Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 9 (28.2.1930)
- Date
- 1930-02-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064154--17795-3082758- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 DIE WAHRHEI1 darauf hingewiesen, daß innerhalb eines Vierteljahres im Sowjetreich 200 Synagogen und Moscheen und 980 christliche Kirchen geschlossen und weltlichen Zwecken übergeben wurden. Der Kampi gegen die Religion in Rußland, fuhr der Kardinal iort, die absolute Unterdrückung der Gewissensfreiheit, haben ihre Rückwirkungen auf die westliche Kultur. Der Chieirabbi v o n E n g 1 a u d Dr. J. H. H e r t z iordert in einem von den ,.T i in e s" veröffentlichten Schreiben die Oeffentlichkeit auf. ihre Aufmerksamkeit .der antireligiösen Kampagne in Rußland zuzuwenden. Das Verbot jedes öffentlichen Religionsunterrichte», sogar nach Schulschluß und im Elternhause der Kinder, wird so gehandhabt, daß sogar der Unterricht an drei Kindern, in einigen Provinzen an zwei Kindern als öffentlich gilt und der Lehrer grausamen Straieu unterworfen wird. Diese Erdrosselung des Religionsunterrichts biidei eine tödliche Gefahr für die Zukunft der Religion in Rußland. Wenn Herr Rykow behauptet, niemand werde wegeii seiner Religion in Rußland verfolgt, so möge er endgültig und unzweideutig das Verbot des Religionsunterrichtes an die Jugend zurücknehmen; erst dann wird seine Erklärung aufhören, ein grausamer Scherz zu sein. Die Häupter der Kirchen haben bereits gesprochen. Nun erwartet die Welt von den Führern der öffentlichen Meinung außerhalb der Kirchen eine öffentliche Stellungnahme zu diesen Ereignissen. Es gibt in England'Gelehrte und Schriftsteller von internationalem Ruf. deren Worte in Rußland Gewicht haben und derer. Proteste von den kriegerischen Atheisten nicht als die Meinung von „Klerikalen" und ..Reaktionären" werden umgestellt werden können. Mögen diese Führer der öffentlichen Meinung ihrer Entrüstung und ihrem Abscheu angesichts dieses geistigen Prosroms Ausdruck geben. Gewissen, religiöse Freiheil und alles Göttliche im Menschen werden heute in Rußland mit Füssen getreten. Die Protestbewegung gegen die Religionsvcrfclgung in der Sowjetunion nimmt in deti Vereinigten Staaten an Ausdehnung zu: christliche und jüdische Prediger protestieren von der Kanzel herab gegen die Drangsalierung des religiösen Gewissens. Bischof M a n n i n g appellierte in einer Predigt in der Kathedrale St. John the Divine an die Angehörigen aller Glaubensbekenntnisse, sich am 16. März, dem vom Papst in Verbindung mit der Religionsverfolgung in Rußland proklamierten Tag des Gebetes, im Gebete zu vereinen. — Rabbi Dr. Stcohan S. W i s e. Ehrenpräsident des American Jewish-Congress. richtete in einer, am 16. Februar abends auf einem Diener des American Jewish-Congress gehaltenen Ansprache heftige Angriffe gegen die Sowjetregierung wegen ihrer Politik der Religionsverfolgung und schieß mit dem iclgenden Gelöbnis: „Wir werden untere moralischen Waffen nicht niederlegen, als bis die Sowjetregierung ihren grausamen Krieg gegen die Religion beendet und jedem die Freiheit zu ungestörter Religionsübung gewährt." Die Leitung des American Jewish-Congress veröffentlicht eine Protesterklärung gegen die Unterdrückung der Religion in Sowjetrußland und fordert die amerikanische Judenheit aui, sich mit allen anderen Glaubensgemeinschaften in der Bemühung zu voreinigen, „dem — sonderbar genug im Namen der sozialen Gerechtigkeit — fortgesetzt geübten schweren Unrecht ein Ende zu bereiten." Das American Comittee ou Religion* Rights and Miuorities hat an den Präsidenten Hoover, das Staatsdepartement und das Staatskomitee für auswärtige Angelegenheiten, sowie an dessen Versitzenden Senator Borab das Ersuchen gerichtet, der S o w j e t r e g i e r u n g d i e A n e r k e u n u n g z u v e rw eigern, solan KcdicReligio.ns Verfolgung andauert. Der Sonderausschuß des amerikanischen Feuilleton Adolphe Crämieux. Zum 50. Todestage (10. Februar 1930). Von Dr. Max Qrunwald. (Schluß.) Am schmerzlichsten berührte es Cremieux, den glühenden Patrioten, daß sein geliebtes Vaterland Frankreich zu seinen Untertanen Juden zählte, denen das Bürgerrecht noch immer vorenthalten wurde. Es waren die Juden Algiers. Im Jahre 1858 wurde vor einem algerischen Kriegsgericht gegen einige Juden verhandelt. Cremieux war ihr Anwalt. Am Schlüsse seiner Rede erging sich der kaiserliche Kommissär, ein junger Offizier, in zügellosen Beschimpfungen des Judentums. Gegen diesen Angriff wendete sich Cremieux in seiner Verteidigungsrede zuerst. Er ruft begeistert aus: „Ich habe die Ehre Jude zu sein und damit auch die Pflicht, jeden Angriff auf meine (ilaubensgenossen abzuwehren. Wer die Juden anklagt, der kennt sie nicht. Vor 50 Jahren sprach man von den französischen Juden ebenso wie heute von den Juden Algiers. Aber was ist aus den Juden Frankreichs seit der Revolution, seit ihrer Emanzipation geworden! Vor 10 Jahren hat das französische Mutterland die Justiz und die Finanzen, das heißt die Hütung des Heiligsten unter den Menschen und die höchste Redlichkeit, jüdischen Händen anvertraut. (Er meint damit sich selbst und Aehille Fould.) Benutzen Sie. meine Herren, diese betriebsame, gewandte, treuergebene jüdische Bevölkerung, die weiß, daß sie Frankreich das Ende ihrer Knechtschaft verdankt! Der Knechtschaft! Wenn Sie wüßten, wie diejenigen Sie lieben, die Sie daraus befreit haben! Unsere ganze Religion beruht auf dem Hasse der Knechtschaft und aui der Dankbarkeit iür ihren Befreier. Der Gott Israels sagt ihnen aui jeder Seite der Bibel: ..Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Lande Aegypten, aus dem Hause der Knechtschaft herausgeführt hat." Und heute noch, nach viertausend Jahren, bei der Feier unseres Pessachfestes. wenn rings um den festlich ge- Syiiagogenrats iaßte eine Resolution, in der gegen die Unterdrückung der Religion in Sowjetrußland nachdrücklich protestiert wird. Es wurde beschlossen, daß am Sabbatheingaug, 7. März.' in allen amerikanischen Synagogen Gebete um Abwendung der religiösen Verfolgung in Rußland gesprochen werden. Der Synagogenrat repräsentiert die Union orthodoxer jüdischer Kongregationen Amerikas, den rabbinischen Rat, die Union orthodoxer Kongregationen, die Union amerikanischer jüdischer Kongregationen, die Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner, die United Synagogue of America, die Rabbinical Assembly und das Jüdische theologische Seminar. Das Frankfurter orthodoxe Zeutralorgan „Der Israelit" bespricht die Aktion des Papstes gegen die Religionsverfolgung in Rußland und schreibt unter dem Titel „W a s ist zu tun?" u. a.: Wir haben keine zentrale Macht in der Diaspora, die ihre Stimme zum Proteste, zur Warnung und zur Sammlung zum Zwecke der Abwehr erheben könnte. Sollten wir darum schweigen? Wenn irgendwo das Wort „Jüdische Einheitsfront" Inhalt hätte, so in diesem Falle, wo Millionen unserer Brüder so schwer leiden, wie noch nie eine Religionsgemeinschaft gelitten hat. Denken wir nicht gering von dem in Rom angekündigten allgemeinen Protesttage mit der päpstlichen Bußmesse in der Peterskirche. Das Weltgewissen muß. wenn es kräitig gerüttelt wird, doch einmal erwachen. Warum ordnen wir nicht Fasttage an? Warum werden nicht in Stadt und Land, überall, wo jüdische Herzen schlagen, Vorträge über die Vorgänge gehalten: Wo bleiben unsere Organisationen? Auch die Zeitungen sollten mehr und lauter als bisher ihre Stimmen erheben. Aber die Sache scheint in ein greifbares Stadium zu treten. Rom begnügt sich nicht mit Fasten und Beten. Es appelliert an die Staaten und Regierungen. Es wünscht die Glaubensfreiheit in Rußland als Preis iür seine Anerkennung als Glied im Völkerchore der Welt. Dieses Druckmittel h a t Europa in der Hand, und es gibt Staaten genug, denen der Vatikan noch etwas, gilt. Daß wir Juden dabei nicht zu kurz kommen, daß nicht die Glaubensfreiheit in Rußland kommt und das Schicksal der jüdischen Religion dennoch in der Hand der „Rischej Jisrael" bleibt, darauf sei heute unser ganzes Denken und Trachten gerichtet. Behalten wir die römische Aktion im Auge und verlieren wir den Anschluß nicht. Hier müßte ein Weltbund aller religiösen M e n s c h e n e r s t e h e ii. um den Kampf der Gewissensfreiheit a u f z u n e h m e n. „Jewsekzija" wird aufgelöst? Aus sicherer Ouelle wird dem Korrespondenten der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitgeteilt, daß das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Rußlands den Beschluß gefaßt hat. die „Jewsekzija" (jüdische Sektionen der Kommunistischen Partei) aufzulösen und die Führung der Parteiarbeit innerhalb der jüdischen Bevölkerung Rußlands Bevollmächtigten des Zentralkomitees anzuvertrauen. Diese Instrukteure des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei werden sich — so lautet der Beschluß weiter — in keiner Weise in die Arbeit der Regierungsorgane in der jüdischen Sphäre einmischen, sondern sie werden einzig und allein die Instruktionen des kommunistischen Zentralkomitees befolgen, ohne etwas mit den Verordnungen und Gesetzen des Zcntralexekutivkomitees oder des Volkskommissarenrates der Regierung der Sowjetunion zu tun zu haben. — Wie der J. T. A.-Kor,respondent welter erfährt, ist der Beschluß, die „Jewsekzija" aufzulösen, in Verfolg der gegenwärtig in der Durchführung begriffeschmückten Tisch die Freude strahlt aus allen Mienen, wendet sich der Sohn an den Familenvater mit der schlichten im üebetbuche vorgeschriebenen Frage: „Warum ist diese Freude, diese glückliche Stimmung, heute größer, als alle sonstigen Tage?" Und der Vater gibt ihm die bedeutsame rührende Antwort: „Mein Sohn, Sklaven waren wir in Aegypten und heute ist die Jahresfeier des großen Tages unserer Befreiung. Deshalb sind wir so glücklich." Cremieux fügte hinzu: „Meine Herren! Wo solche Gefühle vorherrschen in einer Religion, da sind diejenigen, die sich zu ihr bekennen, würdig, mit Ihnen in Gemeinschaft zu treten. Entmutigen Sie sie nicht! Reichen Sie ihnen die Bruderhand! Sie werden finden, daß in ihrer Seele ein Widerhall lebt, der der Ihrigen entspricht." Um die Gleichberechtigung der Juden Algiers durchzusetzen, ließ sich Cremieux zu Beginn des Jahres 1.870. so sehr ihm sonst jede Beteiligung an .der Politik unter dem Regime Napoleons zuwider war, von einem Pariser Wahlkreis in die Deputierten-Kammer entsenden. Es gelang ihm zunächst nicht, im Parlament den Antrag durchzubringeu. Doch ruhte er nicht. Am 4. September desselben Jahres, nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches, wurde Cremieux zum zweitenmale mit der Leitung des Justizministeriums betraut. Am 12. September, noch vor der Einschließung von Paris, entsendete ihn die Regierung nach Tours, um dort die Verwaltung der vom Feinde nicht besetzten Provinzen zu leiten. Von jedem Ministerium war ihm ein Delegierter beigestellt worden, doch ruhte die Arbeitslast fast ausschließlich aui seinen Schultern. Wochen hindurch kam er Tag und Nacht nicht aus den Kleidern. Bald mußte er auch das Kriegsministerium übernehmen. Aber schon tags darauf landete im Luftballon G a ni b e 11 a. Er nahm dem 74jährige;i Cremieux. in dessen Kanzlei er einst als junger Mann gearbeitet hatte, wenigstens die Bürde ' des Porteieuilles des Krieges ab. Eine der ersten Verfügungen nun. die Cremieux in dieser Zeit traf, war -- am 24. September — die Erhebung der Juden Algiers zu Bürgern Frankreichs. Mit einein Federstrich hatte er. wie er stolz und gern sich dessen rühmte, dem Vaterlande 35.i:00 treue Söhne ge- TEPPICHHAUS S.SCHEIN AKTIENGESELLSCHAFT l., Bauernmarhi Nr. 10-12-14 VII., raariahlilerstraoe (Ecke Zieglergasse) i 90- TEPPICHE VORHÄNGE nÖBElSfOFFE EINOIEUI* DECKEN Größte Auswahl! Billigste Preise! neu allgemeinen Reorganisation des kommunistischen Parteiapparates in der Sowjetunion gefaßt worden und wird in der offiziellen kommunistischen Presse amtlich nicht publiziert werden. (Es bleibt abzuwarten, ob die Auflösung der „Jewsekzija" den auf große Teile der jüdischen Bevölkerung Rußlands lastenden fürchterlichen Druck mildern wird. Die „Jewsekzija" hat ihren ganzen Einfluß für die vollkommene Ausschaltung der jüdischen „Deklassierten" — ehemalige Kaufleute und Angehörige intelligenter Berufe —?.us dem wirtschaftlichen Leben der Sowjetunion wirksam werden lassen und hat sich dadurch in Gegensatz zu der offiziellen Politik der Regierung der Sowjetunion gegenüber der jüdischen Bevölkerung gestellt. Politik und Beschlüsse der „Jewsekzija". die auf die Vernichtung großer jüdischer i'evölkerungsteile in Rußland gerichtet waren, wurden in der letzten Zeit durch Beschlüsse der maßgebenden Regierungsorgane. die darauf gerichtet waren, auch den jüdischen Deklassierten irgendeine Existenzmöglichkeit zu geben, desavouiert. Es bleibt ferner abzuwarten, ob nach der Auflösung der „Jewsekzija" der von dieser Körperschaft geführte Vcrniclitungsfeldzug gegen die jüdische Religion in Rußland aufhören oder wenigstens eine Milderung erfahren wird.) Verband der jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden Wien VI.. Mariahilferstraße 113. Einladung zu der am Donnerstag, den 6. März 1930. 8 Uhr abends im Cafe „Silier". 1., Schwedenplatz, stattfindenden"" VERSAmraLVNG Referenten: Herr Reg.-Rut Dr. Hermann O p p e n h e i m. Direktor der Niederösterrcichischen Eskomptcgesellschaft, über „Die wirtschaftliche Lage in Oesterreich" und Herr Dr. Georg W einer. Rechtsanwalt, über „Das Mietengesetz in der Praxis." Jüdische Kaufleute und Gewerbetreibende als Gäste willkommen. wonnen. Und im Februar 1S71 erlebte er die Freude, daß er nach dem Ausscheiden aus dem Ministerium gerade von Algier zum Abgeordneten in die Nationalversammlung gewählt wurde. Weder Alter noch Unbilden der Witterung hemmten seine Tätigkeit für das Recht seiner Glaubensbrüder. Im Jahre 1870 reiste er, trotz der ungünstigen Jahreszeit, nach Berlin zu einer Konferenz in Angelegenheit der russischen Juden, 1872 nach Brüssel zu einer Beratung über die Lage der rumänischen Juden. In demselben Jahre kam der Schah von Persieu nach Paris. Cremieux trat bei ihm für die Verbesserung der Verhältnisse der persischen Juden ein. 1875 wurde Cremieux zum lebenslänglichen Mitgliede des französischen Senats gewählt. 1876 iührte er den Vorsitz einer Versammlung von jüdischen Delegierten aller Länder, in der die Mittel zur Emanzipation der Juden des Orients beraten wurden. Eine Adresse an die damals in Konstantinopel versammelten Großmächte blieb erfolglös. 1878 verkündete der Berliner Kongreß endlich die Gleichstellung aller Menschen, gleichviel, welcher Rasse und Religion. Frankreich hatte an diesem Beschlüsse des Kongresses einen besonderen Anteil und von diesem Anteil gebührte nicht wenig Cremieux, dem unermüdlichen Vorkämpfer gegen die Vorurteile, die selbst in Frankreich, noch in den Tagen seiner Jugend, die Gesetzgebung gegen die Juden bestimmt hatte. Aber auch für Andersgläubige war er als Retter und Helfer stets zur Stelle. Die erste Aktion, mit der die Alliance Israelite. sein Geisteskind, hervortrat, war bezeichnend für sie und ihren geistigen Vater Cremieux. Im Jahre 1860 wurde eine Sammlung für die verfolgten Christen im Libanon veranstaltet. Cremieux stellte sich an die Spitze. Er allein zeichuet so viel wie der iranzösische Hof und "der höchste Adel zusammen, nämlich 50.000 Francs. Auch bei patriotischen Sammlungen finden wir ihn mit den namhaftesten Beträgen in erster Reihe. Die größte Leistung Cremieux' für seine Glaubensgenossen und das schönste Denkmal, das er sich selbst gesetzt hat, ist aber die Anregung, die er, wie erwähnt.