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Die Wahrheit · 1930-03-21 · Heft 12 (21.3.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 12 (21.3.1930)
Date
1930-03-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 3 kung einer Berufung ausgesprochen. Dieses Verbot derSchriftenaushängung hat die Inhaberin der Parfümerie, die das Sprichwort „Wollt Ihr wissen, was sich ziemt, da.nn fragt bei edlen Frauen an" Lügen straft, damit quittiert, daß sie wohl die Schmähschriften entfernte, den Polizeierlaß aber in der Auslage ihres Geschäftes anbrachte und dazu mitteilte, daß ihr Rechtsfreund einen Rekurs gegen dieses ■Verbot beim Landeshauptmann einbringen werde. Der Polizeierlaß besitzt aber, wie erwähnt, keine aufschiebende Wirkung, so daß von einem vollen Erfolg der Aktion des Präsidiums der Kultusgemeinde gesprochen werden kann und auch der Erledigung des Rer kurses an den Landeshauptmann darf wohl mit Zuversicht entgegengesehen werden. Der Bericht des Herrn Vizepräsidenten Dr. J. Ornstein wurde zustimmend zur Kenntnis genommen, findet doch damit eine Angelegenheit ihre vorläufige Erledigung, die die Wiener Judenschaft bereits seit langem in größte berechtigte Entrüstung versetzt hat. Der Kultusvorstand schritt sodann zur Generaldebatte über das Budget pro 1930. die mit einem sehr interessanten Referate des Herrn Finanzreferenten Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim eingeleitet wurde. Wir werden auf die Beratungen, die sich über zwei Abende erstreckten, noch zurückkommen und beschränken uns heute darauf, im folgenden die Ziffern des Voranschlages wiederzugeben. Der Voranschlag weist Einnahmen von insgesamt S 5,984.281.— aus, denen an Ausgaben insgesamt S 6,205.890.— gegenüberstehen, so daß die Gebarung pro 1930 S 221.609.— als präliminiertes Defizit ausweist. Hierzu kommt das Defizit aus früheren Jahren von S 94.841.—, welches mangels sonstiger zur Deckung vorhandener Fonds aus der laufenden Gebarung zu bedecken sein wird, so daß das Budget insgesamt S 316.450.— als Defizit aufweist. Die Einnahmen und Ausgaben der einzelnen Budgetkapitel stellen sich wie folgt dar: Einnahmen Ausgaben S S Kultus- und rituelle Angelegenheiten ......... 638.865.— 1,092.695.— Schul- und Unterrichtsangelegenheiten ....... 26.322.— 384.705.— Friedhof- und Beerdigungswesen ........ 1,519.978.— 1,112.173.— Fürsorgewesen...... 1,179.223.— 2,061.092.— Gemeindeverwaltung .... 240.300.— 1,224.150.— Gebäudeverwaltung..... 54.593.— 47.690.— Materialverwaltung..... 27.515.— Technisches Amt..... 22.290 — Reserve für außerordentliche Ausgaben....... 200.000.— Kultussteuer........ 2,300.000.— Mairikenwesen . . . . . . 25.000.— 33.5S0.— 5,984.281.— 6.2Ö5.890.— Für personelle Ausgaben erscheinen insgesamt S 2,549.710.— prälimiert Die ordentlichen Sachausgaben belaufen sich auf. S 3,194.030.—, die außerordentlichen Sachausgaben auf S 313.650—, die Reserve für Bauten und Instandsetzungen auf S 148.500.—. _ rf> &&*ru*44e liefern ihr nahrhaftes Feit zur Kunerolerzeugung. Vom Pressen der Früchte angefangen bis zum Verpacken des gebrauchsfertigen Kunerols steht die ganze Herstellung unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen verwendet werden. Donhsatiunfl. Anläßlich des Ablebens meines innigstgeliebten, unvergeßlichen Vaters, des Herrn ADOEF FISCHER sind mir so zahlreiche Beweise aufrichtiger Teilnahme zugekommen, daß ich außerstande bin, jedem einzeln geziemend Dank zu sagen. Ich spreche daher auf diesem Wege den verehrlichen Korporationen, sowie allen Freunden und Bekannten meinen herzlichsten und tiefstgefühlten Dank aus. Oberkantor Heinrich Fischer. Wien, im März 1930. UNER0L 100% REINES KOKOSNÜSSFETT Deutschland und Palästina, Der deutsche General Kreß von Kressenstein, der Kommandant der türkischen Streitkräfte in Palästina im Kriege, der gegenwärtig zu Besuch in Palästina weilt, erklärte, wie wir letzthin meldeten, in einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur: „Hätte Deutschland den Krieg gewonnen, es hätte sich unmöglich für ein jüdisches Nationalheim erklären können; ebensowenig hätte es eine arabische nationale Bewegung gegeben. Wären die Türken in Palästina geblieben, es würde eine intensive Türkisierung des Landes vor sich gegangen sein. Ich glaube, daß die Juden deswegen aui die Seite der Alliierten getreten waren, weil sie sich vergegenwärtigten, daß Deutschland nicht in der Lage sei, ihnen ein nationales Heim zu geben.'*, Die Aeußerungen des Generals Kreß von Kressenstein sind, wenn sie wirklich so gefallen sein sollten, von einer derartigen Oberflächlichkeit, daß man, wie das Hamburger „Israelitische Familienblatt", dem diese Entgegnung entnommen ist, richtig bemerkt, sie nicht unwidersprochen lassen darf. Zum ersten kann natürlich gar keine Rede davon sein, daß „die Juden auf die Seite der Alliierten getreteil" seien. „Die Juden" hatten weder damals noch haben sie heute eine anerkannte staatliche Vertretung, die etwa in der Lage gewesen wäre, für die gesamte Judenheit eine bindende Erklärung abzugeben. Selbst die zionistisch gesinnten Juden, die den Vierverbandsmächten angehörten, sahen im Jahre 1917 in der Baliour-Deklaration noch keinen für ihre Stellungnahme irgendwie maßgeblichen Akt, denn man muß sich immer vergegenwärtigen, daß England damals über ein Land verfügte, das faktisch doch noch von seinen Gegnern besetzt war. „Ich hass' ihn, weil er von den Christen ist," und mit Bezug aui seinen Gegner Antonio: „Er haßt mein heilig Volk!"--- Man sieht, der Unterschied zwischen den Konfessionen ist zum konfessionellen Haß gediehen, was übrigens auf bedeutsame «Beziehungen innerhalb i'er betreffenden Bekenntnisse hindeutet. Denn grundverschiedene Religionen gehen aneinander eher teilnahmslos vorbei, während verwandte Religionen sich leidenschaftlicher und heftiger befehden, im Bewußtsein, das einzig wahre, unabänderliche Glaubensvermächtnis zu besitzen, das sie gegen ihre ungeratenen, entgleisten oder verstockten Brüder zu verfechten verpflichtet sind. „Mein heilig Volk" aber sagt Shylock und es ist, als sähe man ihn förmlich erbeben in religiösen Schauern vor der Heiligkeit seines Volkes, der heiligen Berufung, die ihm durch alle Not und Dunkelheit der Diaspora, nach allen Schicksalen der Wanderung und Verbannung unangetastet erhalten blieb und stets gegenwärtig entgegenleuchtet. Auch über diese Idee, die Idee der Heiligkeit und Auserwähltheit des jüdischen Volkes ist hier nicht der Ort, sich auseinanderzusetzen. Aber es sei nur hingewiesen auf die abgrundtiefe Kluft, den außerordentlichen Zwiespalt zwischen der Idee des jüdischen Volkes, ein Auserwähltes Gottes zu sein, und dem Zustand grenzenloser Erniedrigung und Verachtung, in den Israel seit Jahrtausenden verfallen ist, und welches Maß von Glauben, Geistesstärke und Vertrauen dazu gehört, dieser Idee die Treue zu bewahren. Shylock ist ein bewußter Vertreter dieser Idee! Während jedoch der konfessionelle Gegensatz des Judentums zum Christentum, bzw. zu anderen Konfessionen, ersteres stets zu passivem Verhalten gegenüber seinen andersgläubigen Nachbarn veranlaßte, ist das Christentum oft sehr aktiv gewesen, hat es sich zur ecclesia militans bekannt . . . Shylock hat alle die Zeit die Schmähungen und die Verachtung seines christlichen Mitbürgers ruhig über sich ergehen lassen, „denn Dulden ist das Erbteil unseres Stammes". Vielleicht hat er ihm insgeheim dieselbe oder noch tieiere Verachtung entgegengebracht. Er hat es jedenfalls vermieden, ihr öffentlich uud tätlich Ausdruck zu verleihen. Antonio aber war m seiner Verachtung gegen den Juden weit, sehr weit gegangen. Dieser mußte sich ungläubig schelten lassen und einen Bluthund (er, der Sohn des heiligen Volkes!), ja er mußte sich sogar anspeien lassen seinen „jüd* sehen Rockelor". Antonio hat ihn getreten und gestoßen, v.ie man von der Schwelle den iremden Hund stößt und hat ihm den „Auswurf auf den Bart geleert". Dieser Mann nun erscheint jetzt beim Juden, um von ihm Geld zu leihen (ein Ausdruck der grenzenlosesten Verachtung, die es diesem Herrn noch immer erlaubt, an Shylock heranzutreten, als ob nichts geschehen wäre) und als Shylock ihm sein bisheriges Verhalten vorhält, leugnet jener es nicht, noch hält er es iür nötig, sich dessentwegen zu entschuldigen: er bedroht ihn vielmehr neuerdings mit demselben Ausdruck der Verachtung. Dies ist ein Vorgang, der ganz u.ibegreiüich erscheint, unbegreiflich insbesondere an der Person eines christlichen Kavaliers, eines Vertreters gerade jener Religion, die mit der Idee der Gnade begaot ist; zumindest aber nicht mehr begreiflich als der später zutage tretende satanische Haß ShylocKS. Wen nimmt es da noch Wunder, wenn Shylock den bizarren Vorschlag zu der berüchtigten Schuldverschreibung macht und die Verpfändung christlichen Fleisches verlangt, sage und schreibe „ein volles Pfund." Dies muß übrigens anfangs nur als ein boshaiter Witz gedacht sein, da Shylock — wie gesagt — zu jenem Zeitpunkt noch nichts vom Schicksal der Galeonen Antonios ahnen konnte, von welchen auch später nur eine unterging. Er war gallig, war bitterböse und so tat es ihm einfach wohl, solchen „lust'gen Schein" bei sich zu tragen. (Portsetzung folgt) Wie sich im Kriege Deutschland der jüdischen Siedlung in Palästina gegenüber verhielt, darüber gibt u. a. eine Stelle aus der Rede des Grafen Bernstor ff, des damaligen deutschen Gesandten in Konstantinopel, Auskunft, die er am 17. Februar d. J. in Hamburg hielt: „Die Idee der Errichtung eines Nationalen Heimes für die Juden in Palästina ist nicht plötzlich am Ende des Krieges durch die Baltour-Deklaration neu aufgetaucht, sie bestand schon seit längerer Zeit und ist auch von der deutschen Regierung schon vor der Revolution aktiv betrieben worden, und zwar sind diese Verhandlungen damals durch mich als Botschafter in Konstantinopel geführt worden. Damals schon bestand die Absicht unsererseits, falls wir einen anderen Ausgang des Krieges erlebt hätten, als wir leider erlebt haben, eine ähnliche Forderung an die seinerzeit in Palastina herrschende Türkei zu stellen. Ich habe damals wochenlang unter Assistenz vieler der Herren, die heute an diesem Werk tätig sind, in der Türkei mit dem Großwesir verhandelt." Aus dieser Rede des Grafen Bernstorif geht freilich nicht hervor, ob diese Bemühungen schon vor der Baltour-Deklaration begonnen haben oder ob sie als ihre Folge anzusehen sind. Aus ihrer vorsichtigen Fassung und dem Zeitpunkt der Anwesenheit des Graien in Konstantinopel möchten wir das letztere annehmen, man mag sich auch nur erinnern, daß der deutsche Generalstab damals für seine „Aufklärungsarbeit", die er durch Propaganda redner in den Jahren 1916—18 überall betreiben ließ, einen besonderen „Sachverständigen für Palästina" angestellt hatte, nämlich den Major Franz Carl Endres. Dieser Mann, der es an sich gewiß ehrlich meinte, mußte nach Erscheinen der Balfour- Deklaration in ganz Deutschland eine Serie von Vorträgen halten, in denen er versicherte, daß die deutsche, respektive die verbündete türkische Regierung einen ähnlichen Standpunkt wie die Engländer einnehme und daß die Juden nicht den Engländern, sondern den Deutschen vertrauen sollten, denen ja der „Endsieg" und damit die Verfügung über Palästina gewiß sei. Diese Oedanken hat er denn auch in einem Ende 1917 erschienen Buche „Zionismus und Weltpolitik" niedergelegt. Wenn also Bemühungen gemacht wurden, sich der Gunst der Juden — wobei wieder die deutsche politische Leitung die zionistisch eingestellten Juden mit der Gesamtheit der deutschen Juden verwechselte — zu versichern, so geschah dies aui beiden Seiten der Front. General Kreß von Kressenheim hat daher kein Recht — weil die deutschen Generale die schlechteren Propheten (oder Strategen?) waren —, nun den Juden im allgemeinen, also auch den deutschen Juden, deren Aufopferung für ihr deutsches Vaterland wir nicht noch einmal besonders erwähnen müssen, zu unterstellen, sie hätten sich während des Krieges aui die Seite der Engländer geschlagen. Eine traurige Bilanz. Die New-Yorker jüdische Zeitung „Jewish D a 11 y B u 11 e t i n" vom 10. Februar 1929 veröffentlicht eine Zuschrift des jüdischen Parlamentsklubs von Rumänien, in welcher darauf hingewiesen wird, daß die jüdischen Parlamentarier vom Ministerpräsidenten Maniu die Erfüllung folgender Forderungen in der Parlamentssession 1929 verlangt haben: 1. Modifizierung des Naturalisierungsgesetzes. 2. Effektive Organisierung der jüdischen Kultusgemeinden. 3. Erhöbung der Subvention von 10 Millionen Lei für den jüdischen Kultus. 4. Deckung des Budgets der jüdischen Schulen von Seiten des Staates. 5. Die Ausdehnung der Staatsunterstützung auch auf die jüdischen Privatschulen. 6. Die Errichtung einer jüdischen Lehrerbildungsanstalt für die Heranbildung eines jüdischen Lehrkörpers. 7. Die Befreiung der jüdischen Schüler in den Staatsschulen am Samstag zu schreiben. Die erwähnte New-Yorker jüdische Zeitung wurde vom jüdischen Parlanientskiub verständigt, daß der Ministerpräsident geantwortet habe, er werde diese Forderunggen studieren. Seit damals ist ein Jahr verstrichen, aber, wie es scheint, studiert der Ministerpräsident noch jetzt diese Forderungen. Der Ministerpräsident studierte sie so gut, daß er alle diese Forderungen gerade verkehrt erfüllte. Im nachfolgenden das Resultat, das erzielt wurde: 1. Das Naturalisierungsgesetz wurde nicht geändert 2. Das Kultusgesetz wurde gegen den Willen des Vertreters des mosaischen Kultus im Senat gegen den Willen der jüdischen Parlamentarier und der gesamten jüdischen Bevölkerung des Landes modifiziert Das unter der Regierung Maniu votierte Kultusgesetz hat zum Zwecke, die jüdischen Kultusgemeinden zu desorganisieren und die öffentlichen jüdischen Institutionen zu vernichten. 3. Die Subvention für den mosaischen Kultus wurde nicht erhöht Im Gegenteil, dem jüdischen Kultus von Bessarabien weigerte man sich die Summe von drei Millionen Lei auszubezahlen, die ihm noch iür das Jahr 1928 gebührt 4. Den jüdischen Schulen wurde eine kleine Unterstützung gewährt Aber es wurde mit einer Hand gegeben und mit der anderen genommen, und zwar durch die Einhebung von Schultaxen. 5. Die Staatsunterstützung wurde nicht auf Privatschulen ausgedehnt 6. Die versprochene jüdische Lehrerbildungsanstalt wurde nicht errichtet 7. Den jüdischen Schülern gestattete man nicht am Samstag nicht zu schreiben. Trotz alledem hat der Obmann des jüdischen Parlamentsklub Dr. Mayer Ebner, wie wir letzthin berichteten, für die Gemeinderatswahlen mit der Regierung ein Kartell abgeschlossen.

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