Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 11 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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beite 2 DIE WAHRHEU beurteilt werden. Der Verfasser hat offenbar im Volke umgehende, vielleicht zum Teil bereits schriftlich fixierte Sagen mit historischem Hintergrund kunstvoll und geschickt verarbeitet und aus der persischen Umgangssprache in ein etwas präziöses literarisches Hebräisch übertragen, gleichwie dies in unserer Epoche so häufig geschieht Nicht Geschichte wollte er bieten, sondern volkstümliche Ueberlieferung, wie sie im Munde der breiten Massen lebte. Dem Verfasser eignete nicht nur eine große schriftstellerische Begabung, sondern bedeutendes künstlerisches Talent und feines psychologisches Verständnis. Die göttliche Führung der Dinge setzt er stillschweigend als selbstverständlich voraus, aber es ist nicht seine Sache, fortwährend Gott im Munde zu führen. Er bemüht sich, das Kolorit der Zeit und des Ortes treu wiederzugeben, und die modernen Forscher, auch solche, die ihn ablehnen, haben anerkannt, daß er die Sitten und Bräuche des persischen Hofes und seine Oertlichkeiten vollkommen zutreffend schildert — offenbar aus eigener Anschauung. Daß die Geschichte in den Annalen des persischen Reiches nicht verzeichnet ist, braucht uns nicht wunder zu nehmen. Alle die schauerlichen russischen Pogrome von 1881 bis 1883 und 1905'06 wurden in der offiziellen russischen Reichsberichterstattung ja auch nur höchstens mit ein paar Worten in einem Nebensatz abgetan. Wäre nicht die Presse, insbesondere die ausländische, so manche grausige Judenmetzelei wäre ohne Sang und Klang verschollen. Dabei ist der Hamansche Pogrom rechtzeitig vereitelt worden . . . Austilgung ganzer Bevölkerungen kamen im Perserreich vor. das erzählt uns Herodot. Ein solcher Plan muß nicht gleich der ganzen Judenschaft des persischen Reiches gegolten haben. Er mag nur einer der 127 Provinzen zugedacht gewesen sein und die Volkssage vergrößerte die Dimensionen ins Ungeheuerliche. Vor etwas mehr als 30 Jahren haben wir etwas ähnliches erlebt Im Juni 1898 brach in einer der größten und schönsten Städte Westgaliziens zum größten Staunen, zur Ueberraschung und zum Entsetzen aller aus völlig heiterem Himmel ein Pogrom los. Pater Stojalowski, ein exkommunizierter Priester, der gegen den Episkopat und die Landesregierung Krieg führte, wühlte die Bauernschaft auf, wobei ihm die Wiener liberale Presse wacker beistand, denn die Wiener Liberalen lagen gerade in Fehde mit dem reichsrätlichen Polenklub, der Galizien im österreichischen Zentralparlament repräsentierte und sie waren froh, im Lande Verwirrung zu stiften und seiner Regierung Verlegenheiten bereiten zu können. In Galizien wußte jeder Einsichtige, daß am Ende die Juden die ersten sein würden, die das Bad ausschütten, wenn die Wühlerei einen genügend hohen Grad erreicht hat. um sich ein Ventil zu suchen. Das wußte man, aber man glaubte es nicht. Keiner konnte sich einen Pogrom in Galizien ausmalen. Aber eines schönen Samstagmorgens zeig- Feuilleton Shylock oder Das jüdisch-christliche Problem Eine kritische Untersuchung. Von S. Taubes. Die Gestalt Shylocks, des haßerfüllten jüdischen Kaufmannes, ist weit über den Rahmen ihrer literarischen Bedeutung zu einem Gegenstand vielfacher, widersprechender, oft heftiger Erörterungen geworden. Man hat die verschiedensten Untersuchungen über ihn angestellt. In ethischer Hinsicht, vom ästhetischen Standpunkt, ja als Politikum ist er in Betracht gezogen worden. Als immer wiederkehrende Theaterfigur veranlaßte er die zünftigen Theaterkritiker an ihm — stets von neuem — ihre Analysen vorzunehmen. Der Manu aber ist Jude, und das genügte noch immer, um Gegenstand der Kontroverse zu werden. Zahlreiche Männer von hüben und drüben, Juden und Nichtjuden, bemächtigten sich dieses Wesens aus Shakespeares Geist, um an ihm Probleme zu orientieren, nationale, religiöse und Rassen-Theorien. Zitate, erbarmungslos dem organischen Gefüge des Schauspiels entrissen, mußten — fettgedruckt - als Pieiler dienen und Weltanschauungen stießen aufeinander ... Wer wollte leugnen, daß es möglich sei. an einer Shakespeareschen Tragödie seine Weltanschauung zu klären, seine Lebenseinsicht zu vertiefen, durch die Bekanntschaft mit Shakespeareschcn Personen seine Seele ten sich in mehreren Dörfern der Umgegend riesenhafte Plakate, die in ungelenker Schrift verkündeten, daß der Kaiser befohlen habe, das Volk solle am nächsten Sonntag mit den Juden in den Städten „anfangen", da der Tag der großen Abrechnung gekommen sei. Richtig zogen am nächsten Morgen, kaum daß es tagte, Scharen von Bauern mit ihren Fuhren zur Stadt. Im Nu begann die Plünderung. Bald erschien Militär und forderte die Bauern auf, abzuziehen. Vergebens. Nach der dritten vergeblichen Mahnung gaben die Soldaten Feuer und dreizehn Bauern fielen bei der ersten Salve. Panik und Erbitterung bemächtigte sich der Plünderer. Es war der Moment höchster Gefahr. Da machte der jüdische Bürgermeister der Stadt durch eine mutige und kluge Rede der Sache ein rasches Ende. In wenigen Stunden war die Ruhe wiederhergestellt. Aber der Schauplatz sah aus wie ein Schlachtfeld. Ich war einige Tage darauf m dem ostgalizischen Städtchen C h o 1 o j o w, das etwa zwölf Eisenbahnstunden vom Tatort entfernt liegt. Dort fand ich schon eine phantastisch ausgeschmückte Legende über den Vorfall: es hatte eine richtige Schlacht stattgefunden, in welcher die Regierungstruppen, kommandiert von dem jüdischen Bürgermeister, der Major der Reserve war, unter dem von Stojalowski geführten Bauernheere ein wahres Blutbad angerichtet hatten. Zwischen dem Bürgermeister und dem Bauerniührer bestand nämlich seit langem, so erzählte man sich, ein geheimer Kriegszustand, da Stojalowski die Frau des ersteren zu entführen versucht hatte. Von dem Gatten dafür gezüchtigt, beschloß der ausgestoßene Geistliche, sich an allen Juden dafür zu rächen. (Tatsächlich munkelte man im Lande, daß Stojalowski einmal bei einem Diner eine jüdische Dame beleidigt habe. Vom Gatten dafür tätlich insultiert, wurde er von seinem Bischof obendrein zu einer schweren Kirchenstrafe verurteilt) Stojalowski, dieser Haman, der den Kaiser irregeführt und ihm die Befehle gegen die Juden herausgelockt hatte, sei gefangen genommen, nach Wien gebracht und werde bald gehenkt werden. Der jüdische Bürgermeister sei vom Kaiser zum General ernannt worden . . . Noch in anderer Beziehung war jenes Erlebnis für mich lehrreich. Als ich einige Wochen darauf die Pogromstadt aufsuchte, fand ich die Juden mit Veranstaltung von Geldsammlungen beschäftigt. Es sollte ein Fonds zur Unterstützung der Hinterbliebenen der 13 Bauern geschaffen werden, die erschossen worden waren. „Die Kinder sind jedenfalls unschuldig", sagten die Juden, auch die Erschossenen selber waren ja nur Opfer dieser wüsten Agitation. „Unsere Bauern sind noch so abergläubig und roh, daß sie solchen Märchen Vertrauen schenken." Oftmals war ich in galizischen Städtchen Zeuge von Schlägereien zwischen Juden und Bauern. Nicht immer zogen die Juden den Kürzeren; obwohl sie in der Minderzahl waren, verzu bereichern? Allein hier, wie bei jedem Werk der Dichtkunst, kommt es auf den Maßstab an, auf das Maß der Grenze, innerhalb welcher man im Realistischen die Anwendung der Analogie noch vornehmen darf; dann aber auf die natürlichen Schranken menschlicher Erkenntnis, der auch die höchste Schwungkraft dichterischer Phantasie, die prophetische Intuition eines genialen Geistes doch immer unterworfen bleibt. " Wie verhält es sich nun darnach mit dem „Kaufmann von Venedig" und seiner grandiosen Episodengestalt Shylock? Wie eine dunkle Wolke über buntfarbigem Gartenland, wie eine finstere Elementargewalt ragt die Gestalt des jüdischen Hassers Shylock in die lebensvoll bewegte, von Freud und Leid wechselnd erfüllte, aui alle Fälle aber höchst irdische Welt des christlichen Venedig. Sie ist der düstere Hintergrund für das helle, sonnige Leben, das geschäftige Handelstreiben am Rialto, für dieses von dem Duft süßer Früchte erfüllte Dolcefarniente-Dasein patrizischer Kaufleute und junger, edler venezianischer Kavaliere . . . Der Inhalt ist bekannt, doch sei er im folgenden skizzenhaft angedeutet: Bassanio, tief in Schulden, wirbt um Porzia, Antonio, sein Freund und Gläubiger, wird — um ihm beizustehen — selbst Schuldner. Dessen Gläubiger ist Shylock (der übrigens dem Juden Tuba] Schuldner wird). Die Handlung des Schauspiels und sein eigentlicher Hauptinhalt, das Zentrum des Stückes ist nach gutem alten Brauche die Werbung und schließlich glückliche Vereinigung des liebenden Paares, nach Ueberwindung des grausamen Gläubigers, Shylocks, des Juden! Graziano-Nerissa, Lorenzo-Jessica, die beiden Liebespärchen, leuchtend von Shakespearescher Lebensechtheit ergeben Nebenhandlungen, organisch dem Gesamtgefüge verwoben. Einige Motive jedoch, wie jenes von den drei Kästchen, strahlen über alle Geschehnisse einen märchenhaften Schimmer aus, wie auch die Werbung des schwarzen Prinzen von Marokko und des von Arragon dem Ganzen den Charakter eines, wenn auch ent- TEPPICHHAUS S.SCHEIN AKTIENGESELLSCHAFT 1., Dauernmarid Nr. I0-K-I4 VII., Mariohlllerstraoe Nr. QA (Ecke Zieglergasse) W fEPPICHE VORHÄNGE NÖBELSTOfffE E1NOLEEJPI DECKEN Grüßte Auswahl! Billigste Preise! prügelten sie ihre Gegner manchesmal sehr arg. Aber sobald diese wehrlos waren, überkam sie immer das Mitleid und sie verbanden die Verwundeten, spendeten ihnen noch Speise und Trank. So wird es wohl auch vor 2000 Jahren in Persien bei solchen Vorfällen gewesen sein, auch dort und damals „rächten" sich die Juden aui diese Art an ihren Feinden, die sie auszurotten planten. Die phantastischen Ziffern von getöteten Judenfeinden, in denen der naive Verfasser schwelgt, gehören ebenso ins Reich der Fabel wie die Blutbäder, von denen mir die Cholojower Juden erzählten. In Susa selber sollen es 500, im ganzen Reiche sogar 75.000 gewesen sein: die Septuaginta sind milder und sagen bloß 15.000. Der Verfasser konnte sich das leisten, denn es kostete keinem Menschen das Leben. Man denke sich, daß die russischen Juden nach einem vereitelten Pogrom in Petersburg 500 und in ganz Rußland 75.000 Huligans totschlugen! Der Verfasser vergaß zweierlei, daß Judenfeinde sich nicht so ohne weiteres totschlagen lassen und daß man sie nicht so leicht aus der Masse der anderen heraus erkennen konnte. Das ist eine der schwachen Seiten dieses über dem Durchschnitt begabten Erzählers. Aber alle Mißgriffe und Fehler muß man dem Verfasser verzeihen, wenn man die von ihm vorgetragene Psychologie des Judenhasses erwägt. Hier hat der unbekannte, anspruchslose Schriftsteller im fernen Persien ein Meisterstück ersten Ranges geleistet, welches zweitausend Jahre nach ihm in unserem Europa unter so unsagbar veränderten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen seine volle Geltung behält. Es handelt sich hier offenbar um einen Grundzug der menschlichen Natur, der bei allen Völkern und Rassen unter allen Himmelsstrichen in allen Kulturen sich gleich bleibt. Seit die Juden In die Fremde gehen mußten, war es damals das erste Mal, daß zückenden, phantasievollen Märchens verleihen. Die Episode mit den Ringen, als letztes retardierendes Moment und die Verkleidungsmotive leiten wiederum ins Lustspielhafte hinüber und erhöhen nur Spannung und Interesse am Mittelpunkt der Handlung, der Vereinigung des Liebespaares. E i n Motiv nur, das Motiv von Shylock, dem Juden — ungeachtet aller seiner Umvalirscheinlichkeit, durch einen krassen Realismus nn liebenswürdigen Märchenspiel wie exotisch wirkend — stellt sich der Haupthandlung ebenbürtig und wie als Gegenstück gegenüber, verschiebt die Anordnungen dramatischer Kunst, zieht das Schwergewicht auf seine Seite, ja wird zum zweiten Mittelpunkt und wächst schließlich zu überragender Größe aus, in deren Schatten sich das ganze übrige Stück abspielt. Wir haben gesehen, wie Shakespeare in sein Lustspiel Märchenmotive verwebt, die zwar von außerordentlichem Reiz sind, dem Geschehen aber einen Teil seiner Realistik (mag es sich hierbei auch nur um jene Wirklichkeit handeln, die aus dichterischer Phantasie gesetzmäßig hervorgeht) entziehen. Darauf muß schon an dieser Stelle mit altem Nachdruck hingewiesen werden, da es späterhin notwendig erscheinen wird. Märchenhaites und Realistisches, die sich in der Gestalt Shylocks oft sonderbar mischen, scharf . zu scheiden, wenn eine sachliche Analyse dieser vielumstrittenen Phantasiegestalt durchgeführt werden soll. Dann aber auch, weil anläßlich der Diskussion über Shylock gerade die Unfähigkeit, eine strenge Scheidung zwischen phantastischen und. realistischen Elementen zu ziehen, zu falschen Schlüssen und irrtümlichen Auslegungen geführt hat. Insbesondere sind augenscheinlich märchenhafte Uebertreibungen für realistische Charakteristika genommen worden, wodurch dem Charakter Shylocks übel mitgespielt wurde. Man ist nämlich im allgemeinen geneigt, zufolge der märchenhaften Anlage dieses Lustspiels Handlung und Personen weniger gewichtig aufzufassen, Motivierungen als im Milieu des Märchenhaften fußend beden-