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Die Wahrheit · 1930-02-28 · Heft 9 (28.2.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 9 (28.2.1930)
Date
1930-02-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische 1 tbanrh 1 ic ei n Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien M Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 28. Februar 1930 Nummer 9 Der Kampf gegen die Religion in Rußland. Die russische Presse veröffentlicht zur Jahreswende die Ergebnisse der zwölfjährigen Bekämpfung der Kirche in U.S.S.R. Es sind insgesamt zirka 70.000 Kirchen, Synagogen und Moscheen geschlossen. Man könnte glauben, daß nach diesem riesigen Erfolg keine Notwendigkeit mehr besteht, einen weiteren Kampf zu führen. Durch Schließung des überwiegend größten Teiles der Gotteshäuser scheint die Masse dem religiösen Einfluß entzogen und die Gottlosigkeit als Weltanschauung vertreten zu sein. Daß dem aber nicht .so ist, beweisen die Bolschewiki selbst. Mit besonderer Wut haben sie in den letzten Monaten des Jahres 1929 den Kampf auf religiöser Front wieder aufgenommen. Allein in den letzten zwei Monaten (im November und Dezember 1929) wurden nicht weniger als 540 Kirchen, 63 Synagogen und 18 Moscheen geschlossen. In manchen Gebieten, besonders da, wo die Bevölkerung auf höherer kultureller Stufe steht, so z. B. in dem deutschen Wolgagebiet, wurden sämtliche evangelischen Kirchen in Kinos und Arbeiterklubs umgebaut. Die sehr, geringe Zahl der in Moskau vorhandenen Synagogen wurde durch die Umwandlung einer Synagoge in ein Nachtquartier für durchreisende demobilisierte Soldaten noch vermindert. Nicht nur Gotteshäuser werden in diesem Kampf erfaßt; alles, was in irgend welcher, wenn auch entfernter Beziehung zur Kirche steht, wie manche karitative, wissenschaftliche und kulturelle Vereine und Institutionen, wird mit sinnloser Strenge verfolgt, vernichtet. So lesen wir z. B. den Regierungsbeschluß vom 1. Jänner 1930, wonach die Gesellschaft zur Förderung der Bildung unter den Juden unverzüglich zu schließen sei. Diese Gesellschaft, die vor 70 Jahren gegründet wurde und die besten Kreise .des russischen Judentums vereinigt, stand in den schwersten Zeiten des Zarismus im Kampfe für staatsbürgerliche Gleichberechtigung und Achtung der Juden' und jüdischen Religion an der Spitze der fortschrittlichen Juden. Für diese Gesellschaft, die Trägerin jüdischen Geistes im liberalsten Sinne des Wortes, ist kein Platz auf dem Sowjetboden. Sogar eine der vom politischen Standpunkt harmlosesten Anstalten, die jüdische Abteilung des ethnologischen-Museums in Petrograd wurde von kurzem auch geschlossen; offenbar, damit niemand auf den Gedanken kommt, jüdische Geschichte zu studieren. Die Verdrängung des religiösen Geistes aus tiefsten Gedanken und seelischen Empfindungen der Masse bildet den Inhalt eines groß angelegten und sorgfältig ausgearbeiteten Programms. Nicht nur die gräßlichen und unwürdigen Formen der Bekämpfung, die sich die kommunistische Jugend angeeignet hat — Beschimpfung der Geistlichen und Besucher der Gotteshäuser, Spott und Karikatur in Bild und Wort, öffentliche Verbrennung von Gebetbüchern usw. — nicht nur die Gewaltmaßnahmen der Regierung (bereits erwähnte Schließung der Kirchen, Verfolgung der Geistlichen, Bestrafung für Ausübung des Ritus, Verbot des Kaufes und Verkaufes von Ritualien, wie Weihnachtsbäumen etc., Schwierigkeiten bei der Anstellung religiös Gesinnter, Anordnung dringender Arbeiten an Kirchentagen . ..) — sind in diesem Programm vorgesehen, sondern es fehlt auch nicht an Versuchen, die ethischen und sozialen Grundsätze in der Religion zu kritisieren und zu ändern. In diesem Sinne hat man jetzt die große Kalenderreform vorgenommen, die das Prinzip des Alten Testaments: Ruhe am siebenten Tag, aufheben will. Die allgemeine Ruhe an einem Tage (Feiertag) soll überhaupt aufgehoben werden; die Ruhe soll schichtweise erfolgen (jeden Tag ein Teil der Bevölkerung) und nicht am siebenten, sondern am fünften Tage. Das soll, nach Ansicht der Reformatoren, der mächtigste Schlag gegen die Kirche und Religion sein. Soweit das Programm. Wie sich das ganze Programm der Gottesbekämpfung, bzw. der Leninsvergötterung durchführen läßt, kann man noch nicht übersehen. Allerdings haben die Bolschewiken bereits versucht, Stichproben zur Feststellung der Erfolge auf der konterreligiösen Front zu machen. Dazu gehören die Inspektionsberichte über die Rote Armee, die von Zeit zu Zeit in der russischen Presse veröffentlicht wurden. In diesen Berichten wird immer noch geklagt, daß die große Masse der Soldaten sich bis heute von der Religion noch nicht losgerissen hat. Es wird mit Empörung erzählt, daß in den Stunden der Religionsbekämpfung in einem Regiment verlangt wurde, statt der üblichen Vorträge die Vorlesung der Bibel durch Kundige einzuführen. Ganz zu schweigen darüber, daß die Soldaten, sobald sie verheiratet sind, nicht einmal den Versuch machen, die Irreligiosität in der Familie durchzusetzen und die Schuld auf die Frau schieben. Weit interessanter ist die zum erstenmal veranstaltete Enquete über die Religion unter den Arbeitern des Moskauer Reviers. Es ist klar, daß gerade die Arbeiterschaft in Moskau, die unter dauerndem Einfluß der kommunistischen Partei steht, das beste Material zur Feststellung der Erfolge bildet. Bedenkt man dabei, daß jede Antwort mit Vor- und Zunamen, genauer Angabe der Beschäftigungsstelle und Parteizugehörigkeit versehen sein mußte, so glaubte man versichert sein zu können, daß die Ergebnisse sehr günstig sein werden. Laut einer Veröffentlichung in der Zeitschrift „Kulturnyi Front" sind jedoch nur 43 Prozent Antworten ausdrücklich gegen die Religion gerichtet. Merkwürdig, daß von den restlichen 57 Prozent ein bedeutender Teil, und zwar 25 Prozent der Gesamtzahl, den Mut hatte, sich positiv zur Religion zu stellen. Unter den Erwiderungen auf die drei Hauptfragen: „Wie stellt sich der Arbeiter zu den Verfolgungen der Religion, wie verhält sich der Kommunismus zur Religion und wie wirkt die Religion auf die Sittlichkeit (Moral)",finden wir z. B. folgende Antworten: a) „Die Kirche hält von schlechten Gedanken, wie Mord, Diebstahl usw. ab." „Warum habt ihr euch ausgedacht, mit ihr zu kämpfen?" b) „Kein Gelehrter kann sagen, ob es einen Gott gibt oder nicht. Gott stört uns nicht. Man kann an Gott glauben und in der Partei bleiben. Viele Kommunisten haben sich in der Partei der Gottlosen eingeschrieben, beten aber im stillen wieder und lassen die Kinder taufen." c) „Ohne Religion wäre der Mensch schon längst Tier geworden. Gott hat gesagt: ..liebet euch". Dieser erste Versuch der Kontrolle hat bewiesen, daß der Kampf gegen die Religion sogar unter organisierten Arbeitern nicht sehr einfach und leicht ist. Der religiöse Geist ist mit kommunistischen Kampfmitteln nicht zu beseitigen. Dr. J. Goldman n. Fortdauernde Verfolgungen. Nachdem das Präsidium des Zentralexckutivkomitees der Union der Sowjetrepubliken, das oberste legislative, exekutive und administrative Organ der Sowjetunion, in einer am 15. Februar abgehaltenen Sitzung der Umwandlung der L e u i u g r a d e r Kroßen Synagoge in ein Arbeiter-K ulturhaus offiziell zugestimmt hat. ist am Sonntag, den 16. Februar, diese Umwandlung vollzogen worden. Die L e n i n g r a d e r J u d e n s e ha i t verfügt über keine öffentliche Synagoge ni e h r. Der erste Schritt zur Beschlagnahme der Leuiugrader grollen Synagoge, einer der größten und schönsten Synagogen ganz Rußlands, wurde bekanntlich anfangs Oktober 1929 getan, als die Mitglieder des Vorstandes der Leuiugrader .indischen Gemeinde unter der Beschuldigung. Gelder iiir die Renovierung der Synagoge gesammelt zu haben, was widerrechtlich wäre, verhattet wurden. Zu dieser Geldsammlung sah sich der Vorstand der Gemeinde aber dadurch genötigt, daß ihm vom Stadtsowjet mitgeteilt wurde, daß die Synagoge, wenn sie nicht unverzüglich renoviert wird, der Beschlagnahme verfallen werde. In diese Klemme gebracht, wußte die Gemeinde nicht mehr ein noch aus. und schon damals rechnete man mit der Beschlagnahme der Synagoge Der Moskauer Stadtsowjet richtete an die Moskauer jüdische Gemeinde die offizielle Aufforderung, binnen 14 Tagen die Große C h o r s y n a g o g e dem Arbeiterklub der Fabrik „Sichel und Hammer" zu übergeben. Die Führer der Moskauer Gemeinde wandten sich an das Zentralexekutivkomitee der Sowjetunion mit der Bitte, den Beschluß des Moskauer Sowjets, die Synagoge zu beschlagnahmen, auszuheben. Die Moskauer Chorsynat;oge ist die größte Synagoge der Sowjetunion. Sie besitzt mehr als 200 Sifre-Thora und eine riesige Bibliothek. Von einer russisch-jüdischen Persönlichkeit erfährt die .ITA., daß der Leuiugrader Rabbiner, Rabbi Kazenellenbogen, einer der ältesten und angesehensten Rabbiner in ganz Rußland, von den Sowjetbehörden den Befehl erhalten hat. sofort Leningrad zu verlassen. Rabbi Kazenellenbogen hat diesem Befehl bereits Folge geleistet. Rabbi Kazenellenbogen, der im S4. Lebensjahr steht, war früher Rabbiner in Suvalky und wurde 1907 als orthodoxer Rabbiner nach Leningrad berufen. Er ist ein hervorragender Gelehrter und Seelsorger und hat sich mit Politik niemals abgegeben. Proteste in aller Welt. Die Verschärfung des Kampfes gegen die Religionsgemeinschaften in Rußland hat in England zu einer Pressekampagne gegen Rußland geiührt. Die Oberhäupter der christlichen Kirchen in England haben neuerdings geharnischte Erklärungen gegen das religinnsieindliche Sowjetregime erlassen. Aui zahlreiche im Unterhaus an ihn gerichtete Anträgen erwiderte der Minister des Auswärtigen Arthur Benders on. die Berichte über die religiösen Verfolgungen in Rußland haben in England und in anderen Ländern tiefe Besorgnis erregt und die ernste Aufmerksamkeit der Arbeiterregierung gefunden. Er zweifle aber, ob die Behandlung der Frage .der religiösen Freiheit-durch den Völkerbund, wie dies von einigen Fragestellern gefordert wird, den gewünschten Erfolg zeitigen würde. Der Außenminister bat das Parlament jedoch, überzeugt zu sein, daß die Regierung, sofern dies im Interesse der Betroffenen liegt, all ihren Einfluß einsetzen wird, um die Sache der religiösen Freiheit und die Freiheit der Religionsausübung in Rußland zu unterstützen. „Daily T e 1 e g r a p h" gibt die Rede des M ü nchener Erzbisch ois, Kardinal Faulhaber, wieder, die der Kardinal am 8. Jahrestage der Krönung des Papstes in München hielt. Kardinal Faulhaber hat

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