Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 7 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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seitens der Berliner Ford-Vertretung folgende Antwort zugegangen: „Unter Bezugnahme . auf Ihr seinerzeitiges Schreiben .... teilen wir Ihnen nunmehr höflichst mit, daß soeben ein Schreiben des Herrn Henry Ford bei uns eingegangen ist, in welchem er uns mitteilt, daß die in Ihrem Schreiben genannten russischen Herren niemals.- weder direkt noch indirekt, in seinen oder in den Diensten der Ford-Motor-Company gestanden haben. Herr Henry Ford sowie auch die Ford-Motor- Company haben sich niemals derartiger Persönlichkeiten bedient und würden es auch ablehnen, sich von derartigen Herren beeinflussen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir aber nicht veriehlen, auf die seinerzeitige Veröffentlichung des Herrn Henry Ford in bezug auf seine jetzige Stellung zum Judentum und die Ursachen, durch die,das bekannte Buch erschienen ist, hinzuweisen. Henry Ford gehört zu den wenigen, die den Mut aufbringen konnten, zu sagen: ich habe mich geirrt, ich kehre um. Dies hat Henry Ford zu einer Zeit erklärt, als seine wirtschaftlichen Verhältnisse und der Geschäftsgang seiner Company aui dem höchsten Punkt der Entwicklung standen, so daß irgendwelche geschäftliche Gesichtspunkte für seine Erklärung, wie antisemitische Blätter behauptet haben, vollständig ausscheiden." Die Folgen. Die'Konferenz der zur Regierungsmehrheit gehörenden Christlichsozialen Wirtschaftspartei hat einen Beschluß gefaßt, in dem nicht nur die am letzten Sonntag in einer Festversammlung der Pester Israelitischen Religionsgemeinde gesprochene Rede des Kultusministers Grafen Klebelsberg mißbilligt, sondern auch noch erklärt wird, daß die Partei die politischen Konsequenzen ziehen werde, wenn Graf Klebelsberg in jener Rede eine neue politische Orientierung der Regierung gekennzeichnet haben sollte. Der der Konferenz beiwohnende Volkswohlfahrtsminister und stellvertretende Ministerpräsident Dr. V a s s hat sich ausdrücklich gegen die Fassung eines solchen Beschlusses ausgesprochen und empfohlen, sich vor der Beschlußfassung um Aufklärung an den Kultusminister zu wenden. Dr. Vass wurde aber von seiner eigenen Partei, die ihn als ihren Vertreter in das Kabinett entsandt hat. niedergestimmt. Der Beschluß der Christlichsozialen Wirtschaftspartei hat größtes Aufsehen erregt und dürfte nach der allgemeinen Ansicht nicht ohne Folgen bleiben. Eine „beruhigende" Erklärung. Die Parteikorrespondenz der Einheitspartei veröffentlicht folgende Mitteilung: An eingeweihter Stelle wird betont, daß Kultusminister Graf Klebelsberg, als er zur Festversammlung der Pester Israelitischen Kultusgemeinde erschienen ist, bloß einem schon früher gegebenen Versprechen nachgekommen war. Die Feier bewegte sich frei von jeglicher Politik. Minister Graf Klebelsberg hat keine politischen Erklärungen abgegeben und lediglich einige Reminiszenzen aufgefrischt. Anderes lag durchaus nicht in seiner Absicht und noch weniger wollte Graf Klebelsberg in bezug auf die Zukunft den Entschließungen der Regierung in welcher Richtung immer' präjudizierenV in eirigeweilhten Kreisen findet man die Feststellungen der Christlichsozialen Wirtschaftspartei völlig unbegreiflich. * ■ Der Numerus clausus ist noch da. „Pester Lloyd" würdigt im Leitartikel das Erscheinen des Kultusministers Grafen Klebelsberg anläßlich des Jubiläums des „E g y e n 1 ö s e g" im israelitischen Gemeindehause und führt u. a. aus: Das war nicht eine Ministerrede wie jede andere; in ihr kündigte sich eine Etappe an, die die Gesundung unseres öffentlichen Lebens nun schon seit Jahr und Tag erreicht hat. Wer heute zurückdenkt, an die Schreckenszeit, die in den Tagen von Orgovany, in dem Bombenwurf von Lederhandschuhfabrik Josef TjasCingzr 1., Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 * H., Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 TEPPICHHAUS S.SCHEIH aktiengeseiisChaft!., Bauernmarht Nr. 10-12-14 VII., narlahlllersiraOe (Ecke Zieglergasse) "*"■ ftO TEPPICHE VORHÄNGE MÖBELSTOFFE ElMOEEUra DECKEN Größte Auswahl! Billigste Preise! Zsongrad und dem Höllenmaschinenahschlag auf das Elisabethstädter Kasino in Budapest gipfelte, wird die Wegstrecke unschwer ermessen können, den die ethische und politische Selbstläuterung unserer Nation zurückgelegt hat. Daß ein aktiver Minister ohne ängstlichen Seitenblick auf das rassenschützlerische Fähnlein sich mit so eindeutiger Entschiedenheit gegen den antisemitischen Wahnwitz kehrt "und die Fahne der nationalen und der konfessionellen Eintracht entrollt, ist gewiß ein verheißungvolles Zeichen der Umkehr. Wo sind heute die „erwachenden Ungar n?" ihr Lager hat sich aufgelöst, die wenigen Fanatiker der alten Garde werfen nicht mehr Bomben in Ballsälen, legen nicht mehr Höllenmaschinen in Klublokale, sondern besudeln einander mit Wurfgeschossen aus der Gosse. Graf Klebelsberg hat sich auf seine Novelle zum Numerus clausus-Gesetz berufen, die alles ausmerzt, was für das Judentum verletzend war. Aber der Numerus clausus selber ist noch immer da. Wir können dem Grafen Klebelsberg versichern, daß ein G e.- s e t z e s a n t r a'g a u f v ö 11 i g e Abschaffung des Numerus clausus weder in der ö f f e n 11 i c h e n Ate i n u n g noch in den beiden Häusern des Bouutages auf nennenswerten Widerstand (?) stoßen wird. Der Numerus clausus ist eine faule Frucht am ungarischen Baum, wer sie abschüttelt, kann des allgemeinen Beifalls sicher sein, ausgenommen des Beifalls jener Würmer, die aus der Fäulnis ihre Nahrung ziehen. ffeuilteton Adolphe Crämieux. Zum 50. Todestage (10. Februar 1930). Von Dr. Max G r u n w a 1 d. Aus dem Leben Napoleons I. wird folgende Begebenheit überliefert. Auf einer Reise durch den Süden Frankreichs, die der Kaiser unmittelbar nach seiner Krönung angetreten hatte, kam er eines Tages auch in das Städtchen Nimes. Er besuchte die städtische Schule und ließ sich vom Lehrer den besten Schüler bezeichnen. Der beste Schüler war ein Judenknabe. Der Lehrer, efn eifriger Katholik, stellte dem Kaiser, mit Umgehung des Judenkindes, den Zweitbesten, einen christlichen Schüler, als den Primus der Klasse vor. Der Kaiser richtete an diesen einige Fragen, und als das bestürzte Kind aui alle die Antwort schuldig blieb, fragte er den Lehrer: „Und das ist der Beste in der Klasse?" Da erhob sich das Judenbüblein und rief keck: „Nein, Sire, ich bin der Erste! Mich fragen Sie!" Und unerschrocken trat er vor den Kaiser und sein Gefolge. Die Herren lachten über den beherzten Burschen und der Kaiser fragte ihn: „Nun sage mir einmal, weshalb feiern wir denn nächstens das Osterfest?" Schlagfertig antwortete der Kleine: „Sie, Sire, Sie feiern Ostern, nicht aber wir!" Der Kaiser zeigte eine verwunderte Miene. Doch unbeirrt fuhr der muntere Bursche fort: „Ja, wir. wir feiern das Pessachfest zum Andenken an den Auszug aus Aegypten!" „Nun so erzähle mir von dem Auszuge aus Aegypten", rief der Kaiser belustigt. Und nun schilderte der Kleine dieses ganze Ereignis, wie es die Bibel darstellt. „Das nenne ich eine Erzählung", wandte sich der Kaiser an seine -Begleitung. „Der erzählt, als wäre er selbst mit dabei gewesen." Launig reichte er dem Kinde die Hand und hinterließ ihm ein Geschenk. Dieses dreiste Bürschchen nannte sich . Adolphe Cre.mieux und war der Sohn eines, wie es heißt, als Maranne aus Portugal geflüchteten, rechtschaffenen und im Städtchen bei jedermann beliebten jüdischen Kaufmannes. Unter der Schreckensherrschaft Robespierres war ihm eine Zeitlang die Stellvertretung des alten kränklichen Bürgermeisters von Nimes übertragen worden und in dieser Eigenschaft harte er vier katholischen Priestern, die damals geächtet und verfolgt wurden, durch Erteilung von Freipässen das Leben gerettet. Es kam der 9. Thermidör. Robespierre endete aui dem Schaffot und seinen Anhängern drohte das gleiche Los. Auch der Vater Cremieux' wurde wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt unter Anklage gestellt, und schon schien seine Verurteilung beschlossene Sache, als dem Vorsitzenden des Gerichtshofes vier neue Entlastungszeugen gemeldet wurden. Herein traten jene vier Priester, denen Cremieux zur Flucht verholfen und dadurch das Leben gerettet hatte. Ihre Aussage stimmte die Richter um und Cremieux wurde freigesprochen. Doch nun erhob sich der Vorsitzende mit der Erklärung: „Der Angeklagte ist ins Gefängnis zurückzuführen, da noch andere Anklagen gegen ihn schweben." Cremieux mußte in der Tat in den Kerker zurück. Doch nach einer kurzen Weile erschien der Gerichtspräsident in seiner Zelle und der Gefangene erfuhr nun von dem edlen Manne den Grund der neuen Kerkerhaft Es war eine Verhaituhg zum Schutze Cremieux'. Wäre er auf freien Fuß gesetzt worden, so würde ihn das in der damaligen Stimmung rasende Volk auf der Gasse in Stücke gerissen haben. Der Präsident gestattete auch der Frau Cremieux. mit ihrem Gatten die Haft zu teilen, und in jener Zelle war es, wo am 30. April 1796 Adolphe Cremieux. der Sohn dieses Ehepaares, das Licht der Welt erblickte. Nach dem Besuch der Schule seiner Vaterstadt, in der er, wie wir sahen, zum ersten Male mit dem großen Kaiser zusammentraf, schickte ihn der Vater nach Paris, wo er. als Schüler des kaiserlichen Lyzeums sich derart auszeichnete, daß er .als Führer und Sprecher einer Schülerdeputation vor dem Kaiser in den Tuilerien erscheinen durfte. Er widmete sich der Advokatur und trat mit 21 Jahren in das Barreau seiner Vaterstadt ein. Von seinem ersten Verdienst begann er eine Schuld' seines Vaters abzuzahlen, der infolge der Revolutionswirren sein Vermögen eingebüßt hatte. Die Gläubiger wollten, da sie das Geld längst verloren gegeben hatten, darauf verzichten. Doch Cremieux zahlte das Kapital und Zinsen der mehr als dreißigjährigen Schuld ab, um vom Namen seines Vaters diesen Makel zu nehmen. In Frankreich herrschte damals die Reaktion. Unter anderem bestand noch der Eid more iudaico. Das bedeutete, daß man dem Juden weniger Glauben als den anderen Staatsbürgern schenkte. Im Falle einer Eidesleistung hatte diese in der Synagoge in Gegenwart eines Rabbiners auf einer Thorarolle zu erfolgen. Gegen diese Schmach erhob sich im Jahre 1827 an zwei verschiedenen Punkten Frankreichs ein offener Protest. Der Großrabbiner von Metz verbot in einem solchen Falle, in dem ein Jude einen Eid more judaico hätte leisten sollen, die Vornahme dieser Handlung im Gottes-, hause, wozu er kraft seines Amtes befugt war. Ein ähnlicher Zwischenfall ereignete sich fast gleichzeitig im Wohnorte Cremieux'. Hier bot sich ihm nun zum ersten Male ein Anlaß, zugunsten seiner Glaubensgemeinschaft öffentlich aufzutreten. Er war wie von der . Natur eigens dazu geschaf-, fen. Vereinigte er doch in sich zwei Eigenschaften, die .man selten in einem Menschen harmonisch verbunden findet Einen scharfen, beweglichen, anmutigen Geist und ein edles, iür alles Gute empfängliches, mitfühlendes Herz. In einem echt jüdischen Haus erzogen, hatte er die Bibel vor jeder anderen Literatur kennen gelernt. Ein glänzender Dialektiker und tüchtiger Jurist, wußte er zugleich durch Einstreuung von Anekdoten und Reminiszenzen im Plauderton allmählich zum Kern der Sache hinzulegen, um dann mit allen Mitteln der Beredsamkeit auf den Hörer einzustürmen. Der junge Anwalt aus der Provinz hatte zuerst durch folgenden Vorfall im'ganzen Lande von sich reden gemacht Auf einer Fahrt nach Paris klagte ihm, als sie auf einer kleinen Station umstiegen, ein Reisegefährte, er müsse an die^ sein Orte zu einem Gerichtstermin erscheinen. Sein Rechtsfreund glaube aber nicht an den Erfolg seiner Sache. Kurz entschlossen sagte Cremieux: „Ich habe liier zwei Stunden Aufenthalt. Bringen Sie mir die Akten und ich will mein Glück versuchen." Ein flüchtiger Blick in die Akten genügte. Er begleitete seinen Klienten zu Gericht und gewann ihm den Prozeß. Ein anderes Mal sollte Cremieux für eine Dorfgemeinde einen Prozeß gegen ihren Pfarrer führen, der ihr ein Weihbecken geschenkt, aber nach einem Zerwürfnis mit der Gemeinde es wieder zurückgenommen hatte. Cremieux riet der Gemeinde von diesem Prozeß ab und schenkte ihr selbst ein neues Weihbecken. Zum Dank wurde in dieser Dorfkirche sein Bildnis neben dem des Kirchenpatrons, des heiligen Josef, aufgehängt Für die jüdische Sache erwärmte ihn sein stark ausgeprägtes Rechtsempfinden. Ueberdies führte er doch die jüdische Sache auch als seine eigene. Im hohen Alter, auf dem Gipfel seines Ruhmes, erklärte er ein-