Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-03-07 · Heft 10 (7.3.1930) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 10 (7.3.1930)
Date
1930-03-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064155--17803-3082767
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch Die tbahrhei e » Ersdieint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien fliBflt«yniiiaa»MBiM mmmmamm «t Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang. Wien 7. März 1930 Nummer 10 Masaryk. Zu seinem 80. Geburtstage am 7. März 1930. 5. In unserem heutigen, so staatenreichen Europa gibt es nur sehr wenige Staatsmänner, denen zu ihrem Wiegenfest jeder Menschenfreund ohne Unterschied der Nation, des Bekenntnisses und. der Partei so herzlich und uneingeschränkt Glück wünschen kann, wie dem Oberhaupte der Tschechoslowakischen Republik. Aber es gibt auch nur sehr wenige, die so unentwegt vom Glück begleitet waren wie er, im doppelten Sinne des Wortes, nämlich daß sie zu den höchsten-Stufen des Erfolges emporgeführt wurden und daß dieser Erfolg nicht durch Verleugnung oder Verkümmerung der Ideen bedingt war, zu denen sie sich das ganze Leben bekannt haben. Masaryks staatsmännischer Erfolg ist durch keines der Verbrechen erkauft worden, die man sich gewöhnt hat, als. durch die Staatsraison gerechtfertigt zu betrachten, er darf seine jetzige Stellung als die Krönung seines ganzen Lebenswerkes betrachten, welches das Lebenswerk eines Q'erechten war, ganz gewidmet der uneigennützigen Erforschung der Wahrheit und deren furchtlosen Verkündung. Es ist sehr interessant, daß die Staatsmänner, die im Weltkriege die entscheidende Rolle gespielt und die Welt so gründlich umgestaltet haben, von Haus aus zumeist Gelehrte und Schriftsteller waren, ein Beweis dafür, daß Wissenschaft und Literatur die Menschen für das politische Leben und Wirken nicht so ganz untauglich machen. Masaryk, ursprünglich, Professor der Philosophie und Soziologie an der Wiener Universität, seit 1882 Vertreter derselben Fächer an der damals neugegründeten P r a g e r tschechischen Universität, ist Verfasser einer ganzen Reihe hervorragender philosophischer und soziologischer Werke, darunter eines über Marx' Geschichtsphilosophie. Das bedeutsamste seiner Werke ist das kurz vor Ausbruch des Weltkrieges erschienene zweibändige Buch „Rußland und Europa", in welchem dieser aufgeklärteste und höchst gebildete Vertreter des Slawentums sich als „guter Europäer" erweist, der den Europäern, besonders den Deutschen, das Verständnis der gesamten slawischen Rasse, zumal des russischen Geistes in seiner Besonderheit und Eigentümlichkeit, die vielfach Nichtslawen unzugänglich ist, aufs tiefste und klarste vermittelt. Masaryk hat alle seine Werke, abgesehen von Zeitungsartikeln und gelegentlichen Flugblättern, in deutscher Sprache geschrieben, — in seiner tschechischen Muttersprache, die er so heiß liebt,, hätten sie natürlich das europäische Publikum nicht erreicht —, er ist ein dankbarer Jünger und Bewunderer deutscher Wissenschaft, und dies schützt ihn auch in der Politik vor dem Chauvinismus und dem einseitigen Nationalis m u s, dem seine Landsleute in hohem Maße ergeben waren; von denen man nicht ohne Grund fürchtete, daß sie diesen Nationalismus auch in ihren neuen selbständigen Staat hinübernehmen würden, um ihn gegen die Deutschen zu betätigen und ihnen auf diese Weise heimzuzahlen, was sie seit Jahrzehnten von ihnen auszustehen hatten. Hätte Masaryks Rivale, der steinreiche, aristokratische Freund des Zaren Nikolaus IL, bei dem er alljährlich im Herbst auf seinen Schlössern in der Krim einige Monate verbrachte, Dr. K a r e l Kramar, wie es allen Anschein hatte, über Masaryk in der Gunst des tschechischen Volkes den Sieg davongetragen, — der Krieg zwischen den beiden Völkern wäre verewigt worden und hätte ganz Mitteleuropa vergiftet, wie er zu Zeiten der habsburgischen Monarchie Oesterreich keine Ruhe gab, bis es endlich zerfiel. Ein glückliches Schicksal hat Masaryk an die Spitze gestellt, den hochgebildeten Kulturmenschen und ethischen Humanisten, der zugleich die Macht hatte, den überspannten Nationalismus seines eigenen Volkes zu bändigen und endlich eine Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen herbeizuführen, auf der sich eine friedliche Zukunft beider Völker entwickeln kann. Masaryk hat den Mut, sich der öffentlichen Meinung seines Volkes entgegenzüstemmen und seine ganze Popularität aufs Spiel zu setzen, wenn es sich darum handelt, einer ihm heiligen Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Schon als ganz junger Mann wagte -er es, die Echtheit der „Königinhofer Handschrift" zu bestreiten, zu einer Zeit, als jeder Tscheche, der nicht blind daran glauben wollte, daß dieses gefälschte tschechische Gedicht aus dem frühen Mittelalter stamme und die Ebenbürtigkeit der tschechischen Kultur mit der deutschen unwiderleglich bezeuge, als Na t i o- Feirid der tschechi- und förmlich in den Masaryk, den fleißige, gründliche Studien überzeugt hatten, daß besagtes Gedicht eine späte Fälschung sei, scheute sich nicht, das Odium auf sich zu nehmen, den falschen Götzen zu zerstören und sein Volk dazu zu erziehen, seinen Wert in wirklichen Kulturleistungen zu suchen und sich nicht mit falschen Federn zu schmücken. Es wird erzählt, daß Masaryk damals mehr als einmal Gefahr lief, von Fanatikern umgebracht zu werden. Mehrere Jahrzehnte später war es ihm beschieden, für einen fälschlich wegen angeblichen Ritualmordes verurteilten Juden sein Leben zu wagen. Das war die Affäre H i 1 s n e r, die sich vom 1. April 1899 jahrelang hinschleppte. Es war ein Dogma, daß der armselige, halb lahme, schwächliche und blöde Hilsner zwei kräftige, handfeste, hochgewachsene, kerngesunde Bauerndirnen abgeschlachtet hatte, um ihnen im Auftrag der Juden das Blut abzuzapfen, das sie zum Pessachfeste benötigten! Die Untersuchung, die Aussagen und der ganze Prozeß brachten Beweise .von menschlicher Dummheit, Bosheit und Aberwitz zu Tage, daß er schon darin allein ewig denkwürdig bleiben wird. „Ich habe die Verteidigung Hilsners übernommen, weil es sich um einen unschuldigen Menschen handelte, außerdem, nalverräter und sehen Kultur verpönt Bann getan wurde. weil es um die Ehre des tschechischen Volkes ging*', sagte Masaryk von sich. Er stand einer Welt von Feinden gegenüber, die deutschen und die tschechischen Antisemiten, so heftig sie einander auch sonst bekämpfen mochten, waren einig darin, daß Masaryk von den Juden gekauft sein mußte und es galt auf beiden Seiten als ein heiliger Glaubensartikel, den zu bezweifeln Volksverrat war, daß Hilsner den zweifachen Mord begangen habe, und zwar, um den Juden Christenblut für ihre Osterbrote zu beschaffen. „Ich werde Volksverräter genannt, weil ich die Schande meines Volkes nicht ertrug", schrieb Masaryk. Man erinnerte daran, daß Hilsner ein Taugenichts war. Darauf antwortete Masaryk schlicht: „Ist er auch ein Taugenichts, so ist er doch ein Mensch. Es handelt sich in dieser Frage nicht um das Ansehen und die Ruhe der böhmischen Juden, sondern um einen unschuldigen Mensche n." „Durch die Analyse des Polnaer Prozesses will ich nach Kräften die Schande u nsererJournalistikwettmachen, die durch lügenhafte und hetzerische Schilderung der Dreyfus-Artäre uns eine böhmische und österreichische Dreyfusiade bereitet hat, wie der öffentliche Ankläger selbst, und zwar ganz richtig, den Polnaer Prozeß benannt hat. Der Leser wird sich überzeugen, daß in Wirklichkeit der ganze Polnaer Prozeß unter antisemitischem Hochdruck und dessen Wahnglauben vom Ritualmorde sich abgespielt hat." ... „Ich hoffe, daß die Ehre der böhmischen und österreichischen Gerichts- und Rechtswelt diejenigen verteidigen werden, welche es in erster Linie angeht", schrieb Masaryk in einem Artikel über diesen Prozeß. Und er fuhr fort: „Ich kann nicht sagen, wie die Polnaer Affäre mich berührt hat, wie deren Diskutierung in unserer Oeffentlichkeit mich bis ins Herz verwundet hat — so viel Urteilslosigkeit, Gedankenlosigkeit, leidenschaftliche Ueberstürzung und hierzu noch geradezu Unmenschlichkeit bis zur Grausamkeit — eine solche Erscheinung kann nur aus der nervösen Ueberreizung und dem abnormalen Zustande unseres böhmischen und österreichischen Lehens überhaupt erklärt werden. Für diejenigen, welche diesen Zustand nur einigermaßen eifriger betrachten, ist der Polnaer Prozeß ein blutiges M emento . . ." Hilsner wurde bekanntlich zum Tode durch den Strang, dann zu lebenslänglichem Kerker verurteilt und erst begnadigt, nachdem er volle 18 Jahre im Kerker geschmachtet hatte. Den Prozeß wieder aufzunehmen, bot sich keine gesetzliche Handhabe. Hilsner ist einige Jahre nach seiner Entlassung in tiefstem Elend gestorben. Sehr bezeichnend für Masaryk ist folgender Abschnitt aus seinen im Jahre 1911 in tschechischer Sprache veröffentlichten Lebenserinnerungen: „In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurde jedes Kind in der Umgebung von Q ö d i n g (Geburtsort Masaryks) durch die Schule.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.