Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 7 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064152--17776-3082737- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag ■BIlllM^ mit den Veröffentlichungen der „Union deutschöstereeichischer Juden und den Amtlichen Verlautharungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien u Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 14. Februar 1930 Nummer 7 Was geht in der Jewish Agency vor? „Die Stimme" hat uns in ihrer letzten Nummer im Zusammenhang mit ihren Angriffen gegen den Präsidenten der „U n i o n", Herrn Dr. Jakob O r n s t e i n, die wir an anderer Stelle dieser Nummer etwas schärfer beleuchten, den uns erschütternden Vorwurf gemacht, daß wir unsere Leser nicht genügend über die „hervorragende" Tätigkeit der Jewish Agency informieren, über die „in jedem, selbst nichtzionistischem Organ so manches, ja sogar sehr viel zu lesen" war. Wir müssen diesen Vorwurf bei allem Respekt vor der Wahrheitsliebe'der „Stimme" mit größter Entschiedenheit zurückweisen. Wir haben auf Grund der uns zukommenden Nachrichten der Jüdischen Telegraphen-Agentur alles halbwegs Wissenswerte über die Jewish Agency veröffentlicht, aber — es war eben so wenig. Diese Feststellung trifft nicht die Telegraph»«-Agentur, "sondern die Jewish Agency. Denn „Die Stimme" wird uns nicht, obwohl sie es krampfhaft versucht, einreden können, daß von dieser im Sommer des Vorjahres gegründeten Körperschaft seither sehr viel unternommen wurde. Hören wir nur, was „Die Stimme" zur Ehrenrettung der Tätigkeit der Jewish Agency anzuführen weiß, und untersuchen wir diese Fakten auf ihre Richtigkeit. „Die Stimme" schreibt: „Wir möchten nur einiges erwähnen: die politische Tätigkeit des Präsidenten der Jewish Agency, Prof. Weizmann, in Genf und London; die ver- - - schiedenen Interventionen Felix Warburgs in Amerika; und last not least die Tätigkeit der Jewish Agency, die mit der Untersuchungskommiss i o n in engster Verbindung stand und tagtäglich ganze Spalten jüdischer Zeitungen ausfüllte."' Beginnen wir mit dem letzten Faktum, der Untersuchungskommission. „Die Wahrheit" hat es sich wohl versagt, das Verfahren dieser Kommission, die etwa zwei Monate in Palästina tagte und jetzt in London, arbeiteten allen seinen Einzelheiten zu schildern, hat aber nach Beendigung ihrer Tätigkeit in Palästina einen instruktiven Leitartikel darüber veröffentlicht und seither wiederholt Nachrichten über das mit Spannung zu erwartende Untersuchungsergebnis gebracht. Unsere Leser müssen also hinreichend über die Arbeit der Kommission unterrichtet sein und sind es gewiß auch. Was hat aber die Arbeit dieser von dem britischen Staatssekretär der Kolonien eingesetzten Kommission mit der Jewish Agency zu tun. Nichts, man kann auch sagen, leider gar nichts. Denn als seitens des Präsidiums des Administrative Committee der Jewish Agency seinerzeit ein eigener Rechtsanwalt für die Jewish Agency engagiert und von AmerikanachPalästina geschickt worden war, uradie Agency vorder Untersuchungskommission zu vertreten, hatte inzwischen bereits d i e L o ndoner zionistische Exekutive Sir Boyd Merriman. mit ihrer Vertretung betraut, so daß der amerikanische Anwalt Goldstein un verrichteter Dinge zurückkehren mußte. Aehnlich fallen die Hinweise auf die Tätigkeit von Weizmann und Warburg in sich zusammen. Diese beiden Namen sollte man jetzt überhaupt nicht in einem Atem nennen, denn die schweren Differenzen, die zwischen ihnen bestehen, sind aller Welt bekannt, obwohl es neuestens heißt, daß die „Unstimmigkeiten" nahezu „b e i g e 1 e g t" seien. Wie wenig solche schönfärbende Meldungen zutreffen, geht wohl am besten aus der Tatsache hervor, daß Weizmann seine schon lange projektiert gewesene Amerika-Reise aufgeben mußte. Charakteristisch für die Lage ist ein Schreiben, das der Präsident des Administrative Committee der Agency, Felix Warburg, anläßlich der Absage einer Sitzung dieser Körperschaft, die am 1. Februar dieses Jahres, also sicher reichlich spät, hätte stattfinden sollen, am 10. v. M. an die Mitglieder dieses Komitees gerichtet hat. Es heißt darin u a. : „Soeben habe ich erfahren, daß trotz meiner am 23. Dezember telegraphisch übermittelten Bitte, von London aus Einladungen an alle europäischen Mitglieder der Administrative Committes der Jewish Agency am 1. Februar unverzüglich hinausgehen zu lassen, die Einladungen erst am 6. Jänner (!) verschickt worden sind. Dadurch ist es für viele Mitglieder unmöglich geworden, die notwendigen Vorbereitungen zu treifen. Ich bin daher gezwungen, die Sitzung bis zu einer weiteren Mitteilung abzusagen. Ich bedauere es, wenn Ihnen daraus Unannehmlichkeiten erwachsen.....Viele Probleme in Palästina harren ihrer Lösung. Das Programm konstruktiver Auibautätigkeit, dem ich meine Aufmerksamkeit zugewandt habe, wird gegenwärtig formuliert. Aus diesem Grunde, und weil keine Zusammenkunft des Administrative Committee der Jewish Agency seit der ersten Züricher Tagung im August stattgefunden hat, hielt ich es für wichtig, eine Sitzung des Administrative Committee der Jewish Agency iür den 1. Februar einzuberufen. Die Sitzung sollte auch die Aufgabe haben, eine wirksame und glatt verlaufende Arbeit der Jewish Agency zu ermöglichen und die Funktionen und BefugnissedesAdministrativeCommi t tee festzulegen. In einer neuen Organisation wie der Jewish Agency ist es unvermeidlich, daß zu Anfang Fragen geklärt werden müssen, welche die Funktion und die Beziehungen der Instanzen untereinander betreffen. Ich bedauere tief, daß es iniolge der vorangegangenen Umstände notwendig geworden ist, die Sitzung abzusagen . . ." Dieser Brief ist wohl Beweis genug für die auch von unserem Standpunkte bedauerliche, aber nicht wegzuleugnende bisherige Untätigkeit der Jewish Agency. Seit August findet keine Sitzung ihres wichtigsten Komitees statt, obwohl die traurigen Ereignisse in Palästina eine solche Beratung sicherlich notwendig gemacht hätten. Und als endlich eine Sitzung für den 1. Februar, also nach-sieben Monaten (!) anberaumt wurde, sendet die Londoner zionistische Exekutive die Einladungen trotz des dringlichen Ersuchens Warburgs zu spät aus, so daß selbst diese Sitzung nicht stattfinden kann. Das Komitee wird nun erst am 23. März (!) in London tagen. Aus dem Briefe Warburgs ist ferner unschwer die Verstimmung herauszulesen, die zwischen ihm und Weizmann offensichtlich besteht. Ueber die Meinungsverschiedenheiten wegen der Dringlichkeit der erwähnten Sitzung hinaus existieren nämlich zwischen den beiden auch gegensätzliche Auffassungen über die Rolle der verschiedenen Organe der Jewish Agency. Die Ansicht Warburgs über diese Frage ist in einem Elaborat festgelegt, das er dieser Tage an sämtliche 220 Mitglieder des Rates der Jewish Agency verschickt hat und das eine Einteilung des Rates in Kommission e n enthält. Wir werden uns mit diesem sehr sorgfältig ausgearbeiteten Schema noch näher kritisch befassen, für heute genüge in diesem Zusammenhang die Feststellung, daß das Elaborat überhaupt die erste Enuntiation an die im August des Vorjahres gewählten 220 Mitglieder des Rates der Agency darstellt. Man kann also ruhig behaupten, daß die Jewish Agency bisher sehr wenig von sich hören ließ, obwohl ihre Stimme in diesen schicksalsschweren Tagen doch laut und vernehmlich in aller Welt hätte erschallen sollen. Der Wiener „Stimme" aber ist die Ehrenrettung ihrer Londoner Freunde restlos mißlungen. ____ O. H. Eine neue Absage Fords an den Antisemitismus. Obwohl Henry Ford in seiner bekannten Erklärung vom Juli 1927 auf das entschiedenste vom Antisemitismus und namentlich von dem früher unter seinem Namen veröffentlichten zweibändigen Werk „Der internationale Jude" abgerückt war, fahren die Antisemiten und Völkischen fort, dieses Werk, das im wesentlichen eine Sammlung der früher in dem Fordschen Blatte „Dearborn I n d ependant" veröffentlichten judenfeindlichen Aufsätze darstellt, auszuschlachten. Es macht ihnen dabei nichts aus, daß in diesen Artikeln und dementsprechend auch in dem unter Fords Namen verbreiteten Buche neben dem Judenhaß auch ein betont deutschfeindlicher Standpunkt zum Ausdruck gelangt war. Da sich der Inhalt der Artikel, bzw. des Buches in der Hauptsache auf den Schwindelberichten der „Geheimnisse der Weisen von Zion" aufbaute, tauchte seinerzeit in der deutschen und in der amerikanischen Oeffentlichkeit die Vermutung auf, daß an der Abfassung der Artikel nach Amerika übersiedelte russische Emigranten beteiligt gewesen seien; es handelte sich hauptsächlich um den einstigen Chef der russischen Geheimpolizei in Paris Ratschkowski und seinen Gehilfen Manuilow Manassewitsch, die bei der Fabrizierung der „Weisen von Zion" in Paris ihre Hände mit im Spiele hatten. Der VereinzurAbwehrdesAntisemitismus richtete an die Zentralverwaltung der Ford-Firma in Detroit durch Vermittlung der Ford-Vertretung in Berlin das Ersuchen, mitzuteilen, ob tatsächlich Ratschkowski und Manassewitsch an der Abfassung der Artikel im „Dearborn Independant" und damit auch der beiden Ford-Bücher beteiligt gewesen seien. Daraufhin ist dem Abwehr-Verein