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Die Wahrheit · 1930-01-31 · Heft 5 (31.1.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 5 (31.1.1930)
Date
1930-01-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Geist zu finden sei als bei den Tiroler Bauern. So einfach liegt der Fall denn doch nicht. Prof. Dr. R i 111 e r, der gute Katholik, hatte Recht, als er in seamem ausgezeichneten Vortrage vor dem Obersten Gerichtshof die Meinung aussprach, die w ir von Anfang an vertraten : „Es ist ebenso töricht, wenn jüdische Kreise den Freispruch Philipp Haismanns, wie wenn antisemitische Kreise seine Verurteilung fordern!"*) Die Innsbrucker Geschworenen haben, wie dies unlängst Reg.-Rat Dr. Max Lenk In .einer „Union"-Versammlung richtig ausführte, nach bestem Wissen und Gewissen ihre Pflicht getan, aber es ist eben traurige Tatsache, daß dieses ihr Wissen und Gewissen zumindest im Unterbewußtsein ein judenfeindliches ist. Die höchsten Richter Oesterreichs sind von solchen kulturwidrisen Gefühlen sicherlich frei, sie haben, auch, wie Dr. Richard Preßburger, der erste Verteidiger Halsmanns, öffentlich feststellte, „mit der größten Gewissenhaftigkeit ihres Amtes gewaltet", als sie jenes leider nur formale Verdikt sprachen, das uns alle so furchtbar erschütterte, insbesondere jene erschüttern mußte, die, wie ich, Zeugen des entsetzlichen Jammers der Mutter und Schwester dies unschuldig Verurteilten gewesen sind. Philipp Halsmann, dein unschuldig hinter Kerkermauern schmachtenden Studenten, soll und muß eben nicht formales, sondern wirkliches Recht werden! Das ist das Gebot der Stunde! Wir können es verstehen, daß er, der Schuldlose, sich mit alier Vehemenz, deren sein jugendliches Empfinden fähig ist, dagegen sperrt, einem Gnadengesuche, das seine Mutter an den Bundespräsidenten richten will, die Freiheit zu verdanken, die ihm auf Grund seines Rechtes gebührt. Ob die Versuche, die nun von seiner Verteidigung unternommen werden, um eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen, von Erfolg gekrönt sein werden, wissen wir nicht, es müßte ein völlig neues, gravierendes Moment gefunden werden, um diese Wiederaufnahme zu begründen. Wie immer, der Versuch, dem Juden Haismann zu seinem wirklichen Rechte zu verhelfen, muß, allem formalen Rechte zum Trotz, unternommen werden ohne jede untunliche Erbitterung, die der Sache nur schaden kann. Und diese Sache ist gut: Es geht um die *> Dieser Satz eines Katholiken ist die beste Antwort airf den impertinenten Vorwurf der scheinheiligen „Reichspost", die unlängst schrieb: „Wir glauben nicht, daß der Sturm die gleiche Heftigkeit hätte, wenn Philipp Halsmann etwa Antisemit wäre." tfeuitleion Bücher, die man lesen muß. Von Benjamin Segel. Unlängst las ich hintereinander zwei Bücher, die äußerlich von einander so verschieden sind, wie nur möglich: in Form und Inhalt, in Stil und Tendenz, in Gegenstand und Schauplatz, deren Verfasser aus zwei grundverschiedenen Welten stammen, einen grundverschiedenen Bildungs- und Lebensgang durchgemacht haben, vielleicht auch in Ansichten und Lebensanschauimg so grundverschieden von einander sind, daß sie sich kaum als Gesinnungsgenossen ansehen würden. Und dennoch hatte ich nach der Lektüre der beiden Bücher das ganz bestimmte, aber undeutliche Gefühl, daß beide Bücher mit einander verwandt sind, daß irgend ein Gnindton beiden gemeinsam ist. irgend ein Grundgedanke beiden als Substrat eingebettet ist, irgend eine Wahrheit beiden entfließt, daß man aus beiden ' einen Lehrsatz herausdestillieren kann, den die Verfasser hineinzulegen gar nicht beabsichtigt haben und der doch aus jedem dar Bücher mit eiserner Notwendigkeit emaniert. Die beiden Bücher sind „M oses Mautner undseinSoh n", ein Roman für gemütliche Leute von Leopold Hichler und „Das jüdische Amerika" vcn Chajim Bloch. Kann man sich zwei Bücher von größerer Verschiedenheit denken, als diese beiden? Hier ein Rcrn.'Mi und da eine Reiseschilderung. Hier dps Urwiener kleinbürgerliche Milieu, da die amerikanischostjüdische Masse. Hierdie gemütliche Donaustadt, da das brodelnde, gärende, ewig unruhige, stürmische, in rapidem Wachstum begriffene New York. Hier die alteingesessene Wiener jüdische Bevölkerung mit Hiren ererbten Sitten und Bräuchen, da die Menge übereinandergeschichteter Bevölkerungen, die erst gestern und vorgestern entwurzelt aus den verschiedensten Gegenden des europäischen Ostens gekommen sind, und die Ehre 'eänes armen Juden, aber auch um das Ansehen der österreichischen Justiz. Oskar Hirschfeld. ■ # Philipp Haismanns weiteres Schicksal. Der Landesrabbiner für Tirol und Vorarlberg, Herr Dr. Josef Link, der sich des armen Philipp H a 1 s m a n n während der ganzen Zeit seiner Innsbrucker Inhaftierung in besonders liebevoller Weise angenommen hat, hat den Verurteilten in den letzten Tagen wieder besucht und teilt uns über die erschütternden Szenen, die sich in der Innsbrucker Gefängniszelle abspielten, folgendes mit: Unter Verzweiflungsausbrüchen beteuerte der junge Student immer wieder: „Ihnen habe ich doch sechzehn Monate hindurch ali mein Leid geklagt, vor Ihnen habe icli nichts verhehlt und alles, was mir am Herzen lag. ausgesprochen; ich wiederhole: Ich bin unschuldig!" Drei furchtbare Stunden verbrachte ich bei ihm, um ihn halbwegs zu beruhigen, und nachdem er mir das Versprechen abgenommen, ihn nochmals aufzusuchen, verließ ich die Zelle. Sie können sich vorstellen, in welcher Verfassung. Haismann in Stein. Wie wir erfahren, wurde Halsmann Donnerstag, den 30. Jänner, von Innsbruck in die Strafanstalt Stein überstellt. Sein Strafseelsorger und Seelenhüter wird jetzt der unseren Lesern wohlbekannte Professor Dr. K. Kupfer sein. Dieser Fall wird seine schwerste Arbeit, seine höchste Leistung in der Straffürsorge bedeuten, da er ihm Mutter und Schwester (die ihn nur einmal im Monat 10 bis 15 Minuten besuchen dürfen) und seine vielen Freunde vertreten muß. Auch wird er in ihm den Optimismus und den Lebenswillen erhalten. Dr. Kupfer hat bereits mit dem Chef des Strafvollzuges Fühlung genommen und auch in Krems für ihn Freunde geworben. Mutter und Schwester Halsmanns bleiben in seiner Nähe bis zur Entlassung des armen, unglücklichen und so jungen Menschen, in Wien, wo sie wieder von Dr. Kupfer betreut und befürsorgt werden. Auch wird es seine Aufgabe sein, ihm die Sympathien seiner Mitmenschen, die'-huf 'ihm leiden und an ihn glauben, zu übermtteln. PH UFA-TON-KINO i Wien II., T a b o Telephon R 42- -KINO 1=1 rilrale 8 I »2-3-41 II rolondifTf? I Sedisle Wodie prolongiert Der erste Ufa-Ton- und Sprechfilm der Erich Pommer-Produktion Melodie des Herzens Hauptdarsteller: Dila Parlo und Willy fritsch Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und.Feiertagen ab 4 Uhr NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II», TABORSTRASSE Nr. 20a TEL. R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HEBRAIKA UND JUDAIKA ip englischer und französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINEBANDGEBÜHR! TÄGLICHER UMTAUSCH! Die Not der Jugend. Ein junger Czernowitzer jüdischer Advokat, in guten materiellen Verhältnissen, hat seinem blühenden Leben ein jähes Ende bereitet. Das Motiv der Tat geht klar aus dem Umstände hervor, daß dieselbe an dem Tage geschah, an dem der Verstorbene sich anschickte, die selbständige Ausübung seines Berufes, der Advokatur, zu beginnen. Diese Schreckenstat hat die Czernowitzer jüdische Bevölkerung aufgerüttelt, sie gab Herrn Dr. Hermann Goldherg in der „B u k o- \v i n a e r V o 1 k s z e i t u n g" Veranlassung zu den folgenden ernsten Betrachtungen, die teilweise auch für unsere österreichischen Verhältnisse zutreffen. Stellen sie doch eine entsprechende Ergänzung des in unserer letzten Nummer zur Diskussion gestellten Problems der Not der jüdischen Jugend dar, die nicht nur eine religiöse, sondern auch leider vielfach eine seelische ist. Es ist unsere Pflicht, derartige Erscheinungen richtig zu werten und uns bei diesem Anlasse über die Lage unserer Jugend Rechenschaft zu geben. Ist schon die ä 11 e r e Generation durch die geänderten Verhältnisse in Notlage geraten und muß schwer kämpfen um das tägliche Brot, um die Erhaltung der Familie, die Erziehung der Kinder, so befindet sie sicli doch wenigstens größtenteils in -Berufen,die sie seinerzeit meist freiwillig wählte,für die sie sich gehörig vorbereiten konnte und die ihrer Veranlagung und ihren Fähigkeiten entsprechen. Die junge jüdische Generation hingegen, deren Erziehung und Lehrjahre in die Zeit des großen Weltbrandes und in die fast noch schlechtere Zeit der Nachkriegsjahre fallen, befindet sich meist nicht nur in materieller Not, sondern, was viel schlimmer und gefährlicher ist, in höchster seelischer Depression. In der Schule wird die jüdische Jugend gegenüber ihren nichtjüdischen Kollegen zurückgesetzt. Aus den Hochschulen wird sie mit Brachialgewalt vertrieben und es wird gegen sie unter Duldung und Patronanz der Gesellschaft und der Regierung ununterbrochen gehetzt. Die reine erst langsam und unter den heftigsten Reibungen zu einer Gesellschaft zusammenschmelzen, die so etwas wie eine einheitliche Kultur aufweist Und eben wegen der Neuheit und der Frische dieser kulturellen Bildungen in Amerika eine unvergleichlich größere Mannigfaltigkeit der individuellen Typen aufweist So verschieden der Gegenstand der zwei Bücher, so verschieden die beiden Verfasser. Hier ein echter Wiener Bürger im behaglichen kulturellen Milieu aufgewachsen, der nie den Zwiespalt zwischen Ueberlieferung und moderner Bildung gekannt, der um letztere nicht zu kämpfen brauchte, weil sie ihm in seiner Geburtsstadt von allen Seiten zufloß, der in einer gemütlichen, wohltemperierten religiösen Atmosphäre aufgewachsen ist, ohne Ueberschwang und ohne Fanatismus, die die harmonische Entwicklung nach der einen oder der anderen Seite stört. Bei Chajim Bloch braucht man nur daran zu erinnern, daß er aus der allerfrömmsten chassidischen Gegend des Ostens stammt, um sofort zu begreifen, welche heroischen Kämpfe es ihn kostete, sich zu europäischer Kultur durchzuarbeiten und ein deutscher Schriftsteller zu werden . . . Was ist nun der gemeinsame, geheimnisvolle Ton. der aus diesen beiden Büchern unabweisbar herauskldngt und dem Leser beharrlich im Ohr summt und sich nicht abweisen läßt und hartnäckig eine Formulierung heischt? Endlich, nach langem Nachsinnen wurde mir das klar1. Beide Bücher singen, ohne es zu beabsichtigen, vielleicht ohne daß die Verfasser es wissen, das hohe Lied von der jüdischen Tüchtigkeit, das Lied von der unverwüstlichen Lebenskraft, Energie, Anpassungskraft, Zähigkeit mit Geschnneiidigkeit vereint, die den jüdischen Stamm auszeichnet und seine wunderbare Erhaltung durch viele Jahrtausende bitteren Leides und schweren Ungemachs, v;c sie kein Volk de Welt zu tragen hatte. Doch fließen alle diese leben- und arterhaltenden Kräfte — auch das bekennen beide Verfasser, man kann sagen, unwillkürlich — aus der Lehre, die das Erbteil des jüdischen Stammes ist. nur dieser Lehre allein ist diese wunderbare Erhaltung zu danken, die sich in verschiedenen Zeiten. Gegenden, Individuen verschieden ausprägt, verschiedene Formen annimmt, aber Form ist Schall und Rauch, der Grundzug der Lehre bleibt derselbe und wirkt letzten Endes auf die Bekenner in gleicher Weise; Das und nur das allein ist es, das die Juden der verschiedensten Länder, verschiedensten Kulturstufen, der verschiedensten Sprachbereiche und Staatsangehörigkeiten, der verschiedensten politischen Richtungen zu einem einheitlichen Gebilde umprägt und sie, unbeschadet der innigsten Zugehörigkeit zu den Nationen, unter denen sie leben, zu einer zusammenhängenden Gruppe eint. Seit einem halben Jahrhundert gehen viele irre und meinen deshalb, diese Zusammenhänge machen aus den Juden eine besondere Nation, in Wirklichkeit machen sie aus ihnen nur eine Familie, mit einer eigenen Familientradition, eine sehr alte Familie, deren Tradition dementsprechend auch eine sehr ausgeprägte ist sie ist deswegen eben eine Religion. So lange einer zur Familientradition sich bekennt, gehört er zur Familiehat er der Familientradition abgeschworen, so hat er damit die Bande zerrissen, die ihn mit der Familie verknöpfen, er ist aus der Familie ausgetreten, er gehört zu ihr nicht mehr. Langsam verlieren sich auch bei ihm und seinen Nachkommen die Eigenschaften, die aus der Familientradiöon fließen, sie verlieren sich in der Umwelt, sie werden dort auch überflüssig. Ihre lebensfördernde Kraft bewähren sie nur am Juden in den verschiedensten Gestalten. Das lehren uns die beiden Bücher, jedes auf seine Art. Es geziemt sich zuerst von Leopold Hichlers Roman zu sprechen, denn er ist eben ein Kunstwerk, dem nach der' Konvention der Vorrang gebührt, obwohl in Blochs Reiseschilderung ein nicht geringes Maß von schriftstellerischer Kunst drinnian steckt. Also der Roman von Hichler ist. was man noch vor einem Vierteljahrhundert einen Bildungsroman nannte. Er erzählt die Lebensgeschichte eines Menschen von der Seite, die seinen Bildungsgang hervorhebt. Hichler schildert das Leben, die Arbeit und die Gedanken- und Gefühlswelt der kleinen Wiener Leute. Hier stürmt man nicht himmelan, sondern wandert seinen mühevollen Weg zwischen Dornen auf steinigen Wegen, die hie und da einen Durchblick in eine idealere Welt gewähren. Den schönste

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