Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 14 (4.4.1930)
- Date
- 1930-04-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 rechnen kann, sobald die Mandatsfrage endgültig entschieden ist, sobald alle entstehenden gesetzlichen Schwierigkeiten aufhören werden, werden sie. glaube ich, kommen und am Aufbau des jüdischen Heims mithelfen. Es handelt sich nicht um große spekulative Investierungen, nicht darum, Millionen in die Taschen der internationalen Finanz zu bringen, sondern ein großes, idealistisches Werk durchzuführen. Ich möchte daher fragen, ob nicht auch vom materiellen Gesichtspunkt aus jede Unterstützung der jüdischen Heimstätte im Interesse der arabischen Bevölkerung liegt? Juden und Araber haben bis jetzt dieselben Privilegien gehabt. Sie hatten z. B. bisher das Recht, unter türkischer Regierung zu stehen. Dieses Privileg wurde unparteiisch auf alle Teile der Bevölkerung ausgedehnt und auch die Resultate dieses Systems kamen allen Teile zugute. Dieser Stand der Dinge ist jetzt erfreulicherweise zu Ende. Aber'wenn die bisher von den Türken geknechtete Bevölkerung nun wirklich alle nur möglichen Wohltaten genießen wird, so kann das nur durch die Einführung der modernsten Methoden geschehen, unterstützt vom Kapital aus der ganzen Welt, und das kann nur durch die Ausführung jenes großen Planes geschehen, den die große Menge der Juden — nicht alle, ich weiß wohl, und häufig nicht die reichsten —, die große Masse der Juden in Ost und West, in Nord und Süd jedenfalls für einen großen Schritt auf dem Wege der Erleichterung des Loses hält, das ihre Rasse allzulange zu tragen hatte. Ich glaube, daß ich nicht weiter bei dem angeblichen Unrecht verweilen muß, das das jüdische Nationalheim der lokalen arabischen Bevölkerung antut. Ich behaupte, daß vom rein materiellen Gesichtspunkt aus unsere Politik in Palästina eine erfolgreiche Politik ist Aber wir haben niemals behauptet, und ich habe es ganz bestimmt nicht, daß die Deklaration vom November 1917 ihren Ursprung in rein materiellen Erwägungen gehabt habe. Ich betrachte diese Erklärung nicht als eine Lösung, wohl aber als eine Teillösung der großen and dauernden Judenlrage.*) Ihre Lage und ihre .Geschichte, ihre Beziehung zu den Weltreligionen und zur Weltpolitik ist eine ganz eisenartige. Es gibt dazu keine Parallele und nichts, was sich einer Parallele nähert, in irgendeinem Teil menschlicher Geschichte. Da ist ein kleines Volk, das ursprünglich ein kleines Land, etwa von der Größe von Wales und Belgiens, bewohntet, das niemals in seiner Geschichte eine materielle Macht hatte, zuweilen erdrückt von den orientalischen Großmächten, dessen Bewphner dann deportiert und verschlagen wurden, die aus ihrem Lande in alle Teile der Welt vertrieben wurden und die bis heute ihre religiöse und Stammestradition in einer Weise aufrechterhalten und weitergeführt haben, zu der wir keine Parallele kennen. Das ist, wie mir scheint, schon bemerkenswert genug. Man bedenke nun noch — das dürfen wir nie versessen — SbwngAutUeH & *) Man beachte diesen einschränkenden Standpunkt Lord Balfours; für unsere modernen Zionisfen ist Palästina bekanntlich die Lösung der Judenfrage. D. Red. unter Autsicht des Herrn Bezirksrabbiners 5. Ehrenfeld zu Matlersburg wird das Speisefett Kunerol hergestellt Kunerol ist reines KokosnufVfett und kann von jedem Sir engglaubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen verwendet werden. ÜNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT wie die Juden in langen Jahrhunderten behandelt worden sind, in Jahrhunderten, die in manchen Teilen der Welt bis zu dieser Minute andauern, in der ich spreche. Man beachte, welcher Tyrannei und welcher Unterdrückung sie unterworfen waren; man frage sich, ob nicht die ganze europäische Kultur und alle Religionen Europas sich von Zeit zu Zeit der größten Verbrechen gegen sie schuldig gemacht haben. Ich verstehe gut, daß einige Menschen dieser Rasse Veranlassung zu diesem Verhalten gegeben haben, und ich weiß nicht, wie das bei der Behandlung, die man ihnen hat angedeihen lassen, anders hätte sein können.. Aber wenn man sieb alles vergegenwärtigen will, darf man auch nicht diel Rolle vergessen, die sie in den intellektuellen, künstlerischen, phikräophisenen und wissenschaftlichen Entwicklung der Welt haben. Ich spreche nicht von ihren ökonomischen Leistungen, auf die die Aufmerksamkeit der Christen sich stets richtet Ich bitte vielmehr, die andere Seite ihrer Tätigkeit ins Auge zu fassen. Niemand leugnet, daß sie gerade in letzter Zeit mit ganzer Energie sich für den wissenschaftlichen, intellektuellen und künstlerischen Fortschritt eingesetzt haben. Wir finden sie an jeder Universität in jedem Zentrum der Gelehrsamkeit. In der Zeit ihrer größten Verfolgungen seitens der Kirche entwickelten ihre Philosophen Gedanken, die die größten Kirchenlehrer ihrem religiösen System einverleibten. So war es im Mittelalter, so ist es Jetzt. Und doch — gibt es hier jemand, der mit der Lage der Juden zufrieden wäre? Sie haben durch die besondere Zähigkeit ihrer Rasse sich bis heute zu erhalten vermocht, und dies, ohne eine jüdische Heimstätte zu haben. Man schilderte sie als Parasiten, die sich in alle Kulturen drängten, recht nützliche Parasiten zuweilen, möchte ich sagen. Aber sei dem, wie es wolle. Halten Sie, meine Herren, es nicht iür notwendig, daß die Christenheit das Unrecht vergißt, das sie den Juden angetan hat. und wenn sie ihnen ohne Verletzung anderer die Möglichkeit geben kann, zu zeigen, ob sie imstande sind, ihre Kultur in ihrer Heimat aufzubauen, wo sie vor Verfolgungen geschützt sein werden. — Müssen wir es nicht tun? Würden wir nicht, wenn wir so Landein, einen alten Fleck abwaschen, der auf unserer Zivilisation ruht, und wenn wir die jüdische Rasse in wirksamer Form aufnehmen in leiten Ländern, wo sie Bürger sind? Ich kann das Palästinamandat auch von einem ganz materiellen Gesichtspunkt aus verteidigen — ich habe es versucht und hoffe, mit Erfolg. — Von diesem Gesichtspunkt aus ist es einer Verteidigung fähig. Ich habe mich bemüht, es vom Gesichtspunkt der heutigen Bevölkerung Palästinas aus zu verteidigen. Aber wenn ich mich mit allen meinen Fähigkeiten bemüht hat», das Mandat von diesen beiden Gesichtspunkten aus zu rechtfertigeil (dem ökonomischen und dem der palästinensischen Araber. D. R.), so würde ich einen falschen Eindruck von meinen Ansichten geben, wenn ich nicht mit dem Aufgebot aller meiner Kräfte betonen würde, daß über alle diese Momente hinaus es dieses große Ideal ist, dem die. die denken wie ich. nachstreben, und das zu erreichen, wie ich glaube, in unserer Macht liegt. Es kann freilich auch scheitern. Ich leugne nicht, daß es sich um ein Wagstück handelt Das Wagnis kann gerechtfertigt werden, wenn dafür irgend eine Grundlage ist. Wahrlich, wir sollten eine Botschaft senden zu jedem Lande, in das die Juden verschlagen worden sind, eine Botschaft, in der wir ihnen sagen, daß das Christentum ihren Glauben nicht vergessen hat, daß es der Dienste eingedenk sei, die sie den großen Weltreligonen geleistet haben und vor aHem auch der Religion, zu der der größte Teil dieses Hauses sich bekennt, und daß w_$r_ihnen mit allen Kräften die Möglichkeit eröffnen wollen, in Frieden und Ruhe unter britischer Herrschaft ihre großen Gaben zu entwickeln. Dieses Ideal möchte ich verwirklicht sehen, das ist das Ziel der Politik, die ich verteidige. Und wenn es auch von jedem Standpunkt aus verteidigt werden kamt, dies ist der Grund, der mich vor allem bewegt." * Baifour-Gedenkgottesdlenst in der Westminster-AMei. Der Präsident der Jewish Agency Dr. Weismann nnd der Vorsitzende des Administrative Committee Felix M. Warburg wohnten dem Balfonr- Gedenkgottesdienst m der Westtninster-Abtei bei Die Jewish Agency sandte zur Bestattungsfeier einen Kranz mit der Inschrift: „Zur Erinnerung an den größten Freund des jüdischen Volkes von der Jewish Agency für Palästina." Gesetz, vom Juden und vom Judentum findet seine Lösung durch Unterwerfung unter das Kreuz, durch Aufgehen in — Christentum. Das Problem des Judentums findet seine Auflösung durch Aufgehen in Christentum, jedoch nur scheinbar. Denn wer hätte sich nach jenem kleinlauten Abgang Shylocks des beengenden Gefühls erwehren können, daß damit noch lange nicht das letzte Wort gesprochen worden sei? Wer empfand es nicht so, daß nach einer erlittenen Niederlage der Riese sich fürs erste in seine Höhle zurückgezogen habe? Wer glaubt es, daß ein Shylock wirklich zu Kreuz gekrochen sei, er, eine Persönlichkeit von überlebensgroßen Konturen, für seine Taten jederzeit einzustehen bereit? Ein Mann, der seine Tat, und wenn sie eine Untat äst, vor Gottes Richterstuhl zu verantworten gewiß enschlossen ist? Nein, die Seele eines Shylock kann in dieser Scheintaufe nicht ihre Erlösung gefunden haben, das jüdische Problem mit diesem Ausgang nicht seine Lösung. Und nach wie vor schlägt der Schatten der unbefreiten Judenseele drohend und schreckhaft auf die ganze übrige Welt. Was aber will diese Judenseele, die alle Welt beunruhigt? "Wann und wie will sie ihre Erlösung erreichen. Auf alle die Fragen, die das Judenproblem erst endgültig zu lösen vermöchten, gibt uns Shakespeare keine Antwort, kann er uns keine geben. Kann es vielleicht kein Mensch der Welt. Denn das Judentum, das seine Erlösung keinem Gotte zweiter Hand zu verdanken haben will, erhält seine Berufung von Gott allein, vom alleinigen, einzigen Gott. Gott allein weiß den Tag seiner Erlösung und den Schlußstein zu seiner Erlösung legt allein Gott! Man sieht, die Fragen um das Judentum ragen bis ins Ueberirdische, bis in Gott hinein, und nur von dorther kann ihm Antwort kommen. Wie sollte da Shakespeare, ein Sohn des Christentums, das Rätsel des jüdischen Geschickes auflösen wollen? Er, der als Christ die Juden kennt und — verkennt. Gehört es ja auch mit zur Bestimmung des Judentums, verkannt zu werden, gedemütigt, erniedrigt und verkannt! Darum auch konnte Shakespeare für das Geschick des Juden Shylock und das Judengeschick nur insoweit Verständnis aufbringen, als es einem Christen, beziehungsweise einem Christen seiner Zeit möglich war. Für diese Auffassung sprechen alle hier durchgeführten sachlichen Beweise und im Zusammenhang angeführten Zitate. Insbesondere die willkürliche Anwendung und Abwechslung des märchenhaften Elementes mit ernsten und tiefgründigen Abhandlungen über theologische Probleme. Das Hinüberleiten in lustspielbaftes Element an Orten, wo eine tragische Entwicklung viel näherliegend gewesen wäre. Schließlich alle im Detail aufgezeigten Widersprüche in der Charakterisierung Shylocks. Es muß anderseits der im gegebenen Fall gebrauchte Vorwand einer Gegenüberstellung der Begriffe von Gesetz und Gnade als u n s t i c h h ä 11 i g, zumindest aber als einseitig bezeichnet werden, in Hinsicht auf die besondere Unterstellung, unter der hier der Begriff des Gesetzes dargeboten wird, daß nämlich ein Bösewicht das Prinzip des Gesetzes zu vertreten berufen wird. Daher aber kann auch der hier stattgehabten Untersuchung über den Gegensatz dieser zwei Begriffe (einen Gegensatz, der nota bene nicht existiert, indem ja die Gnade dem Gesetze nicht zuwiderläuft, vielmehr die letzte Erfüllung desselben bedeutet) kein definitiver Entschied zugesprochen werden. Schließlich aber darf auch aus den genannten Gründen Shakespeares „Kaufmann" nicht angerufen werden zu einer endgültigen Bewertung dieser gewaltigen geistigen Strömungen, in deren Geiolge und durch deren größere oder geringere Betonung eben der prinzipielle, der Wesensunterschied von Judentum und Christentum entstand. Dabei wäre es grundfalsch anzunehmen, daß das Judentum die Gnade Gottes nicht kenne oder sich gar der Uebung der Gnade entgegenstelle. Keineswegs. Denn das Judentum in seinem, von zwiespältigen Auffassungen nicht erschütterten Glauben an die Heiligkeit des Gesetzes scheut nur vor einer Antizipation der Gnade zurück, einer Vorwegnahme, durch welche die — ach, nur zu sündenfällige — Menschheit sich Trost zu ihrem Unheil leihen möchte. Wie sehr also auch Shakespeare als Christ bemüht sein mußte, gegenüber dem Juden und dem Judentum seine christliche Einstellung zu bewahren, Shakespeare der Dichter, der von keiner Dogmatik gehemmte Seher, vermochte es nicht zu verhindern, daß unbeschadet seiner naturgemäß subjektiven Ueberzeugung das Objektive zum Durchbruch kam, daß über seiner zeitlich begrenzten Persönlichkeit unpersönliche Wahrheit aufdämmerte. So wächst die gigantische Gestalt Shylocks unter der Hand ihres Bildners weit über die ihr zugedachte Schranken hinaus. Wie ein Riese vom Gewimmel der Zwerge bebt er sich von seiner Umgebung ab, erhebt er sich mit dem gewaltigen Ingrimm seines gerechten Hasses über die hypothetische Gnadentheorie der christlichen Gesellschaft. Die heilige Verbindlichkeit des Gesetzes aber bleibt unwiderlegt! Oft erscheint es, als ob im kolossalen Format dieser Persönlichkeit etwas wie ein Geschöpf einer anderen Sphäre, das Wesen einer anderen Welt hinabgetaucht sei in den Umkreis dieser christlichen Welt Aus dieser Wesensfremdheit, bis zu welcher die Divergenz christlicher und jüdischer Religionsüberzeugung gediehen ist. resultiert der Widerspruch, das Unzulängliche des Versuches, die Vertreter derselben zu konfrontieren und sie eventuell in ein harmonisches Verhältnis zu bringen. Wegen ihrer, unterschiedlichen Dimensionalität ist dieses Verhältnis unmöglich. Worin Shakespeare jedoch genial erscheint, ist, daß er trotz der Verlockungen christlicher Dogmatik, die Wirklichkeit in die Theorie zu pressen, unbefangen genug geblieben ist, in Shylock die elementare Macht eines Volkes, seine Erfülltheit von heiliger Berufung lebendig zu gestalten. Darin liegt iür uns der tiefe Gehalt und die Aktualität von Shylocks Persönlichkeit. Denn nicht die Verkörperung einer Allegorie, in der die lebende Person zur Marionette einer bloßen idee herabgedrückt wird, ist Shylock, sondern — darüber hinaus — erhebt sich in ihm das innerste Wesen eines ganzen Volkes. Zur Lösung jedoch hat Shakespeare das Problem „Shylock" nicht gebracht. Er hat es nur seiner ganzen, aufgereckten Größe nach umrissen in großartiger Weise darauf hingedeutet. Noch immer steht das seiner Auflösung harrende Problem hinter den Ereignissen der christlichen und — wie wir glauben — der gesamten Welt. Damm ist Shylock nur eine — wenn auch grandiose — Episodengestalt!