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Die Wahrheit · 1930-04-04 · Heft 14 (4.4.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 14 (4.4.1930)
Date
1930-04-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEli Annahme eines Kolonisationsplanes, demzufolge in nächster Zeit 1000 jüdische Familien in Palästina mit einem Kostenaufwande von 350.000 Pfund landwirtschaftlich angesiedelt werden sollen. Dieser Beschluß war auf Grund des Berichtes des Experten Dr. R u p p i n gefaßt worden. Dr. Ruppin kritisierte nämlich die Regierung, die keine definitive Bodenpolitik habe und es nicht verstehe, daß sich die jüdische Kolonisation tatsächlich als für den arabischen Bauern segensreich ausgewirkt habe. Man könne ohne jede Schwierig- Keit und ohne den arabischen Bauern irgendeinen Schaden anzutun, 50.000 jüdische Familien in einer kürzeren Frist ansiedeln. Dies durchzuführen, müsse die Jewish Agency ein Jahresbudget von* 1,500.000 Pfund haben. Von Dr. Weizmann ersucht, die Zahl der Familien mitzuteilen, die anzur siedeln möglich ist, erwiderte Dr. Ruppin, die Jewish Agency sollte es sich zum Ziele setzen, in den nächsten zehn Jahren 50.000 Familien anzusiedeln. Mit den 1000 jüdischen Familien sollte also ein Anfang gemacht werden; man mußte sich wohl schon deshalb auf diese im Verhältnisse zum Vorschlage Dr. Ruppins relativ niedrige Zahl einigen, weil das Jahresbudget der Jewish Agency nicht, wie dieser proponierte, mit 1,500.000 Pfund, sondern nur mit 750.000 Pfund, also der Hälfte, festgesetzt wurde. Dabei ist auch dieses Budget nicht restlos gesichert, denn abgesehen von den vorhandenen Verpflichtungen waren die bisherigen Eingänge, wie Dir. Oscar Wassermann berichtete, denkbar ungünstige; seit 1. Oktober 1929 konnte der Keren Hajes so d der Exekutive statt 194.000 Pfund nur 81.000 Pfund zur Verfügung stellen. Der trotz dieser ungünstigen Situation angenommene Kolonisationsplan wird nun nach dem Berichte der Untersuchungskommission, die sich entschieden gegen eine stärkere Einwanderung aussprach, wohl zu nichte werden. Das jüdische Palästina, das so gründlich „untersucht" wurde, ist um eine Hoffnung ärmer. Am Donnerstag, den 27. März, ist die Tagung des Administrative Committee der Jewish Agency zu Ende gegangen. Es wurde eine Exekutive der Jewish Agency gewählt, der die Mitglieder der Zionistischen Exekutive Nahum Sokolow, S. Kaplansky, Professor S. Brodetsky, Dr. Felix Rosenblüth. Colonel F. It Kisch, Dr. Artur Ruppin, Joseph Sprinzak und Rabbi Meir Berlin, außerdem die Nicbtzionisten Professor Maurice B. Hexter. Dr. Werner Senator und Julius Simon angehören. Ing. Pinchas Rutenberg, Präsident des Waad Leumi in Palästina, erklärte, der an ihn ergehenden Einladung, der Exekutive der Jewish Agency beizutreten, nicht Folge leisten zu können, er versprach aber, an dem neuen Werke der Jewish Agency in Palästina mitzuarbeiten. (Von den Mitgliedern der Zionistischen Exekutive gehören Harry Sacher, Lazarus Barth, Louis Lipsky und Miß Henriette Szold der Agency-Exekutive nicht an: vier weitere zionistische Exekutivmitglieder werden bis zum 1. Oktober d. J. ausscheiden.) Das Administrative Committee hat in seiner letzten Sitzung u. a. die folgenden vom Politischen Komitee vorgeschlagenen Resolutionen angenommen, mit denen wir uns noch näher beschäftigen werden: 1. Der jüdischen Bevölkerung in Palästina wird die Bewunderung für die Standhattigkeit, die sie während der Palästina-Unruhen im August 1929 bewiesen hat, zum Ausdruck gebracht. Das Administrative Committee der Jewish Agency stellt mit tiefer Befriedigung fest, daß die Judenbett der Welt ihren unbeugsamen Willen manifestiert hat, alles zu tun, um die Idee des jüdischen Nationalheims zu verwirklichen. 2. Die britische Regierung wird aufgefordert, ihre Politik in Palästina so zu führen, daß das Mandat dem Buchstaben und dem Geiste nach verwirklicht werde. 3. Die vom XIL Zionistenkongreß gefaßte Resolution für ein friedliches Zusammenarbeiten mit den Arabern wird aufs neue bekräftigt 4. Das Administrative Committee der Jewish Agency verficht das Prinzip, daß es in Palästina keine Beherrschung der Juden durch die Araber oder der Araber durch die Juden geben solL Im Verlauf der Schlußsitzung machte Doktor Weizmann den Vorschlag, Lord M e 1 c h e 11 an Stelle des verstorbenen Louis M a r s h a 11 zum Präsidenten des Council der Jewish Agency und Dr. Cyrus Adler am Stelle Melchetts zum stellvertretenden Vorsitzenden des Council zu wählen. Dr. Weizmann gab der Freude Ausdruck, daß Dr. Cyrus Adler sich bereit erklärt hat, die wichtige und delikate Mission, das jüdische Interesse in der Angelegenheit der Klagemauer vor dem Völkerbund zu vertreten, zu übernehmen. Der Vorsitzende, Herr Felix M. W a r b u r g, teilte noch mit, daß die nächste Tagung des Administrative Committee im; Spätsommer dieses Jahres stattfinden wird, um noch rechtzeitig das Budget für das jüdische Jahr 5691 festzusetzen. AKTIENGESELLSCHAFT l., Bauernmarkt Nr. 10-12-14 Vll., Marlahliferstraße (Ecke Zieglergasse) 00 TEPPICHE VORHÄNGE raOBEESTOEEE UNOEEIIM DECKEN örößle Aeswohl! Dilligste Preise! Der Schadenersatz für die Palästina-Opfer. Das Jerusalemer Amtsblatt veröffentlicht soeben eine offizielle Mitteilung über Entschädigung für Verluste, die während der Unruhen im August 1929 erlitten worden sind. Laut dieser Mitteilung sind von der Regierung für zu leistende Entschädigungen insgesamt 100.000 Pfund bewilligt worden. Die Entschädigungsskala ist die folgende: Für Getötete unter 14 Jahren wird eine Entschädigung nicht geleistet, für getötete Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren wird an die Angehörigen eine Maximalentschädigung von 100 Pfund ausgezahlt. Für einen getöteten Ehemann werden 250 Pfund, für eine getötete Ehefrau 100 Pfund, für ein getötetes Ehepaar 350 Pfund geleistet. An Personen, die infolge von Verletzungen, die sie während dar Unruhen erlitten haben, vermindert erwerbsfähig geworden sind, werden Summen zwischen 5 und 100 Pfund ausgezahlt. Personen, die gemäß dieser Skala entschädigt werden, verzichten auf jeden Anspruch auf Entschädigung gemäß der Verordnung über Kollektivbestrafung. Ein ideales Wagnis. Von Arthur James B a 1 f o u r. Zur Charakterisierung der Palästina-Tendenzen Lord B a 1 f o u r s veröffentlichen wir einen Teil der Rede, die Balfour am 21. Juni 1922 im Oberhaus über die Palästina-Politik i gehalten hat. Sie ist eine Antwort auf eine Rede #on,/Lord Isjingtoiii der-die Aufgabe der Mandatspoliti k verlangt hatte. Diese Rede war die- .«rste. die Balfour nach seiner Erhebung in die Pairswürde gehalten hat. Aber seine erste Rede im Oberhaus war nicht nur eine parlamentarische Sensation. Sie war ein Ereignis von moralischer Bedeutung. Nie zuvor sind in einem Parlament der Welt solche Worte zur Judenfrage gesprochen worden. . Nie zuvor ist mit solcher Schärfe die geschichtliche Perspektive des Verhältnisses der Christen zu den Juden gekennzeichnet worden. Gerade diese Rede charakterisiert den Mann, mit dessen Namen das neue Palästina eng verknüpft ist, und die große allmenschliche Idee, die die Triebkraft seines Werkes gewesen ist. „Kein Mensch kann behaupten, daß Palästina ein übervölkertes Land-sei.-Es ist vielmehr ein' .Land mit zu geringer Bevölkerung im gegenwärtigen Augenblick, bevor alle ökonomischen Entwicklungen, die ich erwarte, eintreten konnten. Und wenn die Hoffnungen, die ich hege, nicht völlig 'enttäuscht werden, so. wird Palästina die Möglichkeit haben, eine weit größere Bevölkerung zu erhalten, als es jemals unter türkischer Herrschaft hatte oder haben konnte. Aber das kann nur geschehen, wenn man mit der Begeisterung der Juden in aller Welt Feuilleton Shylock oder Das jüdisch-christliche Problem. Eine kritische Untersuchung. Von S. Taubes. (Schluß.) Wir nähern uns dem Eintritt jener Ereignisse, die dem grausamen Unterfangen Shylocks eine plötzliche Wendung bereiten und die Elementargewalt des Hasses noch glücklich und geschickt von seinem Opfer abziehen. Wir gelangen zur Kulminadon und dem bald darauf folgenden vollständigen Debakle von Shylocks Vorhaben. Der Jude ist fest geblieben und man bereitet sich allen Ernstes zur blutigen Exekution. Auf Einwendungen und Vorbehalte jeglicher Art antwortet Shylock nur kurz und unwillig, womöglich bestrebt, einer Erörterung aus dem Wege zu gehen. Er ist nur mehr fauchender Haß, keiner menschlichen Einrede mehr zugänglich. „Du nanntest Hund mich, eh' du Grund gehabt. Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne." Ja, er verweigert es geradezu, sich in eine Unterhaltung einzulassen; „---ich will nicht reden hören" oder „---folg mir nicht, ich will kein Reden". Es ist. als ob er sich scheute, auch nur die Möglichkeit einer Unterredung zu gewähren, die ihn vielleicht noch umstimmen könnte. Als er aber auf die Anrede und Ermahnung des Dogen, der für seinen christlichen Untertan plädiert, doch genötigt ist, Rede zu stehen, vermeidet er es ebenfalls, sein Vorgehen zu rechtfertigen. In der Weißglut seines verzehrenden Hasses pocht er nur mehr .auf seinen Schein, sein Recht, ohne weiter an Gründe zu rühren. „So weiß ich; keinen Grund, will keinen sagen als eingewohnten Haß und Widerwillen." Er erstarrt im Affekt, panzert sich mit Unzugänglichkeit, steht da als die Verkörperung des Hasses, der erbarmungslos ist und unabwendbar wie eine Naturgewalt, ein unerschütterlicher Fels, daran schmeichelnde und drohende Wellen gleichermaßen sich brechen und abgleiten. Und als Bassanio in Verzweiflung um seinen totgeweihten Freund und Gläubiger, aller Standesehrc ungeachtet und wie in einem letzten, hoffnungslosen Versuch, sich bemüht, mit Shylock wieder anzuknüpfen, antwortet dieser zurückhaltend, kurz und lauernd, wie wenn züngelnde Blitze aus seinem Munde lüsterten. Bassanio: Bringt jedermann das um, was er nicht liebt? Shylock: Wer haßt ein Ding und bringt es nicht gern um? Bassanio: Beleidigung ist nicht sofort auch Haß! Shylock: Was? Läßt du dich die Schlange zweimal stechen? Shylock kennt den Antagonismus zwischen Judentum und Christentum, zwischen Jud und Christ. Er weiß, daß dieser unausrottbar ist und durch nichts zu überwinden. Er gibt sich daher auch keinerlei Täuschung lün und kann nicht hoffen, sich den Christen je zum vorurteilslosen Freund zu machen. Es wäre interessant und bei dieser Gelegenheit wohl auch statthaft, einmal dem Gedanken nachzugehen, was denn geworden wäre, wenn Shylock sich gnädig gezeigt hätte: welche Wirkung von Shylock als dem Repräsentanten der Gnade ausgehen würde, welche Aenderung dies in seiner Beziehung zu den christlichen Mitbürgern zur Folge gehabt hätte. Uns will es scheinen — man muß sich nur an die herausfordernde Art erinnern, in welcher die Anleihe gemacht wurde —, daß sich in solchem Falle im wesentlichen und von Grund aus in jenem Verhältnis nichts geändert hätte. Denn der Gegensatz zwischen Jud und Christ ist kein äußerlicher. Er ist nicht ökonomischer, noch politischer, noch rassenhafter Natur. Dieser Antagonismus zwischen Judentum und Christentum ist tiefinnerlich und geheimnisvoll, er ist ein — religiöses Mysterium. Im nachfolgenden wird das Bild Shylocks bis ins Karikaturistische verzerrt. Denn es ist schwer möglich, sich vorzustellen, wie er wirklich sein Messer „eifrig" wetzt, um „die Büß' dem Bankrottierer aufzuschneiden". Hier tritt wohl wieder das Märchenhafte in den Vordergrund; das Drastische des „Wetzens" zumal gemahnt stark an die Hexe des Märchens, die ihre Messer schleift, um kleine Kinder zu vierteilen. Der animalische Blutrausch, der ihn dann überkommt, daß er es kaum erwarten kann, in stammelnder Gier nach dem Fleisch des Feindes „zunächst der Herzen" zu langen, artet schließlich in perverse Exzessivität aus. In seiner Weigerung, einen Feldscher zuzulassen, damit das Opfer nicht verblute, in dieser Verstocktheit gegenüber einer letzten Forderung der Menschenliebe, weil „'s ist nicht in dem Schein", darf man wohl nichts anderes sehen, als einen der berühmten Superlative Shakespeares. Hier aber ist endlich auch der Erwägung stattzugeben, derzufolge Shakespeare nur dadurch, nur durch solche Uebersteigerung den eigenen inneren Widerspruch zu überbrücken sich bemühte, wollte er — nach allem — an dem Dogma von der Superiorität christlicher Gnadentheorie festhalten. Nun tritt, nach all den blutrünstigen Vorbereitungen, dieser aufregenden Nervenspannung und darin ebenfalls mit dem Märchen analog gehend, ganz plötzlich der günstige Umschwung ein. Durch einen juristisch geistreichen Kniff wird die zum äußersten gediehene Gefahr spielend überwunden, erscheint der Bann des Schreckens wie durch ein Zauberwort gelöst, wird das Gesetz mit seiner unmenschlichen Forderung durch spitzfindige Gesetzlichkeit ad absurdum geführt . . . Shylock muß von seinem unnatürlichen Vorhaben abgehen, muß dann Schritt vor Schritt von seinen Ansprüchen auf Tilgung der Schuld (!) zurückweichen, ja schließlich nach einer sonderbaren Gerichtsbarkeit noch selbst in Form einer Schenkung Pönale zahlen und — soll ihm das Leben erhalten bleiben — das Christentum bekennen. Shylock, in die Enge getrieben, geht auf alles ein; er entschuldigt sich aber gleich mit Unwohlsein, bittet, man möge ihm die bezüglichen Akten nachschicken und — zieht sich zurück. . Durch diese etwas verblüffend eingetretene Wendung der Dinge, ihren ganz unerwarteten Uebergang erscheint der friedliche und harmonische Ausgang aller Komplikationen gesichert. Die peinliche Bestürzung, in welche die Gesellschaft durch den Juden versetzt worden war, ist beseitigt, ja schlägt noch für manche der Betroffenen zum Vorteil um. Das Problem jedoch vom

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