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Die Wahrheit · 1930-02-07 · Heft 6 (7.2.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 6 (7.2.1930)
Date
1930-02-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Sterne Björnson im Atelier des finnländischen Malers Albert Edelfelt hielt, vernahm sie Näheres über dieses Volk und zugleich auch über das. Problem und die Ziele des Antisemitismus. Eines Tages stellte sie an Max Nordau die Frage: „Wollen Sie, daß ich zum Judentum übertrete?" „Wozu wäre das gut?" erwiderte Nordau, „es würde Ihnen dennoch keine jüdischen Vorfahren verschaffen. Sie sind würdig, eine Jüdin zu sein, das Schicksal hat es aber nicht gewollt." Einige Zeit später, als er seinem Freunde Herzl von seiner Heirat schrieb, antwortete ihm dieser: „Zu Ihrer Vermählung wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen Glück. Die edle Frau, die ich zwar nur flüchtig sah, von deren hohen Sinn mir aber Feldmann oft erzählte, möge Ihnen den Hausfrieden bereiten, den die äußeren Kämpfe gerade für unsereinen so sehr wünschenswert machen. Ihre Bedenken über die Aufnahme Ihrer Mischehe in jüdischen Zelotenkreisen sind vielleicht übertrieben. Ich glaube nicht, daß man in anständiger Denkweise und guter Logik Ihnen daraus einen Vorwurf machen kann. Was sind wir heute? Bürger des idealen Judenstaates, den wir auf die Erde zu setzen als den besten Inhalt unseres Lebens ansehen. Wäre unser Werk heute schon vollbracht, so wäre es doch wohl einem jüdischen Staatsbürger, das heißt einem Bürger des bestehenden Judenstaates, nicht verwehrt, eine Ausländerin zu heiraten. Sie würde Wie ein Bazillus breitet sich gegenwärtig an den europäischen Hochschulen eine Welle aus, die die Studenten zu offenen Skandalen treibt, um auf diese Weise ihre vermeintlichen Rechte durchzusetzen. In Innsbruck schlagen sich Waffen Studenten mit Katholiken, in Gent tobt an der Universität der Kampf zwischen Flamen und Wallonen. Ein besonderes Kapitel bilden für uns Juden die Hochschulen von Wien, Berlin, Prag, Warschau, Krakau und Brünn, wo der N umerus-clausus-Gedanke immer konkretere Formen innerhalb der Studentenschaft annimmt. Worum handelt es sich? Die „Konkurrenz" der jüdischen Akademikerschaft soll durch eine gesetzliche Bestimmung ausgeschaltet werden, die die Zahl der jüdischen Studenten nach ihrem Anteil an der Bevölkerung bemißt. Maßstab für die Auswahl soll die jüdische Religionszugehörigkeit das Altern allen voran an seinen fast alljährlich gemalten Selbstporträts. Im Roman den Zeitver- Jauf mit den Worten andeuten zu wollen: „Jahre vergingen, mittlerweile ist unser Held zum Manne herangereift oder er ist alt und gebrechlich geworden", wäre allzuleicht und eben deshalb stümperhaft. Der Künstler muß den Fluß der Zeit so zeigen, wie das in Wirklichkeit vor sich geht, also ganz unversehens. Die Grenzen zwischen Kindes- und Knaben-, Knaben- und Jünglings-, Jünglings¬ und Mannes-, Mannes- und Greisenalter fließen ineinander; wir selbst und unsere nächste Umgebung merken das höchstens erst im Alter. Dieses Werden und Vergehen durch Alltags-Ereignisse, durch Alltags-Handlungen, „unversehens", dabei flott, also modern und stets interessant zu schildern, das ist Kunst. Und diese genießen wir in Bondy junior in reichlichem Maße. Die Schilderung von der Schuleinschreibung mutet uns an wie ein Bild von Vautien Die Roheiten der christlichen Mitschüler gegenüber dem empfindsamen Sigi wecken wehmütige Erinnerungen aus der Schulzeit in uns. Köstlich isf die Episode von dem Literaten- Verein „Hunnia", der schon nach der ersten Nummer des Vereinsorganes zu funktionieren aufhört und sich dann nur noch auf die Verwaltung der eingegangenen und dem Sigi anvertrauten Abonnements-Gelder von Fl. 24.— beschränkt, der dann dafür, statt die Gräber der Heroen der Literatur zu bekränzen, als ein echter Sproß von Hermann Bondy — Weizen kauft. Kunst ist auch von dem uns umgebenden Raum, von landschaftlichen Gegenden, von Strafen, Plätzen, Höfen anschauliche Bilder zu geben, sieht minutiöse wie der Repräsentant der alten dadurch eine Jüdin, ungeachtet der Konfession." Beide, sowohl Nordau als Herzl, betrachteten also das Judentum als eine rein nationale, politische Angelegenheit, bei der die „Konfession" überhaupt keine Rojle spiele. Nordau erklärt seiner Frau, ein Uebertritt zum Judentum sei „zu nichts gut", da für ihn in der jüdischen Abstammung das Wesentliche liegt. Herzl geht sogar so weit, daß er diejenigen Juden, die Nordau aus seiner Mischehe einen Vorwurf machen würden, im voraus als „Zeloten" bezeichnet und ihre „anständige Denkweise und gute Logik" in Zweifel zieht. Wie verfehlt diese Einstellung zum religiösen Judentum Herzls ist, das beweist der Werdegang seines einzigen Sohnes Hans Herzl, der nach einer religionslosen, nationaljüdischen Erziehung vor fünf Jahren den Künsten eines Wiener Judenmissionars zum Opfer fiel und sich taufen ließ. Die Zionisten sprachen damals von einer „krankhaften Seelenkrise" des jungen Herzl. Diese „krankhafte Seelenkrise" war aber zweifellos durch die Erziehung des jungen Herzl hervorgerufen worden, der, nachdem ihm ein religiöses Ideal innerhalb des Judentums nicht gezeigt worden war, in einem fremden Lager ein solches zu rinden hoffte. Es gibt eben in Wirklichkeit kein Judentum ohne Bekenntnis zur jüdischen Religion. sein. Aber leider ist auch die völkische Internationale der Studentenschaft mit diesem Ziel in Ungarn, das den Numerus clausus legalisiert hat, nicht zufrieden: Aus den Akademikerkreisen jüdischer Abstammung erwächst den christlichen Kollegen eine Konkurrenz, gegen die mit allen Mitteln angekämpft wird. Die völkischen Studenten wollen, daß die Hochschule nach der Quantität, nicht aber nach der Qualität den Studenten zugänglich wird. Die Konsequenzen einer so naiven, von Haß diktierten Einstellung ergeben sich bei der Ueberlegung, daß aus jenen fanatisierten Kreisen die zukünftigen Beamten, Richter, Lehrer und Staatsanwälte hervorgehen sollen. Die verschiedenen Abstimmungen an den deutschen Hochschulen, wie in Breslau, Frankfurt, Göttingen u. a. haben zur Genüge den Beweis erbracht, daß ein großer Teil der Studentenschaft sich gegenüber den Exzessen indifferent klassischen Schule der Romanciers, Walter Scott, es getan, sondern anschaulich mit knappen Worten: der Gutshof, in dem Vater und Sohn mit dem stotternden Schwiegersohn einfahren, ist gleichsam mit dem Pinsel eines Meindert Hobbema gemalt. Bemerkenswert ist auch das Bestreben des Autors, alle handelnden Personen wahrheitsgetreu, also völlig ungeschminkt zu zeichnen, sicher zum Verdruß vieler seiner zeitgenössischen Landsleute. So ein völlig unpatriotischer Hermann, wie es noch die Juden um die Mitte des vorigen Jahrhunderts waren, wird den jetzigen jüdischen Ueberpatrioten sicher sehr wider den Strich gehen, ebenso wie dem Obersten der Rassenschützler und Hakenkreuzler Gömbös das Wort vom „arischen Säufer" und vom „enthaltsamen Juden". Auch die Täuflinge wurden arg mitgenommen, zu denen ja der Autor selbst gehört. Er scheint indessen reuig zu seinen Stammesgenossen heimgefunden zu haben, denn das Buch, ausdrücklich für den Westen bestimmt, ist überreich an hebräischen Zitaten. Diesen Mut hat bisher noch keiner der schon einen Namen besitzenden jüdischen Autoren aufgebracht. Und diesen Mut des Autors werden wir allen Anschein nach noch besonders kennen zu lernen haben in dem oder in den nachfolgenden Bänden. Dieses erste Buch ist noch völlig problemlos. Einer, der so ein Buch schreiben kann, tut es nicht nur, um eine Familiengeschichte fesselnd zu erzählen; er wird damit auch etwas besonders sagen wollen. Die Probleme werden also erst im folgenden Band aufgerollt und im letzten zu lösen versucht werden. Eines davon wird sicher die Judenfrage, und zwar speziell die Judenfrage in Ungarn sein, verhält. Der nationalsozialistisch verhetzte Teil aber ist vollkommen abhängig von den Draht-» ziehern der Straße, die das Rowdytum, teilweise leider mit Erfolg, an den Hochschulen einzuführen versuchen. Es handelt sich um keine Auseinandersetzung um akademische Fragen innerhalb der Hochschulen, sondern vielmehr um den Kampf der einsichtigen friedliebenden Studentenschaft gegen den Ansturm völkischen Terrors der Straße. Die jüdische Akademikerschaft in Deutschland blickt zurück auf eine ruhmreiche Tradition wissenschaftlicher Leistungen und Erfolge, aber auch auf Erfolge in der Abwehr von den deutschen Hochschulen unwürdigen antisemitischen Ausschreitungen. Es wird darauf zu achten sein, daß sich eine Front gegen den Hochschulantisemitisinus zusammenfindet und verstärkt, die eine Abwehr aller Angriffe herbeiführt, die geeignet sind, den jüdischen Studenten in seinem Recht auf ungestörtes Hochschulstudium zu behindern. Ablehnung eines Numerus-clausus-Antrages der sächsischen Nationalsozialisten. Der Landtag lehnte nach längerer Aussprache mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der N at i o n a I s o z i a I i s t e u und der ü e u t s c h n a t i o n a I e n einen nationalsozialistischen Antrag ab. der eine Vorlage wünscht, die den Numerus clausus für J u d e n a n den sächsischen Hochschulen einführen sollte. Eingesendet. Wanderarmen-Fürsorge. Von Armin W i 1 k o w i t s c h, E g e r. Zu Beginn des zweiten Dezenniums unseres Jahrhunderts bereits verhandelte die ,.U n i o n" in Wien mit unserer Kiiltusgemeinde behufs Schaffung einer Zentrale für Wanderarmen-Fürsorge in Eger. Die Verhandlungen waren soweit gediehen. daß Drucksorten bereits fertiggestellt wurden und der Schreiber dieser Zeilen als Beamter der ..Union" bestellt wurde. Der verewigte „Union"-Sekretür Fleischer hatte seinerzeit eine Versammlung einberufen, eine instruktive Rede gehalten und darin die Notwendigkeit der Schaffung besagter Zentrale ausgeführt. Fr war es auch, der mir die Wege zur klaglosen Verhandlung mit den Gesuchsstellern wies, denn es bedurfte einer gewissen Routine, „Herr der Situation" zu werden und sich nicht von Protessionssclinorrern düpieren zu lassen. Warum die „Union" so viel Gewicht auf die Zentralstation Eger legte, ist begreiflich: Eger liegt das sich mir schon am Schluß dieses ersten Buches ankündigt, wenn nämlich der junge Sigi nach des Vaters Tod zum Studium nach Berlin fährt, um zu lernen, wie die Idee des alten Gutsverwalters Thiersch realisierbar wäre, Landwirtschaft und Industrie zum Segen des Landes miteinander zu verbinden. Das nämlicli war die große Tat der Familienangehörigen des Autors in Hatvan unweit Budapest, woraus der Name des Autors „Hatvany" wurde. Daß er der Richtige ist, dieses grolle Probleme aufzurollen, ist mir nach der Lektüre dieses Buches ganz klar. Er wird aufzeigen und in leuchtenden Farben schildern, was die Juden für Ungarn geleistet haben und wie schändlich demgegenüber das Verhalten des ungarischen Volkes in der Nachkriegszeit mit seinem Numerus clausus und seinem Judenhaß ist. Da dies mehr oder minder auf viele andere Länder zutrifft, so wird der zwei- oder dreibändige Bondy jr. zweifellos ein bleibendes Werk der Weltliteratur werden. Füge ich nun zum Schlüsse für Sie als stilistischen Feinschmecker hinzu, daß das Buch auch sprachlich sehr gediegen und manch schöne Metapher enthält, z. B. „Die Donau schmilzt Gold aus dem Mond", „Sigi begriff noch nicht, daß Leben und Warten eins ist. wir müssen immer auf etwas warten" u. dgl. mehr, dann werden gewiß auch Sie und Ihre Freunde das Buch Ihrer Bibliothek einverleiben und es mit großem Genuß lesen. Mit den herzlichsten Grüßen freundschaftlichst Ihr Kom.-Rat Theodor Ehrenstein. DerHochschalantisemitismus. Von Wolfgang Siegbert M a t z d o r f, Breslau.

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