Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 13 (28.3.1930)
- Date
- 1930-03-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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■■y^-fg^WIH UP« M3 vx*,j?xatiriä,VMn, ■^■^-»■■-t**^'^'^' ■wwdw™«r! Seite 2 DIE WAHRHEIl jenen Grundsätzen huldigten, von welchen die „Union" geleitet ist. Diese Tatsachen können nicht erschüttert werden, und mag die „Stimme" noch so laut ihre Stimme erheben, sie wird diese Tatsachen auf die Dauer nicht überschreien können, weil die Wahrheit schließlich immer zum Durchbruche gelangt Jeder Versuch, die offenkundige Sprache der Tatsachen zu betäuben, muß scheitern. Das Heil des Judentums liegt in seiner Religion; das Heil des Judentums ist durch den Zionismus und Nationalismus nicht verbürgt. Diese Erkenntnis ist auf dem Marsche. [ Arthur James Balfour ] Arthur James Balfour, der große englische Staatsmann und Philosoph, Freund der Juden und Verkünder der Deklaration über die Schaffung eines J^ationalheims in Palästina ist am Mittwoch, den 19. März'morgens im 82. Lebensjahre gestorben. Lord Balfour, der bis zu seinem 81. Lebensjahre öffenitüch tätig und von unerschütterlicher Gesundheit war; erkrankte vor etwa einem Jahre sehr schwer, erholte sich aber dann wieder, 10 Tage vor seinem Tode erkrankte er wiederum an dien Folgen einer Erkältung, als er bei seinem Bruder. Gerald Balfour, in Fishers Hill, nahe Woking (Surrey), weilte. Die Erkrankung schien leichter Natur zu sein, aber der geschwächte Körper des Zweüindachtzigjährigen konnte ihn nicht mehr genug Widerstand leistea Die Nachricht vom Ableben dieser großen Persönlichkeit hat sich schnell verbreitet und erweckte überall Trauer und Teilnahme. lieber die Hetzten Stunden BaMcurs berichten die Zeitungen: Die Nacht vor seinem Tode lag Balfour mit offenen Augen und bei vollem Bewußtsein da. Kurz vor Sonnenaufgang fragte er seine Pflegerin: „Ist das Ende nahe?" Die Pflegerin nickte. Daraufhin bat Balfour seinen alten Diener James Coltaam, der ihn über dreißig Jahre lang bediente, an sein Sterbelager. Mit dem Aufwand seiner letzten Kraft reichte er ihm die Hand: „Lebe wohl, James, ich danke dir für alles das. was du für. mich getan hast" Dann flüsterte Lord Balfour noch einige Abschiedsworte an seine Verwandten und starb ruhig und gelassen bei vollem Bewußtsein. Arthur James Balfour wurde am 25. Juli 1848 als Enkel des zweiten und Neffe des dritten Marquis oi Safisbmry geboren. Bis zu seiner vorjährigen Erkrankung war er. ungeachtet seines honen Alters, der unbestrittene Führer der englischen Konservativen Pa<r.tei und wurde von der gesamten englischen Oeffenrlichkeit als politische Autorität verehrt Er gehörte seit 1874 dem Untenhaus, seit 1922. nach Verleihung der Earlswürde, dem Oberhaus an. Balfour war wiederholt Mitglied des englischen Kabinetts, 1902—1905 Premierminister. 1916—1920 gehörte er der Koalitionsregiening als Minister des Aeußern an. Balfour war auch als Verfasser bedeutender philosophischer Werke hervorgetreten so schrieb er unter anderen: „A Defence of Philosophie Doubt" (1879), „The Foundation of Belief" (1895). „Theism and Humanism" (1914). Lord Balfoup wurde am 22. März auf seinem schottischen Landsitz in Anwesenheit der Familienmitglieder und seiner intimen Freunde bestattet. Die Zeremonie war die denkbar einfachste. Gleichzeitig fand in der Westminsterabtei ein Trauergottesdienst statt, zu dem in Vertretung des Königs der Herzog von York und unter Führung des Ministerpräsidenten MacDonald mehrere Mitglieder der Regierung erschienen waren. Es waren ferner viele führende Persönlichkeiten des englischen öffentlichen Lebens zugegen. Die Balfour-Deklaration und das Mandat Die von Lord Balfour an Lord Rothschild gerichtete Deklaration lautet in deutscher Uebertragung: Auswärtiges Amt, 2. November 1917. Lieber Lord Rothschild! Es ist mir ein großes Vergnügen, Ihnen namens Seiner. Majestät Regierung die folgende SympatMeerkläriung mit den jüdisch-zionisti^ ®cnen Bestrebungen zu übermitteln, die dem Kabinett unterbreitet und von ihm gebitifg't worden ist. Seiner Majestät Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei Klarheit darüber herrschen soll, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender n ich t j üdische r Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem andeir-en Lande beeinträchtigen könnte. Ich bitte Sie. diese Erklärung zur Kenntnis der, zionistischen' Föderation zu bringen. Arthur James Balfour. Die Balfouir-Deldaration ist das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, dessen Anfänge in die ersten Zeiten der Zionistischen Organisation, vielleicht noch früher, zurückgreifen. Bereits in der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts hatte die Idee der Absiedlung von Juden in Palästina in führenden Persönlichkeiten (George Eliot. Laurent Oliphant u. a. m.) einflußreiche Vorkämpfer gefunden. Benjamin Disraeli (Lord Baconsfield) stand ihr sympathisch gegenüber. Als Theodon Heral der Forderung nach einer jüdischen Heimstätte in Palästina programmatischen Ausdruck verlieh und zu ihrer Verwirklichung die Zionistische Organisation schuf, fanden seine' Bestrebungen in England Beachtung. 1903 ließ die englische Regierung dem Zionistenkongineß ein Angebot zugehen,., ein Territorium in Britsch-Östafrika (Uganda) für. eine jüdische Siedlung zur Verfügung zu stellen. Das Angebot wurde vom Kongreß abgelehnt Während des Weltkrieges propagierte ■ ■ ■ ■ I ■ ■ ■ I ■ ■ ■ K Demnächst erscheint .im Verlag Walter ^ölbsdilld, . -t„r> .iT—nCir to^if"t?— /"^vr- ■*** " 1; Berlin Grunewald, der „Prozeß Iflies Haapünonns Dreyfos" von Dir. Bruno Well, dargestellt nach den deutschen und französischen Akten. Das SeKretarlat der „Union demsdiOsterr. Joden" Wien IX., Berggasse 4, Tel. A 19-2-77 nimmt Vorausbestellungen zum Subskriptionspreis broschiert 3.60 M (statt 4.— M) gebunden 4.80 M (statt 5.50 M) entgegen. I ■ l ■ ■ ■ I ■ ■ AKTIENGESELLSCHAFT l., Banernmarht Nr. 10-12-14 VII., Mariahlllerstraoe Nr. AA (Ecke Zieglergasse) 9V VORHÄNGE nOBElSTOffFB ElMOECVra DECKEN Größte ABSwanl! Billigste preise! das „British Palestinc Committee". dessen Zentrum Manchester war. die Schaffung einer Heimstätte füT> die Juden in Palästina unter britischer Oberhoheit Diese Idee fand die Sympathien der damaligen führenden Staatsmänner Englands wie Balfour, Lloyd George, Lord Robert Cecii, des früh verstorbenen Sir Mark Sykes. Inzwischen war es den. Bemühungen Prof. Chaim Weizmanns und Nahum Sokolows gelungen, mit Hilfe des von ihnen gebildeten politischen Komitees auch fernestehende Kreise der britischen Judenheit zu gewinnen. Sie fanden die Unterstützung führender Vertreter des englischen Judentums, insbesondere Lord Walter Rothschilds und des Reichsrabbiners Dr. J. H. Hertz. Auch die UntersiÜützung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Wilson, wurde gewonnen. Nach längeren Verhandlungen, in deren Verlauf die zionistischen Führer sich auch des Einverständnisses der französischen und dem italienischen Regierung versicherten, wurde am 2. November 1917 die oben zitierte Erklärung in dar Form eines Briefes des Außenministers Balfour an Lord Rothschild publiziert. Obwohl der zweite Teil der Balfour-Deklaration ausdrücklich anerkennt, daß die Rechte der arabischen Bevölkerung in Palästina nicht beeinträchtigt werden sollen, wurde von den Arabern befürchtet, die Juden wollten als Minderheit die Herrschaft in Palästina an sich reißen und alle Bewohner des Landes zu einer jüdischen Nationalität zwingen. Um dieser Auffassung entgegenzuwirken, hat die englische Regierung im Juni 1922 eine offizielle Interpretation in Form eines Weißbuches (White Paper) über die britische Politik in Palästina erlassen, das dem Parlament vom Kolonienminister Churchill vorgelegt und genehmigt wurde. In dem Weißbuch wird der Begriff der nationalen Heimstätte dahin interpretiert, daß die Juden nur das Recht haben, ihr Gemeinwesen in Palästina zu erweitern. Die Verwirklichung des National Home und die Durchführung der Balfour-Deklaration wurden dann durch das im Juli 1922 vom Völkerbundrate genehmigte Palästina-Mandat geregelt. Darin wird Großbritannien als Mandatar des Völkerbundes für Palästina bestimmt, gleichzeitig wird ausgesprochen, daß die Mandatarmacht für die Verwirklichung der in der Balfour- Deklaration niedergelegten Prinzipien verantwortlich sein soll. Die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse der letzten Jahre haben den Nimbus, der durch Phantasie und Fanatismus, durch Enthusiasmus und propagandistischen Bluff um die Balfour-Deklaration sich gebildet hat, grausam und unerbittlich zerstört Es blieb der nackte Wortlaut der Deklaration, Feuilleton Shylock oder Das judisch-christliche Problem. Eine kritische Untersuchung. Von S. Taubes. (Fortsetzung.) Genügen die bisher geschilderten Vorfälle unserem Gefühl nach vollauf, um den beträchtlichen Widerwillen des Juden gegen seine Widersacher zu nähren, so tragen die weiter folgenden Ereignisse keineswegs dazu bei, denselben zu vermindern. Sie machen es vielmehr begreiflich, wie ein Mensch solch teuflischem Begehren verfallen könne. Und es gehört eine sonderbare Gefühlseinstellung dazu, eine unzuverstehende, rätselhaft anmutende Verwirrung der Urteilskraft, um — nach allem — eine wesentliche Benachteiligung am Charakter Shylocks und an dem des Judentums abzuleiten. Gehen wir indessen weiter dem Verlauf der die Person Shylocks betreffenden" Handlung nach. Kaum ist die Anleihe vollzogen, wird dem Shylock seine Tochter entführt Jessica, das etwas leichtfertige, verliebte Judenmädchen verläßt geblendet vom Glanz des christlichen Kavaliers, ihres Liebhabers, mit diesem ihr Vaterhaus, nicht ohne sich vorher mit kostbarem Schmuck und einer großen Summe Geldes aus dem Besitz Ihres Vaters versehen zu haben. Gerüchtweise erfährt dann Shylock, wie seine so gar nicht jüdischzüchtige Tochter in Genua an einem Abend „achtzig Dukaten" vertan habe und wie sie außerdem, ganz pietätlos, seinen Türkis, ein Familienandenken, um einen Affen eingetauscht habe. Voll Schmerz über die schnöde Flucht seiner Tochter mit einem Christen, über den Diebstahl, den sein eigenes Kind an ihm vollzogen, über alles sich häufende Ungemach, rennt er hinaus und schreit es verzweifelt in die Gassen. Als Echo tönt ihm die vielstimmige Verhöhnung durch Gassenbuben entgegen. Ja, sie verhöhnen den alten, unglücklichen Juden und auch die christlichen Herren necken ihn, wenn er sich in den folgenden Tagen auf dem Rialto zeigt um seinen schweren Verlust Sie, die Mitwisser und Mitschuldigen an der Entführung, der Verführer selber, gehören aber alle dem Freundeskreis seines Schuldners Antonio an. Shakespeare gibt allen diesen Vorgängen ein etwas lustspielhaftes Kolorit Er zieht den Schmerz und die Empörung des alten Vaters ins Humoristische, was noch dadurch erleichtert wird, daß er Shylock im Bild des Geizhalses festhält, der nur seiner gerechten Strafe erliege. Aber dem Shylock ist bei all dem gar nicht lustspielhaft zu Mute. Ja, in dieser Zeit reift in ihm der grausame Plan, schlägt der spielerische Gedanke in ernsten, unumstößlichen Entschluß um. sich ah dem Christen blutig zu rächen. . . . .„Ich will sein Herz haben", so «rft er aus, „wenn er verfällt; denn wenn er aus Venedig weg ist so kann ich Handel treiben, wie ich will". Nach den bisherigen Ausführungen, welche den Weg des Shylockschen Charakters von knirschender Demut bis zu gierigem Haß. so überzeugend darstellen, der schließlich in diesem Ausruf gipfelt mutet der Nachsatz im eben zitierten Ausspruch etwas merkwürdig und ganz und gär unvermutet an. Denn was soll nach all den Geschehnissen, all den Kiobsposten, die den Zustand des Juden bis zur Besinnungslosigkeit steigern und wahrlich zureichend genug erscheinen, um in ihm jenen Schrei nach des Feindes Herz zu rechtfertigen, was soll da — fragt man sich — noch dieser Nachsatz mit seinem hinkenden Motiv? Aber so steht er da und enthüllt in seiner Zusammenhanglosigkeit eine gewisse Verlegenheit, in die sich Shakespeare augenscheinlich durch die selbst heraufbeschworene Persönlichkeit Shylocks versetzt sah. Bis jetzt ist uns schon ein gewisser Widerstreit in der Charakteristik Shylocks aufgefallen, ein Zwiespalt in der Behandlungsweise dieser Persönlichkeit indem er einesteils als Jude gewissermaßen im Voraus stigmatisiert erscheint, anderseits durch die ihm zugefügte schwere Unbill das Mitgefühl aller teilnehmenden Menschen erwecken müßte. An dieser Stelle aber und an diesem unscheinbar angefügten Nachsatz wandelt sich der oft hervorgekehrte Zwiespalt geradezu zur Gezwungenheit in der Charakteristik, insoferne nämlich, als der Dichter hier gezwungenermaßen eine charakteristische Bemerkung einflicht, die das präsumptive, ohnehin nicht schmeichelhaft angelegte Bild der geschilderten Persönlichkeit gewaltsam beizubehalten bestimmt ist Es ist hier der Fall eingetreten, daß die expositioneile Absicht in der Charakterisierung einer Persönlichkeit zur ihrem wahrscheinlicheren Bild, wie es durch die Offenbarung dichterischer Phantasie organisch und fast zwangläufig hervorwuchs, in Widerspruch geraten ist. Nach der Exposition des Christen Shakespeare (die sich übrigens in nichts von der vorgefaßten Meinung zahlreicher , Christen bis auf den heutigen Tag unterscheidet) ist Shylock als Jude einmal der Partei-, gänger des durch das Christentum angeblich überwun-