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Die Wahrheit · 1930-02-28 · Heft 9 (28.2.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 9 (28.2.1930)
Date
1930-02-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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II Seite 4 DIE WAHRHEIT F >i '•' § Ii %*.v «J iP ..■«p? „Wr kommen mit dem Maria-Theresien-Orden zurück oder — gar nicht." Beide sind im W e 11krieggefallen. .. Ein Sohn ist dem greisen General noch verblieben, Karl Ritter v. Eiß, auf leitendem Posten in der Schwerindustrie tätig. Reicht, nach Bruder Hermanns Heldentod, dem Vater die Rechte: „Nun ist an mir die Reihe." War das ja Familientradition seit Jahrhunderten gewesen. Für sein „heldenhaftes Verhalten vor dem Feinde", über das Oberst Seeliger wahre Ruhmestaten zu berichten weiß — Karl v. Eiß rückte z. B. trotz seiner bei einer Heldenleistung erlittenen Zerschmetterung des rechten Armgelenkes mit einer Prothese wieder ins Feld ein —, erhält er die goldene Tapferkeitsmedaille für Offiziere. Nicht ohne Schwierigkeiten. Wieder wird das Wort „J u d e" geflüstert. Beim A. O. K. in Baden, das nun der junge Kaiser Karl führt. Doch der Kaiser fragt seinen Generalstabschef Waldstätten: „Haben wir den Eiß, als er für uns vorstürmte, um seine Religion gefragt?" — Waldstätten: „Nein, Eure Majestät." — „Und jetzt, nachdem er in solcher Weise sein Blutopfer für uns gebracht — jetzt fragt man um seine Religion?" So wurde der Oberleutnant Karl Ritter y. Eiß der einzige Angehörige der alten Armee, der beide goldene Tapferkeitsmedaillen, die für Mannschaft und die für Offiziere, gleichzeitig besitzt. » * Das ist die Geschichte der jüdischen Familie derer von Eiß. Ihr Wappen ist ein goldener Greif, der gegen den Himmel mit goldenen Sternen das Schwert zückt Als die Mutter Karl v. Eiß' jetzt zu Grabe getragen ward, da verhüllte graues Schneegestöber den Himmel mit goldenen Sternen. Nun ist noch der letzte Platz im Familiengrab frei. Der letzte Sohn lebt einsam. Trägt man auch ihn einst dahin: dann wird das Wappen am Grabe zerschlagen. Den letzten Sproß der alten Soldatenfamilie, die ihren angestammten Glauben nie preisgegeben hat, würdigten selbst die katholischen Tiroler durch den Beschluß, seinem Bild, zur ewigen Erinnerung an gemeinsames Heldentum, im Andreas-Hofer-Museum auf dem Berg Isel einen Ehrenplatz zu verleihen. Ich aber, der Historiker, Offizier und Nichtjude, frage die ehrlich denkende Oeifentlichkeit, welcher Sprache und Religion immer: wo in der Kriegsgeschichte alier Zeiten ist eine Familie, die für ihr Vaterland ein Mehr getan als diese? Palästina einst und jetzt. Vortrag des Herrn Dr. Fritz W i 1 k e, Professor an der evangelisch-theologischen Fakultät der Wiener Universität, im Verein „Jüdisches Museu m". t?f In dem verwirrenden Pro und Kontra, das in den Erörterungen über das heutige Palästina laut wird, ermöglicht ein Blick in die Vergangenheit die Bildung eines einigermaßen gesicherten Urteils. Denn jede Lebensäußerung des kulturgeschichtlichen Werdeprozesses, der sich auf der Erdoberfläche vollzieht, rückt für eine objektive Beurteilung nur dann in die richtige Perspektive, wenn sie mit den Zuständen der vorangehenden und der älteren Entwicklungsstufen verglichen wird. Wenn wir über das Palästina von heute ein klares Urteil gewinnen wollen, müssen wir uns demgemäß auch mit dem Palästina von gestern befassen. Unter diesem Gesichtspunkte sprach der Vortragende eingehend über die Grenzen, über die Bodenbeschaffenheit Palästinas, sowie über das Bevölkerungs¬ und Aufbauproblem. I. Geographisch sind die Grenzen Palästinas durch die Natur gezogen. Im Westen bildet das Mittelmeer, im Osten die syrisch-arabische Wüste die Grenze; als Nordgrenze erscheint eine Linie, die man vom Fuß des Hermon und des Libanon in gerader Richtung bis an den Ausiluß des Nahr-el-Kasimije in das Mittelmeer zieht Im Süden, wo das Kulturland allmählich in die Steppe übergeht ist die Grenze naturgemäß schwankend: im allgemeinen gilt als Südgrenze eine Talsenkung, die im Süden von Gaza im Wadi Razze ihren Anfang nimmt durch das Wadi es-Seba verläuft und, in der Richtung aut das Tote Meer zu, im Wadi el-Milh ihre Fortsetzung findet. Die politischen Grenzen haben sich jedoch mit den geographischen keineswegs immer gedeckt Im hebräischen Altertum war die Seeküste im Westen zumeist in fremder Hand; im Süden saßen die Philister, die weiter nördlich gelegenen Hafenplätze waren im Besitz der Phöniker. Im südlichen Teil des Ostjordanlandes siedelten die Ammoniter und Moabiter. Anderseits ragte der politische Machtbereich Israels zeitweise aber auch über die erwähnten Grenzen hinaus. So bildete die Südgrenze gegen Aegypten bisweilen der Wadi el-Arisch, und unter Salomo sowie auch noch in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts war Elath an der Nordspitze des Meerbusens von Akaba ein israelitischer Hafenplatz. Von hier nahmen die vielgenannten Ophirfahrten ihren Ausgang. Im allgemeinen bezeichnet die alttestamentliche Redewendung „von Dan bis Beersaba" richtig die Ausdehnung des von den Israeliten besetzten Gebietes. Heute beginnt die Nordgrenze bei dem Vorgebirge Rasen-Nakura. 20 km nördlich von Akko. Sie verläuft dann zunächst in östlicher Richtung auf den Hule- See zu. biegt einige Kilometer vor dem See aber in scharfer Wendung nach Norden, um die drei Quellflüsse des Jordan in östlicher Richtung zu überschreiten und bei Banijas in rechtem Winkel nach Süden umzuwenden. Diese scheinbar so seltsame Ausbuchtung der Nordgrenze hat zwar eine geringe wirtschaftliche, aber eine große politische und moralische Bedeutung. Denn in dem soeben umschriebenen nördlichsten Zipfel des Landes liegen ein paar kleine, jüdische Kolonien, Teil Choi, Hammara, Ketr Gilead, Metulla, die im Jahre 1920 auf das schwerste von den Arabern bedroht wurden; damals hat einer der feurigsten Vorkämpfer für Erez Jisrael, Trumpeldor, ein russischer Kriegsinvalide, jene Siedlungen mit einer Handvoll Gleichgesinnter erfolgreich verteidigt und dabei in Teil Choi sein Leben eingebüßt. Das Bild des Helden ist heute überall im jüdischen Palästina lebendig. Im Osten verläuft die Grenze von Banijas in südlicher Richtung. Sie führt am Ostufer des Hule-Sees entlang, folgt dem Jordan bis zur Einmündung in den Tiberiassee, dessen Ostufer sie im Süden roiteinschließt, und weiter bis zum Toten Meer, das sie durchschneidet, um durch den Wadi-e-araba bis nach Elath hinabzuführen. Im Süden bildet den Endpunkt in der Wüstenebene die Stadt Rafa, die zirka 45 km südlich von Gaza liegt Von dort führt sie, zunächst der alten türkisch-ägyptischen Grenze iolgend, in einer geraden südöstlichen Linie nach Elath, so daß das politisch zu Palästina gehörige Gebiet hier einen spitzen Winkel bildet: die Spitze befindet sich in Elath, die Schenkel führen zum Südende des Toten Meeres und nach Rafa. Im Osten ist bei der neuen Grenzführung nach alledem eine starke Verkleinerung des Erez Jisrael eingetreten. Das Ostjordanland gehört heute in seinem nördlichen Teil zu Syrien, während das südlich vom Jarmuk liegende Gebiet vom Königreich Transjordanien eingenommen wird. Im Westen und Süden hat das Land dagegen im Vergleich mit dem allisraelitischen Besitzstande eine bedeutende Vergrößerung erfahren. Die Küste ist heute ein Lebensiaktor ersten Ranges, und wenn es sich bei dem riesigen Areal zwischen Rafa. Elath und Totem Meer auch nur um ein menschenarmes Steppengebiet handelt so kann der Zugang zum älanitischen Meerbusen später noch einmal eine große, handelspolitische Bedeutung gewinnen. Da die Nordgrenze in mehrfachen Abmachungen zwischen den Mandatsmächten England und Frankreich (am 23. Dezember 1920, am 7. März 1923, am 2. Februar 1926 in Paris) wiederholt neu geregelt worden ist und im Süden eine exakte Berechnung fehlt so sind die Angaben über den Flächeninhalt des palästinischen Mandatsgebietes sehr schwankend. Preß berechnet den Rauminhalt Palästinas nach den geographischen Grenzen einschließlich des Ostjordanlandes auf 65.000 Quadratkilometer; Triesch nimmt für das Mandatsgebiet nur 16.000 Quadratkilometer an, während das Zionistische Handbuch (1923) 23.000 Quadratkilometer nennt Nach anderen vorsichtigen Schätzungen kommt man auf 21.000 bis 22.000 Quadratkilometer. II. Was die Bodenbeschaffenheit anbetrifft, so handelt es sich in der Küstenebene um alten Meeresboden, der dadurch entstanden ist, daß in der zweiten Hälfte des Tertiär der Westrand des Gebirges hier einstürzte und vom Mittelmeer überflutet wurde. Die Jordanspalte mit ihren Seen ist in ihrer Urform ein langgestreckter Binnensee, der sich bildete, als am Ende des Tertiär oder am Anfang des Diluviums die ehedem einheitliche Kreideplatte des Gebirges in zwei Teile zerbrach und das Wasser von beiden Seiten in der Ersenkung zusammenströmte. Ebenso stellt die Ebene Jisreel eine alte Binnenseemulde dar, und das Gebirge hatte in der Diluvialzeit infolge des feuchten Klimas einen reichen Pflanzenschmuck. Vielleicht hat das Landschaftsbild aber auch noch in historischer Zeit eine bedeutsame Veränderung erfahren, wie dies ja auch in Nordafrika zu beobachten ist. Eine Reihe bestimmter Nachrichten legt eine solche Vermutung jedenfalls nahe. Die älteste Angabe über die Fruchtbarkeit Palästinas, die wir besitzen, stammt aus vorisraelitischer Zeit Sie findet sich in der Reisebeschreibung eines Aegypters namens Sinuche, der im Jahre 17S0 v. Chr. in das palästinische Bergland verschlagen wurde und berichtet daß es dort Feigen, Weintrauben, Oel- und andere Fruchtbäume, Honig, Weizen, Gerste und Herden in Fülle gab. Altpalästinische Flur- und Städtenämen, wie Karmel (Fruchtgartenland), Beth-ha-kerem (Weinberghausen), Beth-lehem (Brothausen), 'En-gannim (Dschennin, Gartenquelle). Beth-ha-gan (Gartenhausen), Nahal-eschkol (Traubental), Jisre'el (Gott sät) u. a. m„ führen auf dieselbe Vorstellung. Dasselbe gilt von verschiedenen, alttestamentarischen Nachrichten (z. B. dt. 8, 7 ff.) und der Bezeichnung Palästinas als eines „Landes, das von Milch und Honig (wohl Traubenhonig) überfließt." Allerdings hat der Regen bei den alten Israeliten für die Bodenkultur schon eine ähnliche Bedeutung gehabt wie tn der Gegenwart. Auch von Dürre, Mißwachs und Hungersnot ist oft genug im Alten Testament die Rede, und das Hügelland im Osten und Südosten von Jerusalem trug schon im hebräischen Altertum den Namen „Wüste Juda". Gleichwohl lassen sich die erwähnten Zeugnisse nur erklären, wenn Palästina damals im großen und ganzen den Eindruck eines fruchtbaren Acker- und Gartenlandes erweckte. (Schluß folgt.) Centrai-Verein undjewish Agency. Nachdem sich in den letzten Jahren eine Anzahl von Mitgliedern des Cent ral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mit Zionisten und dem Central-Verein nicht angehörenden Nichtzionisten in der Jewish Agency zusammengefunden haben und nachdem durch den Aufruf „Hilfe durch Aufbau" und die Antwort „der deutschen Juden" die Gegensätze verschärft worden waren, war es Aufgabe und Pflicht der Hauptvorstandssitzung vom 16. Februar, einmal über die Grundbedingungen Klarheit zu schaffen, unter denen eine solche Zusammenarbeit überhaupt möglich ist Mit einer bisher in der Geschichte des Centraivereins beispiellosen Einmütigkeit (83 ja, 1 nein, 3 Stimmenenthaltungen) hat der Hauptvorstand am 16. Februar den folgenden Beschluß gefaßt: „Der C. V. hat stets jede nationaljüdische Bestrebung abgelehnt In Uebereinstimmung damit haben diejenigen Mitglieder des Hauptvorstandes, die sich an der Palästinaarbeit beteiligen, stets erklärt, daß sie als deutsche Juden den Mittelpunkt ihres politischen und kulturellen Lebens in Deutschland erblicken und daß sie jede nationaljüdische Propaganda, auch im Rahmen der Jewish Agency, abweisen. Der Hauptvorstand des C. V. hat demgemäß das Vertrauen, daß alle seine Mitglieder überall, auch außerhalb des Vereins, diesem Gedanken zur Durchführung verhelfen." Die einheitliche Auffassung des Hauptvorstandes über diese Fragen ging so weit, daß einst i m-" migbesc blossen wurde, die zu diesem Punkt der Tagesordnung vorgesehenen Referate der Herren Rabbiner Dr. Jacob (Dortmund) und Rechtsanwalt Dr. Krombach (Essen) von der Tagesordnung abzusetzen und von jeder Aussprache Abstand zu nehmen. Nur ein Bericht des Mitgliedes des Hauptvorstandes Dr. Bruno Weil über die Vorgeschichte des obigen Beschlusses und die Stellung von Mehrheit und Minderheit dazu wurde vor den Abstimmungen entgegengenommen. Mit dieser Entschließung werden die Gegensätze in der Beurteilung des Palästinaproblems und der Frage der Beteiligung an der Jewish Agency nicht vertuscht. Nach wie vor besteht der Beschluß der Hauptvorstandssitzung vom 23. und 24. März 1929, daß derCentralverein vonderEntsendung von Vertretern in die Jewish Agency absieht. Damit ist die Stellung der Majorität des Hauptvorstandes zur Jewish Agency und zur „nationalen Heimstätte" klar gekennzeichnet. Die Sitzung am 16. Februar hat aber auch etwas anderes ganz deutlich gemacht: Auch diejenigen Mitglieder des Hauptvorstandes, die in der Jewish Agency oder in das Initiativkomitee für die Agency als Einzelpersonen eingetreten sind, wünschen, daß die Agency nur reine Palästinaarbeit leistet und daß keinesfalls in ihren Beratungen, ihren Veröffentlichungen, ihren Versammlungen nationaljüdische Bestrebungen sich bemerkbar machen oder gar um sich greifen sollen. Ist also die Majorität des Hauptvorstandes gegen jede Beteiligung am nationaljüdischen Palästina aufbau überhaupt, so lehnen auch diejenigen Hauptvorstandsmitglieder, die der Agency nahestehen, in dieser programmatisch neutralen Körperschaft nationaljüdische Bestrebungen ab. Beide Teile des Hauptvorstandes sehen einmütig in Deutschland den Mittelpunkt ihres geistigen und kulturellen Lebens. Beide bejahen damit die unverrückbaren Grundlagen des Central-Vereines: Deutschtum und Judentum.

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