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Die Wahrheit · 1930-03-14 · Heft 11 (14.3.1930) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 11 (14.3.1930)
Date
1930-03-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Fiktion der jüdischen Nation. Von Dr. Werner Rosenberg, Berlin. Gegenüber der entschiedenen Ablehnung der Idee eines gesamtjüdischen Volkes durch die Juden West-, Nord- und Mitteleuropas erscheint es fast unbegreiflich, wie von nationaljüdischer Seite immer wieder die Fiktion einer alle Juden der Welt umfassenden jüdischen Nation versucht werden kann. Dabei bleibt es gleichgültig, ob man wie Margulies in einem der Minderheitenfrage gewidmeten Sonderheft der „Süddeutschen Monatshefte" das jüdische Volk als ein um seine Gleichberechtigung kämpfendes Volk unter den Völkern, eine „nationale Minderheit unter den Minderheiten" bezeichnet oder mit Arnold Zweig von einer „natio in statu nascendi" spricht; die gefährliche Wirkung dieser Irrlehre bleibt dieselbe. Nicht nur die Antisemiten aller Richtungen stützen ihre Argumentation mit Vorliebe auf diese „zionistischen Selbstbekenntnisse", auch in weite, nicht judenfeindliche Kreise hat dieses ewige Gerede von der „jüdjschen Nation" Verwirrung. Und. Unklarheit hineingetragen. Ist es doch so weit gekommen, daß ein angesehener, über den Verdacht der Judenfeindschaft erhabener Autor wie Professor Laun (Hamburg), der in seinen früheren Publikationen zum Minderheitenproblem stets das eigene Volkstum der Juden und ihren Charakter als nationale Minderheit in Deutschland entschieden in Abrede stellte, in seiner neuesten Arbeit1) sich mit der lakonischen Feststellung begnügt, es sei bestritten, ob die Juden in Deutschland eine nationale Minderheit darstellen, sich also offenbar nicht mehr für berechtigt hält, diese Frage rundweg zu verneinen. Auch der Kommentator des Minderheitenärtikels 113 der deutschen Reichsverfassung, Professor Hans Gerber (Tübingen), meint, daß bei den ein eigenes Volkstum bejahenden Juden in Deutschland alle Voraussetzungen für die Anerkennung als nationale Minderheit gegeben seien5). Der Marburger Staatsrechtler Friedrich Genzm e r hat kürzlich in seiner. Rektoratsrede „Staat und Nation" die Juden als selbständige Nation neben Iren und Kroaten gestellt. Diese Einstellung objektiver Wissenschaftler muß außerordentlich bedenklich stimmen. Sie zeigt, mit welch trauriger Berechtigung die Berliner zionistische „Jüdische Rundschau" schreiben konnte: „Die gebildeten Antisemiten sind im gewissen Sinne auf unser Konto zu setzen. Sie haben von uns die Art des Sehens, die Fragestellung, die Erkenntnis des Problems übernommen." ') Artikel „Volk und Nation", im Handbuch des Deutschen Staatsrechts, Bd. I, S. 246. :) Artikel 113 in „Die Grundrechte und Grundpflichten der Reichsverfassung", Berlin 1929, S. 285. Demgegenüber können wir nicht oft und nicht entschieden genug betonen: es gibt keine jüdischeNation. Nicht nur, weil die gemeinsame Sprache, eine selbständige Kultur auf dem Boden eines gemeinsamen Vaterlandes, diese wesentlichen Kriterien einer jeden nationalen Gemeinschaft fehlen; sondern weil auch das für den Aufbau einer Nation unersetzbare Nationalgefühl nicht vorhanden ist, das in dem Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, in dem Willen, die Gegenwart miteinander zu leben und die Zukunft gemeinsam zu gestalten, seinen Ausdruck findet. Und es sei nicht unerwähnt, daß auch die deutschen Zionisten in der Praxis für sich die Zugehörigkeit etwa zu einer Minderheit in Deutschland ablehnen. Dabei wird niemand leugnen, daß für die jüdischen Massen des Ostens andere Grundsätze gelten. Sehr folgerichtig lehnt einer der hervorragendsten Führer des östlichen Judentums, der bekannte Völkerrechtler J. Robinson (Kowno), den Gedanken einer gesamtjüdischen Nation ab, meint jedoch, die Juden des Ostens seien eine besondere Nationalität, „eine Minderheit sui gerieris"3). Tatsächlich bilden die jüdischen Massen des Ostens vielfach eine Nationalität besonderer Art. Nämlich dort, wo sie im Durchschnitt fast den zehnten Teil der gesamten Bevölkerung darstellen, seit Generationen ein eigenartiges nationales Leben führen, häufig in geschlossenen Siedlungen zusammengeballt eine eigene Familiensprache gebrauchen, geistig tief in der vieltausendjährigen hebräischen Kultur wurzeln, eigentümliche Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten kultivieren, zumal bei ihnen auch, wie Robinson treffend bemerkt, die Religion das Leben des einzelnen und der Gesamtheit vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein bestimmt. Es darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, daß auch innerhalb des Ostjudentums die nationalpolitische Stellung vielfach umstritten ist. So lehnen z. B. große Teile des rumänischen Judentums ihre Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit entschieden ab und fühlen sich als Rumänen. Dieser Standpunkt wurde insbesondere von den führenden Persönlichkeiten der Vereinigung der rumänischen Juden4) vertreten. Auch bei den ungarischen und türkischen Juden wird der Gedanke einer nationalen Minderheit entschieden verworfen. Das Vorhandensein der ostjüdischen Nationalität wird nur dort angenommen werden können, wo jiddisch oder hebräisch als Muttersprache sprechende Juden in beträchtlicher Anzahl siedeln. 3) „Die Juden Osteuropas als nationale Minderheit" in „Nation und Staat", Jahrgang 1927/28, S. 98. 4) Siehe den folgenden Artikel. R Red. lllHMI»H»Mtimi»ltW»li Vor den rumänischen Gemeindewahlen. Die bevorstehenden Wahlen für die Gemeindevertretungen stellen die jüdische Bevölkerung Rumäniens vor ein schweres Problem. In den Städten bewerben sich um das Vertrauen der Wähler drei Parteien, zwei bürgerliche und eine sozialistische. Die kleineren Gruppen kommen nicht in Betracht. Die drei großen Parteien sind der Bürgerblock unter Führung der Nationalzaranistcn (Regierungsblock), der Bürgerblock unter Führung der Liberalen (Opposionsblock) und die Arbeiterpartei unter Führung der Sozialdemokraten. Mit wem sollen die jüdischen Bürger gehen? Mit welchem bürgerlichen Block, denn nur ein solcher kommt für sie als bürgerliches Element in Frage. Man sehe sich nur das Bild der rumänischen Judenschaft etwas näher an! Das jüdische Bürgertum ist in mehrere ungleiche Teile zerrissen. Mit dieser zersplitterten Judenschaft das Experiment einer jüdischen Liste zu machen, wäre ein Wagnis gewesen, das zu einer politischen Katastrophe geführt hätte. Unter diesen Umständen gab es für die besonders in Betracht kommenden beiden großen rumänisch-jüdischen Parteien nur zwei Wege, und diese Wege sind sie — leider jede separat — gegangen. Die „Jüdische Einheitspartei" (Führer Doktor Mayer Ebner) entschied sich für den Regierungsblock, die „Union der Juden in Rumänien" (Führer Dr. W. Fi 1 der mann) für den liberalen Gppositionsblock. Die beiden Parteien argumentieren — jede von ihrem Standpunkte — recht geschickt. Hören wir ihre gegnerischen Auffassungen und versuchen wir uns ein Bild zu machen; es wird uns wohl schwer gelingen und nur die traurige Gewißheit manifestiert werden, daß die rumänische Judenschaft in geradezuungeheurer Weise zersplittert ist, sicher nur zu ihrem Schaden. Die national orientierte „Ostjüdische Zeitübg" („Jüdische Einheitspartei") schreibt: „Die nationalzaranistische Regierung ist das erste große Experiment der Demokratie in Rumänien und der einfachste Verstand sagt, man müsse diesem Experiment Zeit lassen, daß es sich auswirke. Es muß sich auswirken im Guten oder im Bösen. Der Versuch muß gemacht werden. Der Regierung den Lebensfaden vorzeitig abzuschneiden, wäre ein Fehler und in der Politik sind Fehler schlimmer als Verbrechen. Noch zeigen sich nicht die Konturen einer neuen großen und regierungsfähigen Partei. Die einzigen, die die Nationalzaranisten ablösen, sind die Liberalen und vor der neuen Auflage dieses Liberalismus zittern drei Viertel des ganzen Landes. Die Liberalen haben bei ihrem Weggang ein Milliardendefizit zurückgelassen. Sie sind die Ursache der harten Steuerpolitik, unter der alle seufzen. Zehn Jahre lang haben die Liberalen dem Eintritt fremden Kapitals gewehrt und sie haben das Land zugrunde gewirtschaftet. Belagerungszustand und Pressezensur haben die bürgerlichen Freiheiten erstickt. Noch immer sind es dieselben Liberalen, die an der Spitze stehen. Weder an Haupt noch an Gliedern haben sie sich reformiert. Es ist derselbe alte Geist. Weder neue Menschen noch neue Ideen. Armes Rumä- -nien, wenn dieser Liberalismus deine Hoffnung ist! Man ist mit der gegenwärtigen Regierung der Nationalzaranisten im hohen Maße unzufrieden. Sie hat die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt, zum Teile auch aus eigener Schuld. Aber was nach ihnen kommt, ist auf Grund historischer Erfahrung zweifellos schlechter und — wir haben zu wählen zwischen zwei Uebeln. Der Wähler in der Zelle wählt das kleinere Uebel. Nicht mit Begeisterung wählt er. Das kleinere Uebel ist dem größeren vorzuziehen, der Schimmer einer Hoffnung ist vorzuziehen der finsteren Nacht der Hoffnungslosigkeit . . . . . Die „Ostiödische Zeitung" schreibt weiter: „Adevarul", die vornehmste, seriöseste und ehrlichste politische Zeitung in Rumänien, behauptet, die Liberalen zetteln antisemitische Unruhen an, um der Regierung Im In- und UFA-TON-KINOi I I» llq Taberttrsla Telephon R 43-3-41 IweUe Der neeesfe Spreda und ToHltta der JOE MAY-Prodoblloii der BFA Liane Haid u. Gustav Fröhlich Der DüMii Up Musik von Ralph Benafzky Regie: Gustav Fröhlich Beginn der Vorstellungen: 9, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr Auslande Verlegenheiten zu bereiten und der Regierung die letzten jüdischen Sympathien zu entziehen. Und dieser Partei sollen wir Juden die Wege bereiten? Wir Juden sollen ihr helfen, die gegenwärtige Regierung zu stürzen, damit sie die Macht ergreife, die Macht, die wir jahrelang so bitter zu kosten bekamen? Gegen die Juden zu hetzen ist liberale Tradition. Auch antisemitische Exzesse haben ihren Stil und die Art, wie sie gemacht werden, ist charakteristisch. Man erkennt den Finger der Liberalen und für diese Liberalen sollen die Juden die Kastanien aus dem Feuer holen! Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber . . ." Die „B u k o w i n a e r Volkszcitun g", Organ der „Union der Juden in Rumänien" (U. E. R.), agitiert in folgender Weise für die Liberalen: „Welche logische Konsequenz ergibt sich aus der H tung der gegenwärtigen Regierung? Man geht nicht . ihr, man leistet ihr keine Wahlhilfe mehr. Es ist ein l sinn, wenn man behauptet, sie sei „das kleinere Ueb und nach ihr werde möglicherweise eine noch schlec tere Regierung kommen, daher müsse man „zu d Fleischtöpfen Aegyptens" zurückkehren. Unter den I . beralen ist ein einheitliches Kultusgesetz erzielt worder Alle Juden waren zufrieden. Die liberale Regierung re spektierte den Wahlpakt mit den Juden und ließ es sie. gefallen, daß Dr. Filderman den Gesetzestext für die jüdischen Gemeinden umredigierte. Die nationalzaranistische Regierung aber betrachtet dies als eine „Schande für das rumänische Parlament" und der Kultusminister Vlad sagte es öffentlich von der Ministerbank: „Herr Dr. Filderman war damals der eigentliche Kultusminister". Das ist also die Auffassung der gegenwärtigen Regierungsvertreter: Wenn man in jüdischen Angelegenheiten das Gutachten der jüdischen Repräsentanten einholt, ist dies eine Schande für das rumänische Parlament (!!) Und so ist das Kultusgesetz abgeändert worden. Die Juden aller Richtungen, auch die eingeschriebenen nationalzaranistischen Juden und der jüdische Parlamentsklub haben sich dem Protest der U. E. R. angeschlossen. Ein Sturm der Entrüstung erhob sich in der Judenschaft von ganz Rumänien gegen dieses unerhörte Kultusgesetz. Die nationalzaranistische Regierung blieb hart. Warum? Sie wollte die Schande des rumänischen Parlaments, welches unter den Liberalen in Fragen des jüdischen Kultus auf das Gutachten der jüdischen Vertreter Bedacht nahm, wettmachen. Kann also da noch „von einem kleineren Uebel", welches die nationalzaranistische Regierung darstellt, gesprochen werden? Sollen wir auf die Abänderung des Kooperativengesetzes, welches die jüdischen Kreditgenossenschaften ruinierte, aui die Maßnahmen gegen das jüdische Schulwesen, auf die Duldung der antisemitischen ' Exzesse verweisen? Die nationalzaranistische Regierung hat durch ihr Verhalten es bewirkt, von der jüdischen sehen Bevölkerung nochmals zu verlangen, daß sie ihr Wahlhilfe leistet. Darüber sind sich alle Juden einig. Aber es sind noch andere grundlegende Erwägungen, die die Juden jetzt bestimmen, gegen diese Regierung zu stimmen. Nicht nur die allgemeine wirtschaftliche Not. der unerhörte Steuerdruck und die Drosselung jedes industriellen Unternehmungsgeistes erfordern gebieterisch, daß diese Regierung raschestens abgelöst werde . . ." Ueber die Wahlchancen der beiden Parteien kann man sich nur schwer ein abschließendes Urteil bilden. Purimbräuche. —Jac— Purim, an welchem, dank göttlicher Gnade, das jüdische Volk das heitere Los ziehen konnte und damit dem ihm zugedachten Unheil entrann, ist wieder gekommen. Losgelöst von der Sorge des Alltags, darf da der Jude sich'dem hingeben, was zur Verschönerung des Daseins dient. Während die Festesfreude an anderen gesetzlichen Feiertagen sich einem gewissen Regulativ zu unterordnen hat, sind der Purimfreude keine Schranken gesetzt und sie darf sich sinnfällig ausleben. Was Wunder, daß sich die Judenheit an diesem Tage von jeher ausgelassenster Freude hingab! Zahllos sind die Sitten und Gebräuche, die das Purimfest verherrlichen, je nach der Eigenart der Völker, in deren Mitte Juden leben. Das Nächstliegende, was des Menschen Herz erfreut, ist Speise und Trank, und an beidem darf man sich an diesem Tage gütlich tun. Bei uns im Norden ist's der Butterkuchen, der den Tag krönt. Schon der Duft dieses ambrosischen Ge-

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