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Die Wahrheit · 1930-03-21 · Heft 12 (21.3.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 12 (21.3.1930)
Date
1930-03-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit *» Erscheint jeden Freitag mit den - Veröffentlichungen der _ ^V'MZ/^N Union deutschösterreichischer Juden" und den \~ ~: j Amtlichen Verlautbarungen der '. Cy Israelitischen Knltusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 21. März 1930 Nummer 12 Gegen die ^tefigionsver/ofguiig in fontfet-iRußfand. In der am 17. März 1930 unter dem Vorsitze des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Generaloberstabsarzt Univ.-Prof. Doktor Alois Pick, abgehaltenen Oeff entlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes wurde vor dem Eingehen in die Tagesordnung, welche die Feststellung des Voranschlages für das Verwaltungsjahr 1930 betraf, die folgende Kundgebung einmütig beschlossen: Von schmerzlichster Anteilnahme und Heister Entrüstung erfüllt, vernehmen die Kulturmenschen der ganzen Welt immer wieder aufs neue die Nachrichten über jene brutalen Anstrengungen, die in Sowjet-Rußland gemacht werden, um die in jahrhundertelangen Kämpfen in allen zivilisierten Staaten so mühsam errungene Glaubens- und Gewissensfreiheit in diesem Lande zu beseitigen. Was den Gläubigen heilig ist, ist der Vernichtung preisgegeben, Stätten, die dem Dienste des Glaubens und. der Gotteslehre geweiht waren, werden zerstört oder entgegengesetzten Zwecken dienstbar gemacht und alle jene Menschen mit den schwersten Strafen belegt, die auch nur insgeheim versuchen wollen, religiösen Bedürfnissen gerecht zu werden. Furchtbares Leid ist über die Juden- Schaft des weiten Sowjetreiches gekommen, die durch Generationen die Gotteslehre treu gehütet, unter den schwierigsten Verhältnissen und Opfern sich ihr Gottvertrauen bewahrt und die Lehren unserer heiligen Religion eifrigst zu pflegen gewohnt war. Ihr Seelenleben wird zerstört, das Heiligste ihnen entrissen und eine Not über sie gebracht, die sie schwerer empfinden als aBe Schrecken des Krieges und der wirtschaftlichen Vernichtung. Doch dabei hat es nicht sein Bewenden; denn nach den Mitteilungen Vertrauenswürdiger sollen sogar Kundgebungen erzwungen werden, durch welche die wahren Berichte über die Ereignisse und Zustände abgeleugnet oder abgeschwächt werden. Die Israelitische Knltusgemeinde Wien gibt im Namen der gesamten Judenschaft Wiens, die in schmerzlichstem Mitempfinden die Nachrichten von dem Leide ihrer Brüder in Sowjet-Rußland vernimmt, ihrem tiefsten Bedauern Ausdruck, daß derartige Geschehnisse im 20. Jahrhundert und in einem Lande möglich sind, das angeblich aus dem Zustande der Verknechtung in den der Freiheit geführt werden sollte. Auch die Wiener Judenschaft schließt sich den Bestrebungen aller Edeldenkenden auf dem weiten - Erdenrunde an, die dahin zielen, daß in Sowjet-Rußland an den berufenen Stellen eine bessere Einsicht Platz greife und die Glaubens- und Gewissensfreiheit wieder hergestellt werde. Möge diese unsere Kundgebung innigster Anteilnahme unseren bedrängten Brüdern in Sowjet- Rußland Trost und Linderung in ihrem Schmerze sein und dazu beitragen, daß sie die Kraft und die Stärke bewahren, bis — wie wir sicher erwarten — der Appell an das Weltgewissen von Erfolg begleitet sein wird. Pseudonationalismus. Die „Neue Freie Presse" bringt in einer ihrer letzten Nummern einen „Die Palästina- Krise" überschriebenen beachtenswerten Aufsatz von dem bekannten Rassentheoretiker Doktor Ignaz Z o 11 s c h a n. Der Verfasser wendet sich gegen die nationalen Galuthbestrebungen der Zionisten und sieht „die Wiedererstehung eines Landes durch begrifrstheoretische Verwirrung gefährdet". Nachdem Zollschan festgestellt hat, daß seit der Vertreibung, sicher aber seit der Emanzipation „die ursprüngliche Nationsqualität der Juden verlorenge g a r. g e n" ist, schreibt er u. a. folgendes: „Eine sittliche Aufgabe ist das Streben nach Errichtung eines national home in P a I äs t in a. Dieses Programm ist über alle Zweifel hinweg ein untrüglich echtes nationales Wollen, wenn es auch einige Jahrtausende älter ist als der moderne Nationalismus und wenn auch seine Wurzeln in idealen Motiven übernationaler Natur liegen. Keineswegs aber bedeutet bereits dieses in die „Zukunft" weisende nationale Programm — und hier liegt der entscheidende Denkfehler — die „gegenwärtig schon vorhandene Existenz" einer einheitlichen Nation, die als solche über Landes- und Staatsgrenzen hinweg im modernen staatspolitischen Sinne bestünde. Das ist der oft übersehene, aber hier hoffentlich klar aufgezeigte Fehlschluß, aus dem das Postulat entstand: die jüdische Kollektivität auch tung kam. Die Aufbautätigkeit in Palästina mußte infolge der Spaltung, trotz leidenschaftlicher Propaganda, mit nur relativ kümmerlichen Mittein arbeiten, sie kam nicht genügend vorwärts, England wurde flau und die Araber wurden dafür um so selbstsicherer. Und diese Schwäche wurde so eine der Ursachen der blutigen Ereignisse im August. Jetzt versucht der Zionismus, sagt Dr. Zollschan schließlich, den Anschluß der breiten Massen und der Wohlhabenden durch die Erweiterung der Jewish Agency wettzumachen. Hier könnte leicht doppelt weniger werden als einfach, d. h., daß von zwei Organisationen, die beide dem gleichen Ziele auf einem nur einmalig vorhandenen Wege dienen sollen, die eine sich als überflüssig erweisen muß. Die stärkere Methode wäre eben die gewesen, den Kreis von vornherein weiter zu ziehen und den Grundbau der Organisation so zu legen (oder ihn später so zu revidieren), daß innerhalb und nicht neben ihr die Mitarbeit aller Gleichstrebenden erreichbar wurde. Das Objekt einer solchen Revidierung hätte das „unechte Ding des Diasporanationalismu-s" sein müssen. ,,Die Erreichung des Zieles wird eben nicht — wie aus Propagandamotiven erklärt wurde — durch innerpolitischen Kampf gefördert, sondern behindert. Und hiermit parallellaufend tritt die Unsinnigkeit dieser pseudo-nationalen Attitüde hinsichtlich der wirklichen Interessen in den einzelnen Ländern klar zutage. Einer „nationalen" Politik hierzulande würde es ja auch an nahezu allen programmatischen Inhalten fehlen. Die aber dann allein übrigbleibende bloße nationale Attitüde würde unter solchen Umständen nur noch in nichtreligiösen, in politischen Dingen als ein mit staatlicher Geltung auszustattendes Rechssubjekt anzuerkennen. So kam, in Imitation der allgemeinen polirischen Zeittendenz, die Forderung nach „nationaler" Anerkennung in die Welt, ursprünglich sogar begleitet von der mitimitierten Forderung nach nationaler Autonomie. Die Forderung, daß alle Juden sich jetzt und hier dem Prinzip der nationalen Sonderstellung anschließen sollen, mußte für viele als Zumutung erscheinen, sich als Nationsfremde den Staaten und Völkern gegenüber zu proklamieren, von denen sie durch Geschichte und Politik, durch territoriale, Sprach- und Kulturgemeinschaft, durch ihre Interessen- und Pflichtidentität ein Teil, geworden sind und denen sie sich dem Gefühl nach zugehörig empfinden. Aus diesem Konflikt ergibt sich, daß schon in den ersten Phasen des Zionismus die Mehrheit eine mit solchen Prämissen verknüpfte Forderung ablehnen mußte und daß durch die Schaffung dieses Konfliktes seine Anhängerschaft nicht über den Umfang einer Sekte hinauswachsen konnte." Dr. Zollschan weist darauf hin, daß es zu Kriegsende, als die zionistische Idee in unerwartetem Ausmaß der Erfüllung entgegenging uiid sich jetzt fast die Gesamtheit hinter dieses Programm steHen wollte, durch das Kopenhagener Programm, welches die staatsrechtliche Nationalisierung der Juden in fast ganz Europa forderte, zur Spal- AiFRVr! Es wird in der Völkerbundkommisston gepiant, eine Kalenderreiorm einzuführen, weiche die Beobachtung der Sabbatruhe nahezu unmöglich machen würde. Eine an den Völkerbund gerichtete Massenpetition aller Juden, welche die Religiosität als bindend und zwingend für die Erhaltung der Judenheit als solche betrachten, würde diese Kalenderreform vereiteln können. Es werden daher alle Juden und Jüdinnen gebeten, die in der Kanzlei des Tempeis aufliegende Petition durch ihre Namensfertigung zu unterstützen und in ihren Kreisen für diese Fertigung Propaganda zu machen. Das Rabbinat der israeL Kultusgemeinde Wien. Dieser Aufruf ist mit den erforderlichen Sammelbögen für die Unterschriften an alle Tempelvorstände und Rabbiner verschickt worden. Die Sammelbögen sind durch die folgenden erklärenden Sätze eingeleitet: Durch eigenhändige Eintragung ihres Namens erklären die unterzeichneten Juden und Jüdinnen, daß die Einführung eines bürgerlichen Kalenders mit Blanko- Tag Millionen Juden der Weit überaus großen moralischen and materiellen Schaden zufügen wird und daß sie die Durchbrechung der von ieher geltenden Ordnung der siebentägigen Woche als eine Verletzung ihrer tiefsten religiösen Gefühle und als Hemmnis in der Beobachtung und Heiligung des Sabbats empfinden würden, der vor tausenden Jahren der Welt den wöchentlichen Ruhetag gebracht hat, um welchen die zivilisierte Menschheit bis in die Gegenwart kämpfen mußte Es wird dringend und höilichst gebeten, die Sammlung von Unterschriften auch durch die Synagogen- und Vereinsdiener vornehmen zu lassen. Die zentrale Sammelstelle ist das Rabbinat. Die Bögen sollen in 3—6 Wochen abgeliefert sein.

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