Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 8 (21.2.1930)
- Date
- 1930-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e »9 Erscheint jeden Freitag winiiöiiiiiiuiiiyiiyiiiiiiiiiiiiJiiiiL mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden" und den Amtliehen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien puappmimmifliBH Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 42-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 21. Februar 1930 Nummer 8 Die Unruhen in Palästina. Wirkungen auf das Ausland. Die wochenlangen Sitzungen der englischen Untersuchungskommission in Jerusalem, die Vernehmungen führender Juden und Araber sind beendet. Die Untersuchungskommission ist nach London zurückgekehrt, hält dort weitere Besprechungen ab und ist dabei, den Bericht über die Unruhen fertigzustellen. Erst nachdem dieser vorliegt, kann über die Arbeiten und Ergebnisse des näheren berichtet werden. Im Lande selbst ist immer -noch keine' endgültige Ruhe eingekehrt, obwohl nunmehr fast sechs Monate seit den schrecklichen Augusttagen verflossen sind. Noch immer lesen wir von Ueberfällen, nächtlichen Schießereien und ähnlichen Begebnissen, die die Erregung versinnbildlichen, welche mehr oder weniger offensichtlich im Lande herrscht. —r Von den Wirkungen des Boykotts hört man in den letzten Wochen weniger. Es scheint auf diesem Gebiete nicht mehr so angriffslustig zuzugehen. Jedoch ist auch hier von einer wirklichen Ruhe, die dringend für die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas erforderlich wäre, nichts Endgültiges zu berichten. Man kannmenschlich verstehen, daß viele jüdische Kaufleute aus den arabischen Bezirken fortziehen und in rein jüdische Viertel übersiedeln. Daß dieser Zustand, von einer höheren Warte gesehen, aber erfreulich ist, wird man keinesfalls behaupten können, denn die Entfremdung, die an und für sich schon im Heiligen Lande zwischen den verschiedenen Bewohnerschichten vorhanden ist, wird dadurch weiter vergrößert; Besonders bedenklich muß man aber die Nachrichten aufnehmen, die aus verschiedenen Teilen der arabischen Welt über das Entstehen und Anwachsen judenfeindlicher Strömungen nach Europa dringen. Es ist schon oft ausgesprochen worden, daß durch die Unruhen in Palästina beachtliche Teile der arabischen Welt in eine Kampfstimmung gegen den Zionismus gebracht worden sind. Die Kampfstimmung erhält nun, besonders in Aegypten, immer stärker einen allgemeinen judengegnerischen Charakter. Ganz besonders sind die Vorgänge der letzten Wochen in Aegypten bemer- Ttenswert, wo bis zu dem Ausbruch der Unruhen in Palästina stets ein gutes Verhältnis zwischen arabischer und jüdischer Bevölkerung bestand. Die „Wahrheit" meldete in ihrer letzten Nummer, daß große Mengen antisemitischer und antizionistischer Flugschriften in Aegypten in Umlauf gekommen sind. Der Oberrabbiner von Kairo, der bekannte Rabbi Nahum Effendi — er war früher Botschafter der Türkei in den Vereinigten Staaten und hat auch als Gelehrter einen großen Ruf —'■, hat den ägyptischen Unterstaatssekretär des Innern aufgesucht, um seine Aufmerksamkeit auf diese gefährliche Agitation zu lenken. Aus der gleichen Meldung ergibt sich, daß sogar die „Protokolle der Weisen von Zion" in einer arabischen Zeitung Aegyptens .nachgedruckt werden und ebenso der „Internationale Jude" von Ford. Dazu sei bemerkt, daß vor längerer Zeit in Beirut eine arabische Uebersetzung der „Protokolle der Weisen von Zion" aus der Feder eines syrisch-christlichen Arabers erschien, die wahrscheinlich von der ägyptischen Zeitung übernommen worden ist. Uns liegen nun einige dieser arabischen, in Aegypten verbreiteten Schriften gegen die Zionisten vor. In der Tat muß festgestellt werden, daß sie in einer aufreizenden Sprache geschrieben sind, und nicht etwa nur gegen die Zionisten, sondern auch in scharfen Angriffen gegen das Judentum als solches sich ergehen. Es wird uns weiter berichtet, daß erst kürzlich in Kairo eine große Versammlung, die von syrischen Arabern einberufen wurde, stattfand, in der sich der Redner an die Mohammedaner, aber auch an die Kopten wandte mit der Aufforderung, Schritte gegen die Juden zu unternehmen. Der Redner behauptete weiter, die Juden wollten den 'Tempel in Jerusalem wieder errichten, die Mohammedaner dadurch ihres weltbekannten Heiligtums berauben, Mohammedaner und Christen aus dem Lande vertreiben, um ein jüdisches Reich zu errichten. Wie uns weiter mitgeteilt wird, werden kostenlos Broschüren auf den ägyptischen Eisenbahnen und Bahnhöfen verteilt. Die Agitation geht hauptsächlich in Unter-Aegypten vor sich, aber selbst im S u d a n werden solche Broschüren umsonst abgegeben. Wir wünschen, daß es gelingt, dieser judenfeindlichen Agitation zu begegnen. Daß die Zionisten nicht im geringsten daran denken, den Mohammedanern den Besitz der Omar- Moschee streitig zu machen, hat die zionistische Organisation in aller Deutlichkeit erklärt. Die zionistischen Heißsporne aber in Palästina und anderswo, die — ohne auf die gefährlichen Folgen zu achten — immer noch in Worten, Schriften und. Zeitungen davon sprechen, den jüdischen Staat in Palästina gegen die Araber zu errichten, und die in ungeschminkten Worten darauf hinarbeiten, rücksichtslose Machtpolitik in diesem Sinne durchzusetzen, mögen bedenken, wohin solche unbesonnene Agitation führt. Sie kommen in ihrer Politik gegen England und gegen die arabische Welt nicht um einen Schritt weiter, sie gefährden die notwendige und von allen vernünftigen Menschen erwünschte Ruhe und Befriedigung in Palästina, sie gefährden aber auch — und die bedenklichen Vorgänge in Aegypten sind ein warnendes Schulbeispiel — die Sicherheit und das freundnachbarliche Zusammenleben jüdischer und nichtjüdischer Gemeinschaften in anderen Ländern. Wenn von zionistischer Seite immer wieder auf die „Gesamtverantwortlichkeit des Judentums" hingewiesen wird, so können gewisse Kreise der zionistischen Organisation jetzt damit ernst machen, damit sie nicht durch hemmungslose und im Ergebnis nutzlose Agitation Schaden für sich — das ist ihre eigene Angelegenheit — anrichten, aber vor allem keinen recht betrüblichen Schaden für die Judenheit anderer Länder heraufbeschwören. Jewish Agency. Von Oscar Wassermann. Die demnächst erscheinende Nummer von „Unser Wer k"\ Mitteilungsblätter der Mitglieder der Jewish Agency und des Präsidiums des Keren Hajessod in Deutschland, enthält einen Artikel „Jewish Agency" aus der Feder von Direktor Uscar Wassermann. Mit Genehmigung der Redaktion ist die!. T. A. in der Lage, die bedeutungsvolle Erklärung schon heute zu verbreiten. Zum 23. März ist der VerwaltungsausschuB der erweiterten Jewish Agency nach London einberufen. Er wird wichtige Entscheidungen zu treffen haben, unter denen die Festlegung der Politik für die Verhandlungen über das Verhältnis der Juden zu den Arabern an erster Stelle steht. Es ist klar, daß die zu treffende Entschließung wesentlich dadurch bestimmt wird, ob sie als einmütige Stellungnahme der gesamten Judenheit gelten kann. Wichtig, sehr wichtig ist es daher, daß die Tagung des Verwaltungsausschusses auch von der Sympathie derjenigen Juden getragen wird, die sich aus irgendwelchen Gründen bisher nicht an der Jewish Agency beteiligt haben. Von den Führern der arabischen Judengegner hat der hervorragendste durch die Erklärung, daß er die „Protokolle der Weisen von Zion" für authentisch halte, ein zweiter durch die Behauptung, daß die palästinensischen Araber die Abkömmlinge der alten Hebräer seien, die heutigen Juden aber nur von den russischen Chasaren abstammten, Gesinnung und Kampfesweise deutlich charakterisiert. Sie haben damit sicherlich der Jewish Agency auch in Deutschland viele neue Anhänger geworben. Wenn trotzdem aus, tief eingewurzelter Gegnerschaft zum Zionismus noch zahlreiche einflußreiche gute Juden beiseite stehen, so dürften immer noch nicht beseitigte Mißverständnisse über Möglichkeit und Tragweite einer Zusammenarbeit von Nichtzionisten mit Zionisten am Palästina-Aufbau und über Wesen und Tätigkeit der erweiterten Jewish Agency der hauptsächlichste Grund sein. Diese Mißverständnisse in einem kurzen Zeitungsartikel aufzuklären, ist nicht möglich; einiges Grundsätzliche gerade im gegenwärtigen Augenblicke dazu zu sagen, halte ich aber doch für nützlich ... Die Bezeichnung der jüdischen Kolonisation als Aufbau einer „jüdischen nationalen Heimstätte" nach dem Ausdruck der sonst vorzüglichen (?) und als Grundlage des Völkerbund-Mandates jedenfalls ohne große Gefahr nicht abzuändernden Balfour-Deklaration ist vom nichtzionistischen Standpunkt aus nicht glücklich und kann zu Mißdeutungen führen. Schlechtes Wort aber sollte gutem Werk nicht schaden. Kein Nichtzionist und nur sehr wenige Zionisten würden die nationale Heimstätte in der Form eines jüdischen Staates errichten wollen, selbst wenn solchem Unternehmen nicht unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstehen würden. Dagegen ist es zweifellos, daß sehr viele Zionisten, wohl die Mehrheit, die nationale Heimstätte, wenn auch nicht als politisches, so doch als kulturelles Zentrum des „jüdischen Volkes" ausgestalten wollen. Die vielen1 geistig und sittlich hochstehenden zionistischen Führer werden also Auswahl der Siedler und ihre Erziehung im Lande hauptsächlich unter