Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 8 (21.2.1930)
- Date
- 1930-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064153--17786-3082748- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
m <m Seite 2 DIE WAHRHEI1 H:; i' iWk i. M v'.. SM it # im dem Gesichtspunkte betrachten, der Kolonisation ein hohes geistiges Niveau zu verleihen und zu erhalten. Dadurch unterscheidet sich die Kolonisation in Palästina von jeder anderen. Wie stellen nun wir Nichtzionisten. hierzu? Den Begriff eines Jüdischen Volkes", soweit damit Irgendwelche nationalen und politischen Vorstellungen verbunden sind, lehnen wir ab, ebenso wie die Folgerung, daß Palästina für andere als dort ansässige Juden eine nationale Heimstätte sein könnte. Wie weit die Geistigkeit Palästinas unsere Kultur, dann aber wohl auch die Kultur unserer Umgebung und der ganzen Welt beeinflussen wird, hängt ganz von der Leistung ab. Als das Kulturzentrum können wir Palästina jedenfalls nicht anerkenn e.n, behalten vielmehr die Pflicht, unsere Kulturgüter, jüdische und nichtjüdische, zu pflegen und "zu mehren, als ob Palästina nicht existierte. Es erscheint uns nicht wünschenswert und wir halten es auch nicht für möglich, daß sich in kultureller ebensowenig als in politischer Hinsicht 15 Millionen Juden als Zubehör einer nationalen Heimstätte betrachten werden, die vielleicht für eine halbe Million Juden Raum bietet Dagegen erkennen wir den ungeheuren Wert, den es für die Selbstachtung und Selbsterziehung der .luden und für ihre Einschätzung in der ganzen Welt hat. wenn die jüdische Bevölkerung in Palastina Gleichberechtigung und Autonomie genießt, nicht obwohl es sich um Juden handelt, sondern weil man ihr gerade als Juden Anspruch auf Ansiedlung im Lande zuerkennt. Wünschen wir also nicht nur aus religiösen Gründen die Kolonisation in Palästina, so müssen wir sie natürlich so wünschen, daß sie erkennen läßt, was jüdische . Intelligenz, jüdischer Fleiß und jüdische Ethik leisten, wenn sie sich nur frei entfalten können. Mit anderer Zielsetzung verfolgen wir also den gleichen Weg wie die Zionisten. Einen Weg, der lange, länger als eine Generation, dauert, bis das Ziel winkt, und der daher die gemeinsame Kraft, den gemeinsamen Willen erfordert. Der gemeinsame Wille zu einem Werk, das endgültig zu gestalten wir Kindern " und Enkeln überlassen müssen, dessen Einzelheiten, oft ferne Zukunftsfragen, heute die Geister nicht zu erhitzen brauchten, das aber unstreitig schön und erhaben ist, könnte und sollte die Judenheit der ganzen Welt verbinden. Das ist das eigentliche Wesen und das Ziel der Jewish Agency, in der Zionisten und Nichtzionisten gleiches Recht und gleichen Einfluß haben. Wenn das bisher nicht so deutlich in die Erscheinung getreten, ist, wie mancher wünscht, so liegt das an dem Vorsprung in Erfahrung und Sachkenntnis, den die Zionisten in zehnjähriger aufopfernder Arbeit gewonnen haben und an der hemmenden Belastung,' die die erweiterte,. Jewish Agency gleich zum Beginn ihrer Tätigkeit durch die Augustereignisse und ihre Folgen zu bestehen hatte, aber auch bestanden hat. Die Jewish Agency stellt eine Arbeitsgemeinschaft für ein ganz bestimmtes Gebiet dar, dessen Neutralisierung nur klärend im Kampf um Galuthfrage und Gemeinde-Einrichtungen wirken würde. Bei Ausschaltung der Palästina-FragewürdensichdieParteien schärfer abzeichnen. Wenn die Gegner auch im Beratungssaale der Jewish Agency freundlich beisammensitzen, so haben sie darum ihre volle Handlungsfreiheit in allen anderen Fragen nicht aufgegeben oder auch nur eingeschränkt; höchstens könnte sich die Diskussion in urbanerer Form abspielen und das wäre kein Schaden. „Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs." Es ist bekannt, daß bei der Jagd das Wild nicht immer zu Tode getroffen, sondern oft weidwund geschossen und ihm dann durch die Jagdhunde der Garaus gemacht wird, wenn nicht das Vieh in einem Gebüsch in Stunden oder Tagen langsam qualvoll verendet. Um eine solche barbarische Tierquälerei in Zukunft zu verhüten, wolle die Hohe Regierung zu dem Schächtverbot noch folgende Bestimmungen geneigtest aufnehmen: § 1. Jeder Jäger ist verpflichtet, zu der Flinte noch ein Blasrohr mit zur Jagd zu nehmen und dieses mit einer Ampulle, ge¬ Motto: „Menschen opiern, Kälber küssen." Moses 13. 3. Zum Schächtverbot in Bayern erlaubt sich der gehorsamst Unterzeichnete, der sich als der älteste jüdische Prediger -und Lehrer Deutschlands bezeichnen darf, ein Amendement der hohen Regierung in Bayern zu unterbreiten, in der Voraussetzung, daß sich die Liebe und Sorge um das Vieh, die sich durch das Schächtverbot in der rührendsten Weise kundgibt, nicht auf die bayrischen Ochsen und Kälber beschränken darf, sondern auch auf alle Tiere ausdehnen muß. TEPPICHHAUS AKTIENGESEIXSCH AFT I , Daaernmarhl Nr. 10-12-14 Vir, PlarlahlllerstraDe Nr. OA (Ecke Zieglergasse) - VV- TEPPICHE VORHÄNGE raOBELSTOFfE ElNOMSUra DECKEN Größte Auswahl! Billigste Preise! füllt mit M o r p h i u m, zu laden. Erst ..wenn, das Wild auf diesem Wege, getroffen, darf der Schuß erfolgen! ' § 2. Bei einer TreibjSgd sind entweder die einzelnen Treiber mit dem Blasrohr und Morphium auszurüsten, die wie oben anzuwenden, öder der Platz, wohin das Wild getrieben wird, muß mit einem elektrisch geladenen .Stacheldraht versehen werden. (Die etwa betäubten Treiber dürfen nicht angeschossen werden.) Gegen diese Betäubung wird auch das Judentum nichts einwenden, da es jede Jagd, jede grausame Tötung der Tiere verbietet, und obwohl die unparteiische Wissenschaft das rituelle Schächten als die humanste Todesart bewiesen hat, soll hier nur eine Kostprobe der Gesetze aus dem alten Testament über Tierschutz gegeben werden, die nachträglich den Herren Abgeordneten zu Gemüte gebracht werden können. (Das neue Testament kann dafür nicht herangezogen werden, da es kein Wort über Tierschutz enthält.) Tierschutz in Bibel und Talmud: Gastfreundschaft: Zuerst wurde in der Patriarchenzeit bei einer Einkehr für das Vieh gesorgt (siehe Genesis 24, 25). Die Sorgo für die zarten Kinder, wie für die säugenden Schafe und Rinder liegt mir ob. (Jakob zu Esau Genesis 33, 13). IV. Gebot, Exodus 20, 10. Sechs Tage sollst du arbeiten, doch der siebente Tag ist ein Ruhetag für deine Familie, wie für d e i n V i e h. Wenn die siehst den Esel deines Hassers erliegend unter seiner Last, so mache ihn frei. (Exodus 23, 5). Feuilleton Adolphe Cremieux. Zum 5(1. Todestage (10. Februar 1930). Von Dr. Max Orunwald. (Fortsetzung.) Die freisinnige Haltung Frankreichs in der politischen Behandlung der Juden stand damals in Europa ganz einzig da. In den meisten Ländern, selbst England nicht ausgenommen, war die Emanzipation der .luden noch nicht durchgeführt. In Oesterreich hatte sie noch nicht einmal angefangen. Französische Juden hatten außerhalb Frankreichs unter den Unbilden dieses Zustandes zu leiden. Im Jahre 1835 wurde ein jüdischer -Kaufmann, der sich in der Schweiz, im Kanton Basel, niedergelassen hatte, von dort ausgewiesen, weil in jenem Kanton keine Juden Wohnen durften. Die französische Regierung griff unverzüglich zu den strengsten Repressalien: Alle politischen Beziehungen wurden abgebrochen. Cremieux war damals Vizepräsident des französischen Zentralkonsistoriums, sprach als solcher dem König Louis Philippe für dieses energische Einschreiten den Dank der Juden Frankreichs aus und betonte dabei die Bedeutung des Vorbildes, welches das Vorgehen der französischen Regierung anderen Ländern biete. Der König erwiderte, er sei glücklich, Europa ein Beispiel geben zu können und wünschte im Interesse aller Völker die allgemeine Durchführung der Judeneinanzipatiön. Die ganze Kraft seiner Begeisterung für die Sache seiner verfolgten Glaubensbrüder bekundete Cremieux durch die berühmte Aktion bei der Blutbeschuldigung von Damaskus im Jahre 1840, bei der bekanntlich der Vertreter der französischen Regierung eine sehr zweifelhafte Haltung eingenommen hatte. Selbst die freisinnigsten Pariser Zeitungen brachten die von dem französischen Konsul Rattimenton in Damaskus inspirierten gehässigen Berichte ohne jeden Kommentar. Cremieux erkannte sofort die Gefahr, die der gesamten Judenheit drohte, darum ließ er keinen Zeitungsartikel tuiwiderlegt. Zuerst, am 7. April, erwies er die Haltlosigkeit jener Beschuldigung. Er beruft sich auf die Argumente, die bereits Menasse beu Israel und Moses Mendelssohn dagegen angeführt haben und auf den Widerwillen der Juden gegen jeden Blutgebrauch. Er verweist auf die merkwürdige Erscheinung, daß doch die Völker des Islams während ganzer 1250 Jahre nicht ein einzigesmal einen Juden eines solchen Verbrechens verdächtigt haben. Am 1. Mai wendet er sich an den König. In der Sitzung der Deputiertenkammer, am 2. Juni, wurde jener saubere Konsul Frankreichs, Rattimenton, sogar vom Minister Fould öffentlich angeklagt, die Folterung der verleumdeten Juden in Damaskus selbst veranlaßt zu haben. Die Konsuln der anderen Staaten, ihnen voran der österreichische Konsul Merlato, verwendeten sich zugunsten der Beschuldigten beim Vizekönig Mehmed Ali, der ihnen auch die Wiederaufnahme des Prozesses in Aussicht stellte. In England erklärte Lord Palmerston am 22. Juni, der wahnwitzige Glaube an den jüdischen Ritualmord habe infolge der Vorgänge in Damaskus in der Bevölkerung der dortigen Gegend derart Wurzel geschlagen, daß er sich über die ganze Welt zu verbreiten drohe, wenn man ihm nicht energisch begegne. In demselben Monat reiste Cremieux nach London, um mit Moses Montefiore, dem Delegierten der englischen Juden, sich über eine gemeinsame Reise nach Damaskus zu besprechen. Am 4. August brachen beide nach dem Orient auf. Cremieux's Begleiter war der ausgezeichnete jüdische Arabist Salomon Münk. Am 7. Dezember wurde Montefiore dem Pascha durch den englischen Konsul vorgestellt, Cremieux etwas später durch den Konsul Frankreichs. Mehmed Ali antwortete ausweichend, er schützte eine dringende Reise vor; aber auch nach der Rückkehr wollte er sich zu nichts verstehen. Drei Wochen verstrichen so ohne das geringste Ergebnis. Der Konsul Frankreichs, der bei der kläglichen Rolle, die er in der Angelegen- Munk erkannte sogleich die gefährliche Bedeutung des Textes. Eine .Begnadigung schließt die Anerkennung der Schuld des- Angeklagten ein. Cremieux bestand darauf und setzte es durch, daß der Text entsprechend geändert und die Schuldlosigkeit der Angeklagten, der verleumdeten und zum Teil schon hingemordeten Juden ausgesprochen wurde. Auf der Rückreise aus Aegypten besuchte Cremieux zunächst mit Münk Konstantinopel, wo er am 27. November in einer Audienz beim Sultan einen Firman durchsetzte, in dem allen Juden der Türkeidie gleichen Rechte wie den übrigen Einwohnern bewilligt wurden. Münk reiste direkt nach Paris Weiter. Cremieux aber nahm den Weg über Korfu, Venedig, Triest, Wien, Frankfurt und Mainz. Diese Reise gestaltete sich zu einem wahren Triumphzuge. Alle Gemeinden wetteiferten, ihm ihre Verehrung zu beweisen. In Wien und Fürth wurden ihm zu Ehren große Feste veranstaltet und in Frankfurt sowie in Wien richteten viele Gemeindemitglieder eine Adresse an ihn. Die Freimaurerloge zum Frankfurter Adler in Frankfurt a. M. überreichte ihm nebst einem ehrenden Schreiben die Summe von tausend Francs als Beitrag zu der jüdischen Schule, die er in Kairo gegründet hatte. Die Gemeinden von Nikolsburg und Prag verliehen ihm die Morenn-Würde; in Wien wurde Cremieux von dem Staatskanzler Metternich, dem damals weit über Oesterreich hinaus Gewaltigen, empfangen, und als er diesem für das tatkräftige Eintreten Oesterreichs für die armen Opfer in Damaskus dankte, betonte Metternich, es habe dieser Schritt nichts mit Politik zu tun gehabt, sondern ein Gebot der Menschlichkeit habe ihn dort eingreifen heißen, wo der Menschlichkeit in barbarischer Weise Hohn gesprochen wurde. Bei dem Festmahle, das damals hier in Wien Cremieux zu Ehren gegeben wurde, hielt er eine begeisterte Rede, in der er unter anderem sagt: „Ich, ein Franzose, bin glücklich, in der Hauptstadt dieses heit gespielt hatte, eine Revision des Prozesses zu verr Reiches es auszusprechen: Ehre, ja Ruhm und Preis hindern bestrebt war und in seinem Verhalten noch durch den französischen Ministerpräsidenten Thiers geschützt wurde, wollte nur in ein Vorgehen willigen, das die Begnadigung der verhafteten Juden zum Ziele hatte. In der Tat erließ der Pascha einen Firman, indem er den beteiligten Juden seine Gnade zusicherte. diesem Oesterreich, das. stark und hochherzig zugleich, jene mit so mächtigem Schilde deckt, die jenseits des Meeres seufzen. Wir französischen Israeliten, wir Bürger eines freien Landes, das uns ein Vaterland gegeben hat. wir steigern bis zur höchsten Begeisterung jenes Gefühl, das Völker gründet und groß macht, und