Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 12 (21.3.1930)
- Date
- 1930-03-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEH juridische und politische Differenzierungen, das heißt eine Absonderungspolitik im Sinne des Antisemitismus, sanktionieren." Dr. Zoll seil an will mit seinem Aufsehen erregenden Artikel, auf den wir noch im einzelnen zurückkommen werden, darum, daß auch vom Standpunkt der engeren Interessen die bisherige Auffassung bei genauerem Zusehen als eine „p s e u d o n a t i o n a 1 e" gekennzeichnet werden muß und weder mit den realen Forderungen des Tages, noch mit irgendeiner wissenschaftlichen Begründung, noch mit der richtig verstandenen idealen Zielsetzung übereinstimmt. Geschicfitsfälschung. Die in Brünn erscheinende „J üdische Volksstimme" hat zur Feier ihres dreißigjährigen Bestehens eine Festnummer herausgegeben, die sich in den ersten Zeilen gegen die „W elf und „Blochs ö s t e r r. WocheTischritt" wendet. Wenn heute eine Zeitung neu ins Leben tritt, begreift man es, daß sie, um ihre Gründung zu rechtfertigen, polemisch gegen andere politische, literarische oder soziale Richtungen oder abweichende Weltanschauungen und religiöse oder nationale Gruppen Stellung nimmt. In der Form, die sie dafür wählt, wird sie den Stand ihrer Kultur bekunden, auch Mut der Ueberzeugung, insofern, als sie aui Abwehr der Angegriffenen zu rechnen hat. Sonderbar muß es aber die Leser anmuten, wenn nach dreißig Jahren gegen Zeitschriften polemisiert wird, deren Leiter nicht mehr unter den Lebenden weilen. Man fragt sich dann unwillkürlich: „Ja würde der Schreiber dieser Invektiven ebenso ins Zeug gehen, wenn der Angegriffene noch lebte? Ist es nicht eine unter anständigen Menschen selbstverständliche Rücksicht nur den Feind anzugreifen, der sich gegen den Anfall wehren kann? Und verbietet es nicht eine gewisse Pietät, über Männer, die sich irgendwie um das Gemeinwohl verdient gemacht haben, nicht abfällig zu sprechen oder gar öffentlich zu urteilen und zu schreiben, ohne auch an ihre Vorzüge zu erinnern?" Dies natürlich nur unter der unumgänglichen Voraussetzung, daß das, was man ihnen zur Last legt, auch wirklich den Tatsachen entspricht Wie soll man aber ein Vorgehen bezeichnen, wenn einem Manne, der sein ganzes ungewöhnliches Können in den Dienst seines Volkes gestellt und diesem Volke schätzbare Dienste geleistet hat nur darum, weil er gestorben ist und man seine Löwenpranke nicht mehr fürchten zu müssen glaubt wenn man diesem toten Löwen einen Fußtritt versetzt? Masaryk-Feiern der letzten Tage zeigen, wie selbstbewußte Völker ihre Großen ehren. Wie gewisse jüdische Kreise ihren Geistesgrößen und führenden Persönlichkeiten danken, beweist der Anwurf auf die Ehre des toten Dr. B1 o c h, in der Festausgabe der „Jüdischen Volksstimme". Nur aus diesem Grunde, weil dieser Akt einer böswilligen Beschmutzung des Andenkens eines jüdischen Großen symptomatisch ist hängen wir diese Heldenleistung, die sonst der verdienten Nichtbeachtung anheimfallen würde, etwas tiefer. Nach der Expektoration dieses Totenrichters hätte „Dr. Blochs Wochenschrift durch ihre tendenziös antizionistische und antinationale Richtung, die auch vor geschichtlichen Fälschungen (Anm. der Redaktion: Soll ins Hochdeutsche übersetzt heißen: Geschichtsfälschung) nicht zurückschreckte, jenen niederen Ghettogeist gezüchtet der in der Auszeichnung einiger reicher assimilatorischer Juden die Lösung der Judenfrage sah." Daß Dr. Bloch bei Lebzeiten von unreifen Burschen und Generalprokuratoren der jüdischen Volksehre als Volksieiud besudeit wurde, ergötzte ihn. Er, der einen Rohling, einen Deckert und Konsorten zur Strecke brachte, hatte mit diesen politischen Operetteniiguren oder Marionetten neidischer Drahtzieher im Hintergrunde leichtes Spiel. Zumal noch ehrliche und dieser ihrer Ehrlichkeit wegen von ihren eigenen ehrgeizigen Genossen in den Hintergrund gedrängte Ziquisten lebten, die offen gegen diese Fälschung der Tatsachen das Wort ergriiien. Haben doch noch in der Festschrift zum 70. Geburtslage Dr. Blochs ein Professor Heinrich Loewe, ein Dr. Samuel Rappaport u. a. Bloch als nationalen Stolz gefeiert und bei seinem Leichenbegängnisse Funktionäre der zionistischen Partei ihm den Dank der Jüdischnationalen in begeisterten Worten votiert! Neu aber, ganz neu ist die unerhörte Stilblüte neujüdischer Zeitungspolemik, Bloch habe „geschichtliche Fälschungen" begangen. Das ist freilich eine Angelegenheit, die das Gericht wird zu beschäftigen haben. Alle Journalisten aber, die auf Sauberkeit achten, werden zu einer solchen Besudelung eines verstorbenen Kollegen, zu einem solchen unverantwortlichen Mißbrauch der Publizistik nicht schweigen dürfen. Blochs Unsterblichkeit leidet gewiß nicht unter diesen Exzessen eines entarteten Pygmäentums. Ein Mann, den die von dein Verband der deutschen Akademien der Wissenschaft herausgegebene „Allgemeine Deutsche Biographie" für würdig gehalten hat in dem soeben erschienenen Bande durch 1 AKTIENGESELLSCHAFT 1., Dauernmarkt Nr. 10-12-14 VII., Marialilllerstraoe. (Ecke Zieglergasse) 00 fEPMCHE VORHÄNGE raOBEESTOFFE ElMOEEIira DECKEN Grffßfe Auswahl! Billigste PreiseT eine eingehende Lebensbeschreibung auszuzeichnen, — eine Ehre, die bisher den wenigsten Juden zuteil ' geworden ist, — steht für solche Giftspritzer viel zu hoch. In wenigen Tagen erscheint in unserem Verlage eine Biographie Dr. Blochs mit einer Auswahl aus seinem Briefwechset, die das Ansehen wiederspiegelt, das er in den Augen hervorragender Zeitgenossen besessen hat. Sein Andenken bedarf somit keiner Rechtfertigung, sein Ehrenschild keiner Säuberung. - Nur unsere journalistische Ehre zwingt uns, gegen publizistische Leichenschändungen Stellung zu nehmen und Beschimpfungen großer, um das Judentum hochverdienter Männer festzunageln und gebührend zu brandmarken. Blochs Feinde, das sehen wir hier in Wien täglich, sind ihm treu geblieben. Der alte Haß girrt noch immer nach neuen Opfern. Unsere Zeilen sollen zeigen, daß ihm auch noch Freunde leben, die schon darum seinen Namen hochhalten, weil sie Freunde der Gerechtigkeit und der Wahrheit sind. Ludwig H i r s c h f e 1 d. Aus der Wiener Kultusgemeinde. Montag, den 17. d. M., begannen unter Vorsitz des Präsidenten Herrn Prof. Dr. Alois Pick im Vorstande der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde die öffentlichen Beratungen des Plenums über den Voranschlag für das Verwaltungsjahr 1930. Die Sitzung wurde mit der an der Spitze unserer heutigen Nummer veröffentlichten Protestresolution gegen die Religionsverfolgungen in Rußland eingeleitet, die von Herrn Amtsdirektpr"Regierungsrät Guido Fuchsgelb verlesen und vom Vorstande, der sich zum Zeichen des Protestes von den Sitzen erhoben hatte, auf Vorschlag des Präsidenten einstimmig ohne jede Debatte beschlpssen wurde. Hierauf referierte Herr Vizepräsident Dr. Jakob Ornstein über die am gleichen Tage erfolgte Vorsprache der beiden Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, Dr. J. Ornstein und Dr. J. Löwenherz, beim Polizeivizepräsidenten Dr. Pamer in Angelegenheit der Parfümerie „Fioris", deren durch Aushängung unverschämter Angriffe betriebene Judenhetze die Empörung weitester Kreise des Wiener Judentums ausgelöst hat, die durch beinahe tägliche Beschwerden beim Präsidium der Kultusgemeinde zum Ausdrucke kam. Das Präsidium hat in dieser Angelegenheit wiederholt bei den zuständige Behörden interveniert, doch waren die Bemühungen bisher aus den bekannten Gründen (siehe unsere Notiz „Uebler Geruch") leider erfolglos. Erst die Demonstration vom letzten Samstag, bei der auch zwei jüdische Hochschüler verhaftet wurden, für deren sofortige Enthaftung Herr Kultusvorsteher Dr. H. Körner in tatkräftigster Weise sorgte, haben die Polizeidirektion zu einem Einschreiten veranlaßt Nach gründlicher Besprechung der Angelegenheit teilte nämlich der Herr Polizeivizepräsident den beiden erschienenen Vizepräsidenten der Kultusgemeinde mit, daß bereits Samstag, den 15. d. M., eine eingehende Beratung über die judenfeindlichen Aushänge im Parfümeriegeschäft „Fioris" in der Polizeidirektion stattgefunden habe, und daß als Ergebnis derselben ein Einschreiten beschlossen wurde. Sohin wurde eine dringende Vorladung unter Androhung der Vorführung für Montag vormittags an die Inhaberin des Parfümeriegeschäftes „Fioris" erlassen, der Vorgeladenen das Verbot weiterer Aushänge bekanntgegeben, welches nötigenfalls mit den Zwangsmitteln des Verwaltungsvollstreckungsgesetzes vollstreckt werden wird. Noch am gleichen Tage wurde der Parfümerie „Fioris" das vom Polizeikommissariate für den 1. Bezirk erlassene Verbot zugestellt und ist in diesem Bescheide im Interesse des öffentlichen Wohles der Ausschluß der aufschiebenden Wir- Feuilleton Shylock oder Das jüdisch-christliche Problem. Eine kritische Untersuchung. Von S. Taubes. (Fortsetzung.) Nun aber müssen wir auf die besonderen Umstände zurückgehen, die schon angedeutet wurden. Darnach erscheint das Gesetz hier vorerst nur negativ und beruht auf Haß, auf dem gemeiniglich als böse bezeichneten Trieb der Rache. Allein, was wäre dann, wenn einmal die Rache wirklich zu Recht würde? Wenn allzuviel Unbilden, allzuviel Peinigung und ungerechte Bedrückung einmal die Vergeltung erwachen ließe, erwachen ließe die versehende Rache, die dann in dräuender Gerechtigkeit sich erheben würde? Rührt nun nicht Shakespeare auch an diese Seite des Problems? Läßt er es sich daran genug sein, den Juden als den feindseligen Vertreter starrer Gesetzlichkeit hinzustellen? Welche Wertung kommt dem Gesetz zu, das sich auf Wahrheit stützt welche Bedeutung dem Recht, das auf Gerechtigkeit beruht? Ist die jüdische Lehre der Gesetzestreue an sich in der Tat so grausam, so starr und unerbittlich und nicht vielmehr die den Menschen einzig adäquate, dem irdischen Dasein einzig mögliche Grundlage? Ist Shylock gar so bösartig, so durchaus grundlos böse? Ist Shylock wirklich nur der bloße Schauspiel- "bösewicht? Diese Fragen dürfen entschieden verneint werden. Denn Shakespeare kann nicht umhin, trotz seines dogmatischen Vorurteiles gegen die jüdische Lehre der Gesetzestreue, trotz seiner natürlichen Voreingenommenheit gegen den Juden und obwohl er .sich mit seinen Glaubensgenossen, den christlichen Kavalieren Venedigs augenscheinlich identifiziert, uns die wahren Wurzeln von Shylocks Wesen aufzudecken. Shakespeare unternimmt es, wenn auch nicht ausdrücklich, so doch der ganzen Durchführung der Handlung nach, den Grund jenes unbändigen Rachetriebes zu enthüllen und eben damit — sprengt er seine eigene ursprüngliche Exposition. „. . . Er hat mich beschimpft, mir 'ne halbe Million gehindert, meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet ineine Feinde gehetzt Und was hat er für Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Leidenschaften, Neigungen? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer, als ein Christ? Wenn ihr-uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir's euch auch darin gleichtun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt was ist seine Sanftmut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt was muß seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit die ihr mich lehrt die will ich ausüben, und es muß schlimm hergehen, oder ich will es meinen Meistern zuvortun." Mit diesen Worten ist der natürliche Ursprung von Shylocks Rachebegehren in seiner ganzen Nacktheit klar zum Ausdruck gebracht Shakespeare scheut hierbei auch keineswegs vor einer sachlichen und überzeugenden Erklärung dieses Begehrens zurück. Man hat den Juden gehaßt, belacht, verachtet, bloß — weil er Jude war. O, und wer weiß es nicht, daß schmerzlicher, entwürdigender, entnervender als aller Haß der Welt — Verachtung ist. Aber untersuchen wir einmal den Charakter Shylocks, wie ihn das Schauspiel, vor unseren Augen fortschreitend, entwickelt. So erscheint Shylock zuerst als der besonnene, erfahren-überlegene Wucherer, der sich als Gegner des christlichen Kaufmannes erklärt weil dieser „aus gemeiner Einfalt umsonst Geld ausleiht und---den Preis der Zinsen uns herunterbringt" Es ist demnach ein ökonomischer Umstand, der fürs erste die beiden Kaufleute in Gegensatz bringt wobei jedoch der Jude vor dem christlichen Philanthropen nicht ins beste Licht gesetzt wird. Sollen diese zwei Männer aber hierbei als repräsentativ aufgefaßt werden, so müßte erstens der Grad, bis zu welchem Juden am Bank- und Finanzwesen teilhaben, untersucht werden; dann aber auch die historische Entwicklung, die es mit sich brachte, daß die Juden gewisser. Länder und zu gewissen Zeiten in so großer Zahl zum Geld- und Wuchergeschäft hingedrängt wurden. Die Gelegenheit für eine derartige Untersuchung ist jedoch hier nicht gegeben. Viel wichtiger noch erscheint die betonte Zurückhaltung, das exzeptionelle Verhalten, das der Jude dem Christentum gegenüber zu beobachten bedacht ist: „Ich will mit euch handeln und wandeln, mit euch stehen und gehen und was dergleichen mehr ist; aber ich will nicht mit euch essen, mit euch trinken, noch mit euch beten." Wer erkennt nicht an diesen Worten die Scheit des religiösen Bekenners, der vor der intimeren Berührung mit Andersgläubigen zurückweicht, eine Scheu, welche auf die mystischen Tiefen, die besondere Berufung und unüberbrückbaren Gegensätze der unterschiedlichen Glaubensbekenntnisse hinweist. Aber Shylock sagt auch klar, eindeutig und unverstellt: