&elt Rabbiner Dr. Feuchtwang dem Dahingeschiedenen einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er mit warmen Worten die Persönlichkeit und das Wirken Max Gutmanns pries, der zeitlebens der Mahnung des Goetfoe- und Prophetenwortes „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" aus ganzem Herzen treu gewesen ist. „An seiner Bahre darf der stüiei Wunsch geäußert werden, daß die edlen Uebertieferungen, die er im Leben: an allen Menschen, die ihm nahe waren, an weiten Kreisen, die er mit seinen Wohltaten bedachte, verwirklicht hat, daß dieses Erbgut an MenscMicbkeü säch gleich den irdischen vergänglichen Erbgütern auf seine Kinder und Kindeskinder vererben möge." Der Präsädenfder Israelitischen Kuitusgemeinde, Univeirsltätsprofessor Dr. Alois Pick, widmete hierauf dem Toten als* dem Sohne des ehemaligen Präsidenten der Wiener RuMusgemeLnde warme Worte des Abschiedes. Nach' ihm sprach der erste Prokurist des Hauses Gebrüder Gutmann, Dr. Blaustein, Worte des Dankes und des- Abschiedes namens der Beamtenschaft der Gutmanoschen Firmen und Werke. Der nächste Redner war der Generaldirektor der Wttkowitzer Werbe* Sonnenschein, der an der Bahre gelobte, auch weitenbin im Sinne Max v. Gutmanns tätig zu sein. Im Namen des Rektors und des Professorenkollegiurns der monta-- nistlschen Hochschule in Leoben, deren Ehrendoktor Gutmann gewesen ist, nahm sodann Professor Doktor' Keil Abschied von dem Verblichenen. Zum. Schluß sprach Im Namen der vielen vom Verblichenen" in schwerer Notlage unterstützten Künstler Maler Erwin P e n d 1 Worte des Dankes und des Abschiedes. Hierauf wurde vofi*Bergknappen und Forstbeamten der Sarg gehoben und in die nächst der Zeremonienhalle gelegene Gruft gebracht, wo nach abermatgieim Trauerchoral des Oberkantors Fischer der Sarg einstweilen beigesetzt wurde, während die Bergknappen, zum letztenmal Abschied nahmen. Die imüsohe Hülle wird später auf den Döblinger Friedhof überführt und dort zur ewigen Ruhe beigesetzt Wiarden. Der Verblichene hinterläßt außer der, Witwe" (geb. . Hartmann) drei Töchter und einen Sohn, der den väterlichen Anteil an der- Finna Gebrüder Qutmann über-! Jiehraen wird. , ' \ "

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