Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-01-31 · Heft 5 (31.1.1930) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 5 (31.1.1930)
Date
1930-01-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064150--17762-3082721
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

OB-WAHRHEIT Seite 5 so weit gekommen, auch nur eine Zeile gegen die Verurteilung schreiben zu müssen. * * * Das Urteil des Obersten Gerichtshofes, das nach der ausdrücklichen und selbstverständlichen Erklärung des Qeneralanwaltes sich nicht mit der Schuldtrage, sondern mit den vorgebrachten Nichtigkeitsgründen befaßte, verrammelt nicht für immer den Weg, der vielleicht zu einer jeden Zweifel ausschließenden Klärung des Falles führt. Die Richter haben bisher auch nicht die Spur eines M o t i v e s gefunden, das den liebevollen Sohn zur Ermordung des Vaters hätte führen körinen. Vielleicht findet sich aber hoch der unbekannte Dritte, dessen Spuren nicht ganz verwischt sind und der einen schätzenswerten Beitrag zur Erhellung des grauenhaften Dunkels bieten würde. Der unbekannte Dritte würde, falls ihn der Arm der Gerechtigkeit faßt, einen reichlichen Ersatz für das vermißte Motiv bilden, der als Nichtigkeitsgrund nicht zu verwerfen wäre. Die ausgleichende Gerechtigkeit, daß in einer Zeit, in der so viele geständige Mörder freigesprochen wurden, einer, dessen Schuldlosigkeit von unendlich vielen geglaubt wird, erst verurteilt werden müsse, ist keine ganz befriedigende. Ego. Daröffantlichunqan der Union deu+sch österreichischer Juden Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark.-Kto. 9.464 Die Tätigkeit des Kultusvorstandes. Im folgenden setzen wir. den Bericht über den Donnerstag, den 16. d. M., stattgehabten äußerst gelungenen Diskussionsabend der „Union deutschösterreichischer Juden'- über die Tätigkeit des Kultusvorstandes fort. Nach dem ausgezeichneten Referate des Herrn Rcg- Rates Dr. Hermann Oppenheim ergriff Herr Baurat Wilhelm Kempler als Obmann der Spitalskommission das Wort, um die Tätigkeit der Gemeinde auf dem Spitalswesen eingehend zu beleuchten. Er begann seine interessanten Ausführungen mit einem historischen Rückblick in längst vergangene Zeiten, der bewies, daß die hervorragende Tätigkeit der Gemeinde auf diesem Gebiete eine traditionelle ist. Schon im neunten Jahrhundert, zur Zeit der Karolinger, als die Juden in Wien in der Gegend des Tiefen Grabens, damals bezeichnenderweise „Im Ellen d" genannt, wohnten, besaßen sie in dieser Gegend neben einer Schule und einer Synagoge auch ein Spital, das auf der Hohen Brücke 354 stand, ein Haus, das nach einer, dort angebrachten Inschrift bis 1794 existierte. Dieses älteste Wiener Judenspital war allerdings nicht identisch mit dem, was wir heute unter einem 'Spital verstehen, sondern es war auch ein Gebäude zur Aufnahme von Obdachlosen usw. Als im Jahre 1421 eine vollkommene Vertreibung der Juden aus Oesterreich erfolgte, weil sie beschuldigt wurden, eine Hostie geschändet zu haben, mußten sie auch Wien verlassen, und ihr Eigentum, somit auch das Spital, wurde konfisziert. Im Jahre 1622, also drei Jahrhunderte später, kamen die Juden erst in kleinerer, später in größerer Zahl wieder zurück und siedelten sich in der Gegend des Unteren Ward an. Sofort nach dieser Rückkehr bauten sie auch schon wieder ein Spital in der Haidgasse 128, das bis 1656 bestand und sich später als zu klein erwies, so daß ein zweites Spital, das sogenannte „Judenlazarett'* Am Tabor für die an der damals besonders stark wütenden Pest Erkrankten errichtet wurde. Im Jahre 1669 erfolgte wieder eine Vertreibung der Juden, diesmal unter dem Vorwande, daß sie an einem Brandt;, der in Wirklichkeit infolge der Unvorsichtigkeit eines Tischlers in einem Trakte der Burg ausgebrochen war, schuldtragend seien. Es ist bekannt, daß sie bei ihrem Abzüge aus Wien den Friedhof in der Seegasse dem Magistrat in Obhut gegeben haben, um den Bestand dieses ihnen heiligen Ortes zu wahren. Ihre Abwesenheit dauerte diesmal nicht lange, schon nach vier Jahren, im Jahre 1673 kamen die Juden wieder zurück und im Jahre 1698 war ein Spital in der Seegässe in vollem Betrieb. Dieses Objekt erwies sich späterhin als zu klein, so daß im Jahre 1793 ein neues Spital auf dem gleichen Platz in der Seegasse errichtet wurde, von dem uns der Baumeister (Großlnann), der Spender jener Summe von 20.000 Gulden, die für die Errichtung notwendig war (Arnstein), bokanut sind. Die jüdischen Kranken wurden in der Umbauzeit-auf Veranlassung Kaiser Josef II. im Allgemeinen Krankenhaus untergebracht, wo sie rituell verpflegt wurden, ein Beweis für die tolerante Gesinnung dieses Volkskaisers. Auch das neue Spital konnte bald den Anforderungen nicht genügen. Man schritt an neue Pläne, wobei für die notwendigen Kosten ein Aufschlag auf das Koscherfleisch vorgenommen wurde, die erste uns bekanntgewordene Besteuerung der Wiener Juden. Im Jahre 1869 wurde der Bau des Rothschild- Spitals begonnen, dessen Schlußstein am 9. März 187.3 gelegt wurde. Es besaß hundert Betten und wurde im Jahre 1903 durch einen chirurgisch-gynäkologischen Pavillon ergänzt. Von hervorragenden Aerzten geleitel, besitzt das Spital eine Anzahl von Abteilungen, deren Leistungen anerkennenswert sind, und auch das Ambulatorium steht auf durchaus beachtlicher Höhe. Das Spital hat alljährlich zirka 60.000 Krankenvcrpflegstage, wobei bei der zweiten und dritten Klasse die Selbstkosten der Gemeinde nicht hereingebracht werden. An Ambulanzen waren im Jahre 1929 zirka 16.000 zu verzeichnen, die Operationen stiegen seit dem Jahre 1924 von 347 auf 1386 im Jahre 1929. Der Prozentsatz der Ungeheilten beträgt nur S Prozent, also eine sicherlich sehr erfreuliche Ziffer. Das Defizit der Kultusgeineinde wird vielfach das Defizit des Spitals genannt, und das nicht mit Unrecht. Denn das tägliche Defizit des Spitals beträgt S 1000.—. und alle Bemühungen, zahlungskräftigere Personen auch zur Zahlung zu veranlassen, scheitern oft an ihrer Zahlungsunwilligkeit, wobei festzustellen ist, daß wiederholt Personen aus dem Auslande, die natürlich das Spital in gleicher Weise wie die österreichischen Kranken behandelt, die Hilfe des Spitals, die ihnen nicht versagt bleibt, in Anspruch nehmen, obwohl sie auch in ihren Heimatländern Heilung nnd Genesung finden könnten. Baurat Wilhelm Kempler schloß seine mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen mit der Versicherung, daß der Kultusvorstand nach wie vor bemüht sein wird, der heiligen Tradition, die er auch auf dem Gebiete des Spitalswesens zu wahren habe, in vollstem Maße gerecht zu werden und durch eine mit wissenschaftlicher Betätigung gepaarte echt jüdische Behandlung de,r Patienten, dieses Juwel, das im Kranze der Wiener jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen hervorleuchtet, in ungeschmälertem Glänze zu erhalten. Kultusvorsteher Wolf Pappen hei in sprach, lebhaft akklamicrt. von seinem orthodoxen Standpunkte für die konfessionelle Schule, die er in seiner Lebenserfahrung als einzig brauchbares In strumeiit für die religiöse Erziehung der Kinder kennen und schätzen gelernt hat. Er verwies auf die hervortagendeu Leistungen der Wiener Thalmud-Thora-Schule, für die er die Sympathien des Kultusvorstandes zu gewinnen trachte, da die Schule, deren Budget im Jahre 1929 eine Milliarde betrug, sich aus eigenem schwer erhalten könne. Präsident Dr. Jakob ü r n s t e i n beschäftigte sich mit den Ausführungen des Finanzreferenten, wobei er feststellte, daß die von demselben so hervorgehobent Sparsamkeit des Kultuspräsidiums beiden Vizepräsidenten gemeinsam sei und daß diese manchmal schweren Herzens selbst kleine Anforderungen abweisen mußten. Er befaßte sich hierauf mit der J e w i s h Agcney und betonte, daß man von dieser im Sommer des Jahres 1929 mit so großem Aplomb eingesetzten Körperschaft gerade jetzt nach den traurigen Ereignissen in Palästina nichts mehr höre und daß z. B. diese Körperschaft auch nicht ihr Veto eingelegt hätte, daß von den in der ganzen Welt gesammelten Spenden von rund 18 Millionen Schilling — von dem armen Wien allein kamen S 140.000.— — kaum 10 P r o z e n t wirklich n ach Palästina geschickt wurden. Dr. O r n s t e i u beiaßte sich schließlich in temperamentvoller Weise mit der Abfallbewegung und stellte als Mittel gegen diese Gesinnungslosigkeit mancher Glaubensgenossen die Forderung nach einer Erziehung unserer Jugend auf, bei der sie mit den ethischen Grundsätzen unserer Religion in geeigneter Weise vertraut gemacht werde. An diese Worte knüpfte der letzte Redner der Versammlung. Herr Dr. Josef T i c h o. an, der als Ziel der Schulverwaltung der Gemeinde das Streben bezeichnete, die Jugend zu religiösen Juden zu erziehen und sie gleichzeitig lebenstüchtig zu gestalten. Dieses Ziel wird nur dadurch erreicht, daß die Jugend von frühestem Beginn an in derselben Umgebung steht, die sie später im Leben findet. Ich schätze, sagte Dr. Ticho. den kleinen religiösen Kreis, den Herr Pappenheim vertritt, aber wir wollen in den großen Kreis der Welt und müssen die Hindernisse, die sich diesem unserem Streben entgegenstellen, beseitigen und nicht noch vermehren. Wir sind deshalb Gegner der konfessionellen Schule, unterstützen aber tatkräftig die Forderung nach einer konfessionellen Schule für orthodoxe Kinder. Gerade bei jenen Kindern aber, die zu Hause wenig oder nichts von Religion sehen, soll der Jugendgottesdienst, die Bibelschulen und die anderen Einrichtungen der Gemeinde das Verlangen nach wahrem Judentum stärken. Zwischen der konfessionellen und der nationalen Schule ist ein gewaltiger Unterschied. Wir lehnen diese nationale Schule ab und werden auch weiterhin alles, was in unserer Kraft steht, zu leisten trachten, um die religiösen Kenntnisse der Jugend zu fördern. Dr. Oskar Hein schloß hierauf die sehr schön verlaufene Versammlung. •■•«*•■! Ziel und Zweck der „Union". Ueber dieses Kapitel sprach in einem Mittwoch, den 22. d. M.. von der „Union"-Ortsgruppe F1 o r i d sdorf veranstalteten Diskussionsabend Reg.-Rat Dr. Max Lenk in höchst interessanter Weise. Der Obmann dieser Ortsgruppe, Herr Dr. Julius G r ü n w a 1 d, begrüßte zunächst die zahlreich Erschienenen, unter denen man u. a. auch Herrn Rabbiner Dr. M. Rose nir. a n n und Gattin, den Obmann der Bezirkskommission Herrn G. D u k e s u. v. a. bemerkte, und gab sodann einen kurzen Abriß über die besonders rührige Tätigkeit der „Union" in den letzten beiden Jahren. Dr. Lenk befaßte sich zunächst mit der Zeit der Gründung der „Union", ai^s in der Mitte der Achtzigerjahre der Antisemitismus51« durch Schönerer auch seinen Eingang in Oesterreich gefunden hat. Allein dessen Rassenkampf war nur von geringem Erfolg gekrönt, da die Hohenzollern-Idee Schönerers hier nicht Anklang fand. Erst L u e g e r. der wußte, wie es um den dummen Kerl von Wien bestellt ist, verstand es, den Antisemitismus auch hier flügge zu machen. Die Juden jener Zeit fühlten sich sicher, war doch damals die liberale Linke am Ruder. Aber auch der Liberalismus hat sich aus reinem Partei-Egoismus dem deutschen Nationalismus verschrieben, der stets mit dem Antisemitismus Hand in Hand ging. Damals haben Wiener Juden aus den allerbesten Kreisen einen Block gegen den heranstürmenden Antisemitismus geschaffen, im Jahre 1895 wurde die „U n i o n" gegründet, die eifersüchtig darüber wachte, daß die Menschen- und Staatsbürgerrechte auch gegenüber den Juden gewahrt werden. Sie hatte in jener Zeit reichlich zu tun. insbesondere gab ihr der Antisemitismus, der in Galizien eine spezifische Rolle spielte, viel zu schaffen, sie mußte ihre Hand schützend halten vor den wirtschaftlich unterdrückten Juden, in den zahllosen Fällen von Verschleppungen jüdischer Mädchen in christliche Klöster tatkräftig einschreiten und dem Ritualmordmärchen mit aller Energie entgegentreten. Der Antisemitismus schien um das Jahr 1910 seinem Ende entgegenzugehen, als die sozialdemokratische Partei in einflußgebender Größe ins Parlament ihren Einzug hielt. Aber auch diese Hoffnung war trügerisch, ebenso wie die spätere, da die gemeinsame Gefahr des Weltkrieges und die gemeinsam erfüllten Pflichten eine Besserung der Situation erwarten ließen. Als die Regierenden erkannten, daß der Krieg nicht zu gewinnen sei, da mußte ein Schuldiger gefunden werden, um das Volk abzulenken, und so entstand zuerst die Kriegs wucherlüge und später die Kriegsschuldlüge. Die „Union" ist in jener Zeit in vielen hunderten Fällen eingeschritten und es muß ihr als Ruhmestitel angerechnet werden, daß sie auch den Mut gefunden, gegen das Armeeoberkommando aufzutreten, als es glaubte, den Juden straflos Unrecht tun zu können. Es kam der Frieden, der diesen Namen wahrlich nicht verdient, und damit die Friedensschuldlüge. wonach die jüdischen Freimaurer schuld daran seien, daß Oesterleich losgelöst wurde aus dem großen Wirtschaftskörper, ein Märchen, das geglaubt wurde, obwohl gerade der jüdische Kaufmann ein besonders großes Interesse au stärkster Expansion hat. Seit diesem Friedensschlüsse sind iür die österi eichischen Juden ganz besonders schwierige Verhältnisse entstanden. Im Jahre 1917 erschien die B a 1 f o u r- Deklaration, in der England, das stets klüger als die Deutschen jüdischen Geist und jüdische Tüchtigkeit ■■■■■■■■■■■■■■■■EWmHMMTl—l Union deutschöslerrelchlscherJotfca 5 Ortsgruppe Floridsdorf ■ EINLADUNG zu dem am Donnerstag, den 6. Februar, 9 Uhr abends, im Wlssensdiatlltdien Miub Wien vi., Gehreldemarht 1 (Eingang; VI., Dreihufeisengasse 1) stattfindenden Vortrag des Herrn Prot. Jnllosz Wollsonn über U e ■ ■ Jfldisdic volksmosIK (mit Beispielen am Klavier,) Gäste willkommen! Das Präsidium der „Union deutsdiOsferr. Juden'' Flügel beigestellt vom Klavierhaus Josef Saphir, Wien II., Praterstraße 34

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.