Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 14 (4.4.1930)
- Date
- 1930-04-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT «biiier waren erschienen, besonders erfreulich war die starke Teilnahme von Damen und jüngeren Angehörigen der Gemeinde. Den Vorsitz führte Herr Max Oreyfuß. der sich in Gemeinschaft mit Herrn Carl Wasserzug sehr tatkräftig für das gute Gelingen der Aktion eingesetzt hat. Dr. Ernst Feldsberg referierte über Ziele und Zwecke der „Union", als deren wichtigste Aufgaben er den Kampf gegen den Antisemitismus und jüdischen Nationalismus in Oesterreich und das Eintreten für die Erhaltung der Tradition bezeichnete. Er führte unter anderm aus, was die „Union" in jahrzehntelanger energischer Tätigkeit für diese ihre hehren Aufgaben geleistet, wie sie zum Beispiel im Interesse der österreichischen Judenschaft zur Verfassungsfrage Stellung genommen, wie sie unentwegt den Kampf gegen den Antisemitismus führt, wie von ihr das Interesse für Kultus gefördert wird und wie sie — bei aller Anerkennung des Aufbauwerkes in Palästina — gegen den vom staatsbürgerlichen Standpunkt gefährlichen Nationalismus in Oesterreich Stellung nimmt. Seine ausgezeichneten Ausführungen.. die mit großem Beifall aufgenommen wurden, gipfelten in der Forderung, dem religiösen Judentum auch weiterhin Treue zu bewahren, als österreichische Juden aber alles zu bekämpfen, was dem Judentum schadet, alles zu fördern, was ihm nützt. Sekretär Oskar Ifir sch'feld berichtete über die Tätigkeit der „Union" in den letzten Jahren, wobei er seiner Darstellung eine Erörterung des Wesens der „Union" voranschickie. Er besprach eingehend die Aktionen der „Union" auf dem Gebiete des Preßgesetzes, er schilderte ihren energischen Kampf gegen die Schande des Sommerfrischenantisemitismus und fand besonderen Beifall mit der Erörterung der Haltung der „Union" zur Jewish Agency. Die diesbezügliche Resolution der „Union", die er zur Verlesung brachte, wurde mit großer Zustimmung aufgenommen. Der Vorsitzende dankte den beiden Referenten für ihre gediegenen Ausführungen. In der Debatte sprach unter anderem Rabb. Prof. Dr. Marguli es, der insbesondere die religiöse Tendenz der „Union" durchaus anerkannte und vor allem für Frieden in der Gemeinde eintrat. Er bedauerte das Fernbleiben der Zionisten von der schönen Veranstaltung und wünschte den Bestrebungen der „Union" auf Salzburger Boden guten Erfolg. Nach einer Wechselrede wurde die Konstituierung eines provisorischen Vorstandes vorgenommen, dessen Mitglieder von uns werden bekanntgegeben werden, wenn die definitive Konstituierung vollzogen ist. Heute kann schon gesagt werden, daß ungemein tatkräftige Herren an die Spitze der Ortsgruppe gestellt wurden, von denen in ihrem schweren Kampfe auf exponiertem Posten nur das Beste erwartet werden kann. Ihre Entschlossenheit bietet aber auch den übrigen auswärtigen Ortsgruppen der „Union" ein schönes Beispiel dafür, daß gerade in der Provinz gediegene Arbeit geleistet werden kann. # Mitgliedschaft VI/VII. Mittwoch, den 26. v. M. sprach Herr Dr. Heinrich iierbatscJiek in einer unter dem Vorsitze des Herrn Adolf Taub im Cafe Mariahilf stattgehabten Versammlung über „Juden vor Oerie hl", ein Thema, das der Vortragende um so interessanter zu gestalten wußte, als er darüber auf Grund einer 30jährigen Erfahrung berichtete. Er stellte zunächst fest, daß sich im allgemeinen Juden vor Gericht ebenso benehmen wie Andersgläubige, da auf sie die Gerichtsschranken denselben psychologischen Eindruck machen wie auf diese. Aeußerungen und Handlungen auf diesem Boden werden von einer gewissen Angst beeinträchtigt, die den Laien, wenn er die Stätte des Gerichtes betritt, gefangen nimmt. In gerichtlichen Funktionen wiederum befleißigt sich der Jude gewöhnlich strengster Objektivität und er tut gut daran, denn gerade auf dieser Stätte, auf die die Augen der gesamten Oeffentlichkeit gerichtet sind, sojl die Achtung vor der eigenen Gemeinschaft alle Aktionen des Juden beeinflussen. Der alte Erfahrungssatz, daß auch der Richter nur ein Mensch ist, führt zur Feststellung, daß diesem gegenüber ein anständiges Auftreten der vor Gericht erscheinenden Juden durchaus am Platze ist Der Redner illustrierte diese allgemeinen Behauptungen durch ein reiches Tatsachenmaterial aus der heutigen Ge- Lederhandschuhfabrik Josef JjasCmger L, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 * IL, Hottandstraße 11 Telephon R 47-2-40 richtspraxis, die ein Spiegelbild der tristen wirtschaftlichen und moralischen Verhältnisse unseres Staates bietet. Er sprach eingehend von der Einrichtung des Schiedsgerichtes, einer Institution, die sich absolut bewährt hat und in der ungemein viele Juden ihr Amt in .mustergültiger Weise, gelobt und anerkannt von nahezu allen beteiligten Kreisen, ausüben. Er bewies sodann an mehreren Beispielen die saloppe und unüberlegte Art, in der bei uns heute Gesetzentwürfe gemacht werden. Es ist nicht wegzuleugnen, sagte er schließlich, daß im Gerichtssaal ein gewisser Geist der Judenfeindschaft vorhanden ist, und schon deshalb ist ein angemessenes Wesen an dieser Stätte von Wichtigkeit Die Juden vor Gericht haben ebenso wie bei anderen Behörden eine große Aufgabe, die Rücksichtnahme auf ihre Gemeinschaft, die das Korn zwischen den zwei Mühlsteinen unserer großen politischen Parteien bildet. Vor den Wahlen umschmeichelt, sind nach den Wahlen dieselben Juden für diese beiden Parteien erledigt. Es folgte eine interessante Wechselrede, in der u. a. Herr Nathan P o 11 a k sich auf Grund vieler Erfahrungen gegen ein überflüssiges Prozessieren wandte und für eine stärkere Inanspruchnahme der Schiedsgerichte plädierte. Auch Herr Adolf Taub gab diesem Standpunkte Ausdruck, indem er aus seiner Erfahrung Beispiele dafür anführte, daß der Jude stets selbstbewußt den Andersgläubigen entgegentreten müsse, wolle er sich deren Achtung erringen. Er schloß hierauf mit Dankesworten an den Referenten und die Erschienenen die schön verlaufene Versammlung. Mitgliedschaft Floridsdorf. Rüstzeug im Kampfe^ gegen den Antisemitismus zu gewinnen, das ist eine ' der Aufgaben der „U n i o n deutsch österreichisch er Juden", und dieser Aufgabe war der letzte Sprechabend der Ortsgruppe Floridsdorf gewidmet, der am Donnerstag, den 27. März unter dem Vorsitze des Obmannes Herrn Dr. Julius Grünwald stattfand. Herr Dr. Karl S t e i Ii e r referierte auf diesem Abend in überaus interessanter Weise über das Ritualmordmä.rcheii, jene aus Aberglauben geborene Lüge, die unendlich viel Qualen über die Juden gebracht hat. Er wies auf Grund reicher historischer Quellen nach, daß die Blutbeschuldigung erstmalig in der, Geschichte den Urchristen gegenüber ei hoben wurde und daß viele Kirchenväter damals ihre Gläubigen gegen diesen furchtbaren Verdacht verteidigen mußten. Als das Christentum Staatsreligion geworden war, wurde der gleiche Vorwurf gegen einzelne christliche Sekten, zum Beispiel die Häretiker, im späteren Mittelalter gegen die Albingenser und Hugenotten erhoben; in neuerer Zeit wurden sogar christliche Missionäre in China derartiger Verbrechen bezichtigt. Gegen die Juden findet sich die Ritualmordbeschuldigung erstmalig im Jahre 1171 im französischen Städtchen Blois, dessen kleine Judengemeinde wegen dieses abscheulichen Verdachtes restlos ausgerottet wurde, von dort breitete sich die Lüge über ganz Europa und den Orient aus, insbesondere zur Zeit der Kreuzzüge, der Aera tiefsten Aberglaubens, in der Ketzern wie Juden alles mögliche angedichtet wurde, fand die Lüge weiteste Verbreitung. Dr. Steiner analysierte sodann die Beschuldigung, deren Widersinnigkeit insbesondere dann augenscheinlich wird, wenn man die Zwecke betrachtet, denen angeblich das blut der geraubten Christeukinder dienen soll. Diese Zwecke, von denen 16 Abarten zu konstatieren sind, lassen sich im allgemeinen in zwei Gruppen teilen: Es wird behauptet, das Blut sei erstens zu rituellen oder religiösen Zwecken, zweitens zu medizinischen oder Zaubereizwecken verwendet worden. Nach eingehender Besprechung der einzelnen - Anklagen führte Dr. Steiner eine große Reihe biblischer und talmudischer Gebote an, aus denen einwandfrei klar hervorgeht, daß Menschenraub. Menschenmord und Blutgenuß nach den Lehren des Judentums strengstens verboten ist Aber auch der Haß gegen Christen, der angeblich ein Grund für die „Ritualmorde" ist, ist nach den rabbinischen Vorschriften verpönt. Aus der ganzen jüdischen Religion, ihrer Gesetzgebung Und Literatur, die über 25.000 Bücher umfaßt, ergibt sich kein einziger Beweis iür die Berechtigung der Beschuldigung, die er§t.am Ende des zwölften Jahrhunderts erhoben wurde; man müsse sich also fragen, ob bis dahin die angebliche Vorschrift nicht bestanden hätte. Es ist eben nur ein aus dem Aberglauben des tiefsten Mittelalters entstandenes Märchen, für dessen Stichhältigkeit kein Beweis geführt werden kann. Die Verbreiter dieser Lüge bleiben diesen Beweis schuldig und reden sich letzten Endes auf eine mündliche Tradierung des schriftlich nicht niedergelegten Gebotes aus. Dr. Steiner beschäftigte sich nun mit den Kronzeugen der Ritualmordlüge, insbesondere GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEH1 u^mmmmmmmmmmmmmmmammmt^m^mmm^tmmm WIEK IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE! XVIII., WAHRINOERSTRASSE Vt Telephon Nr. A 17 3-99 und A 16-9-34 Llstermnt «r Hallanstalton Abtei lungemur Koscherfleisch unter1 Aufsieht dea ehrar. Rabbinatee dar lar. Kultuaaemainde Wan. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen E DE RABEN DE Am 12. und 13. April werden im Restaurant AKoraoM orKnek Wien II., Zirkusgasse 30, Telephon R 43-1-60 sederabende abgebalten. Reidihaitiges resftnahl ä la Carle Marmel- und TisAwelne sdiel Pessadi. Anmeldungen rechtzeitig erbeten. mit Rohling, gegen den der unvergeßliche Rabbiner Dr. Josef Bloch, geachtet und geschätzt gerade in Floridsdorf, dessen Bezirksrabbiner er gewesen, einen erfolgreichen Kampf geführt, dessen einzelne Phasen der Referent eingehend beleuchtete. Er führte schließlich die zahlreichen Enuntiationen von Päpsten und anderen hohen Würdenträgern der Kirche, von weltlichen Fürsten, theologischen Fakultäten katholischer Universitäten, hervorragenden nichtjiidischen Gelehrten, evangelischen und katholischen Orientalisten und wissenschaftlichen Korporationen an, die alle unumwunden erklärten, daß die Ritualmordbeschuldigung eine infame Lüge sei. Trotzdem wird dieses Märchen insbesondere von der nationalsozialistischen Presse auch noch in neuester Zeit aufgetischt; in Deutschland wurden im Vorjahre an zwei Orten. Manau und Memel, Ritualmordfälle konstruiert. Dr. Steiner gab am Schlüsse seiner mit großem Beifalle aufgenommenen Rede der Befürchtung Ausdruck, daß die lügnerische Beschuldigung, die Masaryk eine „Schmach der Zeit" genannt hatte, noch lange gegen die Juden erhoben werden wird, deren Aufgabe es sei, sich dagegen mit wissenschaftlichen Argumenten zur Wehr zu setzen. Dr. Julius Grünwald schloß an die Ausführungen des Vorredners bezüglich des hervorragenden Streiters für das Judentum Rabbiner Dr. J. S. Bloch s. A. mit dem Vorschlage an die Bezirkskommission Floridsdorf an, diesem unvergeßlichen Manne ein Bild im Sitzungssaale des Gemeindehauses zu widmen, damit auch spätere Generationen sich an die Unvergängiichkeit seines Kampfes für das Judentum erinnern mögen. Diese Anregung wurde beifällig aufgenommen und dürfte nach einer Erklärung eines Mitgliedes der Bezirkskommission wahrscheinlich bald in die Tat umgesetzt werden. Präsident Dr. Jakob O r n s t e i u fand den warmbewegten Appell des Vorredners ebenfalls durchaus beherzigenswert, denn dem unerschrocken mutigen Kämpfer für das Judentum, der in jenen gefährlichen Zeiten geradezu sein Leben in die Schanze geschlagen, muß die Judenschaft dankbar sein für sein hervorragendes Wirken. Dr. Ornstein beschäftigte sich nun in längerer Rede zunächst mit dem Tisza-Eszlar c r RitualmordprozcB und sodann mit der traurigen Affäre H i 1 s n e r. an der die „Union" sehr leb- Hiigicnisdies Könißsliciil ^^mw^m^^m Seit vielen Jahren das anerkannt beste IUI M^-rattw Man aebte auf die gas. gasen. Harke nHyglan. Königslicht" und Name Schute Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhirschengasse 3 Telephon P 33-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt.