Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 11 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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SeWe 6 DIE WAHRHEIT Das Beste vom Guten sind die im Geschmack und Qualität unübertroffenen, erstklassig-altrenommierten Sdimidl-Mazzofh welche unter streng orthodoxer Aufsicht des Rabbinates hergestellt werden. Die Mazzoth werden aus dem feinsten Mehl erzeugt. Seit vielen Jahren genießen die „Schmidl-Mazzoth" das beste Renommee Zentrale: N. BRODETZKY, Wien, II. Bezirk, Leopoldsgasse Nr. 43 Tel. R46-1-90, A 40-2-63 «. A 41-«-32 Filialen! M.WIldmann,!.,Bäckerstraße 16. — Ignaz Fleischer, II.,Praterstraße 44. — Jakob WeiB, II ,Untere Augartenstraße 25. — S.$chnelder,II.,Miesbachg. 12 — Oavld Raab, II. Schiffamtsgasse 7. — M. Spiegel, ffl., Radetzkystraße 4. - Max Silberberg, IX., Rotenlöwengasse 8. — telb Mandel, IX.. Grflnentorgasse41 bäcks vermag uns zur Poesie zu begeistern. Auch andere Süßigkeiten sind heute an der Tagesordnung. Bei uns backt man „flamansohren", „Purimkräpfel" und dergleichen Dinge mehr, es wird unmöglich sein, aller Variationen solchen Gebäcks Erwähnung zu tun. In Lemberg gibts am Purim „Lekach" und der „Brompfen" tritt in seine Rechte. Erhält der Magen sein Recht, so muß auch für „geistigen" Genuß gesorgt sein. Am Purimtage darf man schon die Nase etwas tiefer ins Glas stecken. Schnäpse, wenn nicht Liköre, sind willkommene Beigabe zu jedem Purimschmaus, und sogar ein Räuschchen soll an diesem Tage in Ehren bestehen dürfen, wenn man nicht gar soweit gehen will, wie der Volksmund es verlangt, daß man trinken soll, bis man zwischen Orur homan und boruch mordechai nicht mehr zu unterscheiden vermag. Am Purimschmaus nimmt jeder gern teil, auch, und vielleicht besonders diejenigen, die etwa dem Fasten abhold sind und von denen es dann heißt: Am Tanis eßt er (Esther), Am Purim freßt er! Von jeher trat der Mummenschanz in seine Rechte, und auch heute noch sind Verkleidungen und maskierte Unterhaltungen beliebt So mag das Purimfest heute jedem das Seine bringen, und in diesem Sinne wünschen wir unserer Leserschaft: Gut Purim! tiiiüf Jugend und Judentum, Rah Ein offenes Wort Löbliche Redaktion! 'a* In dankenswerter Weise haben Sie das Thema ^^igend und Judentum" mit einigen ausgezeichneten ütstsätzen behandeilt, ein Thema, das — sagen wir es ,retnmal offen — lange genug unberücksichtigt und ver- " Jicmassigt mit der größten Ausführlichkeit und Aufrichtigkeit die in diesem Falle wirklich mehn wert ist als alle Höflichkeit, behandelt zu werden verdient: handelt ' es sich doch geradezu' um die Lebensfrage unserer Gemeinden. Ich möchte es mir nun nicht versagen, in Anbetracht dem Wichtigkeit des Gegenstandes einen Beitrag zu bringen, gesehen vom Standpunkte des in der Provinz lebenden Juden. Machen wir aus der ernsten Situation des jüdisch-religiösen Lebens in der Provinz kein Hehl und trachten wir nach Wesen und Mitteln, durch welche unseren jüdischen Gemeinden in der Provinz ein lebensstarker Nachwuchs zugeführt werden könnte. Wir wissen, daß die Jugend von heute die Männer der Gemeinde von morgen stellen wird, welche berufen sein werden, die Gemeinden zu führen und zu leiten. Prägen wir uns nun, was unsererseits geschieht, um die Jugend für diese Aufgaben, die ihrer harren, vorzubereiten. Da müssen wir gestehen, daß leider die ganze Art und Weise unzulänglich ist So darf es uns auch gar nicht wundern, warn die Jugend, einmal zur Leitung den Gemeinde berufen, ihrer Aufgabe einfach nicht gewachsen ist Es soll ja an dem guten Willen der daran Beteiligten nicht im geringsten gezweifelt werden, aber der. Religionsunterricht doch die Grundlage für alle spätere religiöse Betätigung, versagt in der* Provinz bei dem heutigen System — wie man es mit seltener Einmütigkeit hören kann — vollkommen und bietet der hierfür aufgebrachte Aufwand an Zeit und Geld, kaufmännisch gesprochen, keinen Gegenwert Freilich muß zugegeben werden, daß das Wirken des Reäigionstehrers kein Seichtes ist Schwer lastet auf dem Jugendlichen, der in der Provinz heranwächst eine Atmosphäre des Unglaubens: die wirtschaftliche Not hat schon längst auch den letzten jüdischen Kaufmann oder Gewerbetreibenden, der vordem seinen Laden Samstags geschlossen hielt genötigt offenzuhalten und auch am Sabbath seinem Erwerb nachzugehen, und so bleibt auch die Folge nicht aus. daß nämlich die erforderlichen „zehn Leute" zur Abhaltung des Minjams nicht zusammenkommen und oft monatelang die Tempel geschlossen bleiben mußten. Höhere Kultussteuerti können in vielen Fällen nicht geleistet werden. Im Falle von Höherbesteuerung zur Aufbringung des erforderlichen Kontingents wird mit Austritt aus dem Judentum gedroht. Anderseits können die ohnedies niedrigen Gehälter des Kultusbeamten nur schwer bestritten werden, so daß bald die Situation eintreten durfte, daß manche Provänzgemeinde überhaupt ohne Angestellten dastehen wird. Unter solchen Mißverhältnissen wächst der Jugendliche heran, besucht die katholischen Schulen: immmer in christlicher Umgebung, paßt er sich immer mehr und mehr dem umgebenden Milieu an, wo er alles vor sicli sieht nur nichts — Jüdisches. Religionsunterricht wird freilich erteilt doch in einem viel zu geringen Stundenausmaße, als daß ein wesentlicher Einfluß auf die Gestaltung der Gesamtpersönlichkeit bemerkbar wäre, noch dazu nach gänzlich veralteter Methode. Auch wird jeden Eingeweihte gern bestätigen, daß die Kultusbeamten, die das notwendige tiefgründige jüdische Wissen hatten, und die Autorität, wie sie für einen ersprießlichen Unterricht erforderlich ist immer seltener werden. An wen soll sich nun der Jugendliche wenden mit der sein Innerstes so sehr beschäftigenden Frage: „Was soll ich glauben?" Die zum Unterweisung der füdischen Jugend Berufenen sollten hier mit ihren Beratungen über eine Reform des ReUigionsunterrichtes. einer Reform sowohl in bezug auf Methode als auch des Unterrichtsstoffes einsetzen. Es ist leider auch hinlänglich bekannt daß die jüdische Familie schon längst nicht mehr die alte jüdische Familie ist wie sie war und sein sollte, die Stätte, wo Tochter soH mittun. Lassen wir sie zunächst tedlnehmeä an der sozialen Arbeit in der Gemeinde, schaffen wir Jugendheime mit Bibliotheken, Gesangvereine. Geselligkeitsvereine, beleben wir durch die Jugend auch das sonstige jüdische Leben in den Gemeinden, der Kontakt zwischen Jungen und Alten wird bald hexgestellt sein. Von einem Jugendlichen, von einem, der noch vor kurzem die Schulbank gedrückt hat, ist der Anstoß zu dieser Diskussion Ober diese Lebensfrage unserer jüdischen Gemeinden gekommen. Das ist ein sehr erfreuliches Zeichen. Bleibt nur der Wunsch, daß diese Diskussion nicht „am Papier" ende und daß die Berufenen die Ergebnisse, die diese Erörterungen zeltigen werden, auch iu die Tat umsetzen werden zum Wohle des Judentums und seiner Gemeinden, die ja wirklich einen schweren Kampf zu führen haben. Ing. L. B. aus der Provinz. der Herauswachsende jüdische Sitte und jüdisches Brauchtum kennen lernte, und daß die Jüdische Hausfrau, schön langsam, aber sicher, Beispiel nimmt an ihrer Umgebung. Und noch eines Umstandes ist zu gedenken. Viel früher als in der Vorkriegszeit wird heutzutage der Jugendliche: Mitglied eines Vereines, einein Organisation, und so ist die Gefahr, daß er dabei jüdischer Art entfremdet werde, nur aüzuleicht gegeben. Der Geist der neuen Gemeinschaft, der er nun angehört, beherrscht sein ganzes Tun und Handeln in solchem Maße, daß Schule und Elternhaus demgegenüber meist ganz zurücktreten. Gar oft wird aber, wie man wahrnehmen kann, nicht nur der einzelne Jugendliche, sondern auch die ganze Familie miterfaßfcorom neuen Geiste, der nun in der Familie herrscht. So darf es der jüdischen Familie nicht gleichbleiben, ob sein jugendliches Familienglied dieser oder jener Organisation angehört. Von den verschiedensten Seiten wird um die Seele des heranwachsenden Jüdischen Jugendlichen geworben. Die jüdische Jugend bildet daher auch keineswegs eine Einheit Bald finden wir sie unter Sozialisten, bald unter Demokraten, bald unter Zionisten etc. Es kann und darf uns nicht gleich sein, wohin unsere Jugend sich begibt, in dieses oder jenes Lager, denn unsere Jugend bedeutet doch unsere Zukunft Es erwächst nun die Aufgabe, bei der Wahl der Vereinigung, die ein jüdischer Jüngling oder ein jüdisches Mädchen aufsucht entscheidenden Einfluß zu üben, damit man uns nicht einmal den Vorwurf machen kann, daß durch unser untätiges Zusehen dieser oder jener vielleicht dem Judentum ganz verloren gegangen ist Wer mit Jugend zu tun hat, weiß, daß die Jugendbewegung von heute nicht von den eigentlich „Jungen", sondern von den der Jugend nahestehenden Aelteren getragen wird, daß in den Jugendbewegung von heute an Stelle elementarer Bewegtheit, die gewöhnlich von romantischem Zug begleitet war. vielfach Müdigkeit getreten ist, was soviel bedeutet, daß an Stelle einer ziellosen Jugendbewegung planmäßige Jugendführung getreten ist. Der. Jugendliche von heute will geführt werden; er macht aus seinem natürlichen Andehnungsbedürfnis an Erwachsene kein Geheimnis, wenn er nur einen Führer findet, der auch das notwendige Verständnis für die Jugend besitzt. Es entsteht unseren Gemeindemitgliedern eine vornehme, vielleicht die vornehmste Aufgabe überhaupt: Führer der Jugend zu werden. Nun wohlan! Trachten wir. unsere Jugend, sozusagen auf neutraler Grundlage zu vereinigen, keine Sozialisten, keine Zionisten, mir Juden — jeder jüdische Sohn, jede jüdische Lederhandschuhfabrik Josef fjasßnger L, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 * IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 Glossen. Es wäre doch nicht in Ordnung, wenn die Juden den zwanzigsten Todestag Dr. Luegers ganz unbeachtet vorübergehen ließen. Sie sollten sich — und auch andere — bei jeder passenden Gelegenheit daran erinnern, daß Lueger der Mann war, der einst öffentlich, unter Gottes freiem Himmel, in einer von Tausenden besuchten Versammlung, die Hand zum Schwüre erhoben, ausrief: „Gott ist mein Zeuge, daß in meinen Augen, die Konfession absolut keinen Unterschied zwischen den Menschen macht." * * * Dieser Tage fand wieder in Wien eine Versammlung von Tierfreunden statt, die zum großen Teil sich von den Melkus und Jerzabeks hauptsächlich zu antisemitischen Demonstrationen mißbrauchen ließen. Die Melkus und Jerzabeks ignorieren immer wieder geflissentlich die hunderte von Gutachten (christlicher) Autoritäten, die übereinstimmend die rituelle Schächtmethode als die humanste erklären, um gegen die Juden zu hetzen. Die Herren benützen — nicht nur in den Purimtagen — die schlecht sitzende Maske der Tierfreundlichkeit, unter der sich der Haß gegen Menschen kaum notdürftig verbirgt. * * V Erfreulich ist, daß diese Demaskierung antisemitischer Tierfreundlichkeit auch in immer weiteren nichtjüdischen Kreisen erfolgt. In Baden, wo ein renommierter Hakenkreuzler, der Abgeordnete Kraft, den schließlich mit großer Majorität abgelehnten Antrag auf Zulassung eines Schächtverbotes eingebracht hatte, begnügten sich die Vertreter der Sozialdemokraten und des Zentrums nicht mit dem Hinweis, daß die Schächtmethode eine humane, jeder Regung von Grausamkeit ausschließende sei. Sie gaben mit rühmlich sittlichem Mut auch überdies der Meinung Ausdruck, daß ihreFraktionenindemAntrag antisemitische Tendenzen erblicken. Deutlicher kann das Wort: „Schöne Maske, ich kenne dich!" wohl nicht umschrieben werden. * * * Bereits in mehreren deutschen Städten haben interkonfessionelle Versammlungen stattgefunden, in denen katholische und protestantische Geistliche in brüderlicher Einmütigkeit mit dem Rabbiner der jüdischen Gemeinde unter dem stürmischen Beifall der massenhaft Erschienenen flammende Reden gegen die Religionsverfolgungen in Rußland hielten. Es ist leider nicht zu hoffen,, daß diese Kundgebungen Einfluß auf die Verhältnisse in Rußland üben werden. Hoffentlich bleiben sie aber nicht ganz wirkungslos in — Deutschland! * * * In der Aula der Warschauer Universität haben vor einigen Tagen antisemitische Studenten große Skandalszenen veranstaltet, umeinen paneuropäischen Vortrag des Grafen Co u den-: hove-Calergizu stören, den sie unausgesetzt mit den Rufen „Jüdenknecht" apostrophierten. Fürchten die antisemitischen Studenten! die jede«