Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 11 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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UIE WAHRHEIT Seile .- ihnen der Massenhaß entgegenwehte und ihnen zum Verhängnis zu werden drohte. Die Gestalt fiamans ist mit vielen individuellen Zügen ausgestattet und äußerst lebendig gesehen. Gleichwohl ist Haman ein Typus, die Hauptmotive seines Handelns wiederholen sich zu jeder Zeit. Weshalb haßt er alle Juden und will sie ausrotten? Der Verfasser führt das auf ein persönliches Erlebnis zurück. Es ist ja ebenso schwer, ein ganzes Volk zu hassen, wie ein ganzes Volk zu lieben. Liebe und Haß sind höchst individuelle Gefühle. Ein solches höchst persönliches Erlebnis entzündet zuerst in Hamans Brust glühenden Haß gegen Mordechai; dann kommt die Verallgemeinerung, dieser Vernunft-Ersatz, mit dem die platten Durchschnittsmenschen ohne Anstrengung des Denkapparates sich durchs Leben fretten und dabei stolz auf ihren Scharfsinn sind. Verletzte Eitelkeit ist das Motiv, die stärkste Triebfeder gewöhnlicher Naturen, die Mutter des Neides und des Hasses. In 99 von 100 Fällen ist das zu allen Zeiten die Ursache des Judenhasses. In einer Republik oder in einer demokratischen Monarchie würde Haman versuchen, das Volk aufzuwühlen, in einer Despotie wendet er sich an den König. Der machts. Was sagt nun Haman zum König? Etwa, daß die Juden schlechte Patrioten, unzuverlässige Untertanen sind? Oder daß sie das Volk auswuchern, schwere Arbeit fliehen, unehrlich im Handel, habgierig und hartherzig sind? Ach nein! Das hätte wohl nicht zu verfangen vermocht, es war viel zu leicht zu widerlegen. Haman spricht nur die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, aber er gibt ihr eine Beleuchtung, die schlimmer ist, als die ärgste Lüge. Es gibt da ein Volk, zerstreut und hingesät zwischen den Völkern. Sejne Gebräuche und Sitten sind verschieden von denjenigen der anderen Völker, nach Sitte und Brauch des Königs handeln sie nicht. Was hat der König für ein Interesse, sie in Ruhe zu lassen? . . . Haman ist es nicht um die gewaltigen inneren Gegensätze zwischen der persischen Staatsreligion und dem ethischen Monotheismus der Juden zu tun. Auf solche Subtilitäten läßt er sich nicht ein, er hat wahrscheinlich von ihnen keine Ahnung. Was ihn ärgert, ist das Aeußere, was jeder wahrnimmt, also die besonderen Feste, der Sabbath, die Speisegesetze, welche die Juden von den anderen scheiden, sie als andersartig erscheinen lassen. Der Andersartige ist der Fremde und der Fremde ist der Feind. Der Feind aber steht nach dem Empfinden des antiken Menschen außerhalb jeden Rechtes, ist vogelfrei — ein Empfinden, das noch leider in der Gegenwart lange nicht ausgerottet ist. Und der König hat kein Interesse daran, ihn zu schonen, besonders wenn der Fremde, dieser Feind, eine verschwindende Minderheit bildet, die sich nicht wehren kann und der keiner von außen zu Hilfe kommen wird. Da ist es ja ganz ungefährlich, ihm den Garaus zu machen. kenloser hinzunehmen; um so befremdender, um so drohender und schreckhafter, aber auch um so widerspruchsvoller erhebt sich die srell realistische Gestalt Shylocks hinter dem lustspielmärehenhaiten Fluß der Geschehnisse. Die wutverzerrte Fratze des Juden erscheint wohl dem vorurteilslosen Leser einesteils als eine Art naiver Verkörperung des Bösen, als das grausame Fabeltier, der schlimme Geist des Märchens. Die Häutung von Berechnung, Räch- und Habgier, von Geiz. Schadenfreude, Intoleranz und unerbittlicher Grausamkeit machen ihn des öfteren zum unwahrscheinlichsten Theaterbösewicht. Das Unwahrscheinliche seiner Handlungsweise erhärtet noch weiter neben der ins Maßlose gesteigerten Bösartigkeit Shylocks aus mancherlei offensichtlichen Widersprüchen, die sich im Verlaufe des Stückes ergeben, aus mancher allzu augenscheinlich betonten, allzu vorsätzlich verklausulierten Begründung der Handlungen Shylocks. So ist beispielsweise die unnatürliche Forderung nach einem Pfund Menschenfleisch „aus welchem Teil von Eurem Leib ich will" noch zu einer Zeit, da der Kredit Antonios nicht dem geringsten Zweifel unterlag, zumindest seltsam. Ebenso unwahrscheinlich ist die etwas knapp begründete Tatsache, derzufolge es dem mächtigen Dogen unmöglich sein sollte, Shylocks Rechtsanspruch aufzuheben. Denn die wenigen Sätze über Venedigs Recht muten nur wenig stichhaltig an und gemahnen ebenfalls an die unkausale, naiv-apodiktische Art des Märchens, wenn nicht gar an die gewisse Verlegenheits-Motivierung gewaltsam-gedanklicher Konstruktion. Darnach könnte man annehmen, daß nach der ursprünglichen Shakespeareschen Konzeption auch die Person Shylocks märchenhaft angelegt worden war. Und doch ist etwas an diesem Shylock, das ihm eine elementare Macht, etwas in seinem Wesen, das ihm — außerhalb des Märchenrahmens — den Gehalt und die Aktualität lebendiger Wahrheit verleiht „Meine Taten auf meinen Kopf. Ich fordere das Gesetz." Die zwei Hauptmotive des Judenhasses, welche die Jahrhunderte hindurch an erster Stelle wirksam waren, hat der Verfasser der Esther- Geschichte mit feinem psychologischen Empfinden erfaßt. In ihrem Dekret zur Vertreibung der Juden aus Spanien reden Ferdinand und Isabella nicht etwa von jüdischem Wucher oder jüdischer Ausbeutung, sondern davon, daß die fremde Religion im katholischen Lande nicht geduldet werden könne. Damals war die Religion das konstituierende Element. Heutzutage ist Haman aufgeklärt und gebildet, er hat Anthropologie studiert und daher sind ihm die Juden die fremde Rasse, die im arischen Lande nicht geduldet werden dürfe. Die Tatsache, daß die Juden stets und überall eine Minderheit bilden, ist das andere konstituierende Element im Verhältnis der Juden zu ihrer Umwelt, ein Moment, das sowohl nach innen wie nach außen wirksam ist. Gorki sagt einmal: „Der Künstler sucht nicht die Wahrheit, er schafft sie." Eine solche schöpferische Darstellung der Wahrheit enthält das Esther-Buch. Sein Verfasser hatte das Zeug zu einem großen Dichter in sich. Das jüdische Volk hat dies naiv herausgefühlt und hat ihm die denkbar größte Huldigung dargebracht, indem es während zwanzig Jahrhunderten in zahlreichen Fällen jedesmal, wenn es aus der Hand eines feindlichen Menschen oder Schicksals wie durch eine wunderbare Fügung, errettet wurde, das Ereignis in dem Lichte seiner Erzählung gesehen, den aus diesem Anlasse eingesetzten Erinnerungstag nach dem in dieser Erzählung verherrlichten Feste benannt und nach seinem Muster das Ereignis in einer Erzählung verewigt, den Stil der Megillath Esther nachgeahmt hat. Das jüngste dieser kleinen Purimreste wurde kürzlich 100 Jahre alt. Es ist dies das Purim von Bobowno, das am 18. Adar Scheni 1829 eingesetzt ward. Vom Jahre 1823 bis 1835 zog sich der Ritualmordprozeß von Welisch (Gouvernement Witebsk) hin, einer der fürchterlichsten Prozesse dieser Art, der sogar damals, unter dem Schreckensregiment des Zaren Nikolaus I., da das Schlimmste nicht mehr überraschte, die Juden von ganz Rußland länger als ein Jahrzehnt in ungeheurer Aufregung erhielt. Eine Episode dieses Prozesses spielte in Bobowno. Ein getaufter Jude namens Grudinski bekundete, er habe als kleiner Knabe im Hause eines Verwandten namens Sabbathai Turbowitz der Schlachtung und Entblutung eines kleine Christenkindes beigewohnt. Die Blutspuren seien noch jetzt in dem Talmud-Traktat Pessachim zu sehen, der sich im Hause jenes Turbowitz befinde. Eine hochnotpeinliche Untersuchung wurde eingeleitet, die mehrere Tage dauerte, während das Haus von Soldaten umzingelt war. Dem Untersuchungsrichter Rodakowski gelang es, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, der An- Wie granitene Säulen stehen diese Worte da, ein unerschütterlicher Wall gegen alle 13itten, Einwürfe und Einwendungen. Zu starrer, eherner Härte verdichtet sich darin Shylocks Haß entgegen dem liebenswürdigen Vorhalt Porzias und ihrem religiös-poetischen Exkurs über die Gnade. An dieser Stelle im vorletzten Akt des Lustspieles läßt Shakespeare seinen Shylock aus dem märchenhaften Rahmen entschieden heraustreten, um an ihm eines der wichtigsten aller Probleme aufzurollen; das Problem vom Judentum, dessen Religion sich aui der Heiligkeit des Gesetzes aufbaut, im Gegensatz zum Christentum, das sich aui die Idee der Gnade stützt. Ja, dieser ganze vierte Akt ist eigentlich nichts anderes als die große Auseinandersetzung zwischen Gesetz nud Gnade, wenn auch unter sonderbar verwickelten, fast möchte man sagen verkehrt anmutenden Umständen zum Ausdruck gebracht Er bildet, wenn man in Shylock nicht den novellistischen Einzelfall erblickt, sondern — wie es eben geschehen ist und wie noch deutlicher dargetau werden soll — den Repräsentanten des Judentums, das Substrat für eine tiefschürfende Untersuchung des jüdisch-christlichen Problems, das sich bis auf den heutigen Tag im Wesen stationär erhalten hat Solches Dafürhalten ist aber durchaus berechtigt in Anbetracht der klar zutage tretenden, b ewußten Absicht Shakespeares (was auch aus den generalisierenden Aeußerungen der beteiligten Personen vielfach hervorgeht), in Shylock das Judentum zu treffen, in seiner Person das Problem des Judentums aufzurollen, allerdings nicht als zentrales Problem, kategorisch und objektiv, sondern in seiner Wechselbeziehung zum Christentum und vom Standpunkt des — Christen. Um es gleich vorweg zu nehmen, kommt hierbei das Gesetz nicht besonders glimpflich weg. Denn es tritt da die folgende, besondere Voraussetzung in Kraft. Der gültige Rechtsanspruch, der Pfandschein aui des Christen Fleisch, zu Recht geiertigt und präsentiert liegt in der Hand Shylocks, des-bösen Juden, des zumindest ursprünglich als Bösewicht Dargegeber wurde entlarvt. Das war der unmittelbare Anlaß, daß die höheren Behörden auf die Machinationen des Witebsker Gubernators C h ow a n s k i, der den ganzen Prozeß eingefädelt hatte, aufmerksam wurden. Im Jahre 1835 entschied der Staatsrat unter persönlichem Vorsitz des Zaren, daß die Anklage sich auf gänzlich unhaltbaren Grund aufbaute. Die Angeklagten wurden in Freiheit gesetzt. Grudinski wurde wegen falscher Zeugenaussage zur Militärstratkolonie verurteilt. Der ganze Hergang wurde in einer Meg i 11 a h Sabbathai erzählt, welche die Nachkommen der Verleumdeten aufbewahren. (S. Dubnow hat sie seinerzeit in Luach Achiasaph veröf- Mc Wahrten wird viermal hintereinander kostenlos zur Probe an die Adressen geschickt, die uns Freunde des Blattes aufgeben. Mit Tinte ausfüllen Ausschneiden und auf einer Postkarte an den Verlag der Wahrheit (Wien II., Heinestraße 13) senden! Name Adresse ---------- ----- -- ------------------- ---- (Name und Adresse) A gestellten, so daß dieser, daß ein B ö s e w i c Ii t als der Exponent der Gesetzlichkeit erschein!. Es ist somit im voraus die Grundlage für eine objektive Untersuchung dieses Problems nicht gewährleistet. Denn das Gesetz ist in der Hand Shylocks und, wie der Dichter es wahr haben will, nur schlecht;iuigehobeii. es steiit einen rechtlichen Anspruch aui Unrecht dar ein Recht ohne Gerechtigkeit, ein Unrecht vor Gott und Uen Menschen. Es ist der im Lehen nun einmal mögliche Fall, daß ein Gesetz angesprochen, ja erschlichen wird durch ein Papier, einen Schein, den Schein des Rechtes durch ein Scheinrecht! Denn das Gesetz, das sich aui göttliches oder menschliches Recht stützt, ist immer heilig un ■ ■' verbindlich; das Gesetz aber, gestützt auf bloßen Formalismus, kann pure Sünde, kann Verbrechen sein. Ein gutes Ding in böser Sache angewandt büßt es im Verfolg von Unwürdigem seine heilige Würde ein. Dem Gesetze folgend, das sich überall in Natur und Seelenleben offenbart, wird das Dasein aufgebaut. Um das Gesetz kann man sich nicht herumdrücken. Es ist die Grundlage allen Lebens. Wir Menschen müssen unter allen Umständen dem Gesetze folgen. Haben wir aus Vorwitz oder Schwäche dasselbe übergangen und sind zu schwach, die Folgen, die sich aus der Gesetzesverletzung ergeben, zu tragen, dann müssen wir um Gnade flehen. Die Gnade kann uns vor den bösen Folgen der Gesetzesverletzung bewahren. Allein die Gnade hebt das Gesetz nicht auf. Aus der Machtfülle dessen, der Gnade übt. wird uns Hilfe und Kraft zuteil, erfolgt über unsere Unzulänglichkeit hinweg die Verwirklichung des Gesetzes. Gnade ist die lichte Krönung unserer Mühe und Anstrengungen, das Gesetz zu vollführen, sie ist Rücksicht auf unseren guten Willen dazu, aber auch Nachsicht mit unserer Schwäche. Sie ist das Meer, in das der Strom des Gesetzes mündet. Sie ist die selbstlose Unterstützung desselben und seine Glorie. Wir folgen dem Gesetz und über uns thront Gnade! Shylock, der Inhaber des Pfandscheines, will von seinem blutrünstigen Anspruch auf des Christen