Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 14 (4.4.1930)
- Date
- 1930-04-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag MiHMIIIffllllllllllllllllUlIUnMIIIilll^ » mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden'*; und den Amtlichen .Verlautbarungen der Israelifischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien Ii., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 4. April 1930 Nummer 14 Das „untersuchte" Palästina. jj Der so merkwürdig lange verzögerte B ericht des von der englischen Regierung eingesetzten Ausschusses zur Untersuchung der Unruhen in Palästina liegt nunmehr endlich vor. Es ist ein echt englisches Dokument, das an Zweideutigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Wenn man diesen Bericht, der historischen Wert besitzen soll, aufmerksam liest, so wird man überzeugt davon sein, daß seine Verfasser nach der in England augenscheinlich sehr bewährten Taktik vorgegangen sind: „Wasch' mir den Pelz und mach' mich nicht naß!" Es wird da versucht, die Schuld auf alle Faktoren „gerecht" zu verteilen, dabei aber immer die „Neutralität" der eigenen Verwaltung nachzuweisen, gegen die, wie besonders betont wird, sich die Unruhen nicht gerichtet haben. (Wer hat das Gegenteil je behauptet?) Außerdem wird das nach dem Berichte ohnehin nicht allzu große Maß von Schuld auf Seiten der Araber, deren niederträchtige Kampfesweise wohl gegeißelt wird, noch dadurch vermindert, daß ihr geistiger Führer, der G r o ßrnufti von Jerusalem, der Mann, der vor der Untersuchungskommission erklärte, daß er von der Existenz der „Protokolle der Weisen von Zion" überzeugt sei, in einem geradezu fabelhaften Unschuldslichte dasteht. Wie absurd hört sich die Behauptung an, daß der Mufti nach den Unruhen mit der Regierung zusammengewirkt habe, um die Ordnung wieder herzustellen, während er vor den Unruhen nichts getan hat, um diese stark bedrohte Ordnung zu gewährleisten. So verbleiben nach dem Berichte die pal ästinensischen Juden, für deren politische Führer manch treffendes Wort gefunden wird, als die im wahrsten Sinne des Wortes allein Leidtragenden. Nur ein schwacher Trost mag ihnen die Feststellung sein, daß „die jüdische Einwanderung, solange sie der wirtschaftlichen „Aufsaugungsfähigkeit" des Landes angepaßt war, Palästina zum Segen gereicht habe." Was nützt diese löbliche Versicherung, wenn die Sicherheit im Lande fehlt, die angesichts der von der Kommission unumwunden konstatierten Schwäche der palästinensischen Garnison und der Unzuverlässigkeit der dortigen Polizei nach wie vor nicht gegeben ist. Wahrlich, es muß noch viel in Palästina geschehen, um Ruhe und Ordnung in diesem Lande, das dieser wichtigen Voraussetzung zu seinem Aufbau dringend bedarf, wieder herzustellen. * Der Bericht erklärt unter anderm: Der Ausbruch der Unruhen am 23. August des Vorjahres erfolgte durch einen Angriff der Araber auf die Juden, für den keine Entschuldigung festzusetzen war. Insbesondere ist die Behauptung unzutreffend, daß die Araber durch vorausgegangene Mordtaten der Juden gereizt worden seien. Der Ausbruch der Unruhen war nicht vorbereit c t. Die Unruhen äußerten sich in niederträcht Tg e n Angriffen der Araber auf die Juden, sowie in der nutzlosen Zerstörung jüdischen Eigentums. Eine Ausrottung der jüdischen Gemeinde in Hebron ist nur mit knapper Not verhindert worden. In einigen wenigen Fällen haben die Juden die Araber angegriffen und arabisches Eigentum zerstört. Diese Angriffe waren durchwegs Repressalien der Juden in Gegenden, in denen die Araber bereits Attacken auf die Juden verübt hatten. Die Unruhen waren keine Revolte gegen die englische Regierung in Palästina. Die Haltung des Mufti von Jerusalem. Der Bericht beschäftigt sich dann mit den zionistischen Beschwerden und sagt, es sei kein Beweis dafür geliefert worden, daß der Mufti von Jerusalem die Unruhen angezettelt habe, um sich in seiner Stellung zu behaupten. Die Organisationen, die er zum Schutz der heiligen Stätten geschaffen habe, seien nicht dazu bestimmt gewesen, Unruhen hervorzurufen. Die Neueinrichtungen der Mohammedaner in der Nähe der Klagemauer sollten teils die Juden ärgern, teils dienten sie dem Zweck, mohammedanische Eigentumsrechte an der Mauer und ihrer Umgebung geltend zu machen. Dem Mufti gebühre kein größerer Teil der Schuld als einigen jüdischen Autoritäten. Es sei nicht bewiesen, daß er die Mohammedaner aufgefordert habe, sich am 23. August in Jerusalem einzufinden. Nachdem die Unruhen ausgebrochen waren, habe der Mufti mit der Regierung zusammengewirkt, um die Ordnung wieder herzustellen. Auch die arabische Exekutive in Palästina habe keine Vorbereitungen für die Hervorrufung von Unruhen getroffen. Einige Mitglieder der Exekutive waren zweifellos auch an der Propaganda unter der ungebildeten Bevölkerung beteiligt. Dem Mufti und der arabischen Exekutive fällt zur Last, daß sie in der Woche vor den Unruhen nichts getan haben, um durch eine öffentliche Erklärung zugunsten von Ruhe und Ordnung Stellung zu nehmen. Der Bericht nimmt dann den stellvertretenden Gouverneur Luke gegen die gegen ihn erhobenen Angriffe in Schutz und lehnt die Beschuldigung ab, daß die Regierung von Palästina einen Mangel an Sympathie gegenüber der Errichtung der jüdischen Heimstätte gezeigt habe. Die Regierung habe unter schwierigen Umständen versucht, eine neutrale Haltung zwischen zwei Völkern einzunehmen, deren Führer nur wenig Befähigung für Kompromisse gezeigt hätten. Die Kommission ist der Ansicht, daß die jüdische Einwanderung, solange sie der wirtschaftlichen ..Aufsaugungsfähigkeit" des Landes angepaßt war. Palästina zum Segen gereicht habe und auch für die Araber von Nutzen gewesen sei. Die Ursachen der KonUikte zwischen Arabern und Juden. Die von den Zionisten erhobenen Ansprüche auf die Einwanderungsrechte gingen jetzt so weit, daß sie geeignet seien, bei den Arabern die Befürchtung hervorzurufen, daß sie unter jüdische Herrschaft geraten und ihres Lebensunterhaltes beraubt würden. Die jüdischen Autoritäten seien von den Einwanderungsgrundsätzen, die im Jahre 1922 akzeptiert worden seien, abgewichen, da sie neuerdings zu viel Land für die Juden beanspruchen oder ankaufen, ohne daß in anderen Landesteilen ausreichendes Land vorhanden sei, um die fandlos gewordenen Araber anzusiedeln. Infolgedessen habe sich eine besitzlose Klasse von Arabern gebildet, die eine Gefabr für das Land sei. Vorschläge der Kommission. Die Kommission stellt dann fest, daß die Garnison in Palästina und Transjordanien zu weit abgebaut worden sei und daß die Polizei bei den Kämpfen sich als unzuverlässig erwiesen habe. Sie fordert die englische Regierung auf, in einer unzweideutigen Erklärung ihre Politik für das Mandatsgebiet darzulegen und insbesondere in der Einwanderungsfrage und im Landerwerb nähere Richtlinien bekanntzugeben. Uebermäßige Einwanderung, wie in den Jahren 1925/26 muß verhindert werden. Die Garnison in Palästina soll in Zukunft vorläufig nicht weniger als zwei Bataillone betragen und es soll eine Reserve an Schutzleuten in der Zivilbevölkernn.g gebildet werden. Die Feststellungen sind von allen vier Mitgliedern der Kommission unterzeichnet. Das Mitglied der Arbeiterpartei, S n e 11, stellt jedoch fest, daß nach seiner Ansicht die Schuld der mohammedanischen Autoritäten und der arabischen Exekutive an dem Ausbruch der Unruhen viel größer sei, als dies von der Regierung anerkannt werde. * Besonders interessant sind die Vorschläge der Kommission. Obwohl sie uns noch nicht im genauen Wortlaute vorliegen, kann schon heute gesagt werden, daß sie sehr allgemeiner Natur sind. Daß eine Verstärkung der Garnison und der Polizei notwendig sein würde, war allen Informierten klar, wenn es auch unsäglich traurig ist, daß die Sicherheit in der „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte" nur auf der Macht der Bajonette aufgebaut werden kann. Was bedeutet aber die Forderung an die englische Regierung, „in einer unzweideutigen Erklärung ihre Politik für das Mandatsgebiet festzulegen"? Die Kommission, deren Aufgabenkreis eng umgrenzt war, äußert sich anscheinend nicht darüber, wie diese „unzweideutige Erklärung" lauten soll, und die Angst gewisser zionistischer Kreise, daß der Untersuchungsausschuß diesbezüglich in Ueberschreitung seiner Vollmachten irgendwelche antizionistische Vorschläge machen werde, war wohl nicht berechtigt. Aber es steht nach der Zweideutigkeit des Berichtes nach wie vor zu befürchten, daß die gewünschte „unzweideutige Erklärung" manche allzu weit gehende Hoffnung zum Scheitern bringt. Eine Hoffnung ist nach dem Berichte wohl schon jetzt zerstört worden: die Aussicht auf eme möglichst starke jüdische Einwanderung nach Palästina. Die Zionisten haben gerade in letzter Zeit diese Forderung, deren Berechtigung hier nicht untersucht werden soll, besonders stark erhoben, und ihr Führer Weizmann hat diesen ihren Wunsch unlängst wie folgt begründet: „Die Basis für weitere politische Aktionen muß ernste praktische Arbeit in Palästina sein; andernfalls würden unsere politischen Bemühungen nichts anderes sein als eine leerlaufende Maschine. Wir würden die Völker der Welt von unserem Rechte überzeugen, wenn wir unsere Arbeit in Palästina in einem schnelleren Tempo als bisher fortführen." Professor Weizmann hat diese nun wohl illu? sorisch gewordenen Worte auf der vorwöchigen Londoner Tagung des Administrative Committee der Jewish Agency gesprochen, der der Bericht des Untersuchungsausschusses noch nicht vorlag. Vielleicht ist die auffallende Verzögerung der Veröffentlichung dieses Berichtes auch darauf zurückzuführen, daß man höheren Orts seine Kritisierung auf der Tagung vermeiden wollte, der unter Vorsitz des Präsidenten Felix M. W a r b u r g die Mitglieder der Exekutive der zionistischen Organisation und der Jewish Agency, ferner eine Anzahl amerikanischer und englischer Mitglieder und fast alle kontinentalen Mitglieder des Administrative Committee beiwohnten, also gewissermaßen die Elite der an dem Wiederaufbau interessierten Weltjudenheit. Eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Tagung, bei der alle bisher bestandenen administrativen Differenzen bereinigt, wurden, war die