Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 7 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Theodor Herzl und die Jugend und Judentum. jüdische Religion. Der bekannte Herzl-Forscher Dr. Tuto Nussenblatt, der Herausgeber des Buches Zeitgenossen über Theodor Herz 1". das wir demnächst besprechen werden, stellt uns folgende Richtigstellung zu dem unter obigem Titel in der letzten Nummer unseres Blattes erschienenen Artikel zur Verfügung. Wir geben diesen aufu klärenden Zeilen umso bereitwilliger Raum, als wir stets auf die Feststellung der historischen | Wahrheit größten Wert legen. D. Red. Unter diesem Titel erschien in der „Wahrheit" vom 7. Februar ein Aufsatz, der sich mit Herzls Stellung zur jüdischen Religion befaßt. Ein Brief Herzls an Nordau anläßlich dessen Vermählung mit einer Christin gibt dem Verfasser jenes Beitrages Anlaß zu einem unbegründeten Angriff auf Theodor Herzls Stellung zur jüdischen Religion und insbesondere zum „schweren Problem der Mischehe". Herzls Stellungnahme zum Problem der Mischehe kann aus dem Einzelfall Nordau keinesfalls erkannt werden. Der Verfasser jenes Aufsatzes hat die Tatsache übersehen, daß noch lange nicht alle Herzl-Briefe, und Werke veröffentlicht sind, die allein uns Herzls Gedanken und Anschauungen, klar vermitteln könnten. So auch im Falle Nordaus. Dieser galt Herzl als Ausnahmefall, da er doch zur Genüge wußte, wie es nm diese Sache stand. Max Nordau, der durch den Zionismus für das Judentum wiedergewonnene berühmte Mann, ist schon lange vor seiner Zugehörigkeit zum Freundeskreise Herzls mit jener Dame verlobt gewesen, und es war lediglich, wie Herzl einem anderen Freunde schrieb, eine Sache der Anständigkeit, daß Nordau die Dame auch heiratete. Max Nordaus Stellungnahme zu diesem Problem wollen wir beiseite lassen und uns nur begnügen mit einem Hinweis auf Herzl, der den Fall Nordau individuell behandelte. Herzl schrieb: „Nordau hatte diese Verpflichtung schon früher eingegangen, bevor er durch mich luin Zionismus bekehrt wurde. Bei den eigentümlichen Verhältnissen, die hier in Frage standen, kann man nur. .saeen. daß er als Ehrenmann genanueu habe. Ich wil darum die Mischehe keineswegs als etwas Wünschenswertes hingestellt haben. Im Gegenteil." Es läßt sich also aus dem Fall Nordau kein Beweis dafür erbringen, daß Herzl der jüdischen Religion „verständnislos und oberflächlich" gegenüberstand am wenigsten aber aus dem unstreitbar in das Gebiet der Pathologie gehörenden Handeln seines vom Judentum abgefallenen Sohnes. II. Kaum ist der junge Mensch gereift, so treten alle Interessensphären an ihn heran, um ihn für sich zu gewinnen! Alle . . . Nein, eine fehlt: die Religion . . . das Judentum! Nur wenn man eine Sache kennt, kann man sie schätzen und lieben. Dem jungen Menschen stehen Vereinigungen zur Verfügung, in denen er sich mit der Wissenschaft, fremden Sprachen, Politik u. a. m. bekanntmachen und beschäftigen kann. Nur für seine innersten, für seine religiösen Gedanken und Gefühle hat er keine ernste Vereinigung. Die gänzliche Indifferenz der heutigen jüdischen Jugend gegenüber der Religion und die vielen Austritte aus dem Judentum beruhen vielfach auf der Interesselosigkeit der religiösen Kreise der Jugend gegenüber. Wohl meinen viele, dal> für unsere Jugend genug geleistet wird! . . . Einige jüdischnationale Waudervereinigungen, von denen man lieber schweigt, hin und wieder ein jüdischer Mittel- oder Hochschülerbund, der mehr oder minder versteckt zionistischen Idealen frönt, einige orthodoxe Vereinigungen — und wir wären am Ende. Für den Nachwuchs der Mehrheit in der Kultusgemeinde, für den jungen erwerbstätigen oder im Geistesleben stehenden Juden — rien de tout. Der Großteil der heutigen Jugend hat einen ganz anderen Lebensstandard wie ehedem! Es sind nicht mehr engbrüstige Jungen, die lebensverneinend in den Stuben hocken. Es sind kräftige, sich des Lebens freuende Menschen, frei von Minderwertigkeitsgefühlen, die auch über die Ideen der Umwelt sich ihre Ge- UFA-TON-KINOi e n II., TaborstraSe 8 Telephon R 42-3-41 Zweite Wodie prolontilert! DER NEUE UFATON 6B0SSIIin _08S UWEl nach LEO TOLSTOI'S „Hadscbi Murat" Produktion: Bloch-Bablnowitseh. Hauptdarsteiler: IVSD PIOSjOOlftD, LH Dagover, Bella Amanu Regie: ALEXANDER WOLKOFF Der wellberfihmfe Don-Kosakendior in Tod und Süd! Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr danken formen und Kritik zu üben gelernt haben. Die jüdische Jugend von heute fordert also: einen Gedankenaustausch über Dinge des Alltags, die sie berührt, sie will hören, was bedeutende Männer des Judentums über E r e u d und Adler, über die Einstellung der Psychoanalyse zur Religion, zu sagen haben - mit einem "Wort: einen I) i s k u s s i o n s k I u b ... Die jüdische Jugend will selbst unsere Religion nach allen Seiten durchackern, sie von allen Gesichtspunkten durchleuchten, um selbst zur Erkenntnis gelangen: Die jüdische Religion ist kein Stückwerk, sie lebt und gedeiht zu allen Zeiten, sie ist unvergänglich. Und durch dieses Selbsterwägnis und diese Selbstüberprüfung gefestigt, kann die lugend ruhig alle Geister des Jahrhunderts in die Schranken fordern; die verschiedensten Meinungen über das Judentum unter die kritische Lupe nehmen und überzeugt sagen: wir wissen es besser. Otto Herz. An unsere Glaubensbrüder! Das Gotteshaus des Orth. Israel. Bethaus-Vereines „Emunas Aves", Wien XIV., Storchengasse 21, welches sieben Jahrzehnte für die religiösen Bedürfnisse der Bezirke XII., XIII. und XIV. diente, steht vor dem Einstürze. Diese heilige Stätte zu erhalten istdiePflichteines jeden jüdisch fühlenden Menschen. Der Vorstand wendet sich daher an die Herzensgüte unserer Glaubensbrüder und bittet, einen Beitrag zu diesem gewiß gottgefälligen Werke beizusteuern. Der Verein Orth. Israel. Bethaus-Verein „Emunas Aves". (Postsparkassenkonto 56169.) mal öffentlich: „Als Kind konnte ich In meiner Vaterstadt nicht über die Straße gehen, ohne als Jude beschimpft zu werden. Wieviele Kämpfe hatte ich mit meinen Fäusten auszufechten." Noch zur Zeit, als Cremieux sich in Nim es als Advokat niederließ, bestand bei den dortigen Anwälten der Brauch, daß der Vertreter eines Christen gegen einen Juden sein Plädoyer mit der Formel begann: „Ich vertrete hier Herrn so und so gegen den Juden N. N." Bei der ersten Gelegenheit, bei der Cremieux in einem solchen Falle die Sache eines Juden zu führen hatte, eröffnete er seine Rede mit der Frage an den Anwalt der Gegenpartei: „Wollen Sie, mein lieber Kollege, mir gefälligst die Religion Ihres Klienten bezeichnen?" Der Gefragte schien die Frage nicht zu begreiien und Cremieux fuhr fort: „Da Sie das Bekenntnis meines Klienten hier anzugeben für nötig halten, ist es doch nur natürlich, daß ich das Bekenntnis Ihrer Partei anmelde." Diese Lektion hatte gefruchtet Seit dieser Verhandlung wurde jene gehässige Eröffnungsformel nie mehr gehört. Am 6. und 8. Jänner 1827 sollte Cremieux einen Juden verteidigen, der die Eidesleistung more judaico im Tempel vor dem Rabbiner verweigert hatte. Cremieux ruft den Richtern zu: „Wie kann von einer Gleichheit aller vor dem Gesetze die Rede sein, die doch Frankreichs Ruhm bildet, wenn die Juden um ihres Glaubens willen öffentlich wie privilegierte Meineidige behandelt werden? Und wie kann die Assistenz eines Geistlichen meinem Eide Kraft und Geltung geben, wenn mein Gewissen und mein Ehrgefühl, mein Wahrheitssinn sie mir zu geben imstande sind? So behandelt man Menschen, die nicht wie Jener Spartaner die besten Bürger sehen, sondern selbst die besten Bürger sein wollen!" Cremieux gewann den Prozeß. Wenige Monate später hatte er vor einem auswärtigen Gerichtshofe gegen dasselbe Ueberbleibsel mittelalterlicher Barbarei die Waffe zu führen. Diesmal appelliert Cremieux an den Gerechtigkeitssinn der Richter. „Warum", so argumentiert er, „sollen die Juden, die im Kriege ebenso gut wie ihre Landsleute als gute Franzosen mit ihrem Blute die Lorbeeren des Schlachtfeldes dem' französischen Vaterland erringen helfen, warum sollen sie nicht auch im Frieden an den nicht minder rühmlichen Eroberungen der Aufklärung, den Errungenschaften der Menschlichkeit teilnehinen? Sollen zelotische Bekenner' einer Religion, die doch auf der unseren sich aufbaut, das Recht haben, sich ihre sittliche Ueberlegenheit gesetzlich bestätigen zu lassen? 1800 Jahre lang hat man uns Juden barbarisch behandelt; ist das ein Grund, daß wir weniger wert sein sollen, als jene, die unsere Peiniger waren? Wenn die Juden einst Fehler und Schwächen gezeigt haben sollten, so haben sie doch in den letzten 36 Jahren bewiesen, daß dies nur die natürlichen Wirkungen der Sklaverei waren, in der sie schmachteten. Sie, meine Herren, die Christen, haben uns zu dem gemacht, was wir wäre n, sie haben uns aber auch zu dem gemacht, was wir heute sind. Sie sind heute nicht dieselben wie einst, und auch wir sind uns nicht gleich geblieben. Unsere Veränderung ist auffallend, die Ihrige nicht minder. Sie haben gefühlt, daß wir Menschen sind und wir wurden gute Bürger. Hören Sie also auf, uns anzuklagen, Sie verkünden damit nur Ihre eigene Verurteilung." Cremieux geht diesmal noch einen Schritt weiter und weist darauf hin, daß die Gerichtshöfe gar nicht - das Recht haben, einem Juden einen besonderen Eid aufzuzwingen und daß die Magistrate infolge des Widerstandes der Rabbiner nicht imstande sein würden, eine solche Eidesleistung im Tempel vornehmen zu lassen. Auch hier endetete der Prozeß mit dem Siege des mutigen Anwalts. Der weitere Erfolg war aber der, daß im Süden Frankreichs die Schmach des Judeneides ein für allemal beseitigt wurde. Im Osten Frankreichs, im Elsaß, lebte sie freilich noch fast 20 Jahre fort Im Jahre 1842 schrieb der Gerichtshof in Saverne (Zabern) einem Juden einen solchen Eid vor. Er sollte im Tempel unter Assistenz des Rabbiners und in Gegenwart des Friedensrichters abgelegt werden. Am angesetzten Termin fand aber der Friedensrichter den Tempel geschlossen. Der Rabbiner — es war der spätere Grandrabbin von Frankreich, Isidore — wurde unter Anklage gestellt Auch er wählte Cremieux zu seinein Verteidiger. In seiner Rede führte Cremieux alle die Juden an, die sich in den letzten 43 Jahren um das Vaterland verdient gemacht hatten und insbesondere die Rachel, die die großen klassischen Dramatiker Frankreichs für die französische Bühne wiedererobert hatte. Auf den Ruhm der Rachel durfte sich Cremieux um so eher berufen, als er es gewesen war, der ihre ersten Gehversuche in der Kunst geleitet und sie den Vortrag der Marseillaise gelehrt, mit der sie die Herzen im Sturm gewann." Allein der Gerichtshof von Saverne — es war eben der Osten Frankreichs, die Nähe Deutschlands — griff zu derselben Ausflucht wie 1827 das Tribunal von Metz. Er erklärte sieh für nicht zuständig. Erst im Jahre 1846 wurde der Prozeß vom Kassationshof zugunsten Isidores entschieden. Hiermit war in Frankreich der letzte Unterschied zwischen der Stellung der Juden und der ihrer Landsleute aiiigehoben. Nicht lange daraut", am IS. August desselben Jahres 1846 wurde der Judeneid in Oesterreich aufgehoben und Preußen folgte diesem Beispiel erst iast ein Vierteljahrhundert später. 183t» wurde Cremieux an den Kassationshoi nach Paris beriiten, aber nach sieben Jahren gab er diese Stelle auf, um zu seiner Anwaltspraxis zurückzukehren. 1842 wurde er in die Kammer der Deputierten gewählt. Eine seiner ersten Sorgen war die Verbesserung der Lage der französischen Rabbiner. Bereits 1831 war eine Beisteuer zu ihren Gehältern von Staats wegen zum Gesetze erhoben worden. Cremieux forderte aber einen höheren Betrag: das Sechsfache der bisherigen staatlichen Subvention, als er Justizmiuister geworden war. Er begründet seinen Antrag mit Humor. „Die Rabbiner", sagte er, „haben eben das Wort der Bibel ernst genommen: „Es ist nicht gut. daß der Mensch alleinsei." Sie haben Weib und Kind zu ernähren. Das nächste Jahr werde ich also wieder 100 Francs für jeden Rabbiner mehr beantragen und 1852, falls ich nicht das Glück haben sollte, in die Kammer gewählt zu werden, werde ich. un meiner Steile den Antrag zu stellen, meinen Freund Lopez Dubec ersuchen, oder den Herrn Finanzminister." Das war eine feine Ironie. Dubec, der selbst Jude war, hatte in der Kammer überhaupt noch nie das Wort ergriffen und Finanzminister war damals A c h i 11 e F o u I d, auch ein Jude, der sich aber jüdischer Angelegenheiten niemals annahm. Achille Fould war so unmerklich Jude, wie er später Christ wurde. So unmerklich, daß nach seinem Tode Napoleon III. den Grand-Rabbin Isidore um die Trauerrede ersuchen ließ, ohne zu ahnen, datt Fould in aller Stille sich für den stärkeren Glauben hatte gewinnen lassen. Dieser satirische Ausfall Cremieux gegen die beiden Juden im Kabinett und in der Kammer löste auf allen Seiten des Hauses beifälliges Lachen aus. Sein Antrag zugunsten der französischen Rabbiner wurde angenommen. (Fortsetzung folgt.)