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Die Wahrheit · 1930-01-31 · Heft 5 (31.1.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 5 (31.1.1930)
Date
1930-01-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEH Das Elend der Juden in Polen. Glossen. Bielitz, Endo 1929. Dein außenstehenden Beobachter jüdischer Verhältnisse in Polerrerscheint das Judenproblem in erster Linie als eine politische Frage, da gerade die politischen Vorgänge und Parteikämpfe sich hier überaus lärmend und temperamentvoll abspielen. Blicken wir jedoch in die Judenviertel der großen und kleinen Städte, in denen sich der größte Teil der jüdischen Bevölkerung zusammenballt, so entrollt sich vor uns die furchtbare Tragödie eines lautlosen, großen Massensterbens. Einige Bilder dieses Elends seien hier gezeigt: In den langen düsteren Massenquartieren der Judengassen, in den endlosen Höfen der Zinskaserncn hausen oft 5 bis 8 Personen zusammengepfercht in einem engen Kellerloch. Sieche und Tuberkulöse, die kein Brot zu essen haben, geschweige denn sich einen Arzt und Arzneien leisten können, verbringen hier in größtem Elend die noch gezählten Tage ihres Jammerdaseins. In den großen Judengassen wimmelt es von mageren, fahlen, herumlungernden Greisen und" Kindern in zerfetzten, herunterfallenden Lumpen: selbst im Winter sind die verschrumpften Glieder dieser Gestalten nicht einmal notdürftig bedeckt. Die wenigen unhygienischen Greisenasyle und Kinderheime, von denen viele längst baufällig sind, können auch nicht einen Bruchteil der siechen Greise, der skrofulösen, verwahrlosten und lungenkranken Kinder aufnehmen. Es handelt sich nicht um die „Hefe des Volkes", die es in den Judenvierteln aller westeuropäischen Großstädte gibt, den Armenvierteln. sondern um wertvolle Teile, vielfach um die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung. Diese Jammermenschen haben jede Hoffnung auf ein besseres Dasein aufgegeben, nur der rein animalische Selbsterhaltungstrieb und vor allem das religiöse Verbot, Hand an sich zu legen, ketten sie an das Leben. Daß aber die Wucht des Elends sich stärker erweist als diese Triebfedern der Selbsterhaltung, beweist die g e r a d ezu erschreckend zunehmende Selbstmordstatistik. In Warschau allein haben im Vorjahre 891 Juden (300 Männer und 591 Frauen) Selbstmord verübt, wogegen die christliche Bevölkerung, deren Zahl dreimal so groß ist, nur 790 Selbstmorde zu verzeichnen hat. Diese für mitteleuropäische Begriffe unfaßbaren Vorgänge bestätigen eine bisher nicht genügend beachtete Tatsache: auf das überwundene politische Wohnghetto folgt ein neues Wirtschaftsghetto: der Kampf um die politische Emanzipation wird von dem Ringen um die wirtschaftliche Reitung des polnischen Judentums abgelöst.. Der bekannte Ausspruch Pilsudskis. daß das arrne Polen, das judenreichste Land Europas, seine drei Millionen Juden nicht gut verdauen könne, erhält seinen eigentlichen traurig-wahren Sinn erst für die wirtschaftliche Seite der Judenfrage, die den Staat und die Juden aller Welt vor fast unlösbare Aufgaben stellt. Der polnische Staat, der selbst verzweifelt gegen die Fluten wirtschaftlicher Wirrnisse ankämpfen muß, steht dem Judenelend hilf- und machtlos gegenüber. Bei der allmählichen Festigung der Finanz- und Wirtschaftslage Polens unter der Aera Pilsudski verschlechtern sich sogar die Lebensbedingungen der Juden. Die seit der Finanzsanieruiig einsetzende Festigung hat die wirtschaftliche .ludenfrage in ihrem ganzen erschreckenden Umfange erst recht aufgerollt und hunderttausendcu von brotsuchenden Juden den 'Boden unter den Füßen entrissen. Die Wirtsc haftssanicrung unter Pilsudski vollends hat das Todesurteil über zehntausende jüdischer Existenzen gefällt: der große wirtschaftliche Säuberungsprozeß, zusammen mit anhaltender Kapitalnot, führte zwangläufig zu einer fortschreitenden Einengung der Gesamtwirtschaft und zum Ausscheiden aller nicht unbedingt notwendigen Gebilde. Dabei wurden in erster Linie jüdische Existenzen betroffen. Viele Maßnahmen der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik Polens wirken sich ungewollt gegen die Juden aus: so entziehen die zunehmende Monopolisierung und die Verwandlung privatwirtschaftlicher Unternehmungen in Staatsbetriebe gerade der jüdischen Erwerbstäitgkeit immer mehr Boden. Der Siegeszug des Kartellgedankens, die fortschreitende Syndizierung verdrängen immer breitere Schichten aus ihren Stellungen. Diese Entwicklung ist noch im Fluß und nimmt ihren unaufhaltsamen Fortgang. Die „tieferen Ursachen" für diese wirtschaftlichen Ungeheuerlichkeiten gehen auf alte Sünden der Geschichte zurück: sie liegen zum Teil in dem Fluch des Erbes aus dem Ghetto, zum Teil in der Verschiebung der politischen Grenzen nach dem Kriege und schließlich in der besonderen politischen und wirtschaftlichen Beschaffenheit des neuen Polen, welches sich gerade aus den judenreichsten Gebieten der drei Teilungsmächte zusammensetzt. Während die von den polnischen Königen berufenen deutschen Kolonisten eine landwirtschaftliche Aufbaumissiou zu erfüllen hatten und deshalb bald mit der neuen Scholle, die sich noch heute bebauen, verwachsen konnten, war den Juden von jeher die Rolle des Händlers und Mittlers, vor allem aber die traurige Aufgabe der Geldbeschaffung für den polnischen Adel zugedacht. Dadurch wurde ihnen die Möglichkeit genommen, sich festen Boden unter den Füßen zu schaffen. Nun aber konnten die bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hineinreichenden mittelalterlichen Wirtschaftsformen, vorwiegend die Geldbeschaffung, der Kleinhandel, das Marktfahrer- und Krämertum usw. als einzige Plattform für die wirtschaftliche Betätigung noch eine leidliche, den einfachen Lebensverhältnissen entsprechende Existenzmöglichkeit bieten, bis die großen Umwälzungen im Wirtschaftsleben der Neuzeit, in der zwar die politische Emanzipation der Juden in Polen einsetzte, die aber gleichzeitig im Zeichen der neuesten technischen Errungenschaften die ökonomischen Lebensbedingungen einer mehr auf primitive Wirtschaftsfonnsn eingestellten Volksklasse verschärften, die Juden vor neue, schier unlösbare Aufgaben stellten. Man denke nur an die Rolle, die dem jüdischen.Kleinhändler. Krämer und Marktfahrer zu einer Zeit zukam, da der Mangel von Eisenbahnen und anderen modernen Verkehrsmitteln ihrer Vermittlungstätigkeit zwischen Konsumenten und Produzenten, zwischen Stadt und Land sehr zustatten kam, während heute die Ware ihren Weg vom städtischen Erzeuger zum ländlichen Verbraucher direkt nimmt. (Fortsetzung folgt.) Eine Anti-Sdiäditvorlage der bayrischen Regierung. Der Veriassungsausschuß des bayerischen Landtages ging am 23. Jänner in die Beratung des von der Regierung dem Landtag unterbreiteten Entwurfes eines Gesetzes über das Schlachten von Tieren ein und nahm den Gesetzentwurf mit einer Mehrheit an. Für den Entwurf stimmten die Ausschußmitglieder aller Parteien, einschließlich der Sozialisten, mit Ausnahme der Ausschußmitglieder der Fraktion der Bayrischen Volkspartei, die gegen den Fntwurf stimmten. Somit wird der Entwurf, der. wie schon ein bayrischer Regierungsvertreter in einer Landtagssitzung festgestellt hatte, der Reichsverfassung, die allen Teilen der Bevölkerung religiöse und Gewissensfreiheit garantiert, widerspricht, dem Plenum des bayrischen Landtages zur Beschlußfassung vorgelegt weiden. Die Haltung der Parteien irii Plenum läßt sich heute noch nicht voraussagen. Der vom Veriassungsausschuß angenommene Gesetzentwurf hat folgenden Wortlaut: „Der Landtag des Freistaates Bayern, hat folgendes Gesetz beschlossen: Art. 1. Rindvieh. Schweine, Schafe, Ziegen, Pferde, Esel, Maultiere, Maulesel und Hunde sind beim Schlachten vor Beginn der Blutentziehung zu betäuben. Auf Notschlachtungen (§ 1, Abs. III des Gesetzes über die Schlachtvieh- und Fleischbeschau vom 3. Juni 1900, R.-G.-Bl. Seite 547). bei denen sich die Betäubung nach Lage der Verhältnisse nicht ausführen läßt, findet die Vorschrift des Absatzes 1 keine Anwendung. Art. 2. Die näheren Vorschriften über das Schlachten der in Art. 1 bezeichneten Tiere werden vom Staatsministerium des Innern erlassen. Art. 3. Zuwiderhandlungen gegen Art. 1 und gegen die auf Grund des Art. 2 erlassenen Vorschriften werden mit Gefängnis bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bestraft. Art. 4. Dieses Gesetz tritt am 1. Oktober 1930 in Kraft." In der „Begründung" wird unter anderem ausgeführt: Die Betäubung der Schlachttiere vor der Blutentziehung ist eine alte Forderung des Tierschutzes, die immer wieder besonders gegenüber dem jüdisch-rituellen (betäubungslosen) Schächten von Tieren erhoben wurde. Der Entwurf sieht ein für Bayern allgemein verbindliches Gebot der Betäubung bestimmter Schlachttiere vor. Geflügel usw. dem Betäubungszwange beim Schlachten zu unterstellen, ist im Landtagsbeschluß vom 8.. Juli 1926 nicht gefordert und dürfte auch schon wegen der Schwierigkeit der Ueberwachung des Vollzuges nicht angebracht sein. Lederhandschuhfabrik Josef TjasCmgzr L, Rotenturmsfraße 23 Telephon U 25-3-29 * IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 Die antisemitischen Blätter aller Schattierungen begegnen sich in der Behauptung, daß nur die Juden für die Schuldlosigkeit des Philipp Halsmann eintreten. Ein wahres Glück, daß bereits so viele hervorragende Männer von zweifellos nichtjüdischer Abstammung diese Lüge öffentlich widerlegten. Die Christen brauchen sich wirklich von den Hakenkreuzlern nicht die nichtswürdige Beschimpfung gefallen lassen, daß die Juden allein das Rechtsgefühl gepachtet hätten. Die „D ö t z", die schon während der Gerichtsverhandlung, lange bevor das Verdikt über Philipp Halsmann gefällt worden, von dem Angeklagten als dem „neugierigen Vatermörder" gesprochen hatte, charakterisierte die von dem Innsbrucker Universitätsprofessor Ritt- 1 e r vor dem Obersten Gerichtshof vertretenen Nichtigkeitsgründe als „Dreh s". Warum hat auch dteser Innsbrucker Universitätsprofessor nicht von der „Dötz" gelernt, wie man gerade und ehrlich über die Affäre Halsmann zu reden hat? :•: "** Der freisinnigen Presse aber rief die „Dötz", nachdem der Oberste Gerichtshof die Nichtigkeitsbeschwerde verworfen hatte, höhnisch zu: „Es ist nicht immer vorteilhaft, wenn man sich für einen Rassegenossen in dieser Weise ins Zeug setzt." Die freisinnige Presse hat sich niemals für den „Rassegenossen" Philipp Halsmann ins Zeug geseitzt, aber sie wird nicht leugnen, daß man von der „Dötz" und ihren geistigen Führern lernen könnte, wie man sich gelegentlich „vorteilhaft für einen Rassegenossen ins Zeug setzt". :•: Alle Verteidiger Philipp Halsmanns zusammen haben es nämlich nicht zuwege gebracht, was seinerzeit z. B. dem einen Dr. Walther Riehl, unterstützt natürlich von der jeden „Dreh" verabscheuenden hakenktfeuzlerischen Presse, gjelang, indem er den geständigen Mörder Bettauers erst längere Zeit als Idealisten verherrlichen ließ und dann im entscheidenden kritischen Momente als Irrsinnigen zum Freispruch verhalf. * Die klerikale „R e i c h s p o s t", die so oft die fromme Pflicht der Nächstenliebe darin erblickt, der hakenkreuzlerischen Presse Sukkurs zu leisten, meint auch, „die Stimmungsmache der liberalen Presse und der Entrüstungssturm, der jetzt durch die Blätter weht, ist mit sachlichen Gründen nicht zu erklären." Die „Reichspost" kann es sich also nicht erklären, daß Menschen, redende und schreibende, von der qualvollen Ueberzeugung erfüllt, daß ein Unschuldiger das Opfer eines mörderischen Justizirrtums wlerden könnte, aus „sachlichen" Gründen für-diese Ueberzeugung eintreten? Ist es nicht grauenhaft, das Geständnis hören zu müssen, daß nur kleinliche, niedrige Momente, aber nicht sachliche Motive, nicht das rteine, selbstlose Interesse für das Höchste auf Erden, das Gefühl für Recht und Gerechtigkeit, den mit aller Hingebung, ja mit leidenschaftlicher Erregung geführten Kampf erklären könnten? War die „Reichspost" von „sachlichen" Erwägungen geleitet, als sie dies schrieb? * * Mit einer fein sein sollenden Ironie erklärt die „R e i c h s p o s t" schließlich: „W i r glauben nicht, daß dieser Sturm die gleiche Heftigkeit hätte, wenn Philipp Halsmann etwa Antisemit war e." Die „Reichspost" ist in einem ganz unfaßbaren Irrtum begriffen. Da sie die Ereignisse der Zeit, auch wenn es sich nicht um Juden handelt, nicht verschlafen hat, weiß sfle, oder mußte es wissen, daß in der freisinnigen Presse die leidenschaftlichsten Kämpfe gegen Justizirrtümer geführt wurden, und zwar nicht erst in unseren Tagen, sondern seit jeher, auch wenn es sich nicht um jüdische Opfer handelte. Darin aber werden viele der „Reichspost" zustimmen, daß es zu solchen Stürmen nicht gekommen wäre, wenn Philipp Halsmann als Antisemit vor den Innsbrucker Geschworenen gestanden wäre. Es wäre dann wahrscheinlich gar nicht

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