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Die Wahrheit · 1930-03-14 · Heft 11 (14.3.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 11 (14.3.1930)
Date
1930-03-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Di. UUrU »» Erscheint jeden Freitag iiiiiiiBiiiiioiiiiiiiiyiiuiiiiuyiiiiiiimiiiiiyfliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!!! mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien uuffifflöminuir Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 14. März 1930 Nummer 11 Der ewige Purim. Von Binjamin Segel. Kein Buch der Bibel ist so vielen und so scharfen Angriffen einer unfreundlichen Kritik ausgesetzt gewesen, wie das Buch Esther, das die Entstehungsgeschichte des Purim-Festes erzählt. Man hat die Moral des kleinen Buches getadelt und ihm vorgeworfen, daß es Haß und Rachsucht predige, man hat seine Personen, namentlich Mordechai und Esther, im unvorteilhaftesten Lichte geschildert, schließlich hat man sie alle des Daseins beraubt, hat dem Buch die „historische Wahrheit" abgesprochen und die ganze Erzählung ins Reich der Fabel verwiesen. Von jüdischer Seite stellte man mit Erstaunen fest, daß in dem ganzen Buche der Name Gottes nicht ein einziges Mal vorkommt. Sogar mancher Jude ist unangenehm überrascht, wenn er dies wahrnimmt. Nöldeke hat ausgerechnet, daß das Wort „Mischthe" (Trinkgelage) im Esther-Buch nicht weniger als zwanzigmal vorkommt, genau so viele Male wie in allen anderen Büchern der Bibel zusammengenommen. Zunz konstatiert nicht ohne Bitterkeit, daß das Wort „König" darin 187mal, „Königreich" 26mal, aber Gott nicht ein einziges Mal genannt wird. Man hat auch für die „Schlemmerei und Völlerei", der sich die Juden am Purim angeblich zu ergeben pflegen, das Buch Esther verantwortlich gemacht, hat aber" vergessen, einen Blick auf den Karneval zu werfen, der um dieselbe Zeit stattzufinden pflegt und an dem auf diesen Gebieten ganz andere Dinge geleistet werden, Dinge, wie sie die Juden in ihrer ausschweifendsten Phantasie nicht geträumt haben. Im Mittelalter erregte das Fehlen des Gottesnamens im Esther-Buch das Bedenken der Kommentatoren, welche das zu erklären suchten. Am nächsten kommt der Wahrheit der berühmte spanische Prediger aus dem 15. Jahrhundert, Isaak Arama, Verfasser des bekannten Akedat Izchak, der. annimmt, das Buch wäre auf Bitten Esthers von den Männern der Großen Versammlung aus dem Persischen ins Hebräische übersetzt worden. Der Stil des Buches unterscheidet sich bekanntlich in der Färbung und im Ton von allen anderen Prosabüchern der Bibel. Uns Heutigen, die wir eine große Anzahl klassischer hebräischer Prosaübersetzungen besitzen, drängt sich dieser Gedanke von selber auf. Viel getadelt (weil gänzlich mißverstanden) wurde es, daß Esther auf Mordechais Geheiß ihre Abstammung verbirgt. Man deutete diesen Zug als Ausdruck der Gesinnung derer, die sich in unserer Zeit „nicht zu erkennen geben", weil ihnen das zur Karriere nützt oder den Verkehr in nichtjüdischer Gesellschaft' erleichtert. An der Gestalt der Esther fanden die geistesaristokratischen Kreise, die an ein heroisches Empfinden gewohnt waren, kein sonderliches Gefallen. Erstens war das Errettetwerden durch höfische?rauenprotektion anstatt durch Kampf im Namen Gottes nicht nach ihrem Geschmacke. Man mißbilligte es ferner, daß sie die Gattin eines Nichtjuden, wenn auch eines Königs wurde, und ersann ein Wunder, um diesen Schritt zu rechtfertigen. Von der Gestalt der Esterka, die als Geliebte des Königs Kasimir des Großen von Polen im M. Jahrhundert ihrem Volke eine Beschützerin geworden sein soll, haben sich ja nur bei den Polen, nicht aber bei den Juden Erinnerungen erhalten. Dagegen hat die schöne verheiratete Gräfin Walewska Napoleon I. sich aufgedrängt und hingegeben, in der patriotischen Hoffnung, daß er ihr zum Lohne dafür Polen wiederherstellen werde... Doch unbarmherziger als alle die bisher genannten Kritiker verfuhren, wie bereits erwähnt, manche Vertreter der modernen protestantischen Bibelwissenschaft mit dem Esther-Buch, die dessen „historische Wahrheit" in Abrede stellten und die ganze Erzählung in das Reich der puren Dichtung verwiesen. Als wären sie dabei gestanden, schworen diese Gelehrten Stein und Bein, daß weder Haman, noch Mordechai, weder Esther noch Waschthi je existiert haben. Das kleine Buch hat für alle diese Verunglimpfungen Revanche genommen, indem es anstatt der ihm von der Professorenweisheit abgesprochenen historischen Wahrheit eine höhere, man möchte sagen eine welthistorische, eine psychologische Wahrheit bewährte. Die Gelehrten verwechselten nämlich Wahrheit mit Wirklichkeit. Wenn man Kindern eine Geschichte erzählt, fragen sie immer: ist das auch wirklich wahr? Sie möchten nämlich wissen, ob Hansel und Gretel, Rotkäppchen, Aschenbrödel, die Menschenfresser, Rumpelstilzchen und Rapunzel irgendwo wirklich zu sehen, zu greifen und zu haschen wären. Die Kinder können natürlich nicht ahnen, daß eine erdichtete Geschichte, die sich nie zugetragen hat, tausendmal wahrer sein kann, als ein Ereignis, das wirklich stattgefunden, sogar mehrere Male stattgefunden hat, und dennoch tief unter der Wahrheit steht, nämlich kein Element des ursächlich zusammenhängenden Weltgeschehens spiegelt, sondern nur eine zufällige Aufeinanderfolge sinnloser, unbedeutender Vorkommnisse, zusammenhangloser Fragmente aus dem Kaleidoskop des Völkerlebens. Manches Grimmsche Märchen schließt in sich, obwohl es nie wirklich gewesen, tausendmal mehr Wahrheit, als manches Jahrhundert russischer Geschichte voll derber, schreiender Tatsachen, die aber doch nur ein wüstes Durcheinander sinnlos-roher Missetaten von oben und von unten darstellen. Die moderne Psychologie hat uns aber gelehrt, daß die menschliche Phantasie n i e etwas völlig aus dem Nichts schafft. Keine Hervorbringung des Mythos, der Sage, des Märchens oder der Erzählung, zu der nicht der Keim in der Natur oder dem Leben vorhanden wäre! Ist es nun durchaus verfehlt und unpsychologisch, zu meinen, daß der Verfasser des Esther- Buches sich seine Erzählung aus dem Finger gesogen hat, daß sie von keinem wirklichen Ereignis angeregt wurde, so hat die Geschichte des jüdischen Volkes seit Purim nur bewiesen, daß die Purimgeschichte mehr als eine historische, weil eine ewige Wahrheit enthält, die sich immer wieder von neuem wiederholt. Die jüdische Geschichte verzeichnet eine stattliche Anzahl von Fällen, die eine so frappante Aehnlichkeit mit dem Purim-Ereignisse aufweisen, daß diejenigen, die sie erlebt, jeweils einen Gedenktag für „ewige Zeiten" eingesetzt haben und ihn ebenfalls „Purim" nannten. Ich habe bisher ihrer 30 festgestellt, aber es dürfte wohl mehrere Dutzend davon gegeben haben. Allein man wurde wegen der großen Zahl es müde, immer von neuem ein Purim einzusetzen. Unwillkürlich wird man dabei an ein Wort aus unserer Zeit erinnert. Alexander Zederbaum, der berühmte hebräische Publizist und Begründer der „Ha Meliz" in Petersburg, stand bei P o b i edonoszow in hoher Gunst und hat mehr als ein Verhängnis, das der allmächtige Prokurator des heiligen Synods plante, von den Köpfen der Juden abgewendet. Einmal fragte ihn Pobjedonoszow halb im Scherz: „Was sagen die Juden dazu, daß ich sie seit Jahren so unbarmherzig verfolge und ihnen keine Ruhe gönne?" — „Das möchte ich Ew. Heiligkeit sagen, wenn ich nicht fürchtete, Sie zu beleidigen." — „Sprich nur frei, ich werde nicht böse sein." — „Nun, die Juden sagen: ,Budjet prazdnik' (Es wird ein Fest geben)." — „Was für ein Fest, da ich sie ausrotte, vertreibe und aushungere?" „Die Juden sagen, das war immer so. Zuerst kam Pharao und wollte sie ausrotten, jetzt haben wir Pessach, dann kam Antiochus und wollte sie ausrotten, jetzt haben wir Chanukka. Dann kam Haman und wollte sie ausrotten. Jetzt haben wir Purim. Es kamen dann noch viele, die uns ausrotten wollten — aber man kann ja am Ende nicht alle Tage Feste feiern." Es wird nicht überliefert, was Pobjedonoszow geantwortet. Die scharfe Beurteilung des kleinen Buches rührt daher, daß man es nicht in erster Reihe als ein Literaturwerk beurteilte und darum nicht als das nahm, als was es sich gibt, sondern daran mit Maßstäben herantrat, die ganz anders gearteten Büchern der Bibel entnommen waren. Das Buch tritt nicht mit dem Anspruch auf, beglaubigte politische Geschichte zu erzählen, sein Verfasser gibt sich auch nicht als Prophet oder Psalmist. Das Esther-Buch will lediglich eine Festlegende sein, es erzählt eine im Volke überlieferte Sage, wie das Purimfest entstanden ist. Als das Esther- Buch in Persien endgültig niedergeschrieben wurde, bestand das Purimfest schon lange. Es ist von Susa, der Hauptstadt Persiens, in der Form eines Briefes nach Jerusalem geschickt worden und will für die Einführung des in den jüdischen Gemeinden des Ostens längst gefeierten Festes werben. Nun war Purim zur Zeit des Josephus, nämlich in den letzten Tagen Jerusalems, schon überall unter den Juden bekannt, aber erwähnt wird es erst im zweiten Makkabäer-Buche, also ungefähr hundert Jahre vor der üblichen Zeitrechnung. Doch die darin erzählte Begebenheit spielt unter dem Perserkönig Xerxes I., der von 486 bis 465 regierte, dessen Namen babylonisch Achschiwarschu, bei den Juden aber Achaschwerosch lautete. Es waren also inzwischen mehr als drei Jahrhunderte verstrichen. Wir können natürlich nicht feststellen, wann die Erzählung in die jetzige Form gebracht wurde. Aber wir können es verstehen, daß die Judengemeinden in Persien gerade in der Zeit der Bedrückung Palästinas durch die syrischen Griechen das Bedürfnis verspürten, ihren fernen Brüdern in der Heimat Kunde zu geben von einer alten Ueberlieferung, die unter ihnen lebte, wonach sie einmal auf wunderbare Weise aus der Hand eines gefährlichen Todfeindes errettet wurden, ein Ereignis, von dem ein alljährlich gefeiertes, fröhliches Fest seinen Ursprung nahm. Das Buch Esther ist eigentlich die Geschichte eines vereitelten Pogroms, es ist die erste Pogrom-Geschichte, und will als solche

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