Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 13 (28.3.1930)
- Date
- 1930-03-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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LUE WAHRHEIT Seite 3 die während der kurzen Jahre ihrer Existenz verschiedenen Inhalt erhielt. Auch zur Zeit wird um den Inhalt der Balfour-Deklaration schwer gestritten. Die Augustereignisse haben ein Blitzlicht auf die ungeheuere arabische Propaganda geworfen, welche gegen die Balfour-Deklaration im Zuge ist. Die englische Regierung wird auf Grund des Berichtes der Shaw-Kommission über die Richtlinien ihrer künftigen Palästinapolitik sich äußern müssen. Es ist tief zu beklagen, daß in diesen ernsten Zeiten Lord Balfour nicht mehr unter den Lebenden weilt und sein gewichtiges Wort nicht mehr zugunsten einer judenfreundlichen Palästinapolitik einsetzen kann. Ein Friedensvorschlag. Die Zeitung „Feiestin", Organ der Arabischen Executive Palästinas, veröffentlicht das folgende Schreiben von Professor. Albert Einstein in Berlin an den Redakteur des „Falastin", Azmi-EI Nashashili in Jaffa: . Sehr geehrter Herr! Ich habe mich sehr über Ihren Brief gefreut. Denn er' beweist mir, daß auf Eurer Seite guter Wille vorhanden : ist für eine unserer beider Völker würdige Lösung. der obwaltenden Schwierigkeiten. Ich glaube, daß . diese Schwierigkeiten mehr psychologischer als sachlicher Natur sind, und daß sie gelöst werden können, wenn auf beiden Seiten ehrlicher, guter Wille mitgebracht wird. Unsere jetzige Situation ist dadurch .eine so ungünstige, weil Juden und Araber als streitende Parteien einander vor der Mandatarmacht gegenüberstehen. Dieser Zustand ist beider Nationen unwürdig und kann nur dadurch geändert werden, daß wir unter uns einen Weg finden zu Vorschlägen, auf die sich beide Parteien geeinigt haben. Wie ich mir die Realisierung einer Aenderung der bestehenden mißlichen Zustände denke, sage ich Ihnen nun, indem ich gleichzeitig hinzufüge, daß dies meine private Meinung ist, die ich mit niemand besprochen habe: . Es wird ein geheimer Rat gebildet, zu dem die Juden und die Araber je vier Vertreter senden, welche nicht von einer politischen Instanz abhängen dürfen. Zusammensetzung auf jeder Seite: 1 Arzt, gewählt von der Aerztegesellschaft, 1 Jurist, gewählt von den Rechtsanwälten, 1 Arbeitervertreter, gewählt von den Gewerkschaften, 1 Geistlicher, gewählt von den Geistlichen. Diese acht Leute kommen einmal per Woche zusammen. Sie verpflichten sich, nicht Interessenvertreter ihres Berufes und ihrer Nation sein zu wollen, sondern «ach bestem Wissen und Gewissen das Gedeihen der ganzen Landesbevölkerung ins Auge zu fassen. Die Besprechungen sind geheim und es darf über sie absolut nicht berichtet werden, auch nicht privatim. Wenn ein Beschluß über irgend etwas zustande gekommen ist, dem mindestens drei Männer von jeder Seite zustimmen, so kann der Beschluß der Bekanntgabe gefaßt werden, die aber im Namen des ganzen Rates geht Ist einer nicht einverstanden, so kann er aus dem Rate austreten, aber er wird von der Pflicht der Geheimhaltung dadurch nicht entbunden. Wenn eine der genannten wählenden Gemeinschaften mit einer Resolution des Rates unzufrieden ist, kann sie ihren Vertreter durch einen anderen ersetzen. Wenn dieser „geheime Rat" auch keine bestimmten Kompetenzen hat, so wird er doch dazu führen können, daß eine gemeinsame Vertretung der Landesinteressen gegenüber der Mandatarmacht entsteht, welche über die Tagespolitik erhaben ist. Es grüßt Sie freundlich ■■ 1 Ihr ' A. E i n s t e i n. Das Organ der arabischen Exekutive „Feiestin" knüpft an den von Professor Albert Einstein aus eigener Initiative und — wie er erklärte — aui eigene Verantwortung gemachten Vorschlag, einen aus vier Juden und vier Arabern, die nicht in die Frage der Tagespolitik verwickelt sind, sich zusammensetzenden geheimen Rat zur Behebung der arabisch-jüdischen Differenzen ' und der einheitlichen Vertretung der Landesinteressen gegenüber der Mandatarmacht zu bilden, den folgenden Kommentar: Es ist Pilicht der Araber wie der Juden in Palästina, ihre Stellung zu diesem Vorschlag zu fixieren. Man mag der Ansicht sein, daß diese« Vorschlag mancher Aenderung bedürfe, aber man würde geradezu ein Verbrechen begeheil, wollte man nicht alle Kanäle erkunden und alle Möglichkeiten ausschöpfen, die eine Chance für Herbeiführung einer Zusammenarbeit der beiden. Volksgemeinschaften in Palästina bieten. Heute besteht ein unglücklicher Spannungszustand. Ein gut Teil Glück liegt in dem Umstände, daß Professor Einsteins Name mit dem Vorschlag verbunden ist, der sonst irgend welchem Verdacht ausgesetzt sein könnte. Zu der Ansicht Professor Einsteins, daß der arabisch-jüdische geheime Rat, der zu bilden wäre, aus Persönlichkeiten bestehen sollte, die von jeder politischen cuuA das mit dem Zeichen der streng rituellen Erzeugung versehene KuneroL Das Verschlu&siegel bürgt Ih nen dafür, das Sie Kunerol ohne Bedenken geniefien können. Kunerol ist reines Kokosnu&fett undkannsowohlzur Zubereitung von Milchspeisen als auch zur Zubereitung von Fleischspeisen verwendet werden. IJNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT & denen jüdischen Gesetzes, dann aber auch, und im Zusammenhäng mit dieser religiösen Ueberzeugung, der Inbegriff jeglicher Bösartigkeit, worunter hauptsächlich Hartherzigkeit und Habgier hervorstechen. Gilt es nun dieses Bild aufrecht zu erhalten, insbesondere aber auch die laut eingewurzelter christlicher Ueberzeugung feststehende These von der Inferiorität jüdischer Religionsanschauung und der sich daraus ergebenden besonderen Mißartigkeit der Juden (Ahasver!). gilt es — sagen wir — dieses Bild zu bewahren, trotz der sich von selbst aufdrängenden Unstimmigkeiten, sowohl in bezug auf die Lehre, als auch auf das tatsächliche Geschehen, so wird — wenn auch unserer tiefsten Ueberzeugung nach unbewußt und nur etwa in Hinsicht auf die Forderungen poetischer Harmonie — in einem Nachsatz daran erinnert, in diesem post hoc ergo pröpter hoc, alles nur um im vorgezeichneten Bilde zu verbleiben. Es sei aber hier vermerkt, daß Shakespeare im allgemeinen, ja immer und überall das Gesetz keineswegs unterschätzt, wenn er auch dies Gesetz tausendfältig überspringen läßt. Daraus gehen dann eben alle Konflikte hervor, die zur ethischen Grundlage seiner unsterblichen Schöpfungen werden. Ihre Auflösung im tragischen oder versöhnlichen Sinne machen aber gerade die hohe, moralische Bedeutung des Shakespeareschen- Werkes aus. Im „Kaufmann von Venedig" selbst läßt er sehr gewichtige Argumente zugunsten des Gesetzes sprechen, und zwar sonderbarerweise von eben derselben Porzia, die als Fürsprecherin für die Gnade auftritt Bassanio bittet den Dogen um Gnade für meinen christlichen Freund Antonio: „Ich bitf euch Beugt einmal das Gesetz nach eurem Anseh'n; Tut kleines Unrecht um ein großes Recht Und wehrt dem argen Teufel seinen Willen." Eine Bitte, die von jedem. Standpunkt aus berechtigt erscheint und an die Gnade nicht einmal zu hohe Ansprüche stellt; dazu noch ein übereinstimmendes Bild mit Porzias Darstellung der Gnade ergäbe, von der (wie schon zitiert) gesagt wird, daß .,— am mächtigsten in Mächt'gen zieret sie Den Fürsten auf dem Thron." Wer wäre berufener, hier die Gnade zu personifizieren, als der Doge von Venedig, dessen Machtwort zur Schlichtung des Streites angerufen wird. Porzia jedoch fällt ein und spricht: ..Es darf nicht sein. Kein Anseh'n in Venedig Vermag ein gültiges Gesetz zu ändern. Es würde als ein Vorgang angeführt Und mehr als ein Verstoß nach diesem Beispiel Griff um sich in dem Staat Es kann nicht sein." In dieser unbefangenen Bestimmtheit und Unbeugsamkeit in der Auffassung des Gesetzes liegt aber gerade Sinn und Achse des Judentums. Die ganz realistische und berechtigte, ja moralisch pflichtgemäße Erwägung des Staatswohles, des unantastbaren Fundamentes, aui dem es beruht hindert das Staatsoberhaupt daran, hier Gnade walten zu lassen. Unwillkürlich drängt sich da der Gedanke auf. wie man darnach noch von einem Shylock Gnade erwarten wollte, von ihm, dem haßheißen Vertreter des Rechtes. Wenn dies aber logischerweise und unter der Zeugenschaft gesunden menschlichen Empfindens nicht geschehen kann, da Shylocks Verhalten psychologisch begründet sein Rachetrieb durchaus gerechtfertigt er-., scheint, so folgt hieraus, daß die Kontroverse zwischen Gesetz und Gnade keineswegs zugunsten der letzteren entschieden worden ist; es folgt daraus, daß Shakespeares Exposition an seiner eigenen Beweisführung zerschellte, daß Shapespeares dichterische Ueberzeugung gegen seine theologische angekämpft und — gesiegt hat. (Schluß folgt) UFA-TON-KINOi Wim II.» TaberitraB Telephon R 42-3-41 8 Der neueste Sprechand Toalllm «er JOE rlAY-Predubilon der UTA Liane Haid u* Gustav Fröhlich in Der Hflülerli in Musik von Ralph Benatzky Regie: Gustav Fröhlich Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn» und Feiertagen ab 4 Uhr Körperschaft unabhängig sind, bemerkt „Feiestin", die Verhältnisse in Palästina sind solche, daß es unmöglich wäre, eine Person zu finden, üic sich der Politik fernhält. Wenn zwei werdende Nationen sich in einem sehr kleinen Lande miteinander messen, so ist beinahe jeder Angehörige dieser Nationen ein potenzierter Politiker. Während der Chefredakteur des „Feiestin" im Leitartikel Professor Einsteins Vorschlag uneingeschränkt akzeptiert erscheint an anderer Stelle der gleichen Nummer ein mit den Initialen G. G. gezeichneter Artikel, der den folgenden Absatz enthält: Zehn Jahre Blutvergießen, Rechtlosigkeit und unausgesetzter Herschait von Haß, Terror und Not sollten genügen, um die Unmöglichkeit eines politischen jüdischen Staates oder eines Jüdischen Nationalheims im Heiligen Lande zu erweisen. Es gibt keine Verhandlungsmöglichkeit zwischen Arabern und Zionisten, dem Araber hat sich die wahre Natur des Zionismus, sein politischer Extremismus, enthüllt. Es würdet nicht nur sonderbar, sondern sogar selbstmörderisch erscheinen, wenn Araber den zionistischen Versprechungen vertrauen und ihren Beteuerungen auter Absichten und guten Glaubens Gehör schenken würden. Aus der Wiener Kultüsgemeinde. Die am Montag, den 17. 4 M., begonnene Geneiraädebatte des Wiener Kultusvorstandes über den Voranschlag für* das Verwaltungsjahr 1930 wurde, wie wir letzthin berichteten, mit einem sehr interessanten Referate des Herrn Finanzreferenten Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim eingeleitet der zunächst feststellte, dafl die einzelnen Kapiteln des Budgets in langen Beratungen der zuständigen Kommissionen, der Fuianzkomraissäon und des VertreterkoOegiums eingebend besprochen wurdea Man hat sich leider schon daran gewöhnt» immer, wenn vom Budget der Kultusgeinemde die Rede ist an das Defizit zu denken, das seit dem Jahre 1927, fortwährend aufscheint und beiKits eine gewaltige Höhe erreicht hatte. Im Jahre 1929 ist es aber gehingen, die Kuätusgemeinde so weit zu bringen, daß sie nicht nur im Rahmen des präKmmierten Budgetsarbeitete, sondern darüber hinaus den Mitgliedern der Gemeinde ein Resultat vorlegen kann, das alle Erwartungen» übertrifft. Dieser große Erfolg isf der Unterstützung alfer Parteien zu verdanken, die es verständlich fanden, daß angesichts der tristen wirtschaftliche» Lage nur an die Befriedigung der allernotwendizsten Bedürfnisse gedacht werden kann, selbst wenn» ein solcher Standpunkt unseren jüdischen Gefühlen zuwiderläuft Alle Vertretungskörperschaften, insbesondere aber das Präsidium, haben durch eiserne Sparsamkeit zu der Erzielung des schönen Resultates betgetragen, wofür ihnen besonderer Dank gebührt Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim beschäftigte sich nach diesen einleitenden Bemerkungen mit den Ergebnissen des Verwaltungsjahres 1929, die als recht günstige zu bezeichnen sind. Die Einnahmen waren in diesem Jahre mit S 5,650.000.— präBminiert. sie erreichten jedoch S 6,017.000.— und an außerordentlichen Einnahmen kamen S 117.000.— ein. Diese Besserung der Ein-, nahmen ist darauf zurückzuführen, daß die 20prozentige Erhöhung der Steuern einen größeren Eingang auf diesem Gebiete herbeiführte. Die Gesamtausgaben waren mit S 5,839.000.— präüminiert. das Ergebnis war S 6,120.303.—, es wurde also um S 280.000.— mehr ausgegeben, was hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, daß auf dem Gebiete des Fürsorgewesens um mehr als S 200.000.— mehr ausgegeben wurde. Die Kultusgemeinde hat also im Jahre 1929 besser abgeschnitten als in den früheren Jahren und in diesem Resultate steckt eine ungeheure Mühe. Arbeit und Sparsamkeit, an der auch die AmtsdirektEon und alle Beamten ihren dankenswerten Anteil haben. Das gute Ergebnis des Vorjahres ermöglicht es dem Finanzreferenten, ein günstigeres Budget vorzulegen, und wenn es geHngen wird, nicht nur das heuer präliminierte Defizit, sondern auch die Defizite der früheren Jahre zu tilgen, dann wird die Kultusgemeinde an jene Aufgaben schreiten können, deren Verwirklichung die Jüdische Bevölkerung Wiens mit Recht von ihr: erwartet Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim besprach sodann die Ziffern des vorliegenden Budgets, die wir in unserer letzten Nummer veröffentlicht haben. Die Einnahmen (S 5.984.281.—) sind mit ungefähr S 400.000.— höher prälimmiert als im Jahre 1929, da auch die Steuern höher als im Vorjahre prähminiert erscheinen. Die Ausgaben sind mit insgesamt S 6,205.890.— vorgesehen, so daß die Gebarung pro 1930 ein praBmimertes Defizit von S 221.609.— ausweist In diesem Defizit ist