Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 8 (21.2.1930)
- Date
- 1930-02-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064153--17788-3082750- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 DIE WAHRHEIT seine als „beamtet" verschrienen Mitglieder. Knapp nach den Unruhen erschien ein Artikel Hugo Bergmanns im „Prager Tagblatt". Es war dies sicher nicht das richtige Forum, um innerzionistische Fragen aufzurollen. Diese Einwendung dagegen zu tun, selbst in der schärfsten Form, war das gute Recht eines jeden Zionisten. Statt dessen erschienen in einigen Blättern Artikel, in welchen unter Hinweis auf Bergmanns Stellung als Leiter der Nationalbibliothek energisch nach Gegenmaßnahmen^ seitens der zionistischen Behörden gerufen wurde. Aehnlich erging es Hans Kühn mit einem Beitrag in der ..Frankfurter Zeitung". Dann begann die Hetze gegen Ruppin. Und wer immer sich zu Worte ineldett. er mußte gewärtig sein, daß man ihm als erstes Argument den Hinweis auf seinen Arbeitgeber entgegenschleudern würde. Hans Kohn verließ seinen Posten und nichts rührte sich, um diesen Verlust zu vereiteln. Man fand es ja vielfach sogar in Ordnung. Nun ist Ernst Simon an der Reihe. Er soll seine Lehrstelle am Misrachiseminar verlieren, nicht vielleicht, weil man etwas gegen seine pädagogischen Fähigkeiten einzuwenden Ii ä 11 e. um derentwillen man ihn nach Jerusalem berufen hatte. Nein, seine Gesinnung paßt den maßgebenden Faktoren nicht. Das ist ja das Abstoßende an diesem ganzen Treiben: Ansonsten pflegt man einen Beamten an sein dienstliches Verhältnis nur dann zu erinnern, wenn er seinen Pflichten als Beamter nicht entspricht. Hier pocht man aber in dem Augenblicke auf sein Dienstverhältnis,.da er sich politisch zu einer unerwünschten Meinung bekennt. Das sind die alten, vielverschrienen Kehilleverhältnisse. Wess' Brot ich ess\ dess' Lied ich sing'! Da«-« hätte es erst keiner Renaissancebewegung bedurft, um sie nach Palästina zu verpflanzen. Unglaublich ist nur. wer da alles zu diesen V o r g ä n g e n schweigt. Es sind gewiß viele darunter, die sehr wohl Worte der schärfsten Entrüstung finden würden, wenn es sich um analoge Fälle in einem der europäischen Länder handeln würde. Und gerade solche Augenblicke sollten ein Prüfstein für den Grad der Aufrichtigkeit unserer hohen menschlichen Gesinnung sein, von der so gerne in manchen Kreisen die Rede ist. Niemand wird daran noch glauben können, wenn wir sie zwar überall in der Fremde vertreten, zu Hause jedoch offensichtlich verletzen. Qtossen. Haarsträubend sind die Berichte über Christenverfolgungen in Sowjetrußland. Entsetzen wird jeden menschlich Fühlenden erfassen, mag er welchen Glaubens immer sein, wenn er von den staatlich angeordneten und geförderten Bestrebungen hört, gläubige Christen in der Ausübung ihrer religiösen Lehren und Pflichten zu stören. Man muß wirklich das ganze Wörterbuch der Empörung zur Brandmarkung dieser Ungeheuerlichkeit plündern. Aber man sollte dabei doch nicht vergessen, rechtzeitig der Legendenbildung entgegenzutreten, daß die leitenden Kreise der Sowjetregierung, die für diese Greuel verantwortlich sind, die gläubigen Juden etwa glimpflicher behandeln. Schon sind geschäftige Judenhasser am Werke, die Wahrheit zu verdunkeln und die Vorgänge in Rußland derart zu schildern, daß sie als antisemitisches Hetzmaterial verwendet werden können. Die Religionsverfolgung in Rußland kennt wahrhaftig keine konfessionellen Unterschiede. So wie die Arrangeure und Anstifter in allen Lagern zu finden sind, so auch die Opfer. * * * Emil Lu.dwig, der sich aus eigener Anschauung ein genaues Bild über die furchtbaren Greuel zu machen suchte, die fanatisierte Mörderbanden in den Augusttagen auf dern Boden des Heiligen Landes verübten, hatte Gelegenheit, auch mit dem Großmufti von Palästina über diese Vorgänge zu sprechen. Das, was der „mohammedanische Kardinal", der in seiner Person die höchste religiöse Autorität mit der maßgebendsten nationalen Führerschaft verbindet, über die Lage zu sagen wußte, war lange nicht so anerkennenswert wie das Schweigen, das er sich über die mörderischen Greuel jener Tage auferlegte. Der fanatisierende Fanatiker verschmähte es, auch nur mit einem Worte dem Abscheu vor den bluti-. gen Metzeleien Ausdruck zu geben, deren Opfer unschuldige wehrlose Menschen, Greise, Frauen, Kinder, waren. * * * Der Großmufti hätte gerade im Sinne seiner Religion vielleicht daran denken müssen, daß die Juden in Palästina des Glaubens sind, im Lande der Väter zu sein, denen der Gott, den auch der Mufti bekennt, das Land verheißen, in dem einst Milch und Honig floß. Der Großmufti sollte da doch wenigstens ein Wort der Abwehr gegen die Mörder finden, die Palästina um jeden Preis zu dem. Lande machen wollen, in welchen Blut, jüdisches Blut fließt... * * * Der ungarische Unterrichtsminister Graf Kuno Klebeisberg ist fast von der gesamten Wiener Presse mit schönen Worten begrüßt worden, die nicht nur seine hohe Stellung, sondern auch seine Persönlichkeit würdigten. Die „Reichsposf brachte einen besonderen Begrüßungsartikel, in dem es u. a. heißt: „Der ungarische Patriot, der gute Europäer, der kultivierte Schriftsteller, der hervorragende Organisator, als der uns Graf Klebelsberg entgegentritt, kann eines herzlichen Empfanges und verständnisvoller Sympathie in unserem Lande gewiß sein." Ich zitiere um so lieber diese herzlichen Worte, da ich mit freudiger Genugtuung hinzufügen kann, daß sie dem Manne gelten, der wenige Tage vorher, anläßlich einer festlichen Veranstaltung der Budapester Kultusgemeinde, bei der er erschienen, die von hohem Mannesmut zeugenden Worte sprach: „Mein verehrter Vorredner hat von dem großen Schmerze gesprochen, der noch die ungarische Judenheit bedrückt. Ich will an diesem Tage dieser, schweren Frage nicht ausweichen. Es ist eine allgemein bekannte Sache, daß ich seinerzeit für das auf den.Numerus clausus bezügliche Gesetz nicht gestimmt habe. Es ist auch allgemein bekannt, daß ich vor der Abstimmung den Saal verlassen habe und in den Couloirs folgendes sagte: „Dieses Gesetz wird noch die Quelle großer Uebel werden." Es ist schließlich auch allgemein bekannt, daß ich aus dem ursprünglichen Text der Gesetzesnovelle, sofort, als die Verhältnisse es gestatteten, das für die Juden Schmerzlichste und Verletzendste entfernte." Die Bezirksorganisationen der „Union" entfalten in letzter Zeit erfreulicherweise wieder eine recht rührige Tätigkeit. In vielen Wiener Bezirken werden die bereits seit Jahren bestehenden Bezirksorganisationen, bzw. ihre Ausschüsse reaktiviert und es finden diesbezüglich fortlaufend Verhandlungen und Besprechungen statt, an denen gewöhnlich in Vertretung der Zentralleitung die Herren Dr. Ernst Feldsberg und Sekretär Oskar Hirschfeld teilnehmen. Es ist diesen intensiven Bemühungen bereits gelungen, in mehreren Bezirken die Vereinstätigkeit der „Union" auszugestalten, und so fanden in der Vorwoche in zwei wichtigen Wiener Bezirken, in Mariahilf und auf der Landstraße, gut besuchte Versammlungen statt, die Zeugnis für den Erfolg dieser Bestrebungen ablegten. Der Ausschuß der Bezirksorganisatio VI/VI1 der „Union" hat sich kürzlich neu konstituiert: zum Obmann wurde Herr Adolf Taub, zu Obmannstellvertretern die Herren Dir. Anton Stein und Julius Eckstein, zum 1. Schriftführer Herr Franz Schönmann und zum 2. Schriftführer Herr Erwin Freund gewählt. Diese Bezirksorganisation veranstaltete Mittwoch, den 12. d. M. im Restaurant „Grüner Baum" unter Vorsitz ihres Obmannes eine Versammlung. Der Referent des Abends, Herr Dr. Josef T i c h o, versuchte in interessanter Weise Streiflichter auf die Tätigkeit des Kultusvorstandes zu werfen. In jeder öffentlichen Körperschaft, führte er unter anderem aus, soll ein leitender Gedanke die gesamte Tätigkeit durchziehen. Bei der Kultusgemeinde ist dies leider nicht der Fall, kann es auch nicht sein. Weil vier verschiedene Parteien im Kultusvorstand vertreten sind Graf Klebelsberg hat durch diese, wie erwähnt, vor einigen Tagen ausgesprochene Erklärung in der Tat bewiesen, daß er nicht vergessen, was er seiner Vergangenheit und dem edlen Stephan Tisza, aus dessen Schule er hervorgegangen, schulde. Die begeisterte Huldigung, die die „Reichspost" dem ungarischen Staatsmann darbringt, der so freimütig seine Meinung über den Numerus clausus äußerte, verdient wirklich volle Anerkennung. * * * Professor Becker hat bekanntlich anläßlich des Vortrages, den er jüngst im Wiener „Kulturbund" hielt, trotz der Anwesenheit des Rektors der Wiener Universität, erfahren, wie hakenkreuzlerische Studenten vom Standpunkte ihrer Weltanschauung aus die Pflichten der Gastfreundschaft erfüllen. Dem hervorragenden Manne ist nun eine besondere Genugtuung geworden: Der ungarische Unterrichtsminister hat in einem von der „Neuen Freien Presse" veröffentlichten Gespräche bei dem Hinweis auf die gemeinsamen Bestrebungen der Universitäten speziell betont: „Mit dem leider vom Amte zurückgetretenen hervorragenden preußischen Kultusminister Professor Becker verbinden uns alte, freundschaftliche Beziehungen." Wenn hakenkreuzlerische Studenten einer Belehrung überhaupt zugänglich sind, werden sie vielleicht diese aus Budapest, statt aus Wien, erfolgte Lektion verstanden haben. * * Die Bibel hat sicherlich nichts mit dem Inseratengeschäfte zu schaffen. Das ist klar. Aber man sollte glauben, daß auch hakenkreuzlerische Blätter nichts von Inseraten jüdischer Firmen wissen wollen. War es Zufall? — oder vielleicht doch nicht bloßer Zufall? —. neulich soll der einen ziemlich arisch klingenden Namen tragende Chef einer jüdischen Firma in einer deutschen Provinzstadt das Zirkular eines Hakenkreuzler-Blättchens erhalten haben, in welchem mit Hinweis auf die sehr bedrängte Lage des Blattes um die Aufgabe eines Inserates gebeten wird. Der Chef der Firma willfahrte dem Wunsch, aber ausdrücklich mit Bezug auf 5. B. Moses, 23, 5. Später erfuhr der Schriftleiter des Antisemitenblattes, daß an der erwähnten Stelle in der Bibel zu lesen ist: „Siehst du den Esel deines Hassers erliegen unter seiner Last, so hüte dich, ihn hilflos zu lassen . . ." Da war aber das Inserat schon erschienen und schon bezahlt. Ego. und keine von ihnen so stark ist. um die Führung allein innezuhaben. Der leitende Gedanke der „Union" in dieser Beziehung besteht darin, daß sie die Kultusgemeinde als einen Verband aller religiösen Juden Wiens betrachtet, nicht der strenggläubigen allein, sondern all jener, welche sich zum Judentum als einer Religionsgemeinschaft bekennen, eine Auffassung, welche auch im Gesetze festgelegt ist. Die zionistische Partei will neben dem religiösen Gedanken auch noch den nationalen Gedanken verwirklicht sehen, betrachtet die Kulhisgemeinde als ein Instrument dafür und versucht, die Mittel der Kultusgemeinde auch diesem nationalen Gedanken zumindest teilweise dienstbar zu machen. Der leitende Gedanke der beiden sozialistischen Parteien im Kultusvorstand ist überhaupt nicht klar erkennbar. Die Tätigkeit des Kultusvorstandes kann also nur eine Resultante dieser, verschiedenen Kräfte sein. An der Sanierung der Finanzen habet: alle Parteien das gleiche Interesse, von allem die „Union", denn sie erkennt, daß die Kultusgemeinde nur prosperieren kann, wenn der Haushalt geordnet ist. Die Zionisten, die. wie erwähnt, noch .ein spezielles Interesse für ihre eigenen Anstalten und Institutionen besitzen, müssen natürlich schon aus diesem Grunde auch auf geordnete Finanzen größten -Wert legen. Der Referent beschäftigte sich hierauf mit dem knapp vor seiner Vollendung stehenden Budget der Kultusgemeinde pro 1930. wobei er unter Beifall der Versammlung feststellte, daß wahrscheinlich das Jahr 1929 selbst ohne Defizit abschließen wird. Die Kultussteuer war in Daröffantlickunqon dar Union cUu^schös^errtlcViscbeftudtn Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark.-Kto. 9.464 Aas unseren Bezirksorganisationen.