Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-02-14 · Heft 7 (14.2.1930) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 7 (14.2.1930)
Date
1930-02-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064152--17780-3082741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

DE WAHRHEIT Seite» 5 Schankstätte ist. Man sieht, es gibt auch zweierlei Numerus clausus. * * * Unsere sehr jugendlichen Mittelschüler nehmen, wie mau nicht bloß Berichten über ihre Versammlungen, sondern noch mehr ihren gelegentlich vom parteipolitischen Standpunkte aus arrangierten Exzessen entnehmen kann, ganz entschieden das Recht für sich in Anspruch, auch die Mittelschule zum politischen Kampiboden zu machen. Nun, eine gewisse Logik kann man den jungen Herren, die es für komisch finden, daß die Mittelschule zum Lernen da sei, nicht absprechen. Sie argumentieren: Es heißt ja auch immer, die Universität ist nur zum Lernen da, was aber nicht hindert, daß man dort aus politischen Gründen rauft. Wenn die Mittelschule aber wirklich als Vorbereitung für die Universität dienen soll, so muß auch naturgemäß schon dort rechtzeitig mit dem Raufen begonnen werden. * * :•: In Palästina herrscht eine furchtbare Erregung über, die Verurteilung eines jüdischen Polizisten zum Tode. Die Erledigung dieses Falles steht noch im Zusammenhang mit den August-Unruhen, die so viel unschuldiges jüdisches Blut kosteten, weil — wie aus den zwar ignorierten, aber keineswegs widerlegten Aussagen ehrenwerter Zeugen hervorging — die arabischen Polizisten vielfach ihre Aufgabe darin erblickten, die Juden zu entwaffnen und sie wehrlos der Wut grausamer Fanatiker zu überlassen. Der unschuldige Polizist Hinkis, der nunmehr zum' Tode verurteilt wurde, scheint offenbar seinen Beruf in wesentlich anderer Weise aufgefaßt zu haben und seine Verurteilung soll sicherlich zunächst die Genugtuung für die dadurch verletzten nationalen Gefühle der Araber sein. Man wird sich vielleicht mit der Verurteilung begnügen und ihm dann aus Gnade das Leben schenken. Daß er aber zu einem Polizisten in Palästina nicht taugt, ist klar. Bei den Pogroms in Rußland mußten seinerzeit auch die Polizisten in erster Reihe darauf achten, daß sich die Juden nicht wehren können. Ego. Daröffantlickunqan der Union deu+schos+err^icViscber Juden Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark.-Kto.9.464 Ein unerhörtes Stückchen. Wenn man es nicht schon wüßte, daß unsere beiden zionistischen Gruppen sich jetzt, statt wie bisher kriegerisch in den Haaren, brüderlich in den Armen liegen, die Art und Weise, wie beide gemeinsam gegen ihren Feind losgehen, müßte auch die über das so schwierige, weil so verzwickte österreichisch-zionistische Problem Uninformierten darüber aufklären,; daß nunmehr eine einheitliche Kampffront bezogen wurde. Gegen welchen Feind? uic Aiuwmt ist leicht: Gegen die „Union"! Ihr galten in der Vorwoche in beiden nationalen Blättern, mit denen .unser jüdisches Wien beglückt wird, zwei Angriffe wegen desselben Gegenstandes, wegen der Stellungnahme der „Union" zur Jewish Agency. Diese Stellungnahme ist eine von allem Anfang an gleiche und wir können schon deshalb über diese Angriffe, die mehr wichtigtuerisch als gewichtig sind, mit dem allezeit richtigen Worte hinweggehen: „Viel Feind, v i e I E h r!" Aber auf einen Vorwurf wollen wir doch reagieren, weil er so recht deutlich die Verwerflichkeit der zionistischen Kampfmethoden beweist. „Die Stimme" wie „Die Neue Welt" stürmen gegen den Präsidenten der „Union", Herrn Dr. Jakob 0 r n s t e i n, los, weil er in seiner Rede vom 16. Jänner — drei Wochen später erst ereifern sich die Herrschaften — von der Agency gesagt hat, „daß diese Körperschaft nicht ihr Veto eingelegt hätte, daß von den in der ganzen Welt gesammelten Spenden von rund 18 Millionen Schilling — von dem armen Wien allein kamen 140.000 Schilling — kaum 10 Prozent wirklich nach Palästina geschickt wurden". Diese Behauptung wird in der „Stimme" als „ein geradezu unerhörtes Stückchen", als eine „Unwahrheit" bezeichnet, die .„Neue Welt" liest gar aus diesem klaren Wortlaut mit der ihr eigenen üppigen Phantasie heraus, daß „Dr. Ornstein die Behauptung aufgestellt hat, daß die Agency neunzig Prozent der gesammelten Palästinagelder dem Zwecke „vorenthalten" hat", und schreibt dazu emphatisch: „Er (Dr. Ornstein) bringt natürlich nicht den Schatten eines Beweises hierfür!" Wollen Sie einen Beweis für die w i r k 1 i c h e n Behauptungen des Präsidenten der „Union", meine Herren Zionisten? Wir können Ihnen dienen: Am 22. Dezember 1929 schrieb Dr. Woligang Weisl, einer der genauesten Kenner der Verhältnisse in Palästina und ein Zionist, wörtlich In der Wiener „NeuenFreienPresse" folgendes: »Der Boykott ist eine außerordentlich schwere Belastungsprobe der jüdischen Wirtschaft Palästinas in einem politisch kritischen Augenblick, die diese aber ohne fremde Hilfe bestanden hat. Wohl kamen die Juden der ganzen Welt durch eine außerordentlich schnelle Hilfsaktion dem palästinensischen Judentum wirtschaftlich zu Hilfe: rund achtzehn Millionen Schilling wurden in wenigen Wochen gesammelt, um die wirtschaftlichen Folgen der arabischen Angriffe abzuwehren. Von diesem Geld wurden jedoch kaum zehn Prozent (!) wirklich nach Palästina geschickt und unter die Flüchtlinge aus den beiden armen Städten Safed und Hebron verteilt: fast der ganze übrige Fonds blieb über ausdrückliche Forderung des jüdischen Nationalrates von Palästina bis jetzt in den Kassen Londons und New Yorks, da der Nationalrat die Ansicht vertrat, dieses Geld dürfe nicht in Spenden oder Anleihen verzettelt werden, sondern müsse als Bankkapital einem zielbewußten Wirtschaitsaufbau für die Zukunft dauernd fruchtbar gemacht werden." Und nun lese man den wahren Wortlaut der Rede Dr. Ornsteins nach und beweise uns, daß er nicht ganz dasselbe gesagt, was Dr. Weisl, der Zionist, vor mehr als sechs Wochen geschrieben. Damals regte sich keines der jetzt so kampflustigen nationalen Blätter auch nur mit einem Worte auf, es sprach ja der Zionist, bei der „Union", ja Bauer, das ist was anderes. „Die Stimme" hat recht, es liegt hier ein „geradezu unglaubliches Stückchen" vor, aber mit verkehrten Vorzeichen. O. H. Jüdische Volksmusik. Ueber dieses interessante Thema sprach Donnerstag, den 6. d. M., Herr Prof. Juliusz W o l f s o h n auf einem von der „Union deutschösterreichischer Juden" veranstalteten Vortragsabende im Wissenschaftlichen Klub. Sein ausgezeichneter Vortrag, den er durch hübsche Beispiele auf dem Klavier illustrierte, gliederte sich in zwei Teile. Er bewies zunächst die Analogie zwischen Wesen und Sprache und der Musik der Völker und ging hierauf auf die ebenfalls bestehende gleiche Analogie bei der jüdischen Volksmusik über. Im ersten Teil seines Vortrages kennzeichnete er durch Beispiele am Klavier diese Uebereinstimmung bei den verschiedensten Völkern und ihren Liedern, deutsche, russische, polnische, ukrainische und andere Weisen erklangen, von Wolfsohn meisterlich gespielt, und jedesmal konnten die entzückten Zuhörer feststellen, wie sich im Liede das Wesen jedes Volkes wiederspiegelt. Zur jüdischen Volksmusik übergehend, besprach Prof. Wolfsohn zunächst die Frage, ob eine solche Volksmusik überhaupt bestehe, die in den östlichen Ländern zwar Tatsache ist, in Westeuropa aber oft vielfach bestritten wird. Es wird behauptet, daß die jüdische Volksmusik ausschließlich synagogalen Gesängen entspringe, daß sie einen Abklatsch, slawischer, rumänischer und ungarischer Lieder bilde. Bei der enormen Schaffenskraft der Juden in der Musik wäre es aber unnatürlich, wenn sie auf diesem Gebiete nicht selbst schaffend gewesen wären, und es ist deshalb unbedingt festzustellen, daß es eine eigene jüdische Volksmusik, deren Erforschung sich jetzt weiteste, auch nichtjüdische Kreise widmen, gibt. In ihr spiegelt sich das fromme Wesen des jüdischen Volkes wieder, die synagogale Musik hat hier Einfluß auf die weltliche genommen, was Prof. Wolfsohn an Beispielen illustrierte, in denen die fortwährende Wiederholung des Tones und die Wiedergabe des Seufzers, beides dem Tempelrezitativ entnommen, dominierte. Auch die jiddische Sprache, das Verständigungsmittel breitester jüdischer Massen in Osteuropa, klingt in den Liedern dieser Massen wieder, es findet sich hier die in dieser Sprache beliebte Verzärtelung der Worte u. a. Im allgemeinen ist zu beobachten, daß die jüdischen Volkslieder in Moll gehalten sind, was dem traurigen Wesen der verelendeten jüdischen Bevölkerung des Ostens entspricht. Prof. Juliusz Wolfsohn gab am Schlüsse seines mit lebhaftem Beifalle aufgenommenen Vortrages der Hoffnung Ausdruck, daß es ihm gelungen sei, das Interesse der Zuhörer für die jüdische Volksmusik zu gewinnen, eine Hoffnung, in der ihn Hofrat Ing. Josef L ö w y, der an Stelle des beruflich verhinderten Präsidenten der „Union" den Vorsitz führte, bestärkte. Er betonte in seinem Schlußworte, daß der Vortrag geeignet gewesen ist, das Verständnis für diese Eigenart des jüdischen Volkes zu wecken, und dankte Herrn Prof. Wolfsohn für seine interessanten Ausrührungen. Wahrheiten vom $a&t „Aasgeier." Jüngst hat die „R e i c h s p o s t" wieder einmal ein Wehgeschrei über die Verfremdung des Wiener Hausbesitzes angestimmt In der Zeit von Mitte 1927 bis Mitte 1929 haben 3665 Wiener Häuser ihre Besitzer gewechselt, eine sicher bedauerliche Tatsache. Insbesondere bebeklagt es die „Reichspost", daß ein ansehnlicher Teil dieser Häuser in fremden Besitz übergegangen sei. 300 Häuser wurden von Ausländern erworben. Die „Reichspost" jammert sehr über diesen Ausverkauf und kann es sich nicht versagen, aus einer in der Zusammenfassung der Eigentumsveränderungen an Häusern erschienenen Liste der neuen Besitzer jene Namen hervorzuheben, die sie für jüdisch ansieht. Sorgfältig werden da alle Isidor, Moses, Leon, Sidonie, Osias, Salo usw. aus der Liste der neuen Hausherren herausgeklaubt. Die christlichsoziale „Reichspost" setzt hier nur eine schlechte Tradition der sozialdemokratischen Gegenseite fort. Herr Doktor E i s 1 e r hat einmal ebenso in einer Parlamentsrede den Christlichsozialen eine kleine Liste von Hausbesitzern mit unverfälscht semitischen Namen entgegengehalten, um sie zum Gaudium aller unverfälschten Antisemiten höhnisch zu fragen, ob sie wirklich so viel Interesse daran haben, diesen neuen Hauseigentümern eine Rente aus ihrem Hausbesitze zu verschaffen? Seine Frage, die nur zu antisemitischen Hetzereien ausgebeutet werden konnte, hat wohl den Gipfel der Geschmacklosigkeit bedeutet. Es kann ja den Ansitemiten nur sehr sympathisch sein, auch bei dieser, wie schließlich bei jeder anderen Gelegenheit das Odium der „Verfremdung" des Hausbesitzes auf die Juden allein zu überwälzen. Bei diesem Bemühen braucht man die Herren wirklich nicht zu unterstützen, wie es z. B. der „Abend" tut, der in seiner Polemik gegen das Wehgeschrei der „Reichspost" auch die jüdischen Häuserkäuier „Aasgeier" nennt. Der Ueberfall auf Or. Ticho unaufgeklärt. Der arabische Postbeamte, der seinerzeit unter dem Verdacht, den Ueberfall auf den berühmten Jerusalemer Augenarzt Dr. Ticho gemacht zu haben, verhaftet wurde, ist, nach Erbringung eines Alibis, aus der Haft entlassen worden. Der Fall, der seinerzeit die weiteste Oeffentlichkeit in Erregung versetzt hat, bleibt vollkommen ungeklärt. Dr. Ticho, der bei dem Ueberfall sehr schwere Verletzungen davongetragen hat, hat sich inzwischen so weit erholt, daß er eine Reise nach Europa antreten konnte. 31 Ü, )

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.