Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 13 (28.3.1930)
- Date
- 1930-03-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Di« Wahrheit » Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien « Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV1. Jahrgang Wien 28. März 1930 Nummer 13 Die ersten Lerchen____ Einige Bemerkungen zur Gemeindenummer der Von Dr. Josef T i c b o. „Stimme". Alljährlich, sobald die ersten Lerchen schwirren, hören wir in der Gemeindestube eine Kritik unserer Tätigkeit Man kann mit einer kleinen Variante eines Satzes aus dem Hohenlied« sagen: Die Zeit des Budgets ist gekommen und die Stimme der zionistischen Kritik wird in unserer Gemeinde gehört. Dagegen wäre an sich nichts einzuwenden. Diesmal hat aber weit über den Rahmen der Kritik in der Gemeindestube hinaus eine Nummer der „Stimme" die jüdische Oeffentlichkeit mit einer Reihe von Artikeln beschenkt, die alle die Tendenz vertreten, darzutun, daß die Kultusgemeinde die Aufgaben, die ihr als „einziger Organisationszelle des Judentums obliegen", nicht erfüllt oder nicht in genügendem Maße erfüllt, daß sie für die zionistische:» Postulate, als da sind: eine stärkere Subventionierung des Palästinawerkes, reichlichere Dotierung des Chajes-Realgymnasiums, u. a., zu wenig Verständnis an den Tag legt. Mich als Obmann der Unterrichtskommission interessiert besonders der Artikel .,Ziel und Sinn unserer Erziehungsmethode" des Universitätsprofessors Dr. Geiger, Obmann-Stellvertreters der Unterrichtskommission der Wiener Kultusgemeinde. Der lange Titel, der dem Namen des Verfassers folgt, soll besagen, daß Prof. Geiger in erster Linie berufen und befähigt ist, ein entscheidendes Urteil über den Religionsunterricht und die Tätigkeit der Gemeinde auf dem Gebiete des Erziehungswesens abzugeben. Ich habe den Artikel mit großer Aufmerksamkeit gelesen und mußte feststellen, daß derselbe im Gegensatz zu anderen, sehr gediegenen Geistesprodukten des Prof. Geiger leider sich mit Gemeinplätzen begnügt und dabei den Tatsachen durchaus nicht gerecht wird. Darüber muß man sich nicht wundern. Die Arbeiten des Prof. Geiger tragen rein wissenschaftlichen Charakter. Vom Artikel in der „Stimme" kann dies nicht gesagt werden, da er naturgemäß der politischen Einstellung Rechnung tragen will. Prof. Geiger fordert eine Reform des Religionsunterrichtes und stellt fest, daß die Methode, die heute im hebräischen Unterrichte angewendet wird, sinn- und planlos ist Mit dieser Feststellung kommt Prof. Geiger reichlich zu spät. Seit Jahren wird auf die Unzulänglichkeit dieser Methode von uns selbst hingewiesen. Unsere Inspektoren haben immer den Mechanismus auf dem Gebiete des Hebräisch-Unterrichtes bekämpft Der Leiter der Inspektion hat wiederholt der Unterrichtskommission Vorschläge gemacht, die versuchsweise Verwendung einer neuen Fibel und eines hebräischen Lehrbuches, das als Einführung in die Bibellektüre und das Gebetbuch dienen soll, beantragt. Er hat auch einzelne Lehrer beauftragt, gleich jetzt, noch vor der offiziellen Approbation der genannten Lehrbücher dieselben in Verwendung zu nehmen. Es sei festgestellt, daß die neuen Methoden überall, wo man dem Hebräischen besondere Aufmerksamkeit zuwendet, also in Berlin und anderen deutschen Gemeinden, erst in den letzten Jahren Anwendung gefunden haben, ohne daß noch über die Erfolg endgültige Urteile abgegeben werden können. Die Lehrbücher sind auch erst in den letzten Jahren geschaffen worden und stehen naturgemäß noch nicht alle auf der Höhe. Das lnspektorat hat k e i n e n Lehrer, der auf eigene Faust Reformversuche im hebräischen Unterrichte unternommen hat irgendwie behindert es hat vielmehr Lehrer, welche Versuche begonnen hatten, ermuntert, diese fortzusetzen und über den Erfolg zu berichten. Mehrere zionistische Lehrer, welche im Religionsunterrichte das Lehrbuch von Rath benützten, erklärten nach einiger Zeit kleinlaut nichts erzielt zu haben. Manche, und darunter prominente Lehrer, gaben der Meinung Ausdruck, man könne im Hebräischen in der Schule überhaupt nichts erreichen. Diese Meinung wurde von der Schulverwaltung niemals geteilt, sie war im Gegenteil immer bemüht, das gewiß nicht leicht zu lösende Problem des hebräischen Unterrichtes zu :studieren und einer wirklichen Lösung zuzuführen.-.: Professor Geiger sagt angesichts dieser Bestrebungen, die ihm als; Mitglied der Unterrichtskommission nicht unbekannt sind: „Nascitur ridiculus mus". Reformen des Religionsunterrichtes, welche eine Verteilung des Lehrstoffes, aber keine Veränderung bezwecken, sind wertlos und auf solche Permutationen sind letzten Endes alle Reformen des Lehrplanes in letzter Zeit ausgegangen. Vergleicht man die in Wien geltenden Lehrpläne mit denen anderer jüdischer Gemeinden, so findet man keine wesentlichen Unterschiede, überall wird biblische Geschichte, Bibel, Gebetbuch und jüdische Geschichte gelehrt. Eine grundsätzliche Aenderung im Betrieb des Religionsunterrichtes, die sich auf methodische Behandlung des Hebräischen und Emführung eines Weltanschauungsunterrichtes in den obersten Klassen der Mittelschulen bezieht, hat gerade der Leiter der Inspektion immer und immer Verfochten.. Jeder, der die Schule und gerade den Religionsunterrichtsgegenstand kennt, weiß, wie schwer solche einschneidende Aenderungen durchzuführen sind, und daß gerade hier konservative Behandlung am Platze ist Nichtsdestoweniger wird die Schulverwaltung unablässig die geplanten Reformen ins Auge behalten und zu verwirklichen trachten. Es soll daran erinnert werden, daß man in den meisten Gemeinden in der Tschechoslowakei den Zionisten den Religionsunterricht überlassen hat Was war der Erfolg? Nirgends ist es besser geworden, im Gegenteil, die beliebten Schlagworte haben die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit gerade von den Aufgaben abgelenkt, die sie auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes zunächst hätte erfüllen müssen. Nirgend" hat man für einen Nachwuchs von geeigneten Religionslehrkräften gesorgt und als vor einigen Jahren Oberrabbiner Chajes tn Präg den Vorschlag machte, an das in Wien errichtete Religionslehrersemirtar Kandidaten aus der Tschechoslowakei zu entsenden, fand dieser- Vorschlag nicht das geringste Verständnis. Prof. Geiger wird wohl zugeben müssen, daß <fie Inspektion zu wiederholten Malen auf die Notwendigkeit hingewiesen hat, tüchtige Lehrkräfte für die Mittelschulen zu gewinnen und für diesen Zweck Geldmittel angefordert hat. Wenn der Vorstand diesen Anträgen noch nicht vollständig nachgekommen ist so liegt die Schuld an der finanziellen Lage der Gemeinde, an welche gerade von zionistischer Seite immer größere Ansprüche gestellt werden. In der Erwägung, daß die Steuerschraube bei der heutigen Wirtschaftslage der jüdischen Bewohner Wiens nicht allzu straff angespannt werden kann, hat der Vorstand manch berechtigtes Verlangen der Inspektion zurückstellen müssen. Das Inspektorat hat nie „in einsamer Höhe gethront"; es stand jederzeit mit den Lehrern in lebhaftem Konnex. So viel über den Artikel des Prof. Geiger. Mit den anderen Artikeln will ich mich nicht befassen, sondern nur folgendes sagen: Wenn im letzten Kriege irgendwo ein Durchbruch geplant war, so begann der Kampf mit einer heftigen Kanonade. Auch die zionistische Partei hat als Einleitung zur Budgetdebatte ihre schwersten Geschütze klar zum Gerecht gestellt Die „Kanonen" Feuchtwang, Ehrlich, Friedmann, Löwenherz, Bauminger, Geiger, Rath, Klaber sind aufgefahren, ihr Donner tönt laut und vernehmlich; die Zukunft wird lehren, daß die Geschütze vergeblich aufgefahren sind. Die Unterrichtsverwaltung wird unentwegt ihre Pflicht erfüllen und für den Religionsunterricht und die religiöse Erziehung im Rahmen des Möglichen Sorge tragen. So optimistisch ist die Unterrichtsverwaltung allerdings nicht, daß sie eine gerechte Würdigung ihrer Bemühungen von Seiten der zionistischen Mandatare erwartet Sie verschmäht es auch; unter dem Schall der Fanfaren, ihre Arbeit der Oeffentlichkeit zu verkünden. Herr Vorsteher Bauminger sagt in seinem Artikel: „Ein Schofar ist keine Trompete und eine Trompete ist kein Schofar." Sehr richtig, aber wenn die Zionisten ihre Verdienste preisen wollen, dann lassen sie gleichzeitig mit aller Kraft Schofar und Trompete, Posaune und Harfe und vor allem die große Trommel erschallen, fast scheint es, als ob sie die warnende Stimme der Geschichte und das immer lauter sich meldende Gewissen der jüdischen Oeffentlichkeit übertönen wollten. Allerdings, daß die Herren diese Instrumente meisterhaft zu handhaben verstehen, sei ohne weiteres zugegeben. Es gehört wirklich eine Virtuosität sondergleichen dazu, eine so umfangreiche Zeitungsnummer zu verfassen, die in zwanzig Seiten ohne jede tatsächliche Grundlage sich selbst Lob spendet und die Tätigkeit der anderen glatt übersieht und übergeht. Wer die Verhältnisse der Gemeinde kennt und die Aufsätze dieser Nummer durchliest, wird bei aller Objektivität nicht imstande sein, auch nur eine einzige selbständige positive Leistung der zionistischen Partei festzustellen. Keine einzige Schöpfung ihrer Partei vermögen die Herren anzuführen. Mögen sie es doch versuchen, eine einzige Tat klipp und klar zu nennen. Alle in Wien bestehenden Anstalten, Spital, Versorgungshaus, alle Waisenhäuser, alfe großen Synagogen, kurz, nahezu alles, was in Wien jüdisch ist, wurde von Persönlichkeiten gegründet, welche religiös und nicht parteipolitisch eingestellt waren, also von Juden, die, ob sie nun liberaler oder streng religiöser Richtung angehörten, jedenfalls von ihrem ethisch religiösen Gefühle geleitet, diese Anstalten ins Leben gerufen haben. Es muß einmal betont und festgestellt werden, daß alle Gründer