Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 14 (4.4.1930)
- Date
- 1930-04-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Rituelle Küche und Diätetik. Von Professor Dr. Wilhelm Im Dr. Krüger Heim — früher Elisabeth-Heim — für Lehrmädchen und jugendliche Arbeiterinnen, das sich zur Aufgabe' stellt, arme, verwaiste und verlassene Mädchen zur produktiven Arbeit zu erziehen, fand am Mittwoch, den 26. v. M.. die Eröffnung der ersten jüdischen Koch- und Haushaltungsschule statt, die von dem Gedanken ausgeht, den Schützlingen des Heimes eins neue Berufstätigkeit zu scharfen. Der durch seine diätotherapeutischen Arbeiten bekannte -Universitätsprofessor Dr.. Wilhelm Schlesinger war vom Kuratorium eingeladen worden, einen einleitenden Vortrag zu halten und wählte zum Thema die Besprechung der Beziehungen der rituellen Küche zur Diätetik. Ein überaus zahlreiches -Damenpublikum aus allen Gesellschaftskreisen folgte dem Vortragenden mit großer Spannung und zollte dem Gelehrten reichen Beifall. Die Art, wie sich ein Volk ernährt, ist Ausdruck seiner Wesensart. Sie ist abhängig vom ursprünglichen Volkscharakter und wird, wie dieser selbst, durch Nielfältige äußere Umstände modifiziert Dabei spielen Bodenverhältnisse, klimatische Bedingungen und historisches Geschehen die maßgebende Rolle. Auch die Ernährung der Juden ist je nach ihrem Wohnsitze vielfach verschieden, wobei wieder klimatische und Bodenverhältnisse, nicht zum geringsten Teile aber auch die Lebensgewohnheiren der Völker, unter denen sie leben, die maßgebende Rolle spielen. So ernährt sich der Jude im Norden anders als der Jude im südlichen Klima, er lebt auf den Bergen anders als in der Ebene: er übernimmt, um nur ein Beispiel zu wählen; in Polen die ßorschtsuppe und im Elsaß Zubereitungen der Gänseleber von seinen Landesgenossen. Aber abgesehen von diesen lokalen Verschiedenheiten geht durch die Ernährung aller Juden der Welt doch ein gemeinsamer Grundzug. der sich daraus erklärt, daß für die Juden Speisegesetze ein wesentlicher Bestandteil der religiösen Uebung. sind, durch Schrifttum und mündliche Ueberlieferung sorgsam gepflegt, bewußtes Bindeglied der Juden der ganzen Welt, mit ein gewaltiges Instrument in dem Bestreben, eine Vermischung Israels .mit den übrigen Völkern zu verhindern. Es ist nun' ethnologisch sicher eine dankbare Aufgabe, die rituelle Küche auf ihren Kulturwert zu prüfen. Für den Diätefiker ergibt .sich noch die besondere Frage, die rituelle Küche nach allgemeinen Regeln der Diätetik' zu beurteilen. Zunächst begegnet der Arzt bei den diätetischen Vorschriften, die er. seinen Kranken gäbt, häufig ge* wissen Schwierigkeiten, die sich gerade aus der gleichzeitigen Befolgung. der rituellen Speisegesetze ergeben. Man könnte nun sagen, daß der kranke Mensch an die Speisegesetze nicht gebunden ist Dieser Ausweg ist jedoch kein glücklicher. Denn die modernen Lehren der Physiologie zeigen, daß die für den normalen Ablauf der Ernährung--notwendige Sekretion der Verdauungssäfte im höchsten -Grade von psychischen Momenten abhängig ist So. wird...der Kranke rituell verbotene Speisen — auch, wenn ihm jede Dispens erteilt , wird —■ bloß mit Ekel essen und seine Verdauungssäfte würden nicht in . entsprechender Weise abgeschieden. Dazu kommt noch die psychische Depression, die für den . Kranken .damit verbunden ist, wenn ihm gestattet wird, rituell verbotene Speisen zu essen. Sie wäre höchst geeignet, sein Krankheitsgefühl zu vergrößern. . Derartiger Verzicht auf die Befolgung der rituellen Speisevorschriften braucht . aber von dem strenggläubigen Juden gar nicht verlangt werden. Denn es gibt tatsächlich kaum einen Fall, wo es nicht gelingen würde. . diätetische. Vorschriften mit den rituellen Speisegesetzen in Einklang zu bringen. Viel interessanter ist die Frage nach der diätetischen Wertigkeit der rituellen Speisegesetze überhaupt Es handelt sich hier um ein höchst kompliziertes, logisch Aufgebautes System, so daß bloß der Versuch unternommen werden darf, einige der wichtigsten Punkte vom Standpunkte des Diätetikers zu besprechen. Ueberaus vieles davon trägt rein symbolischen Charakter. Dies gilt insbesondere von den Vorschriften für die Festtage. Hier kommen diätetische Erwägungen schon deshalb nicht in Betracht, weil es sich um Ernährungsvorschriften bloß für kurze Zeitperioden handelt Viel wichtiger -sind in diätetischer Hinsicht die allgemeinen Speisegesetze wogen ihrer dauernden Gültigkeit Viele jüdische Schriftgelehrte wenden sich allerdings gegen eine solche mehr rationalistische Erörterung der Speisegesetze und wünschen sie in ihrer Gesamtheit bloß als ethische Vorschriften oder als Symbole geweitet Dem ist aber entgegenzuhalten, daß bei allen alten Kulturvölkern religiöse Vorschriften gleichzeitig alle bürgerlichen Gesetze umfassen, also .auch die Gesetze für hygienische Maßnahmen. So wird es von vornherein wahrscheinlich, daß auch viele rituelle Speisevorschriften der Juden unbeschadet ihrer ethischen Bedeutung und ihrer Bedeutung als Symbole noch überdies diätetischen Anschauungen ihren Ursprung verdanken. Am deutlichsten tritt diese Absicht des Gesetzgebers wohl beim Verbote gewisser Tierarten zutage: Das Schwein ist Allesfresser und Träger gefährlicher Krankheiten: ebenso erklärt sich das Verbot der verschiedensten Kleintiere. Man braucht bloß daran zu -erinnern, daß in manchen Gegenden des Orients noch jetzt Heuschrecken gegessen werden. Daher die Vorschrift des genauen Durchsuchens der Gemüse nach Würmcin und ähnlichem Kleintier, ein Grundsatz, der wohl von jeder kultivierten Küche übernommen wurde. Sehr interessant das Verbot Fische zu essen, die keine Flossen und Schuppen haben, denn Fische mit glatter Haut, wie der Aal oder die Schmerlenarten, leben zwischen Steinen am Grunde der Gewässer und nähren sich unappetitlicherweise von Schlamm. Sc niest ii g e r. -^#v.-.; Mit zu. den wichtigsten Vorschriften .gehören aberdie Gesetze über .die^ ^eischbescüaü iund. über , das rituelle Schächten. Man ^ärd nicht irregehen, wenn'nian sagt, daß bei den Juden.^die-.Fleischbeschau zuerst zur hohen Bedeujii.ug einer ' Ernährungswissenschaft erhoben wurde. Das r i f u e 11 c . S chäch t en. der Tiere, insbesondere auch das, .Schächten von- Großvieh und von Großwild, entspringt, bekanntlich dem Verbote. Blut zu genießen. Fragen wir nun, ob dieses Verbot .modernen diätetischen Anschauungen entspricht, so muß diese Frage zweifellos mit Ja beantwortet werden. Denn Blut geht im Darme sehr leicht in Fäulnis über, aber nicht bloß dies. Die entstehenden Fäulnisprozesse wirken noch weiter als Zündstoff, geeignet auch andere Bestandteile der Speisen, speziell Eiweißkörper im Darme in Fäulnis zu überführen. Schon aus diesem Grunde gestattet der Diätetiker in vielen Krankheitszuständen auch sonst bloß den Genuß des Fleisches von Schlachttieren. Es ist nicht uninteressant, daß von dem berühmten Forscher Metschnikoff vorzeitiges Altern geradezu auf Fäulnisprozesse im Darme bezogen wurde. Werden aber, wie wir gesehen haben, solche Fäulnisprozese speziell durch Blut produziert, so ist dies unbeschadet aller anderen Gründe allein schon genügender Anlaß, das rituelle Schächten als eine prinzipielldiätetisch glückliche'Maßnahme zu bezeichnen. Aehnlichen Anschauungen, nämlich der Scheu vor dem Blutgenuß, entspringt auch die Vorschrift des rituellen Salzens des Fleisches. Dadurch sollen die letzten Reste von Blut dem Fleischstücke entzogen werden, denn Salz zieht begierig Wasser und damit das wasserlösliche Blut an sich. Es ist klar, daß bei diesem Vorgänge nicht bloß Blut, sondern auch andere wasserlösliche Substanzen dem Fleische entzogen werden. Zunächst Produkte eben beginnender Zersetzung des Fleisches, sicher ein nützlicher Vorgang. Dann aber auch Extraktivstoffe des Fleisches, zumindest in manchen Krankheitsfällen erwünscht. Aehnliches wird sonst durch Sieden des Fleisches bewirkt Es darf indessen nicht übersehen werden, daß durch das lange Salzen des Fleisches auch viele schmeckende Substanzen verlorengehen. Nun erkennt man deutlich den Grund, warum die rituelle Küche Speisen, insbesondere aber Fleischspeisen, stark würzt. Durch die dem Pflanzenreiche' entnommenen. Würzen soll eben für den Verlust an schmeckenden Substanzen des Fleisches Ersatz geschaffen werden. -Diese Eigenart des. starken. Würzens . teilt die rituelle - Küche -der Juden übrigens mit. den Küchengewohnheiten vieler orientalischer Yplker, und sie ist es zum. Teil, die der rituellen Küche * den Ruf der minderen Bekömmlichkeit verschafft Würzstoffe 'sind für alle Zubereitungsarten von Speisen physiologisch notwendig, für die rituelle Küche, wie ..wjis.isehen-in höherem:Maße.' Es^ist aber gleichwohl zu erwägen, ob die Küch'engewohriheiten der Juden nach dieser Richtung nicht zu viel des Guten tun. Das hat^natürlich mit der Befolgung der rituellen Speisegesetze nichts zu tun, und es ist sicher wünschenswert, daß die rituelie Küche ein übermäßiges Würzen der Speisen vermeidet und insbesondere die Verwendung zu scharfer Gewürze einschränkt. Solche weise und sparsame Verwendung von Gewürzen führt zur Verfeinerung der- Küche und gleichzeitig zu ihrer besseren Bekömmlichkeit. (Schluß folgt) UFA-TON-KINO W|e n II., Tabo rs traft e 8 Telephon R 42-3-41 Ab niontfati URAUFFÜHRUNG Konrad Veidt und Karin Evans in Die letzte Kompagnie EinTonfilm der JOE MAY-Produktiqn der UFA Regie: Kurf Bernhardt Musik von Ralph Benafzky Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr Vorschriften für Erev Pessach am Schabbos. Da in diesem Jahre (5690) Erev Pessach auf einen Schabbos fällt und infolgedessen die Handhabung. der damit zusammenhängenden religiösen Vorschriften mannigfach verschieden gegen sonst, dennoch aber durchaus nicht allgemein bekannt ist. werden diese Vorschriften in nachstehenden Paragraphen allgemeiner Verbreitung und Kenntnisnahme zugeführt.- § 1, Bedikas Chomez_ findet in der Nacht auf den 13. Nissan, also Donnerstag abends, statt, und zwar in gleicher Weise wie sonst am Abend auf den 14. Nissan; ebenso wird vorher die Brocho und nachher Kol Chamiro gesprochen. ~ §2. . Die Erstgeborenen fasten am Donnerstag» dem 12. Nissan. Wird denselben hierdurch das abends stattzuhabende Bedikas Chomez zu beschwerlich, so ist ihnen gestattet, ein kleines Quantum von Speisen und Getränken vor Bedikas Chomez zu genießen, auch - können sie letzteres in ihrem Auftrage durch einen'anderen besorgen lassen. §3. Am 13. Nissan, Freitag vormittags, etwa gegen 10 Uhr, findet wie an gewöhnlichen Jahren das Verbrennen des Chomez statt, ohne daß aber das Kol Chamiro dabei gesprochen wird. §4. Wenn leicht tunlich, soll der Chomez-Verkauf alsdann, wie in den gewöhnlichen Jahren, stattfinden. Uebrigeiis darf derselbe auch später, jedoch vor dem Eingange des Schabbos, betätigt werden, und wird nur dasjenige Chomez als Eigentum im Hause behalten, dessen: man am Freitag, Freitag nachts und Schabbos früh, so lange man laut § 6 Chomez essen darf, zum Essen bedarf. §5. Am Schabbos Erev Pessach geht man möglichst früh' zur Synagoge, woselbst die Gebete ohne irgend welche Verzögerung abzuhalten sind. Hamburger Brief . Herrliches Frühlingswetter begünstigte die am 23. v. M. stattgefundenen Wahlen zur Repräsentantenschaft in der Hamburger Gemeinde. Der Wahlkampf spielte sich dieses Mal in außergewöhnlichen Formen ab und wurde mit großer Erbitterung geführt, was bei der Zuspitzung der gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse nicht Wunder nehmen kann, steht doch die Sozialpolitik auch hier im Vordergrund der Erörterungen. - Der Wählerschaft bot sich dieses Mal eine Auswahl von sechs Wahlvorschlägen. Da war zunächst die Liste des „Vereines selbständiger Handwerker und Gewerbetreibender von 1906", der „Wirtschaftspartei". Die Konservativen traten mit zwei Listen auf den Plan, und zwar mit einer „Achduth-Liste", deren Spitzenkandidat der bisherige Führer Offenburg ist, und der neuen „unpolitisch-konservativen". Die Volkspartei wartete unter Führung ihres bisherigen Repräsentanten Dr. Kalmus mit vierzehn Kandidaten auf, wurde hierin aber von den Liberalen übertroffen, deren Liste achtzehn Namen aufwies. Neu In Erscheinung trat die „Jüdisch-sozialistische Liste". Kurz vor Sessionssdrhiß gelang es den Liberalen, mit Unterstützung der Volkspartei das passive Wahlrecht für die Frauen unter Dach und Fach zu bringen, nachdem dasselbe wenige Tage vorher an dem Widerstand der Konservativen scheiterte. Zum ersten Male ziehen Frauen ins Hamburger Gemeindeparlament ein. Die Würfel sind gefallen. Die neue Repräsentantenschaft setzt sich wie folgt zusammen: 4 Wirtschaftler, 6 Konservative (3 Achduth, 3 unpolitische), 4 Volksparteiler, 7 Liberale. Die Sozialisten gingen leer aus. In den Wählerversammlungen ging es zuweilen hoch her. Obwohl am Vorabend der Wahl die Volkspartei einen ihrer besten Redner aus Berlin aufbot, brachte der Ausfall der Wahlen für diese Partei eine Enttäuschung. Die Konservativen behaupteten sich und man muß diesen Erfolg um so höher bewerten, als die neue unpolitische Liste gleich auf den ersten Anhub eine recht stattliche Stimmenzahl auf sich vereinigen konnte. Die Liberalen hingegen hatten eine geringe Einbuße zu verzeichnen. Ein starkes Argument bildete für die Konservativen deren Eintreten für die Aufrechterhaltung der getrennten Kultusverbände, eine Institution, die bereits siebzig. Jahre in Hamburg in Geltung ist und sich als segensreich für die Gemeinde erwiesen hat. Die Wählerschaft erkannte es an, daß in der •Gemeindestube nur Gemeindepolitik getrieben werden müsse. Hierauf mag auch der Mißerfolg der jüdisch-sozialistischen Liste zurückzuführen sein. Die Gemeindestube, dieser Ort ernster und friedlicher Zusammenarbeit, darf nicht zum Tummelplatz agitatorischer und separatistischer Bestrebungen herabsinken. Die bisherigen Repräsentanten haben das Ihrige getan. Die Zeit erfordert Männer der Tat, von denen neue Impulse für das Gemeindeleben zu erwarten sind. Arbeit ist das Gebot der Stunde! Mögen die neuen Männer dieser Pflicht eingedenk sein! John Jacobsohn.