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Die Wahrheit · 1930-02-21 · Heft 8 (21.2.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 8 (21.2.1930)
Date
1930-02-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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UIE WAHRHtll Seite Ein lebendiges Wesen, welches mit demselben Naturrrechte wie der Mensch lebt, zu verunstalten (Kastrieren) ist strenges Verbot im Judentum. (LevitiKus 22, 24.) Wenn du ein Vogelnest tindest und die Mutter sitzt darin auf den Jungen, oder auf den Eiern, so sollst du nicht nehmen die Mutter samt den Jungen: entlassen sollst du die Mutter, dann kannst du die Jungen nehmen, — damit es dir wohlergehe und du lange lebest. (Deuteronomium 22, 6—7.) Die letzten Worte zeigen, wie sehr die Tiere als Geschöpfe Gottes von den Menschen geachtet werden sollen. Verbinde dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul. (Ein Parlament gab es damals nicht.) <v-25' 4-> -r- .• K -i, •* Der Jude darf keinem Tiere die Freiheitrauben, keinen Vogel im Käfig halten. (Talmud Baba Mezia 32.) Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes. Sprüche Salom. 12, 10. usw. usw. Lion Wo Iii, Prediger i. R., Berlin. *"" Schächten ist keine Tierquälerei. Der Strafrechtsausschuß des deutschen Reichstages beschäftigte sich am Freitag, den 14. Februar, mit den Paragraphen 366 und 412, die Tierquälerei mit Gefängnis bis zu sechs Monaten oder Geldstrafen bedrohen. Mehrere Parteien hatten hierzu Abänderungsanträge gestellt. Um nun zu verhindern, daß etwa von gewisser Seite das Schächten als T i e ruuälerei hingestellt und damit bestraft werden könnte, hatte das Zentrum den folgenden Antrag eingebracht. Dem § 412 des Strafgesetzbuches, der den Tierschutz behandelt, soll folgender Absatz angefügt werden: „Handlungen an Tieren dürfen nicht mit Strafe bedroht werden, soweit sie zur Verfolgung ernster wissenschaftlicher Zwecke oder zur Erfüllung der Gebräuche einer Religionsgesellschaft des öffentlichen Rechts geboten sind." Der Zentrumsabgeordnete Bell, ehemals Reichsjustizminister, begründete diesen Antrag und erklärte, daß seine Freunde in dem Schächten keine Tierquälerei sehen, daß sie es für erforderlich halten, den ReligionsbedürfnissenihrerjüdischenMitbürger gerecht zu werden. Das Schächten sei eine Religionseinrichtung des Judentums, deshalb müsse man es auch weiter ausdrücklich gestatten. Auch Mini sterialdirektorSchäfer vom Reichsjustizministerium nahm ausführlich auf die religiösen Schächtvorschriften Bezug und trat für die B e i b e h a 11 u n g d e s S c h ä c ht e n s ein. Ein Vertreter des Reichsgesundheitsamtes gab die Erklärung ab, daß das Reichsgesundheitsamt, wie in früheren Zeiten, auch jetzt noch auf dem Standpunkt stehe, daß man in dem Schächtakt der Juden keine Tierquälerei sehen dürfe. UFA-TON-KINO a B a Wien H>i Taboritr. Telephon R 42-3-41 Dritt« Woche prolongiert! DER NEUE nrAION-GltOSSfUrl (iJ$$ UHF EL „Juden und Araber in Palästina t( Nach zwei Richtungen hin ist das Erscheinen des Dr. Wienerschen Buches*) auf das freudigste zu begrüßen. Es ist zunächst prinzipiell ein Novum, wenn heute auf dem jüdischen Büchermarkt ein Werk erscheint, welches in seltener Einmütigkeit die Billigung der einzelnen Richtungen findet. Die Einstellung der einzelnen Gruppen mag verschieden sein. Jn einem sind sie jedenfalls einig, daß jüdischem Blutvergießen und wirtschaftlicher Verelendung Einhalt geboten werden muß. Voll Spannung erwartet die ganze jüdische Welt den Bericht der englischen Untersuchungskominission zur Prüfung der Klagemauer-Frage. Jeder Jude, der sich überhaupt mit diese.i Dingen beschäftigt, wird, wenn er sich nicht bloß von Gctuhlsmomenten beeinflussen lassen will, das Bedürfnis haben, sich vor allem über den ganzen Fragenkomplex, der hier in Betracht kommt, zu orientieren. Es ist — uud dieses ist der weitere bedeutsame Vorzug seines Buches — Wiener nun gelungen, in seinem Werk in solch objektiver Weise das Tatsachenmaterial zusammenzutragen, daß auch seine politischen Gegner nicht anders können, als ihre uneingeschränkte Anerkennung hierzu auszusprechen. Die Wiedergabe des arabischen Standpunktes in bezug auf die Balfotir-Dcklara- *) Dr. Alfred Wiener: „Juden und Araber in Palästina." Philo-Verlag, Berlin SW. 68, Lindenstraße 13. tion, wie auch in bezug auf die Klagernauer. bedeutet jedem Kenner ein klassisches Beispiel von Unvorcingenommeiiheit, welche die Grundlage jeder Urteilsbildung sein muß. Jedem Kenner der Verhältnisse ist es klar, daß in Wirklichkeit die religiöse Klagcmauer-Frage nur der äußere Anlaß war, um die viel tiefer liegenden latenten Gegensätze, die sich um die Baliour-D cklaration und das palästinensische Selbstverwaltungsproblem gruppieren, zum Ausbruch zu bringen. Wiener hat daher mit Recht die Entwicklung der Baltour-Deklaration, die Stellung der einzelnen jüdischen Gruppen — allgemeine Zionisten, Revisionisten, ßrith Schalom — ebenso ausführlich wiedergegeben, wie auch die Einstellung der arabischen Welt — auch der uichtpalästiiieiisischen — zur Palästinafrage. Trotz der Objektivität in Wieners Ausführungen war er weit davon entfernt, in kaltherziger Weise sich auf das statistische Material zh beschränken. Feinsinnige Ausführungen über das Wesen des jüdischen Nationalismus, sein Verhältnis zur jüdischen Religion, finden sich im ganzen Werke verstreut. Wem immer an einer Kenntnis der jüngsten Vorgänge in Palästina liegt und wer des Glaubens ist, daß eine Urteilsbildung genaue Kenntnis der Tatsachen zur Voraussetzung hat, dem sei das Werk Wieners angelegentlichst empfohlen. Dr. S- Ehr mann (Frankfurt a. M.). nach LEO TOLSTOI S „Hadschi Murat* Produktion: Bloch-Kabinowitmoh. Hauptdarsteller: IfflD MOSjODlflD, LH Dotfovcr, Beim Aman» Regie: ALEXANDER WOLKOFF Der welfber ahmte Don-Kosahendior In Ton and Olld? Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr Gesinnungsschnüffelei. In der Prager zionistischen „Selbstw e h r" finden wir den folgenden Artikel von Hans L i c Ii t w i t z, der zeigt, in welcher Weise im zionistischen Lageigegen jene Beamten, deren meistens friedfertige Gesinnung den Maßgebenden nicht paßt, vorgegangen wird. Diese ungewöhnlichen Methoden werden wohl auch die- Verurteilung der Nichtzionisan finden. Ein Gespenst geht um. Wie es seinen Weg in die zionistischen Reihen fand, läßt sich eigentlich nicht mehr genau feststellen. Nach dem ersten Momente der Bestürzung über die Unruhen in Palästina setzte eine rege Diskussion im zionistischen Lager ein. Problem über Problem tauchte auf. und zwang zu Rede und Antwort. Es gab kein Vorbei mehr an all diesen Fragen, stellten nicht wir sie, so richtete im nächsten Augenblicke die Umwelt sie an uns. V i e 1 e n w u r d e e s e r s t j e t z t k 1 a r wie groß, das Gebiet jener Fragen sei, die man bis dato in zionistischen Kreisen noch nicht einmal gedanklich bewältigt hatte, und wie unansehnlich erschienen im Gegensätze dazu die Fragen, um die d i e z i o n i s t ische Oeffentlichkeit jahrelang im Rausche, als ginge es wirklich um Sein oder Nichtsein, gekämpft hatte. Und nun war diese Zeit dahin, da man stets unter Hinweis auf seine Agencyfeindlichkeit oder -rreundlichkeit allen zionistischen Problemen mühelos begegnen konnte. Das führte in beiden Lagern zu einer gewissen Unsicherheit und Nervosität Da stürzte man sich von rechts und links auf jeiimi Menschenkreis, der allen psychologischen Gesetzen zum Trotz und ohne jeglichen Opportunismus seine Stellung zu allen Problemen kundtat, auf den Brith Schalom und vornehmlich auf Sie. meine Herren, denen das Vaterland gleichsam nur instinktmäßig bekannt ist — denn das Vaterland, das ist der Inbegriff der Gleichheit der Rechte und der Pflichten —, sind Sie nicht alle bereit, Ihr Blut zu vergießen für den Boden, auf dem Sie das Licht des Tage^- erblickt haben? Qh, auch Sie werden es eines Tages haben, dieses teure Vaterland, dieses Leben im Leben. Ja, Sie werden ein Vaterland haben, Sie, Juden Oesterreichs; denn Oesterreich hat soeben in der denkwürdigen Sache von Damaskus gezeigt, daß es dort nicht zurücktritt und zurückweicht, wo die Humanität ihre Stimme erhebt." So sprach Cremieux von dem Oesterreich Metternichs. Was hätte er zu einem Oesterreich Hilsners und anderer ähnlicher Fehlurteile gesagt! Das Original dieser Rede befand sich zuletzt im Besitze Dr. Adolf Jellineks und ist in einer seiner Predigtensammlungen abgedruckt; es trägt Cremieux's Siegel mit der Inschrift: Egaltte devant la loi, liberte des cultes (Gleichheit vor dem Gesetz, Freiheit der religiösen Uebung). Während der Februarrevolution wurde Cremieux in; die Leitung des Justizministeriums berufen. Bald darauf befand er sich unter denen, die sich für die Wahl des damals ungemein populären Prinzen Napoleon zum Präsidenten einsetzten, der am 10. Dezember 1848 in der Tat an die Spitze der Republik trat. Cremieux tat es allerdings als begeisterter Republikaner. Er glaubte den Beteuerungen Napoleons und wollte mit . dazu beitragen, daß der dritte Napoleon das an der Republik gutmache, was der erste an ihr gesündigt hatte. Der 2. Dezember 1851 brachte ihm und vielen anderen die bittere Enttäuschung. Cremieux, einst der Rechtsvertreter der Familie Bonaparte, wanderte ins Staatsgefängnis nach Mazas, doch nach kurzer Haft von 24 Tagen wurde er entlassen. Er hat sich aber mit Napoleon nie mehr ausgesöhnt, im Jahre 1865 ihn sogar öffentlich angegriffen. Napoleon III. gab in diesem Jahre sein Werk über Julius Cäsar heraus und warnte in der Vorrede die Völker, großen Männern auf dem Weg, den ihnen die Vorsehung gewiesen, hemmend entgegenzutreten. „Solche Völker", so schrieb er, „gleichen den Juden, die ihren Messias gekreuzigt haben". Es gehörte kein geringer Mut dazu, gegen eine Aeußemng aus dem Munde des Kaisers der Franzosen öffentlich Protest zu erheben. Aber in allen Pariser Hauptblättern erschien tagsdarauf eine feierliche Verwahrung mit Cremieux's Unterschrift gegen diese Beleidigung seiner Religionsgemeinschaft Er wies auf die unpassende Bemerkung Napoleons über die Juden hin, auf das Verhalten des ersten Napoleon den Juden gegenüber, die Einberufung des jüdischen Sanhedrins usw. „Wenn ein katholischer Priester von der Kanzel herab den Juden Schuld am Tode des christlichen Messias beimißt, so sei das allenfalls begreiflich. Aber nicht zu entschuldigen ist das Vorgehen eines Monarchen, der in einer politischen Tendenzschrift den Satz verkündet, die Juden hätten den eigenen Messias gekreuzigt. Welche Ströme Blutes sind wegen dieser unsinnigen Behauptung im Laufe der Jahrhunderte vergossen worden! Wünscht etwa Napoleon III. durch diese Verleumdung ein neues Blutbad heraufzubeschwören? Wenn nicht, so kann nur ein böser Dämon dem Kaiser die unheilvollen Worte eingegeben haben."- Dieser energische Protest eines Mannes, der für seine Religions- und Stammesgemeinschaft furchtlos eintrat, ging durch alle Blätter Europas und Amerikas, und die öffentliche Meinung war damals noch so ehrlich und sie war so mächtig, daß Napoleon jenes Blatt in seinem Buche Überdrucken ließ. Cremieux vermied jede Gelegenheit, mit Napoleon in Berührung zu kommen. Nur eine Macht war imstande, diesen Widerwillen zu überwinden: die Liebe zur gerechten Sache seiner Brüder. Im Jahre 1859 entsetzte sich die gesamte zivilisierte Welt über den Raub des Knaben Mortara in Bologna, der gewaltsam entführt und getauft und den Eltern vorenthalten wurde. Alle Proteste der Staatshäupter prallten an dem Widerstand des Vatikans ab. Cremieux setzte es bei Napolon durch, daß dieser ebenso wie Kaiser Franz Josef durch einen Privatbrief sich, allerdings vergebens, für den Unglücklichen beim Papste verwendete. 1858 waren in Marokko furchtbare Judenhetzen ausgebrochen. Eine Abordnung der Verfolgten erschien in Paris, den Kaiser um Hilfe zu bitten. Wer sollte sie anführen? Der einzige geeignete, Fürsprecher war Crömieux. Es kostete ihn einen schweren Kampf, aber es mußte sein. Und Napoleon sagte ihm sein Einschreiten zu. Wie in einer Art Paroxysmus stürzte Cremieux aus dem Kabinett des Kaisers und schrie rortwahrend: „Je Tai vu, je Tai vu" (Ja. ich habe ihn gesehen, ich habe ihn gesehen), als müßte er sich selbst ein Unrecht abbitten. Etwa 8 Jahre später trieb die Not seiner Briide: Cremieux, den aufrechten Mann, den Republikaner, degegen den Staatsstreich protestiert hatte, wieder als Bittsteller an die Stufen des Thrones. 1866 weilte Cremieux in einer geschäftlichen Angelegenheit in Konstantinopel, als ihn die Nachricht von den Greueln erreichte, die in Rumänien an den Juden verübt wurden. Sofort eilte er, der Siebzigjährige, nach Bukarest. Der König und die Minister versprachen ihm rücksichtsloses Eii.schreitcn gegen die Urheber der Verbrechen. In der Kammer wurde er mit stürmischer Begeisterung begrüßt. Er mußte auf allgemeines Drängen das Wort ergreifen und er sagte u. a.: „Zum Schlüsse wollen Sie ein Wort hören, das Ihre Herzen ergreifen wird? Ein französischer lüde hat 184« das Dekret unterzeichnet und veröffentlicht, das in den Kolonien Frankreichs aus den Schwarzen die gleichberechtigten Brüder der Weißen schuf. Ein französischer Jude hat die Kinder der schwarzen Rasse emanzipiert. Dieser Jude, ein Mitglied der damaligen provisorischen Regierung, er ist derselbe, der hier zu Ihnen spricht, der von Ihnen inständig für die rumänischen Juden erfleht, was er mit so großer Freude iür dic Neger unserer Kolonien getan hat." Von allen Seiten wurde Cremieux upijubclt und beglückwünscht. Doch kaum war er nach Paris heinigekehrt, als er erkennen mußte, wie wenig die Versprechungen rumänischer Machthaber ernst zu nehmen waren, und eines Tages, im Jahre 67 schrieb er an Napoleon: „Ich bitte um eint Audienz, doch nur unter der Bedingung, daß ich Republikaner bleibe und das Kaiserreich nicht anerkenne." Wenige Stunden später fuhr vor seinem Hause ein kaiserlicher Staatswagen vor. der ihn zur Audienz abholte. Napoleon empfing den ehrlichen Mann mit auszeichnender Zuvorkommenheit, noch in Cremieux's Gegenwart sandte er an den Herrscher Rumäniens einen telegraphischen Protest ab und Cremieux wurde ermächtigt, den Juden in Rumänien mitzuteilen, daß die kaiserliche Regierung zu ihren Gunsten intervenieren werde. (Fortsetzung folgt.)

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