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Die Wahrheit · 1930-04-11 · Heft 15 (11.4.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 15 (11.4.1930)
Date
1930-04-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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■^M*TSj*fciSMeM*Itft-ia£'J Jl Seite OSE WAHRHEIT „Die Affäre Dreyfus". Schauspiel in 5 Akten von Rehfisch und Herzog. Zur Erstaufführung im Deutschen Volkstiieater. Zwei Gedanken: traurig diese Aktualität nach dreißig Jahren, erfreulich der stürmische Beifall des überfüllten Hauses. Denn dieser starke Erfolg liegt unbestritten im Stoff, er liegt auch in der guten Aufführung, er liegt in der augenblicklichen, durch den Tod und die Erinnerung an jene Männer, die in diesem Drama um die Jahrhundertwende mitgewirkt haben, bedingten Aktualität. Dreyfus selbst beging vor wenigen Monaten seinen 70. Geburtstag, Fürst B ü I o w, damals Staatssekretär im Deutschen Auswärtigen Amt, ist gestorben, und ebenso Clemenceau. Eben jener Clemenceau, der damals in der „Aurore" schrieb: „Wir beilügen uns selbst min den Lobhudeleien unserer ZiviJisation: beim ersten Schrei der Wildheit, ■der unter uns ertönt, trta bei allen Zivilisierten der barbarische Grundzug wieder hervor. Ein Ruf hat genügt: .Tod den Juden!', und die Menschen stürzten sich in unbändiger Wildheit in Plünderungen, Brandschatz«tvgen und Metzeleien, indem sie von diesem Ausbruch diar Wut das Ende ihrer Leiden erwarten. ,Tod den Juden!' heute, ,Tod wem?' morgen . . . Wann werden wir endlich uns al ie dazu verstehen, nicht mehr zu hasse n." Es wird wohl keinen Menschen in Europa geben, dem die Schicksale des Juden Dreyius nicht bekannt sind. Kapitän Alfried Dreäfus wurde von einem französischen Kriegsgericht wegen Landesbochverrates angeklagt und schuldlos verurteilt, sein ganzes Leben auf der Insel Guyana im großen Ozean, genannt die Teufelsinsel, die als der schnecklichst« Kerker der Weit bekannt ist, zu verbringen. Zwölf lange Jahre erlitt der Verbannte die fürchterlichsten Schrecknisse dieser berüchtigten Teufelsinsel. Während dieser Zeit aber tobte in Europa ein Sturm für die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Kapiltän Dreyifus, die vom großen französischen Schriftsteller Emü Zola ausging und von den bedeutendsten Männern Frankreichs wie Clemenceau, Jean Jaures. Anatole France usw. unterstützt wurde. Dia Rolle, die dabei Deutschland spielt war, wie die letzten Enthüllungen insbesondere des Berliner Juristen Dr. Brunno Well bewiesen haben, keine gerade ehrenhafte. Doch dasi Recht siegte. Der große Kampf, den jene rechtlich empfindlichen Männer führten, die Dreyfus verteidigten, war ein Kampf für die Gerechtigkeit und ihr Sieg verhalf dem republikanischen Gedanken in Frankreich und der Erneuerung der französischen Nation zum Durchbruch. Das französische Volk erwies diesen Vorkämpfern des Rechtes später die höchsten Ehren und auch Kapitän Dreyfus avancierte zum Obersten. Rehfisch und Herzog haben es außerordentlich geschickt verstanden, aus dem Gesamtverlauf jener Affäre, die vom Oktober 1894 bis zum Jahre 1906 währte, jene Zeit herauszuschälen, in der sich die dramatischen Vorfälle dieser an Dramatik reichen Angelegenheit häuften. Sie beginnen am 10. Jänner 1898,. an dem Tag, an dem Esterhazy freigesprochen wurde, und sie enden mit dem 31. August 1898, an dem Oberst Henry Selbstmord beging. Jenem 10. Jänner folgte am 13. Jänner Zolas „J'accuse", dem 31. August folgte am 5. September der erneute Revisionsantrag, der acht Jahre später zur Rehabilitierung Dreyfus* führte. Im Hintergrund bleibt Dreyfus selbst, er sitzt auf der Teufelsinsel. Seine Person ist in diesem Schauspiel wie in der Wirklichkeit belanglos geworden. Nur sein Name wurde Symbol. Wir haben es also in diesem Schauspiel der beiden Schriftsteller Rehfisch und Herzog mit einer Dramatisierung von historischen Tatsachen zu tun, die namentlich in der heutigen Zeit, wo man in Innsbruck das Fehlurteil gegen den angeblichen Vatermörder Philipp Halsmann gesprochen hat, für die österreichischen Juden von ganz besonderem Interesse sein dürften. Auch bei diesem Prozeß kann ja eine gewisse Aehnlichkeit mit der Dreyfus-Affäre nicht geleugnet werden. Was damals France, Clemenceau, Jaures, Zola geschrieben und gesprochen haben, das könnte und müßte heute von neuem gesprochen werden. Zolas „Offenen Brief an die Jugend" sollte man heute noch unserer studentischen Jugend zur Lektüre aufzwingen. Die beiden Verfasser haben aber für dieses Zeittheater nicht nur eine außerordentlich effektvolle Handlung geschrieben, sie haben darüber hinaus wieder einmal deutlich gemacht, daß es weniger ein Problem des Judentums — das nur in unseren eigenen Reihen — als vielmehr ein Problem des Antisemitismus gibt. Gespielt wurde unter der zupackenden Regie des Direktors Dr. Beer ganz ausgezeichnet fti nrich war ein begeisterter und begeisternder Zola, Edthofer ein sympathischer unsympathischer Esterhazy, 0 n n o ein temperamentvoller, nur allzu nervöser P i c q u a r t; die vielen anderen, die in dem prächtigen Ensemble mittaten, seien mit einem verdienten Pauschallob bedacht, sie standen jeder auf richtigem Platze und gaben ihr Bestes. Wir hoffen, daß der Funke, der bei der Premiere von der Bühne zum Publikum übersprang, an vielen Abenden Tausende von Herzen entzündet werde. Nicht um des Judentums willen, sondern um der Wahrheit willen. Die Wahrheit kennen stets nur wenige, verbreitet aber muß sie von der Masse der Gläubiger werden. —r. Die Rolle des Fürsten Bülow in der Dreyluß-Affäre ist seit dem Vortrag, den Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil in der Berliner Singakademie Ober den „Prozeß des Hauptmanns Dreyfus" gehalten hat. im In- und Auslande außerordentlich heftig umstritten worden. Das in den nächsten Tagen im Verlage Dr. W a 11 h e r Rothschild. Be r 1Iin-Gr u n e waI d, erscheinende, reich bebilderte Buch des gleichen Verfassers rollt neben einer faszinierenden Darstellung des gesamten Dreyfus-Falles die Frage dieser politischen Zusammenhänge auf Grund des ganzen bisher zugänglichen Aktenmaterials und des jetzt erst bekannt gewordenen Brief- UFA-TON-KINO Wien Taborstrale Telephon R 42-3-41 8 UR/UfFFUHRUNG Konratf Ueidt und Karin Euans in Die letzte Kompagnie Ein Tonfilm der JOE MAY-Produktion der UFA Regie: Kurt Bernhardt Musik von Ralph Benatzky Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr wechseis Schwarzkoppen-Münster erneut auf und kommt zu dem Schlußurteil, daß die Rolle des deutschen Kaisers, wenn auch sprunghaft, so doch menschlich gewesen ist, während auf den Charakter des Fürsten Bülow dunkle Schatten fallen. Weil wirft die deutsche Schicksalsfrage auf, ob nicht damals die deutsche Staatskunst statt einer Verschärfung eine Besserung der deutsch-französischen Beziehungen hätte erreichen können. Das Sekretariat der „Union deutschösterreichischer Jude n", Wien IX.. Berggasse 4. Tel. A 19-2-77 nimmt Vorausbestellungen zum Subskriptionspreis (broschiert Mark 3.60. gebunden Mark 4.80) entgegen. Rituelle Küche und Diätetik. Von Professor Dr. Wilhelm (Schluß.) Eine der wichtigsten Fragen für die diätetische wendun Beurteilung jeder Küche bleibt die Fettfrage. Eine gewisse Eigenheit der rituellen Küche ergibt sich hier schon aus dem Verbote der Vermischung von Fleisch und Milch, wodurch die Verwendung der Butter bei der Zubereitung der Speisen gewisse Beschränkungen erfährt. Zunächst ist zu sagen, daß Fett in der rituellen Küche überaus reichlich verwendet wird. Bei anderen Kosrformen, insbesondere in der süddeutschen Küche, spielen neben den Eiweißkörpern der Nahrung Mehl und Stärkestoffe die Hauptrolle. Demgegenüber erscheint in der rituellen Küche ein großer Teil der für die Ernährung erforderlichen Wärmeeinheiten als Fett. Eine solche Nahrung, bei der'heben den Eiweißkörpern Fett die Hauptrolle spielt, ist medizinisch nach verschiedenen Richtungen zu werten. Sie ist im weitesten Sinne des Wortes als reichere Nahrung zu bezeichnen. Neue Untersuchungen haben gezeigt, daß Eiweißfettnahrung gegen Infektionskrankheiten mehr schützt als eine Nahrung, die hauptsächlich Stärkestoffe enthält, und wenn wir im Kriege und auch sonst in Galizien beobachten konnten, daß die jüdische Bevölkerung weniger unter Infektionskrankheiten zu leiden hatte als die andere Bevölkerung, so mag dies zum Teile durch diese Eigenart der rituellen Kost als Eiweiß-Fettnahrung begründet sein. Anderseits ist jedoch zu sagen, daß reichilche Verwendung von Fett bei der Zubereitung der Speisen für den Magen weniger bekömmlich macht. Dazu kommt noch, daß Fett als ein Nahrungsmitel mit überaus hohem Brennwert leicht zu Uebererriährung führt So mag die bekannte Neigung der Juden zu gewissen Stoffwechselkrankheiten, wie Fettsucht und Zuckerkrankheit, die sie übrigens mit anderen semitischen Völkern teilen, auf den überreichlichen Genuß von Fett mit zu beziehen sein. Es ist schwer zu sagen, wo die letzten Ursachen der Vorliebe der rituellen Küche für reichliche Fettverwendung liegen. Auch hier mögen ursprünglich Bodenverhältnisse maßgebend gewesn sein, denn im alten Palästina tritt entsprechend seiner Bodenbeschaffenheit der Anbau von Körnerfrüchten gegenüber der Viehzucht in den Hintergrund. Vielleicht schon daher die Bevorzugung der Eiweiß-Fettnahrung. Außerdem spielt in Palästina der Oelbaum, also wieder ein eminenter Fettträger eine bedeutsame Rolle, gilt doch der Oelbaum von jeher als Sinnbild des Reichtums. Schließlich führt die Vorschrift der rituellen Küche das Fleisch auszusalzen, mit dem schon erwähnten Verlust an schmeckenden Substanzen des Fleisches dazu, das Braten und Dünsten des Fleisches gegenüber dem Sieden zu bevorzugen. Dies führt wieder zu gesteigerter'Verwendung von Fett, die sich auch auf die Zubereitung anderer Speisen überträgt. Es wäre zweckmäßig, wenn die fettreichen Zubereitungsarten des Fleisches häufiger durch Braten am Spieß und am Rost ersetzt würden, weil diese Art der Zubereitung des Fleisches gleichfalls wohlschmeckende Speisen liefert, jedoch viel geringeren Fetzusatz erfordert. Sicher wäre aber Maßhalten in der Verwendung der Fettmengen der rituellen Küche allgemein zu empfehlen. Ein zweiter wichtiger Punkt betrifft die Qualität des verwendeten Fettes und die Art seiner Verwendung. Da ist zu sagen, daß die diätetische Wertigkeit eines Fettes nicht bloß nach seiner chemischen Zusammensetzung, sondern weit mehr von den chemischen Veränderungen abhängt, die das Fett unter dem Einfluße der Hitze beim Kochen erfährt Butter wird wegen ihres Gehaltes an gebundenem Wasser, das beim Verdunsten die Temperatur drückt nicht leicht überhitzt. Ihre Verwendung ist deshalb insbesondere bei empfindlichen Mägen überall dort zu empfehlen, wo es die Speisevorschrift gestattet Für die Bereitung von Fleischspeisen für Magenkranke hat sich mir die Ver- Schlesinger. von Hühnerfett in der Praxis am besten bewährt. Dagegen haben die Pflanzenfette einen hohen Siedepunkt. Es besteht deshalb bei geringerer Aufmerksamkeit die Gefahr der Ueberhitzung des Fettes mit Bildung der genannten unbekömmlichen Zersetzungsprodukte. Am besten verhält sich nach dieser Richtung noch das flüssige Oel, im Süden und Osten ja allgemein als Fettspender verwendet Beste Qualität und Aufmerksamkeit bei der Zubereitung der Speisen ist jedoch auch hier Vorbedingung. Im ganzen wird man aber das Wort eines bekannten Diätetikers befolgen, daß Fett zum Essen bekömmlicher ist als Fett im Essen, zumindest aber jene Zubereitungsformen bevorzugen, bei denen die Hitzeanwendung, möglichst kurz und nicht allzu intensiv ist. Ich habe, wie es in der Natur der Sache liegt, bloß einen kleinen Teil des großen Komplexes der rituellen Küche diätetisch beleuchtet. Aber schon bei dieser flüchtigen Betrachtung ergibt sich, daß zwei Dinge strenge von einander zu trennen sind, nämlich die rituellen Speisevorschriften selbst und die Art ihrer Durchführung. Wir sehen, daß viele rituelle Speisevorschriften, abgesehen von ihrer ethischen und symbolischen Bedeutung, auch den modernen diätetischen Anschauungen voll entsprechen. Dagegen hat die Art der Zubereitung der Speisen in manchen Punkten eine Entwicklung genommen, welche diätetische Bedenken erregt Dahin gehört das übliche allzu starke Würzen der Speisen, dahin gehört die oft unrichtige Verwendung der Fette. Dem neuen Unternehmen einer rituellen Kochschule im „Dr. Krüger-Heim" bietet sich die Aufgabe, rituelle Speisegesetze und allgemeine diätetische Vorschriften miteinander in Einklang zu bringen. Diese Aufgabe ist dankbar, sowohl in kultureller Beziehung, als im Interesse der Volksgesundheit. Darum möge ihr voller Erfolg beschieden sein. * * ¥ Die erste rituelle Kochschule im „Dr. Krüger- Heim", Wien IL, Malzgasse 7, die nach dem zahlreich besuchten Vortrag des bekannten Diätetikers Professor Dr. W. Schlesinger am 3. d. M. im Heime zur Eröffnung gelangte, zeitigte einen derartigen Erfolg, daß Ansuchen um Kursteilnahme wegen momentaner Ueberfüllung zurückgestellt werden mußten. Der Vorstand des Heimes ist nunmehr dabei, Parallelkurse, bzw. Spezialkurse einzurichten und gedenkt nach den Feiertagen, die nötigen Anmeldungen vorausgesetzt, einen Kursus für Diätkost abhalten zu lassen. Anmeldung von 9 bis 12 und 3 bis 5 Uhr, Telephon A 48-0-77. Lederhandschuhfabrik Josef Tjäsfinger L, Rotenturmstraße 25 Telephon U 25-3-29 * IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40

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