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Die Wahrheit · 1930-02-07 · Heft 6 (7.2.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 6 (7.2.1930)
Date
1930-02-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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an zwei Grenzen (Sachsen und Bayern) und zwischen den westböhmischen Kurorten Karlsbad, Marien bad und Franzensbad. Eger ist die erste Etappe für Unterstützungsheischende und dem Wanderbettel stark preisgegeben. Darüber zu sprechen, warum die projektierte Hilfsaktion nicht verwirklicht wurde, wollen wir uns die Worte sparen. Der Krieg war ausgebrochen, der manchen Plan über den Haufen geworfen! .... Es kam die Kriegsflüchdingsaktion usw., mancher Friedensplan geriet in die Rumpelkammer. Warum ich aber jetzt, wo die Sache der Wiener „Union" nur eine „auswärtige Sorge" geworden ist, die Reminiszenz in ihrem Organ auffrische? Darüber wiij ich in knapper Form berichten. Hatten wir bereits vor dem Weltkrieg einen schweren Standpunkt, der sich uns darbietenden Not zu steuern, vor allem herauszufinden, wer der Unterstützung würdig und wer unwürdig sei, d. Ii., wer vorübergehend in Not geraten und Weidas Betteln sich zur Profession machte, so haben wir es gegenwärtig um so schwieriger, nachdem in Deutschland und momentan in Belgien Ausweisungen von jüdischen Arbeitern eine tägliche Erscheinung sind. Also steigen tagtäglich Hilfesuchende in Eger aus und bringen Briefe von der Wanderarmen-Fürsorge Köln, Berlin. Fürth in B. usw. mit, in welchen gebeten wird, die Wanderarmen weiter zu befördern. Daß wir in Eger nicht in der Lage sind, diese Wanderbettler nach Prag, Wien, Budapest oder Munkacs zu befördern, d. h. sie mit Reisekarten und Wegzehrung zu versehen, ist ja ziemlich naheliegend. Sind wir doch bloß auf unsere eigenen Geldmittel angewiesen und haben von nirgendwo etwas zu erwarten. Das Unrecht aber ist, daß jene obgenannten Stationen unberechtigte Hoffnungen den Wanderarmen machen und daß diese verzweifelt dastehen, wenn ihnen die Eröffnung gemacht wird, daß eine Weiterbeförderung unsererseits nicht erfolgen kann. Es sind oft ganze Familien mit kleinen, zuweilen kranken Kindern, die da ratlos dastehen, nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Daß wir in solchen Fällen das Menschenmöglichste leisten, ist klar, allein: ein Schelm, der mehr gibt, als er hat! Somit wendet sich der Schreiber dieser Zeilen an Ihr geschätztes Blatt, das auch viel von den deutschen Glaubensbrüdern gelesen wird, mit der Bitte, daß diese den Wanderbettlern klaren Wein nach dieser Richtung hin einschenken, vielleicht finden sie andere Wege und Auswege, als nach Eger zu kommen; vor allem andern darf nicht versündigt werden gegen das Thoragebot: „Vor einem Blinden lege keinen Stein des Anstoßes!" Das Elend der Juden in Polen. ii. Bielitz. Ende 1929. Immerhin hatten sich die Juden auf dem heute polnischen Gebiete vor dem Kriege in den Wirtschaftsorganismus der von ihnen bewohnten Staaten doch bis zu einem gewissen Grade eingefügt und man konnte von einem einigermaßen geordneten „normalen" Elend sprechen. In der Vorkriegszeit bot den Juden das wirtschaftliche Betätigungsfeld schon rein territorial eine Kroße Ausdehnungsmöglichkeit, zumal da sie nur einen geringen Bruchteil der anderen Bevölkerung bildeten. Im Vorkriegsrußland entfielen auf 160 Millionen der Gesamtbevölkerung etwa fünf Millionen, also drei Prozent Ostjuden: von ihnen haben allein rund 2'A Millionen in Kongreßpolen gelebt. Infolge dieser ganz ungewöhnlich großen Dichte war ihre Lage dort schon damals ungünstiger als im übrigen Rußland. Die riesenhafte Ausdehnung des Zarenreiches konnte jedoch diese Zusammenballung von Juden in der polnischen Provinz einigermaßen ausgleichen. Die Juden unterhielten handelspolitische Wechselbeziehungen mit den großen Märkten im lernen Osten. Auch dadurch konnte ihre wirtschaftliche Lage hl einem gewissen Gleichgewicht bleiben. Lodzer Baumwollwaren gingen bis in die Mandschurei und das weite China und ebenso drangen ßialystcker Decken bis nach Westasien vor. In .der früheren österreichisch-ungarischen Monarchie mit ihren 53 Millionen Einwohnern lebten ungeiähr zwei Millionen Juden, in Galizien allein 700.000. die ihre Erwerbsquellen auch größtenteils in den anderen Ländern des Donaureiches fanden: der galizische Trödler tätigte seine Wareneinkäufe oft in den entfernten österreichischen Alpenländern, der Geschäftsmann konnte Verbindungen mit allen Teilen der Monarchie pflegen, während die etwa 800.000 Juden in Galizien wirtschaftlich stark entwurzelt sind. Die Kriegs- und Nachkriegszeit hat das jüdische Problem in Polen in ein akutes Stadium gerückt: das große Völkerringen, das sich zum großen Teile in den judenreichsten Gebieten des heutigen Polens austobte, hat viele Tausende von Familien vom heimatlichen Boden vertrieben und ihre Existenzgrundlagen vernichtet. Bürgerkrieg und Epidemien haben viele Zehntausende der Unglücklichen hinweggerafft und, als schon der übrigen Welt die Morgenröte des Friedens entgegenleuchtete, hielt hier der Krieg mit Rußland 1919 und 1920 noch eine blutige Nachlese, der ebenfalls viele jüdische Familien zum Opfer fielen. Als dann nach der jahrelangen Inflationsscheinkonjunktur der ersten Jahre nach dem Kriege die Einführung der Zlotywährung unter dem Finanzdiktator Grabski einsetzte, wurde der jüdische Handel von der Flut drakonischer Sanierungsmaß nahmen am härtesten erfaßt und größtenteils vernichtet. Die noch heute bestehenden, von Grabski aufgeführten Zoll- und Verkehrsmauern als vermeintliches Allheilmittel zur Aktivierung der ewig passiven Handelsbilanz, von seinen Nachfolgern in der Pilsudski- Aera noch höher aufgetürmt, raubten und rauben in erster Linie dem jüdischen Kaufmannsstand den Atem. Als eine Geißel schlimmster Art erweist sich die verhängnisvolle Steuerpolitik der polnischen Regierung. Als im Jahre 1925 der Zloty ins Wanken kam, setzte man als Rettungsanker die Steuerschraube rücksichtslos gerade an der städtischen Bevölkerung an, während der Großgrundbesitz, an dem die Juden so gut wie überhaupt nicht beteiligt sind, fast gänzlich verschont blieb. Mit einem Schlage hat die unnormal hohe Steuerlast den Handel, die stärkste Domäne der polnischen Judenschaft, abgewürgt, insbesondere, als die hohe Warenumsatzsteuer von 2 Prozent eingeführt wurde. Dieses System lastet noch heute unter dem Regime Pilsudskis unvermindert auf. Handel und Kleinindustrie. Die unzähligen kleinen Krämerladen in den Großstädten, die dicht einer neben dem anderen stehen und deren ganze Warenlager oft nur einen Wert vpn kaum 200 Schilling darstellen, wurden und werden von dem Stcuerexekutor, der dem kleinen Händler oft sein letztes Gewand nimmt, hinweggefegt: in den Großstädten Warschau, Lodz, Bialystok, Wilna, Lemberg und Krakau haben in der letzten Zeit Zehntausende von Händlern und Kleingewerbetreibenden ihre Gewerbepatente abgemeldet: das Jahr 1928 hat die so zusammengeschmolzenen Händlermassen fast auf ein Viertel. vermindert. Der jähe Niedergang der Lodzer und Bialystoker Textilindustrie hat gerade die jüdischen Kreise betroffen. Auch das jüdische Handwerk mußte daran glauben. Die vollkommene Verarmung dieses Gewerbes aus Mangel an technischen Behelfen und Krediten rückt die Gefahr des Aussterbens dieses Berufszweiges in immer greifbare Nähe, ja es besteht die Befürchtung, daß dieser produktive Stand von einem haltlosen Lumpenproletariat gänzlich verdrängt wird. Das jüngst erlassene Industriegesetz engt die Erwerbsmöglichkeit des jüdischen Kleinhandwerkes immer mehr ein,' indem es den Befähigungsnachweis einführt, der von den Unterbchörden gerade den Juden gegenüber rigoros gehandhabt wird. Aber nicht nur der Handarbeiter, sondern auch der jüdische Geistesarbeiter befindet sich in heller Verzweiflung. In den großen Städten Galiziens, wie z. B. in Lemberg, ist ein Großteil der sogenannten höheren Berufe, die gerade von den Juden aus Mangel an jedweder anderer produktiver Betätigungsmöglichkeit unverhältnismäßig stark ergriffen wurden, wie Rechtsanwälte, Aerzte und die zahlreich abgebauten Privatbeamten, auf Unterstützung ihrer Berufsorganisationen angewiesen. Das Gesamtbild ist erschreckend: von drei Millionen Juden steht mehr als eine Million ohne irgendeinen Lebensunterhalt da; die Verdienstmöglichkeit der anderen Million reicht keineswegs zur Fristung ihres Daseins; die dritte Million ist gerade noch in der Lage, sich zu ernähren. Unter dem Drucke dieser wirtschafüichen Abnormalitäten, die in keinem europäischen Staate ein ähnliches Bild aufweisen, vollzieht sich in letzter Zeit ein gewaltiger seelischer und sozialer Umschichtungsprozeß. Die Maxime: „Not lehrt beten" weicht einer anderen „Not lehrt arbeiten". Die ererbten Traditionen in Erziehung und Bildung werden allmählich über den Haufen geworfen. Talmud und Bibel, scholastische, juridische und philosophische Disputationen werden vom Schrei nach Brot übertönt. Früher das Erziehungsideal und Lebenselement der Juden in Polen, wird diese Beschäftigung immer mehr zum Lebensinhalt lediglich der Berufsgelehrten, der Rabbiner und deren Jünger. In den großen Massen der Jugend ist der Drang nach physischer, produktier Arbeit erwacht. Die jüngere Generation versucht praktische Berufe zu ergreifen. So sieht man in den großen Ghettos Polens jüdische Glasschleifer, Schuhmacher, Schneider, Kutscher, Wasser- und Gepäckträger, Hausdiener u. a. m. Aber auch dieser von der Not der Zeit diktierte neue Betätigungstrieb zerschellt an der Macht der Verhältnisse, die nicht einmal dieser bescheidenen Betätigungsform Raum geben. * Die Gesetzesbeschränkungen der Juden in Polen. Ministerpräsident Prof. Bartel forderte den Justizminister Dudkiewicz mit einem Schreiben auf, ungesäumt Vorbereitungen zur Abschaffung der noch aus der Zarenzeit stammenden gesetzlichen Beschränkungen der Juden in Polen zu treffen und das schon vorbereitete diesbezügliche Projekt dem Sejm zur dritten Lesung vorzulegen. TEPPICHHAUS S. SCHEIN AKTIENGESELLSCHAFT WIEN l., Bauernmarkt Nr. 10-18-14 VII., Mariahlllersiraoe Nr. QO (Ecke Zieglergasse) erv TEPPICHE fORHÄNGE raHBElSTOFEE ElMOE&Iira DECKEN Größte Auswahl! Billigste Preise! ©Cossen. Der Vorlesung, die der preußische Unterrichtsminister Dr. Becker, der auch ein namhafter Gelehrter ist, vor einigen Tagen im „Kulturbund" hielt, wohnten begreiflicherweise hervorragende Männer unseres öffentlichen Lebens bei. Auch ein Trupp hakenkreuzlerischer Studenten war zum allgemeinem Staunen erschienen. Was wollten die im „Kulturbund"? Und noch dazu bei einem Vortrag des freisinnigen deutschen Gastes? Nun, sie wollten von der hohen Warte ihrer Weltanschauung aus Skandal machen und erreichten das in erklecklichem Maße. Der preußische Unterrichtsminister, der seine hakenkreuzlerischen Studenten zur Genüge kennt, stand dennoch zunächst höchst beiremdet dem Treiben gegenüber. Er mochte sich fragen, wie es denn komme, daß die Wiener hakenkreuzlerischen Studenten, wenn schon nicht vor dem Gast, so doch einigen Respekt angesichts des im Saale anwesenden Rektors der Wiener Universität aufbringen würden. Keine Spur, Rektor G 1 e i s p a c h, dem sonst gerade diese Studenten zujubeln, wurde einfach ignoriert. Das geschah im Wiener „Kulturbund". Graf Gleispach würde in Berlin anders begrüßt werden. :•: Eine in der Wiener Gesellschaft und in der Publizistik sehr angesehene Dame teilt in der „Neuen Freien Presse" die Unterredung mit, die sie mit einem berühmten Staatsmanne anläßlich eines Falles hatte, in welchem das Urteil über einen Angeklagten, an dessen Schuld man nicht glauben konnte, vom Obersten Gerichtshofe aus „formalen Gründen" bestätigt wurde. Bleich und erschüttert, mit dem Ausdruck tiefster Erbitterung in den Mienen, sagte der-Staatsmann buchstäblich u. a.: „Der Oberste Gerichtshof hat die Revision verworfen! Ja. Obwohl alles, was dieses entsetzliche Verbrechen angeht, in das geheimnisvollste Dunkel gehüllt bleibt. Kein einziger direkter Beweis von der Schuld des Angeklagten ist erbracht worden. Mutmaßungen, Indizienbeweise, nicht mehr, das hat man zur Anklage verdichtet. Vor allem fehlte das Hauptargument: Die Triebfeder der Tat! Der Grund, der zur Tat hätte entferntesten Anlaß geben können, ist unauffindbar! Ja, die Tatsache, daß die Anklage sich gezwungen sah, ihre erste Version fallen zu lassen, und in die Zwangslage versetzt wurde, eine neue Hypothese aufzubauen, sie allein sollte, müßte den Obersten Gerichtshof zwingen, das Urteil aufzuheben!" * * * Der Gerichtsfall, auf den sich diese Aeußerungen beziehen, spielte im Jahre 1912 in Frankreich. Es handelte sich da um einen armen des Mordes angeklagten Lehrer namens Lefevre. Die vorstehenden Auszüge sind aus den so reichhaltigen Gesprächen geschöpft, die George C1 e m e n c e a u mit der ihm auch verwandtschaftlich nahestehenden Frau Berta Zuckerkandl-Szeps pflog, die um diese Zeit in Paris lebte. * * * Diese Aeußerungen tragen so ganz das Gepräge des genialen Mannes, der in der leidenschaftlichen Erregung, nur auf die Stimme seines Rechtsgefühles hörend, Takt, Maß und Besonnenheit höchstens als neben-

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