Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 9 (28.2.1930)
- Date
- 1930-02-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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«2 DIE WAHRHEIT Seite Theresienritter ohne Theresienorden. Im „Neuen Wiener Journal" gibt Oberst Emil S e e 1 i g e r über die i üd i s e h e H e 1 d e n f a m i 1 i e von E i ß u. a. rollende ergreifende Schilderuir«: Eine Mutter ist gestorben. Schlicht und einfach, wie sie gelebt. Und doch verblaßt vor den Manen dieser jüdischen Mutter selbst das klassische Bild jener Römerin Cornelia, die der Gracchen Mutter gewesen ... Der letzte Eili gibt Nachricht vom Tode seiner Mutter. Recht und bieder, wie sie leben, sterben sie. Nur die männlichen Träger des Namens dürfen, gemäß Familienbrauch, dem Sarge ihrer Toten folgen. Sonst niemand. Ergreifendes Geschehen am 16. Februar auf dem Zentralfriedhof. In heftigem Schneesturm wandelt durch die Hauptallee der Totenstadt ein ganz kleines Geleite. Vorne der Kantor. Vier Männer tragen den mit schwarzem Tuch umhüllten ungehobelten Holzsarg. Drei Schritte militärische Distanz. Dann ein Mann, der Sohn Karl, der letzte derer v. Eiß. Sonst niemand. Karl v. Eiß, Held von der Pivverna, von Capo sile und von hundert anderen Gefechten. So wird die Heldenfrau und Mutter bestattet, eine viel geprüfte Märtyrerin, zum ewigen S.chlaf. Kurzes Gebet des Kantors. Kein Nachruf darf gehalten werden. Dumpf fallen die Schollen auf den Sarg. Wenige Minuten später deckt die'altrömische Gruftplatte wieder das Grab. Ihre Inschrift kündet das Schicksal der bisher Dahingegangenen: K. und k. Generalmajor Alexander Ritter v. Eiß — K. und k. Säppeurhauptmann Hermann Ritter v. Eiß — K. und k. Pionierleutnant Otto Ritter v, Eiß. Noch ein Platz ist frei. Für den letzten Eiß. Geleitet man den einst hierher, wird die Gruftplatte zum letztenmal gehoben, um dann für immer sich zu schließen. In anderen Ruhestätten liegen die Töchter Helene und Ottilie. Die Mutter hat ihr Schicksal mit stummer Tapferkeit getragen, die liebe alte Frau. Hat ihre wundersame Güte nach jedem erneuten Schicksalsschlag um so inniger den Ueberlebenden gespendet. War ja ihr Leben eine ununterbrochene Reihung von Opfern . . . * * Sie hat ihre Pflicht in überreichem Maße er- -Tüiit. Nicht im blendenden Rampenlicht der Oeffentlichkeit. Still, bescheiden, unentwegt nach Sinn und Wille des geliebten Gatten, der im Testament bestimmte: Meinem Sarge soll nur der überlebende Sohn folgen, sonst niemand. Ich wünsche keinen militärischen Kondukt, keine Grabrede darf gehalten werden. Einfach, wie ich gelebt, will ich dahingehen. Das war Alexander v. Eiß gewesen, der Mann von stählerner Festigkeit und weichherzigster Güte. Der jüdische Offizier mit den hellblauen Augen, der eiserne Disziplin hielt unter seinen Soldaten. Die. durch ihn armeebekannte Elitetruppe geworden, für ihn. den Vorgesetzten und Vater. freudig durchs Feuer gingen. * .. * I Hatte sich da im Sturmjahr 1848 ein sechzehnjähriger Prager Gymnasiast nach der Matura freiwillig zu den Jägern gemeldet. Als ..Kadett-Gemeiner*' macht er sogleich den Feldzug 1S49 unter Radetzky mit. Erlangt 1855 die Leutnantscharge — wird der erste jüdische Offizier seit B e s t e h e n d e r k a i s e r 1 i c Ii e n A r m e e. Und hat schwerste Kämpfe auszutragen gegen das Vorurteil seiner Kameraden: muß während seiner Dienstzeit in Venetien und der Lombardei nicht weniger denn vierunddreißig Duelle ausfechten, wegen Angriffen auf seine Religion. War aber der beste Fechter seiner Zeit und hat sich so im wahren Sinne des Wortes die Achtung der Armee doppelt errungen: gegen den äußeren Feind wie gegen das Vorurteil der Kameraden. Schlacht bei Custozza. Eiß führt an der Spitze seiner Kompagnie jenen tollkühnen Handstreich aus, „welcher zum siegreichen Ausgang der Schlacht wesentlich beigetragen hat" — wie in der Verleihungsurkunde zum Orden der Eisernen Krone wörtlich hervorgehoben ist. Statutengemäß wird Eiß als Inhaber dieses Ordens in den Ritterstand erhoben. Da erweist sich wirklich ritterliche Kameradschaft. Das gesamte Offizierskorps seines Truppenkörpers, durchwegs christlicher Religion, tritt für den jüdischen Kaineraden ein. Macht die schriftliche Eingabe an das Kapitel des Militär-Maria-Tlieresien-Ordeus: „Dei Eiserne Kronen-Orden ist nicht genügende Belohnung für eine Tat. die den siegreichen Ausgang der Schlacht von Custozza entscheidend beeinflußt hat — Ritter v. Eiß ist des Militär-Maria Theresien- Ordens würdig!" Der Feldmarschall Erzherzog Albrecht ist dem hervorragend tapferen .lägeroffizier sehr wohl gesinnt. Läßt an ihn die Zuschrift richten: „Euer Wohlgeboren werden im Namen des Militär-Maria Theresien-Ordens aufgefordert, das zur Verleihung des Ordens noch fehlende Dokument (Taufschein) beizubringen." Eiß antwortet schriftlich: „Kann einen Taufschein nicht beibringen, weil ich der Religion meiner Väter nicht untreu zu werden vermag." Darauf erhielt er den höchsten Tapferkeitsorden nicht. Ein bewußt ungerechtes Handeln der damaligen Mitglieder des Ordenskapitels. In den von Kaiserin Maria Theresia „für UFA-TON-KINO 1 Wien ll.t Taboritrali Telephon U 42-3-41 ¥ler<e Woche prolonälcrl! DIR NEUE UrATON GBOSSriLN BS UWEl nach LEO TOLSTOI S „Hadschi Mural" Produktion: Blooh-Babinowitsoh Hauptdarsteller: lVöll PIOSjODHIn, LH Dagover, Beim Amann Regie: ALEXANDER WOLKOFF Der welibcrOhmfe Don-Kosakendior in Ion und Bild! Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr ewige Zeiten" festgelegten Statuten heißt es als ..oberster Ehrenstandpunkf. daß bei Bewerbung nicht die Religion, sondern ausschließlich die Tat in Betracht zu k o m m e n Ii a b e. Im Iahre 1878 kämpft Eiß in Bosnien, wird Ende der Achtzigerjahre Oberst und — der erste .lüde Regimentskommandant von Nr. 14 in Brünn. Späterhin, in der Aera Lueger. wird Eiß als Generalmajor zur Audienz befohlen. Kaiser Franz .1 o s e f reicht ihm die Hand: ..Lieber E i!.'.. würden Sie sich taufen lasse n? Die politischen Verhältnisse ermöglichen es nicht einmal mir als Monarch, einen Juden auf höheren (ieneralsposten vorrücken zu lassen. Anderseits will ich auf einen Korpskommandanten wie Sie doch nicht verzichten." Eiß sieht seinem Kaiser ins Auge. Sagt mit fester Stimme: ..M einem Glauben bleibe ich treu. Und bin überzeugt, auch Eure Majestät würden einen Offizier nicht höher achten, der um. persönlichen Vorteil und nicht aus Ueberzeiigung den Glauben wechselt." Da geschieht etwas, das in der Wiener Hofburg wohl noch nie Ereignis geworden. In spontaner Rührung tritt der auch schon weißhärtige Kaiser auf seinen Generai zu und. das sonst peinlichst beachtete Zeremoniell bei Seite lassend, umarmt er den alten Soldaten, mit dem er im Jahre 1848 gleichzeitig in die Armee Radetzkys eingerückt war . . . Der Radetzky-Veteran ist bei Ausbruch des Weltkrieges 84 Jahre alt. Seine Söhne erbten das Soldatenblut ihres Vaters. Hermann und Otto waren nach Absolvierung der Technischen Militärakademie aktive Offiziere geworden. Als sie ausmarschierten, hielten sie die Hand des Vaters: zur Gründung der Alliance Israelite Universelle gegeben und was er als ihr Präsident durch fast 20 Jahre für sie geleistet hat. Das Ziel der Alliance war: 1. Ueberall die Emanzipation und den moralischen Fortschritt der Juden zu erstreben, 2. denen einsehend Hilfe zu leisten, die in ihrer Eigenschaft als Juden zu leiden haben. 3. alle Publikationen zu unterstützen, die zu diesem Ergebnis führen können. Mit dem stolzen Wahlspruch im Wappen: „Ganz Israel bürgt für einander" wurde das große Werk der Einigung .der gesamten Judenheit in einer einzigen großen Organisation begonnen. Ein Hauptgewicht legte die Alliance aui die Gründung guter Schulen, die auch nicht] üdischen Schülern offenstehen sollten. 1865 erklärt Cremieux öffentlich: „Die Alliance will die Zivilisation durch Schulen verbreiten. Sie will sie durch alle Mittel verbreiten, die ihr zu Gebote stehen. Ihr Wahlspruch ist: Mache die Menschen sittlich, erhebe sie alle zu einer gleichen Stufe in der Welt! Sie will nicht, daß die Verschiedenheit der Gottesverehrung auch eine Verschiedenheit im Rechte begründe. Denn, wenn Gott alle Religionen duldet, so dürfen die Menschen keine geringere Duldsamkeit an den Tag legen." 1S62 wurde in Tetuan. in Nordafrika, die erste Alliance-Schule gegründet. Diese Schulen, die heute an die 120 zählen dürften, sind verschiedener Art, Knaben- und Mädchen-Schulen. Handarbeits-, Talmud-Thora- Schulen, Ackerbau-Schulen. Lehrer-Seminare und ein Rabbiner-Seminar. Sie erstrecken sich über den ganzen Orient, bis in das Innerste Persiens und das fernste Marokko. Es verdient Erwähnung, daß jüdische Geschichte als obligater Unterrichtsgegenstand zuerst von den Alliance-Schulen eingeführt worden ist. Den Unterricht in jüdischer Geschichte als ein Mittel zur Stärkung des jüdischen Ehrgefühles und Pflichtbewußtseins erkannt und verwertet zu haben, ist ein unbestreitbares Verdienst der Alliance. In dem Schulprogramm der Alliance wird ausdrücklich betont, daß die jüdische Geschichte den Schüler lehren solle, wie überall dieselben Vorurteile, derselbe Haß gegen die Juden gewütet haben, daß aber am Ende die menschliche Vernunft, die Idee der Duldung und Liebe über Haß und Aberglauben siegten, daß aber auch die Juden überall und zu jeder Zeit sich anstrengen müssen, den Erinnerungen ihrer ruhmreichen Vergangenheit treu, ihrem Glauben anhänglich zu bleiben, ihre iWitbürger an. Gesetzlichkeit. Reehtsehaiienheit und Vaterlandsliebe zu übertreffen. In Verbindung mit dein Sciiicksal des jüdischen Volkes in den verschiedenen Ländern sollen die Schüler mit den Geschicken auch dieser Länder vertraut gemacht werden. Die jüdische Geschichte steht somit im Mittelpunkt, von dem alles ausgeht und in den alles mündet. Die irüheren Zöglinge der Alliance-Sehulen bilden die Blüte der jüdischen Gemeinden im Orient, die durch diese Schultätigkeit der Alliance ein völlig neues Aussehen erhalten haben. Besonders in der Türkei wurde das geistige Niveau der Juden durch das Sehulwerk der Alliance bedeutend gehoben. Einer der hervorragendsten Führer der Jiingtiirken hat einmal gesagt: ..Was die .Alliance Israelite Universelle' für die Juden getan hat. mögen die Juden erzählen, aber wenn sie ihr SOjähriges Jubiläum feiert, so ist es auch die Pflicht der Jungtürken, ihr in Ehren zu gedenken, denn sie war es, die zuerst die modernen freien Gedanken in die Türkei gebracht hat. Die Sendboten der Alliance waren es. die uns bekannt gemacht haben mit Jean Jaques Rousseau, mit Viktor Hugo, mit Voltaire und mit Pasuual. Ohne sie würden wir noch immer unter dem Joche eines verkommenen Autokraten schmachten. Sie. die Vorsteher der Alliance, haben uns die französische Kultur gebracht und haben uns bekannt gemacht mit dem Fortschritt Europas." Dabei ist das Schulwerk doch nur e i n Zweig der Tätigkeit, die von der Alliance entfaltet wird. Im Jahre 1863 trat Cremieux selbst als Präsident an die Spitze der Alliance, als deren Gründer er so oft mit Unrecht bezeichnet wird, und er hat dieses Amt, mit einer einzigen einjährigen Unterbrechung, bis an sein Lebensende segensreich verwaltet Cremieux erkannte bereits die Bedeutung, die der Beteiligung der Frauen an der sozialen Arbeit für das Judentum beizumessen ist. In einer seiner glänzenden Reden in der Alliance zitiert er den bekannten Abbe Gregoire, der sich um die Emanzipation der französischen Juden hohe Verdienste erworben und an dessen (irab Cremieux der Dankbarkeit aller Juden beredten Ausdruck verliehen hatte. Gregoire sagte: „Die Ratschlüsse Gottes sind nicht unterbrochen. Wissen Sie, daß die Juden jetzt zahlreicher sind als in den Zeiten Davids und Sulomos? Sie zählen aui Erden mehr als 6 Millionen!-* Cremieux knüpft an diese Aeußertiiig Gregoires die Mahnung an die Frauen, sich dieser sichtbaren Vorsehung Gottes würdig zu zeigen. Er ruft ihnen zu: „Jüdische Frauen, bleibet das Vorbild der Familientugendeti! Erziehet Eure Kinder durch Euer Beispiel! Erhaltet in der Folge unter Eurem saiiiten Schutze die Schulen, in denen das neue Geschlecht gebildet wird!" In einer seiner letzten Ansprachen an die Alliance sagte Cremieux: „Wer als Patriot, als Mensch, als Jude seine Pflicht getan, den wird, wenn er dereinst einzieht ins Himmelreich, das Wort des Psahiiisten begrüßen: „Gesegnet, wer da einzieht im Namen Gottes." Und gesegnet von allen Mitbürgern ohne Ausnahme und Unterschied und von den Juden aller Länder wurde sein Name, als er im Alter von N4 Jahren am 10. Februar 1880 seine edle, für alles Wahre und Gute glühende Seele ausgehaucht hatte. Wie hatte sich während seines laugen Lebens und nicht zum geringen Teil unter dem EiniluU seines Wirkens und seiner Persönlichkeit in Frankreich das Urteil über die Juden und ihre Behandlung gewandelt! 1780 hatte die Pariser Polizei bestimmt, daß Judenleichen ohne das geringste Auisehen nur des Nachts zu bestatten seien. 1880 beschlossen die Kammern Frankreichs, die Bestattung des Juden Cremieux auf Koste n des Staates. Die Beisetzung währte volle vier Stunden. Man zählte über 300 Wagen. Den Leichenzug eröffnete ein stattliches Militärkommando. Man sah die höchsten politischen Stellen Frankreichs, die Auslese der Wissenschaft und Kunst, die Hochfinanz. Am Grabe sprachen die Vertreter der Alliance aus den verschiedensten Ländern, Peletan im Namen des Senates. Arago für die Freimaurerloge, der Grand-Rabbin von Frankreich Isidore und der von Paris Zadoc-Kahn. der in den; Verstorbenen einen väterlichen Freund betrauterte. Er nahm von ihm Abschied, als von „unserem Meister, dem Meister des -Wortes und der Tat".