Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 11 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT fentlicht In deutscher Sprache wurde sie im Jahre 1906 in „Ost und West", Heft 10/11, abgedruckt.) Am 20. Adar 1616 wurde in Frankfurt a. M. das Pur im Winz eingesetzt, zur Erinnerung daran, daß an diesem Tage die Juden dieser Stadt wie im Triumphe mit Paukenschlag und Hörnerschall von den Kommissarien Kurmainzens und Darmstadts in ihre Wohnungen wieder eingeführt wurden — nachdem sie am 22. August 1614 auf Betreiben des Lebkuchenbäckers VinzenzFettmilch, des „neuen Hamans der Juden" gegen den Willen der Stadt- und Landesregierung ausgetrieben worden waren. Das älteste uns bekannte Purim dieser Art durfte vielleicht das Purim Narbonne von 1236 sein, zur Erinnerung an die Abwehr eines Ueberfalles auf die dortige jüdische Gemeinde, hervorgerufen durch eine Schlägerei zwischen einem Juden und einem Christen auf dem Fleischmarkt. Es ist indessen unwahrscheinlich, daß dieses Purim das erste seiner Art sein sollte. (Das Charakteristische der meisten dieser Purimfeste ist neben der betreffenden Megillah, daß ihnen stets ein Fasttag vorangeht, wie beim ursprünglichen Purim.) Es gab auch noch eine ganze Anzahl von F am i 1 i e n - P u r i m f e s t e n, die nur von einzelnen Familien gefeiert wurden, zur Erinnerung an eine glückliche Errettung eines ihrer Vorfahren aus einer Gefahr eingesetzt: Brände, Erdbeben, Explosionen, räuberische Ueberfälle, Verleumdungen u. dgl. Das berühmteste ist wohl das Purim des gefeierten Jomtow Lippmann Heller, welches er im Jahre 1644 für seine Nachkommen eingesetzt hat zur Erinnerung an die stürmischen Jahre seines Lebens, die aufhörten, als er zum Rabbiner von Krakau erwählt wurde. An diesem Tage sollten die Nachkommen das bekannte Schriftchen Megillath Ebha lesen, das die Geschichte seines Lebens enthält, nach vorhergehendem Fasten einen Festtag halten, Almosen geben und fröhlich sein. So ist Purim zu einem Typus der jüdischen Geschichte geworden. i ficftoriüioBcriin I Die Lage in Palästina. ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ Allgemeine Uersicherunss-Aktlen- GesellscMt Gegründet 1852 ■ 2 Direktion für Österreich: 8 Wien L., Schottengasse lO Volleingezahltes Aktienkapital 5.100.000 Schilling Aktiva Ende 1928 zirka 600,000.000 Schilling Versicherungsbestand zirka 2.000,000.000 Schilling Tätigkeitsgebiet: Deutschland, Österreich, ö. S. R., Ungarn, Spanien, Frankreich, Bulgarien, Türkei Mord-Afrika, Dänemark, Griechenland, Holland, Schweden Fleisch um keinen Haarbreit weichen. Aber während er das Rechtliche seines unmenschlichen Vorhabens nur negativ begründet, wie etwa mit den Worten: „Welch Urteil soll ich scheu'n, tu ich kein Unrecht?", entströmen den Lippen der schönen, reichen, als weiser Richter allerliebst verkleideten Porzia die seelenvoll fiberquellenden, anmutigsten Gedanken über Gnade, die hierher gesetzt sein mögen: ,J3ie Art der Gnade weiß von keinem Zwang. Sie träufelt, wie-des Himmels milder Regen, Zur Erde unter ihr, zwiefach gesegnet: Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt: Am mächtigsten in Mächt'gen, zieret sie Den Fürsten auf dem Thron mehr als die Krone. Das Zepter zeigt die weltliche Gewalt, Das Attribut der Würd' und Majestät, Worin die Furcht und Scheu der Kön'ge sitzt: Doch Gnad' ist über dieser Zeptermacht, Sie thronet in den Herzen der Monarchen, Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst, Und ird'sche Macht kommt göttlicher am nächsten. Wenn Gnade bei dem Recht steht Darum, Jude, Suchst du um Recht schon an, erwäge dies: Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner Zum Heile käm\ wir beten all' um Gnade Und dies Gebet muß uns der Gnade Taten Auch üben lehren". So spricht Porzia. Und wer wollte diesen guten, großherzigen und wahren Worten widerstehen können? Wen sollten sie nicht einnehmen, nicht ganz gewinnen? Wer sollte da noch in kalter Treue aushalten wollen bei den dürftigen, engherzigen, hartnäckigen und dazu noch blutrünstigen Worten des Gesetzes? (Fortsetzung folgt.) Der bekannte Jerusalemer Augenarzt Doktor Albert T i c h o, auf den seinerzeit ein Attentat versucht wurde, weilte im Laufe dieser Woche auf seiner. Europareise auch in Wien und hatte die Freundlichkeit, unserem Schriftleiter einige Mitteilungen allgemeiner und persönlicher Natur zu machen, die unsere Leser sicherlich sehr interessieren werden. Dr. Albert Ticho, ein Bruder des unionistischen Kultusvorstehers Dr. Josef Ticho — die Aehnlichkeit der beiden Brüder ist unverkennbar —, äußerte sich in dem Gespräch u. a. wie folgt: Der Ueberfall auf mich geschah um J410 Uhr vormittags, als ich mich gerade auf dem Wege in mein Ambulatorium befand. Auf der Straße war weit und breit kein Mensch zu sehen und das erleichterte dem Attentäter die Möglichkeit des Entkommens. Bis heute ist seine Person nicht festgestellt, obwohl gegen einen Araber, für dessen Schuld starke Indizien sprechen, eine Untersuchung geführt wurde. Diese Untersuchung ist aber seitens der Behörden sehr lax gehandhabt worden, ich selbst erhielt die Zeugenladung erst, als ich mich bereits nach Europa einschiffte. Der Verdächtigte ist denn auch schon entlassen worden. Es tauchte sogar die Version auf, daß der Attentäter gar kein Araber, sondern ein Jude gewesen sei, eine Ansicht, die natürlich stark von arabischer Seite, aber auch in englischen Blättern kolportiert wurde. Ich glaube mich aber entsinnen zu können, daß der Mann ein Araber gewesen ist, wahrscheinlich einer von jenen, die der Boykottbewegung angehören. Sollte meine Vermutung richtig sein, so ist die Tat um so unverständlicher, als ich mich trotz meines 18jährigen Aufenthaltes in Palästina nie um Politik kümmerte. Ein Großteil meiner Klienten sind Araber, was schon daraus erklärlich ist, daß die typisch orientalische Augenkrankheit, der Trachom, hauptsächlich unter den Arabern grassiert, während bei den Juden in Palästina der Prozentsatz dieser Krankheit seit 1913 bis heute von 30 auf 8 Prozent gefallen ist. Als Beweis für die Sympathien, deren ich mich in arabischen Kreisen erfreue, möchte ich die Tatsache anführen, daß in arabischen Organen eine Prämie für den,. Er greif er des Attentäters ausgesetzt wurde. Nach diesem Ereignis und nach dem gleichfalls mißglückten Attentat auf den Chef des Justizdepartements der palästinensischen Regierung Norman Bentwich — der junge Polizeiböte, der dieses Attentat verübt hatte, ist bekanntlich zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden — ist eine gewisse Beruhigung eingetreten, die ich mir damit erkläre, daß der Araber in seinem gottergebenen Fatalismus sich sagte, daß das Mißglücken zweier Attentate dafür spreche, daß Allah dies nicht wolle. Ueberhaupt ist jetzt ein gewisser Waffenstillstand zu verzeichnen, nur die Boykottbewegung dauert in unverminderter Stärke an. Dr. Albert Ticho äußerte sich im allgemeinen relativ günstig über die Verhältnisse in Palästina. Er meint, daß dort die Möglichkeit gegeben sei, Juden in verhältnismäßig großer Zahl anzusiedeln, denn Raum sei genügend vorhanden und auch an Arbeitsmöglichkeiten fehle es nicht. Er konstatierte mit Befriedigung, daß in Palästina keine Arbeitslosigkeit vorhanden sei, ja daß eher Mangel an qualifizierten Arbeitern vorherrscht. Dies erklärt sich aus der bis vor kurzem sehr stark gedrosselten Einwanderung. Das Hauptproblem des Landes und seiner Entwicklungsmöglichkeit liegt in den Fragen der Sicherheit und der Verständigung mit den Arabern. Was die erstere anbelangt, so hängt sie vollkommen von den englischen Behörden ab, mit deren Tätigkeit man im allgemeinen nicht sehr zufrieden ist. Besondere Empörung hat der Freispruch der Araber ausgelöst, denen die Ermordung von sieben jüdischen Familien in Mozah nachgewiesen war. Die Engländer haben den Juden die Balfour-Deklaration gegeben, wonach in Palästina eine nationale Heimstätte aufgerichtet werden soll — Dr. Ticho betonte ausdrücklich, daß nur an die Schaffung einer Heimstätte i n Palästina und nicht an eine Umwandlung dieses Landes in einen Judenstaat gedacht wird, — sie haben aber auch den Arabern Zugeständnisse gemacht und befinden sich jetzt in einem argen Dilemma. Die Untersuchungskommission hat stark arabophil gearbeitet, von ihr erwartet man sich wenig. Die Engländer kommen eben den Arabern stärker entgegen als den Juden, denn das romantische Gehaben der ersteren imponiert ihnen ziemlich stark, während es ihnen bei den Juden äußerst mißfällt, daß diese ihre Kolonisation, ihr Schul- und Sanitätswesen auf eigene Faust und Rechnung betreiben, ohne sich von den Engländern, die sich als Herren des Landes dünken, Vorschriften machen zu lassen. Die Engländer haben wohl, das sei konzediert, einen sehr schweren Standpunkt. Ungemein wesentlich für die Weiterentwicklung'erscheint die Frage der Verständigung mit den Arabern, die bisher stark von zionistischer Seite vernachlässigt wurde, und Dr. Albert Ticho bekennt sich mit größter Vehemenz zu jenen weitsichtigen Männern, die diese Verständigung auf jede nur mögliche Weise zu finden trachten. Die blutigen Augustereignisse bezeichnet er als eine Revolution, die wohl erstickt werden konnte, deren Folgen aber unabsehbar sind. Er meint, daß der Grund für diese Revolution einerseits in der Fanatisierung der arabischen Massen gelegen sei, von denen insbesondere die Jugend streng national gesinnt ist. Anderseits machen sich starke kommunistische Umtriebe bemerkbar, denn in Palästina gibt es eine wohl numerisch schwache, aber äußerst radikal eingestellte arabische kommunistische Partei, deren Führer interessanterweise ein junger Mensch aus einer sehr vornehmen arabischen Familie ist, der übrigens erst kürzlich wegen Teilnahme an der Boykottbewegung ausgewiesen wurde. Dr. Albert Ticho steht dem Brith Schalom, jener Vereinigung, die den Frieden mit den Arabern sucht, mit Sympathie gegenüber und erzählt, daß diese Vereinigung ursprünglich von den Arabern mit stärkstem Mißtrauen behandelt wurde, weil man sie für einen Ableger der zionistischen Organisation hielt. Erst als die Angriffe gegen den Brith Schalom einsetzten, deren ungerechtfertigte Schärfe Dr. Ticho verurteilt, legte sich dieses Mißtrauen: Die Idee des Kanzlers der Universität Dr. Magnes, ein gemeinsames Parlament zu errichten, um dort die Verständigung zu finden, hält Dr. Ticho für ganz akzeptabel, da ja nach dem Plane des Dr. Magnes Einwanderung und Bodenkauf der Ingerenz dieses Parlaments entzogen werden sollen. Es muß ein Modus vivendi mit den Arabern, die 84 Prozent der Bevölkerung bilden, gefunden werden. Dr. Albert Ticho sieht in der Erweiterung der Jewish Agency durch Aufnahme von Nicht-. zionisten ein ganz gewaltiges Ereignis, das für die Entwicklung des Landes von größter Bedeutung sein wird, denn auch er steht auf dem Standpunkt, daß dieHeimstättenichtdenZionisten, sondern der Weltjudenheit gegeben wurde. Er begreift es vollauf, daß die wirtschaftlich stark belastete österreichische Judenheit vor allem an ihre eigenen jüdischen Institutionen denkt und für deren Förderung Opfer bringt, die ihr weitere Spenden für Palästina ganz unmöglich machen. Allein die kapitalstarke Judenschaft, insbesondere die Amerikas, kann und soll Opfer für das Heilige Land bringen, obwohl jetzt auch in Amerika infolge des Börsenkrachs eine Wirtschaftskrise eingetreten ist Diese Umstände bedingen leider eine starke Geldknappheit in Palästina und es ist traurig, daß gerade in dieser Situation der zionistische Parteihader auch im Lande der Väter sehr stark in Erscheinung tritt. Dies ist um so bedauerlicher, weil die Araber wie eine Betonmauer fest zusammenstehen; alle Nachrichten von Zwistigkeiten in diesem Lager bezeichnet Dr. Ticho als Zeitungsenten. Sehr zufrieden äußerte sich Dr. Albert Ticho über die kulturellen Verhältnisse in Palästina. Er besprach eingehend das übrigens rein hebräische Schulwesen, lobte besonders stark die Universität, die insbesondere dadurch ständig eine Ausgestaltung erfährt, daß ihrer Bibliothek Spenden aus aller Welt, von christlicher und jüdischer Seite, zukommen. Die Universität auf dem Skopusberg besitzt heute eine größere arabische Bibliothek als die Nationalbibliothek in Kairo. Dr. Albert Ticho sprach noch von den traurigen Eindrücken, die er bei seinem Aufenthalt in T u n i s gewonnen hat, dessen jüdische Bevölkerung bis auf eine ganz dünne Oberschicht in elendesten wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen lebt. Die Menschen hausen hier oft noch in Domizilen, wie sie von ihren Vorfahren, die aus Spanien vertrieben wurden, errichtet worden sind. Dagegen lobte er im allgemeinen die ausgezeichnete französische Verwaltung in Syrien, die sich beinahe wohltuend von der englischen unterscheidet. Dr. Albert Ticho begibt sich in den nächsten Tagen wieder nach Jerusalem zurück, wo auf ihn schon viele Kranke, denen er ein gütiger Arzt ist, mit Ungeduld warten.