Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 5 (31.1.1930)
- Date
- 1930-01-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 6 unschuldige Seele des Jünglings empört sich wegen dieser Zurücksetzung, dieser planmäßigen, unverdienten Verfolgung, und da er keine Abhilfe von irgend welcher Seite findet und selbst hilflos dem gegenübersteht, schwindet seine Energie und seine Hoffnung auf eine Besserung dieser Verhältnisse allmählich. Noch schlimmer wird es, wenn die Zeit naht, da ein Beruf ergriffen werden muß, um sich eine Existenz zu gründen. Selten, daß es einem dieser jungen Männer gegönnt ist, einen Beruf zu wählen, der seinen Fähigkeiten, seiner Veranlagung entspricht. Ueberall ist ihm der Weg verlegt. Die wenigen Berufe aber, die ihm zu ergreifen frei stehen, sind derart überfüllt, daß sie selbst auf ein bescheidenes Einkommen keine Aussicht gewähren und daher ihre Ausübung nur zur Qual wird. Zugleich aber naht auch die Zeit, in der sich der junge Mann ein eigenes Nest gründen muß. Der Verlust der Eltern, die fortschreitenden Jahre drängen zur Bildung einer eigenen Familie. Und da steht der jüdische Jüngling entweder ganz ohne Beruf, ohne Erwerb da oder er übt einen Beruf aus, der ihn nicht ernähren kann oder der ihn nicht befriedigt und in dem er daher nur mit größter Unlust tätig ist. Kein Wunder, wenn in solcher Verfassung an den Wert des Lebens verzweifelt und demselben ein jähes. Ende bereitet wird. Diesen Zuständen dürfen wir nicht mit verschränkten Armen zusehen. Wir müssen uns unserer Pflichten gegenüber unserer Jugend, der Zukunft und Hoffnung unseres Volkes bewußt sein. Wir müssen für die Zukunft unserer Kinder sorgen, wir müssen ihnen den Weg ins Leben ebnen, wir müssen alle Hindernisse wegräumen, die ihrer Erziehung, der Entwicklung ihrer natürlichen Fähigkeiten, der Gründung ihrer Existenz im Wege stehen. Unsere Politik muß eine andere Richtung einschlagen, als es die heutige ist. Wir dürfen nicht einen Augenblick daran vergessen, daß es unsere erste Pflicht ist, unsere Existenz und die Zukunft unserer Jugend da, wo wir leben, sicherzustellen. Dies kann nur geschehen, wenn wir alle mit vereinten Kräften alle gesetzlich zulässigen Mittel anwenden, um die faktische Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne UnterschiedderNationoderKontession auf allen Gebieten durchzusetzen. Es muß mit allen gesetzlichen Mitteln und aller Energie dagegen Stellung genommen werden, daß die Regierung Bestrebungen unterstützt oder auch nur duldet, die gegen jüdische Mitbürger sich richten. Es muß mit aller Kraft dafür eingetreten werden, daß bei Anstellungen in den öffentlichen Dienst, in die Aemter, in die staatlichen, Gemeinde- und Bezirksinstitutionen kommerzieller Natur nur die berufliche Qualifikation sowie die moralische Integrität maßgebend sein soll und nicht die Konfession des Bewerbers den Ausschlag gibt. Wir können hierbei auf die westlichen Staaten hinweisen, auf Frankreich, England und Amerika, wo sich Juden in den höchsten öffentlichen Stellungen befinden und zum Wohlstande und Ruhme ihres Vaterlandes beitragen. Wir können aber auch in unserem Vaterlande auf Juden hinweisen, die sich große Verdienste um das Wohl des Vaterlandes erworben haben und die dessen Stolz bilden. Wir würden mit Bestimmtheit in absehbarer Zeit die Lage unserer aufstrebenden Jugend verbessern können, wenn wir unsere politische Tätigkeit und unsere Kraft in dieser Richtung entfalten würden. Daran denken aber leider die Männer, die als Repräsentanten der „jüdischen Politik" auftreten, wenig. Sie fordern theoretische Minderheitenrechte und übersehen hierbei, daß speziell wir Juden leider noch um unsere natürlichsten Menschenrechte kämpfen müssen, um die Lehr- und Lernfreiheit, die freie Berufswahl und dergleichen. Das Gros des Volkes zweifelt daher resigniert an der nahen Möglichkeit einer Besserung der Verhältnisse und verhält sich indolent. Ernstes, gemeinsames Streben nach Anerkennung unserer vollständigen faktischen Gleichberechtigung und insbesondere auch der Rechte unserer Jugend auf gleiche Behandlung wird unserer Jugend die HoffnungaufeinebessereZuk u n f t und damit auch die Lebenslust erhalten und uns vor Erschütterungen bewahren. Hilfswerk für jüdische Studenten. Deutsche Lehranstalten sind von jeher von jüdischen Studierenden aus den östlichen Ländern Europas, gern aufgesucht worden. Dies geschah wegen des hohen Standes der deutschen Wissenschaft und des auch schon in der Vorkriegszeit in Osteuropa herrschenden Antisemitismus. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der es sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, an der kulturellen Hebung der Juden im Osten mitzuarbeiten, hat sein besonderes Interesse den Studierenden zugewandt, denen in ihrer Heimat die Wege zu ihrer Fortbildung so gut wie verschlossen waren. Nach dem Kriege befanden sich in Deutschland mehrere tausend jüdische Studenten, den größte Teil von ihnen in bitterer Not, die sich um so eher steigerte, als die Möglichkeiten, von den Angehörigen unterstützt zu werden, infolge der politischen Wirren und wütechaf3Jjeheh Zerrüttung in Osteuropa immer mehr schwanden. Die Lage vieler dieser. jungen Menschen, die jahrelang unter, den größten Entbehrungen gearbeitet hatten, war eine verzweifelte. Ihnen mußte Hilfe gebracht werden. Dr. Paul Nathan, einer der Mitbegründer und Führer des Hilfsvereines, regte im Sommer 1924 beim Hilfsverein eine Hilfsaktion an und setzte sich mit größter Hingebung für die Durchführung derselben ein. Der Hilfsverein übernahm die Leitung der Aktion: er interessierte die Jewish Colojiisation Association und das American Joint Distribution. Committee für dieses kulturell außerordentlich bedeutungsvolle Hilfswerk. Von diesen zwei Organisationen sind im Laufe der letzten Jahre dem Hilfsverein für das Studentenhilfswerk be¬ Trost und der einzige Lohn für die mühevolle Lebensarbeit sind die Kinder, deren Erziehung, Gedeihen und Fortkommen auch Sorgen macht, die in dieser Masse nirgends anders bekannt sind, zumal vor den Kindern nichtjüdischer Kreise sich auch im schlimmsten Falle keine solchen Hindernisse auf dem Lebensweg türmen, wie vor den jüdischen. Und Moses Mautners jüngster Sohn macht seinen Eltern viel Sorge, nachdem seine ersten Schritte auf dem Schulweg zu den schönsten Hoffnungen berechtigten. Er enttäuscht die Hoffnungen der Mutter, ihn dermal einst mit dem Doktor gekrönt zu sehen, aber auch die Hoffnung des Vaters, ihn als biederen Geschäftsmann zu erblicken, macht er zu nichte. Endlich, post tot discrimina rerum, kommt en zu •einem Handwerker, einem Selcher in die Lehre. Der Verfasser führt ihn durch alle Stadien eines Lehrlings, Gehilfen. Gesellen, läßt Ilm in alle Irrungen und Wirrungen verfallen, alle Widerwärtigkeiten verkosten, die seinem Alter und seinem Stande zukommen, seine kennhafte, eesunde Natur und das bescheidene, aber wertvolle moralische Erbe, das er vom Elternhaus mitbekommt, lassen ihn über alle Fehlgriffe und Widrigkeiten triumphieren, im Stillen reifen und sich klären. Bis er es endlichzum selbständigen Geschäftsmann bringt. Da aber erwacht in ihm der verschüttete, längst abgestorben geglaubte echt jüdische Trieb zum Intellektuellen. Nach dreijähriger stiller Vorbereitung besteht er die Maturitätsprüfung, inskribiert sich auf die philosophische Fakultät und studert — Germanistik. Erfolgreicher Geschäftsmann und fleißiger Student in einer Person, wird er es zum Doktor der Philosophie bringen und wird so. ohne es zu wissen, das alte talmudische Ideal venwirklichen: Wissenschaft mit einem gewerblichen Beruf zu vereinen. Es hat etwas Herzerquickendes, die erfolgreichen Willensanstrengungen dieses einfachen und in seiner Einfachheit prächtigen Menschen zu verfolgen. ... Ei, ei. ist das nicht ein Stück Selbstbiographie des Verfassers, der, dem Vernehmen nach, im Berufsleben Fabrikant oder dergleichen und im intellektuellen Dr. phil. ist? ... In allen diesen Wandlungen. S.SCHEM AKTIENGESELLSCHAFT l., Banenunarht Nr. IO-lfc-14 vir, Martahlllersfrafle Nr Oft;Ecke Zieglergasse) «FW TEPPICHE VORHÄNGE nöBElSTOfffE iiNoicvn DECKEN Größte Auswahl! Billigste Preise» tnächtliche Summen zur Verfügung gestellt worden. Ferner sind von einzelnen jüdischen Gemeinden und Privatpersonen Beträge beigesteuert worden. Die dem Hilfsverein überwiesenen Gelder wurden dem Verband der Jüdischen Shidentenvereine in Deutschland zugeführt, der den Hilfsverein von Semester zu Semester über die Höhe der jeweils erforderlichen Summen für Prüfungs- und Studiengebühren, sowie für Stipendien informierte. Der Hilfsverein bewilligte dem Studentenverband aus eigenen Fonds nicht unbeträchtliche Mittel und unterstützte noch gesondert eine Anzahl von Hörern. Im Ganzen sind für diese Aktion von Mitte 1924 bis Ende 1929 rund Mk. 177.000.— vom Hilfsverein aufgebracht und verausgabt worden. Mit diesen Summen konnte der Hilfsverein einer sehr großen Zahl von jüdischen Studenten den Abschluß ihres Studiums an deutschen Lehranstalten ermöglichen; insbesondere auch solchen jüdischen Akademikern, die infolge der Numerus clausus-Bewegung in Ungarn. Polen und Rumänien deutsche Hochschulen aufzusuchen genötigt waren. Die Aktion wird fortgesetzt. Im ganzen wurden vom Sommersemester 1924 bis zum Sommersemester 1929 1471 Studenten an den Universitäten in Berlin, Breslau, Erlangen. Frankfurt, Freiburg Gießen, Göttingen. Halle. Jena. Kiel. Köln Königsberg Leipzig, Marburg. Würzburg, den Technischen Hochschulen in Berlin. Braunschweig, Darmstadt Hannover und den Technischen Anstalten in Altenburg Arnstadt. Frankenhaiisen. Hainichen. Kothen, Mittweida. Oldenburg Strelitz. Wismar. Zwickau unterstützt 814 Studenten haben ihr Studium beendigt. Hiervon studierten Technische Wissenschaften 322. Medizin 229 Naturwissenschaften 105, Philosophische Wissenschaften 82, äÄaM3,'t Handelswissenschaft 28. Rechtsw£ senscnaft 12. Musikwissenschaft 5 ,.ru,-,I^nDAbSolveilte"olnußten Ml'ttel zur Heimreise - ten „aJh^n"Hder r^Sii,ntzahl dcr Absolventen kehrten nach ihren Heimatländern zurück — zur Verfiimme gestellt werden. Der Hilfsverein trug zu den Kossen aus se.nem Emigrationsbudget vielfach bei. Ein TeÜ der AbnSenFr!,Ä andere Ä nach Frankreich. Palästina und überseeischen Ländern, wobei wiederum der Hilfsverein dank seinen weit verzweigten Verbindungen mit jüdischen OrgaSonen und Institutionen in diesen Ländern die nötigen nformationen einholen konnte. Als die Hilfsaktion eingesetzt hatte, hat Paul in a t n a ii in einer Ansprache, die er in einer zur Unterstützung der Aktion einberufenen Konferenz gehalten hatte, hervorgehoben, daß die Studenten aus dem Osten dank ihrer Ausbildung in Deutschland eine bedeutsame Mission in ihren Heimatländern zu erfüllen-berufen seien durch die'er seinen Helden, führt, bewährt er sich als vorzüglicher Milieuschilderer, alle Menschen und Dinge sind gut gesehen, gewinnender, kernhafter, volkstümlicher Humor, kluge Sentenzen, die dem Born der Volksweisheit entquellen, zieren diese Genremalereien und verleihen ihnen eine kraftvolle LebensfüUe . . . Noch eines: es ist ein keusches Buch. Es kommen darin keine Lüsternheiten vor, keine Szenen, die auf die Geilheit des Lesers spekulieren. Die einzige Liebesszene des Buches ist so voller Zartheit, so rührend und seelenvoll, daß sie weit davon entfernt ist, die Sinne zu kitzeln. Die Reinheit eines Buches, zumal eines jüdischen, war ehemals etwas so Selbstverständliches, daß man sie nicht hervorzuheben brauchte. Aber seitdem unsere Prominenten, auf die wim, ihres Talentes halber, stolz sein dürfen, uns an das literarische ..Nibbul peh'" gewöhnt haben, ist es anders geworden. Da sagte jüngst ein arischer Kritiker in der Besprechung von Freud's „Pansexualismus", dieser könnte nur in der jüdischen, von Sinnlichkeit und Lüsternheit durchtränkten Atmosphäre erblühen. „Vergleiche die jüdischen Romandichter von Wien und Prag." Daß diese überhitzte Erotik mit Judentum nichts zu tun hat, sondern, im Gegenteil, etwas Widerijüdisches und Unjüdisches ist. habe ich in meinem Buch über die Protokolle der Weisen von Zion (1924) nachgewiesen. Es ist erfreulich, aus dem Buche von HicWer sich zu überzeugen, daß m den einfachen, unverbildeten jüdischen Kreisen Wiens dieselbe Gefühlsweise hemscht. Hichler hat eine getreue Abbildung des jüdischen Volkes von Wien gegeben, aus dem auch der Nichtjude das wahre Wesen des Juden studieren kann. ..Ein erquickliches Buch" — mit diesem Gefühl legt der Leser Hichlers Roman aus der Hand. Ein ebensolches Buch, wenn auch ganz anderer Art, ist Chajim Blochs „Das jüdische Amerika". In einer langen Reihe kraftvoll gezeichneter Miniaturporträts aller führenden Mannen und Frauen entrollt er vor uns mit vollendeter Geschicklichkeit ein lebhaftes und aufschlußreiches Bild der jüdischen Gesellschaft in' der großen Republik. Bloch, der eine gute Talmudschule hinter sich hat, besitzt in hohem Grade die Gabe, mit knappen Wortenviel und vieles zu sagen. Mit zwei, drei Strichen, stellt er eine Persönlichkeit lebendig vor uns hm, so daß wir sie leibhaftig zu sehen vermeinen, ihr Milieiu, ihre Vergangenheit, ihre Eigentümlichkeit begreifen. Er war lange in New York und hat alles beobachtet und gesammelt. Alle die Namen, die an unser Ohr im Venlaufe der letzten Jahre geklungen sind, gewinnen durch die Schilderung greifbare Gestalt. Ohne seinen persönlichen Standpunkt abzugeben oder Konzessionen zu machen, wird er allen Richtungen gerecht, begreift den Extremreformer, den Konservativen und Orthodoxen als notwendiges Produkt eigener Bedingungen. Mit warmer, aufrichtiger Liebe umfaßt er alle Erscheinungsformen des Judentums. Allem, en hat ein Auge nicht nur für die das Mittelmaß hervorragender Individualitäten. Auch die Massenerschernungen ziehen seine Aufmerksamkeit auf sich. Wir erfahren von ihm Dinge, die wir nie früher gehört haben, so z. B. daß es in New York eine ganze Gemeinde von jüdischen Negern gibt. Nachkommen jener ehemaligen Negersklaven die aus Dankbarkeit für ihre zu ihnen besonders gütigen jüdischen Herren das Judentum angenommen haben und daran bis auf den heutigen Tag festhalten . . . ChaUm Bloch erzählt uns auch von einem jüdisch-wissenschaftlichen Institut: „Dropsie College" in Cincinnati. welches sich dadurch von aHen anderen Anstalten dieser Art unterscheidet, daß es rein der Wissenschaft des Judentums, nicht aber der Theologie dient, also keine Rabbiner, sondern Gelehrte erzieht, darum auch allen Wißbegierigen, ohne Unterschied des Bekenntnisses der Hautfarbe und des Geschlechtes zugänglich ist . . . ..Amerika, du hast es besser, als unser Kontinent, der alte ruft man unwillkürlich aus. — Alles in allem hat Bloch uns ein erquickliches, schönes, nützliches Buch geliefert. Wenn man sich an einem Buch erfreut hat. hat man das unwiderstehliche Bedürfnis, zu den Freunden davon zu sprechen. Diesem Bedürfnis ist der vorliegende Artikel entsprungen.