Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 4 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ült WAHRHEIT Seite * Herrschafts- und Unterdrückungstirieb, kaum gezähmt, sich aufs neue austobe u-nd den Frieden erst recht gefährde. Es selte vielmehr eine unbeinnte methodische Erziehungsarbeit vor allem an der noch aufnahmefähigen, kampffrohen jungen Generation. Ihr gesunder Instinkt sei auf die wahren jüdischen und menschlichen Kampfziele hinzulenken, die unsere Propheten aufgestellt und uns eingeprägt: Gerechtigkeit und Frieden! Rabbiner Dr. J. Prinz will, obwohl Theologe, ganz untheologisch und nur als junger Mensch zu den Menschen seiner Generation sprechen. Dem Frieden ständen die Mängel unserer sozialem und Wirtschaftsordnung entgegen. Sie als den steten Keimboden kriegerischer Verwickelungen gelte es so umzugestalten, daß sie den Boden für die Friedensordnung bilde. Am Ufer stehend und «in in den Hafen einlaufendes und ein auslaufendes Schfff sehend, gilt, wie der Midrasch uns lehrt, nicht unsen Gruß dem ankommenden, d. h. einer Bewegung, der anzugehören schon kein Opfer mehr bedeute, auch nicht allein .unser Glückwunsch dem ins Ungewisse fahrenden, sondern es gilt, zu der Mannschaft des auslaufenden Schiffes zu stehen und es steuern helfen. Einstein regt eine Friedenskopisteuer an. Unter größter Aufmerksamkeit der riesigen Versammlung gelangt eine Botschaft von Professor Albert Ei n s t e i n zun Verlesung: Daß der Geist die beste Waffe ist, hat das Judentum in seiner Geschichte bewiesen. Mit Gewaltmitteln unterdrückt, hat es, Kriege verschmähend, seiner Feinde gespottet und zugleich der Walt eine Friedleinslektion erteilt. Heute, da die Besten der Welt die Fttedensidec durchzusetzen sich bemühen, haben wir Juden der Welt unsere jahrtauseudalte biderprobtei Erfahrung zur Verfügung zu stellen und. getreu auch der ethischen Tradition unserer Väter, das Judentum und uns als Juden zu Soldaten des Kampfes für den Frieden zu machen im Verein mit den. Edelsten aus aßen Kulturkreisen und Religionen. Praktisch notwendig ist entsprechend den die Völker verderbenden Kri'egsbudgets — ein Friedensbudget. Einstein fordert daher am Schlüsse seiner Kundgebung eine jüdische FriPedenskopfsteuer, die mit je einer Reichsmark umzulegen wäre. Frau Rabbiner Da Eschelbacher ruft sodann die Mütter. Haust Borchardt die jungen Menschen, zum Kampfe für den Frieden im Rahmen das „Jüdischen Friiedensbundes" auf. Während Frau Eschelbacherl die Frauen daran erinnert, daß der Krieg einem großen Teile von ihnen dite Erfüllung ihrer mütterlichen Aufgabe, im eigenen Helme ihre Fähigkeiten als Mutter zu erfüllen, durch die Dezimierung einer ganzen Männergeneration vereitelt habe, betont die Sprecherin der Jugend, der „Friedensbund'" könne die Herzen der Jugend nur dann gewinnen, wenn er ein- „Bund der Tat" und nicht ein „Verein der Literatur" sei. Erkenne er aber seine Aufgabe, wie diese Kundgebung erwarten lasse, dann dürfe er auf die hingebungsvolle Mitarbeit der Jugend vertrauen. Die Ausführungen der Redwer zusammenlassend und namentlich die Darlegung der Sprecherin, der Jugend untemstreichend-, erklärt Dir. Oskar Waiss e r m a n U im Schlußwort, es werde nicht nur nichts gegen die Jugend, sondern alles unter Mitarbeit der Jugend geschehen. Ja, das Alter warte auf die Initiative der Jugend. Das alte Talmudwort „Mipne sewah takum" (vor dorn Alter steh' auf!) bedeute heute für die Jugend: „Steiige auf vor dem Alten her" zu dem gemeinsamen Friedensideal, das bald durch sie verwirklicht sehen zu dürfen1 wir der Jugend wünschen. Den Abgesang der Feier bildete die prophetische Friedenspredigt aus dem 2. und 11. Kapitel Jesajas, die drie Rezitator.im Frau Edith Hermstadt-Oettiugeu unter dem ergriffenen Schweigen den Versammlung vortrug. Oskar Wassermann über Wesen und Ziele des „Jüdischen Friedensbundes". In seiner Ansprache, mit der er d:e Kundgebung des Jüdischen F ri edc nsb undeis „Die Friedeussendung des Judentums" eröffnet hatte, führte Direktor Oskar Wassermann unter anderem aus: „Wer den Frieden will, muß den materiellen Schaden oder die sittliche Verwerflichkeit des Krieges erkannt haben. Das Judentum hat beides erkannt. Seine Propheten haben als erste: der, Welt den Frieden als sittliches und politisches Ideal verkündet, und da diese Propheten einen Teil der Bibel bilden, sind sie allen Generationen, dtei bibelgläubig waren. Glaubensgut geblieben. Trotz dieses gläubigen Friedensstrebens ist die Judenheit aben seit 2000 Jahren genötigt, einen Verteidigungskrieg in der ganzen Welt und gegen die ganze Welt zu führen. Wer 200O Jahre Krieg führen muß. ist nfcht feige. Darum ist der Vorwurf der Feigheit, den man den Juden oft gemacht hat, ein Märchen, wie so viele andere Vorwurfe, die man ihnen macht. Die Feigen sind längst von uns abgefallen und ins andere Lager übergegangen. Tapferkeit muß sich nicht immer nur in offener Feldschlacht zeigen; Scheiterhaufen und Pogrome bilden dazu Gelegenheit genug und noch mehr der dauernde Kleinkrieg gegen Demütigungen und Verleumdungen. Aber dieser Jahrtausende währende Krieg hat bei den Juden eine immer größere Friedensschusucht erzeugt, als bei denen, die den Krieg auch als schreckliches, aber doch seltenes Erlebnis empfangen, und wir können ruhfg behaupten, daß die gesamte Judenheit nicht .nur in Deutschland', sondern überall in der Welt einen Friedensbund bildet. Wenn dieser natürliche „Jüdische Friedensbund" bisher keinen Erfolg zu verzeichnen hatte, so lag das daran, daß frlüher kein katholischeT, kein evangelischer Friedensbund bestand. Jetzt aber existieren sie. Sowohl die „Deutsche Vereinigung des Weltbundes für internationale Freundschaftsairbeit der Kirchen", wie der „Friedensbund deutscher Katholiken" sind schon vor dem Krieg gegründet worden, aber so kurz vorher, daß ihre Tätigkeit noch keinen Eiiniiuß auf die geschichtliche Entwicklung gewinnen konnte. Die Erfahrungen und Folgen des Weltkrieges haben diese beiden Verbände zu energischer Tätigkeit angespornt, und sie haben an die Juden die Einladung ergehen lassen, sich mit ihnen zu gemeinsamer Arbeit für einen Daueririeden, der auf Gerechtigkeit begründet sein soO, zu vereinigen. Diesem Ruf sind wir deutschen Juden mit Freuden gefolgt und haben in aller Form den „Jüdischen Friedensbund" gegründet. Gewiß, der evangelische und der katholische Bund denken nicht daran, Stellung zur Judenirage zu nehmen; ihr Ziel ist die Herbeiführung des Friedens zwischen den Staaten, und an diesem Ziele wollen wir eifrig und ohne Hintergedanken mit ihnen arbeiten. Wir haben aber die Hoffnung und wollen das nicht verschweigen, daß wi:p von unseren Volksgenossen nicht mit anderem Maße gemessen werden, wenn die Völker und Staaten unter sich übereinkommen, Liebe und' GereehtSgkcit an Stelle der Gewalt zu setzen. Wenn der „Jüdische Friedensbund" sich mit dem' evangelischen „Weltbund" und dem „Friedensbund deutscher Katholiken" zu einer Arbeitsgemeinschaft vereinigt, so wird er seinen beiden Partnern in einem nachstehen, in anderem überlegen sein: Die Juden biiden in Deutschland noch nicht ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Niemails also wird der „JKüdische Friedensbund" eine Anhängerschaft aufweisen können, die zahlenmäßig von Ausschlag für Beschlüsse dicr Parlamente und der Regierimg sein kann. Dagegen bringt er eine beispielgebende Leistung mit. Er kann getrost behaupten, daß die Juden Deutschlands bis auf den letzten Mann hinter ihm stehen. Die vielfachen Friedensbestrebungen in unserer Zeit waren immer darauf gerichtet, die Regierungen und allenfalls die offiziellen Volksvertretungen für die Idee des Friedens zu gewinauch Nichtjuden schätzten die Leistungen des großen göttlichen Sängers hoch ein; sind ja diesbezügliche Aussprüche von Franz L i s z t, Meyerbeer u. v. a. bekannt. Hier wollen wir gleichzeitig des hervorragenden Mitgliedes seines Chores gedenken, des bedeutenden Tenors Adolf F i s c h e r, der auch als zweiter Kantor des Stadttempels wirkte und zu den Bedeutendsten seines Faches zählte. Eine hervorragende Stütze für Sulzer war Carl F r ä n k 1, der eine große, tiefe Baßstimme besaß und als Chordirigent viele Jahrzehnte hindurch am Stadttempel fungierte. Mit den Genannten sowie mit weiteren Sängern und sehr guten Knabenstimmen verstand es Sulzer, seinen Chor auf eine unerreichte Stufe zu bringen. Um die wahre Wirkung des sulzerischen Gottesdienstes auf die Zuhörer beurteilen zu können, muß man demselben beigewohnt und Sulzer gehört haben. Es muß nicht erst betont werden, daß Sulzer der beste Interpret 'seiner, eigenen Kompositionen war, ja vielleicht hat er so manches zu individuell gedacht. Aber das meiste ist doch Gemeingut aller Kantoren geworden. Sulzer hauchte dem Gebetworte Leben ein, ja er gestaltete dasselbe derart wirkungsvoll, daß selbst diejenigen, die den Sinn des Gebetes nicht verstanden, durch, den erhebenden Vortrag allein mitgerissen wurden. So war sein „S c h'm a J i s r o e 1" gleich einer Fanfare, ein Weckruf an das Volk Israel, sein Rezitativ „inechalkel chajim" bis „mechajemesim", seine „Echo", seine „Megillo" waren einzig dastehend. Daß Salamon Sulzer auch außerhalb seiner synagogalen Wirksamkeit als Gesangskünstler geschätzt und gewürdigt wurde, ist allgemein bekannt, denn kein Geringerer wie Franz Schubert erklärte Sulzer für einen der besten Interpreten seiner Lieder und widmete ihm in dankbarer Wertschätzung den Psalm „T o \v lehaudaus" für den „Schir Zion". Auch wurde Sulzer mit Rücksicht auf seine Gesangskunst zum Professor des Konservatoriums für Gesang ernannt. Er wurde auch wiederholt zu Hofkonzerten herangezogen und erhielt im Laufe seiner ehrenvollen Wirksamkeit hohe Auszeichnungen. Daß die Wiener israelitische Kultusgemeinde jede sich bietende Gelegenheit mit Freuden ergriff, um den großen Meister nach Gebühr zu feiern, muß wohl nicht besonders hervorgehoben werden. Zum Leidwesen aller Freunde und Verehrer des großen Kantors schied Sulzer am 2. April 18S1 aus dem Amte, das er durch 56 Jahre bekleidete, und trat, von Ehrungen und Auszeichnungen überschüttet, in den wohlverdienten Ruhestand. Er starb neun Jahre später, am 17. Jänner 1890, im Alter von 86 Jahren. Die allgemeine tiefe Trauer, die außerordentliche Teilnahme der ganzen jüdischen Gemeinde und aller Kreise Wiens war ein überwältigender Beweis der großen Beliebtheit, die er sich durch seine Kunst sowie durch seine Persönlichkeit erworben hatte. Salamon Sulzer war einer der größten Kantoren, die je gelebt haben. TEPPKMMUS AKTIENGESELLSCHAFT I., Bauernmarhf Nr. 10-12-14 VII., riarlahlitersiraoe Nr- OA (Ecke Zieglergasse) IFW TEPPICHE YORHÜNGE NoBCLSfOFfE EINOIkVPI DECKEN» Größte Auswahl! Billigste preise! neu. Die drei Bünde wollen nun zum ersten Male sich;.n das Volk selbst wenden, um dessen Wohl und Wehe es ja letzten Endes geht. Hier hat der „Jüdische Friedensbund" die Arbeit schon vollendet, dvj her den anderen eben erst beginnt. Ihm sind so ziemlich alle umfassenden Organisationen des deutschen Judentums schon offiziell angeschlossen. Arbeit für den Völkeririvdeii ist uuluzu wertli». wenn sie sich auf das eigene Volk beschränkt. Darum ja würden sich die Konfessionen iiir« die Friedenssciidung so besonders gut eignen, selbst wenn sie diese Mission nicht durch die ihnen geineinsam heilige Bibel übertrage'' bekommen hätten, weil sie ihrer Natur nach international sind. Und hier wiedurbringt der ..Jüdische Friedensbund" etwas Besonderes im't. Die Verbundenheit der deutschen Juden mit den luden in anderen Ländern Ist enger, die Verständigung leichter, als es bei den christlichen Ursachen: Die verhältnismäßig geringe Anzahl ja niiseru Intcrnatiomilität sogar zum Vorwurf, ein Vorwurf, den ganz und gar ungerechtfertigt ist. Ganz abgesehen davon, daü Brüderschaft über die Grenzen hinaus mit Liebe und Treue zum eigenen Lande wohl vereinbar ist und von uns Juden auch tatsächlich vereint wird, hat dieses Zusammengehörigkeitsgei'ühl seine ganz natürlichen Ursachen:' Die verhültirsmäBig geringe Anzahl der Juden in allen Ländern es wäre sicher anders, wenn es hundert Millionen Juden in der Welt gäbe — und das gleiche Schicksal-, das die Juden in fast allen Ländern der Welt erlitten haben und erleide». Das verbindet. Jedenfalls ist diese Verbundenheit ein gruUcr Vorteil bei einer Arbeit, die nur international geleistet werden kann. Und so glauben wir im Zusammenwirken mit unseren evangelischen und katholischen Brüdern hier besonders wertvolle Dienste leisten zu können, und wir hoffen, es wiird Iiitscrom und anderem gleichgerichteten Mühen und Streben gelingen, zu erreichen, daß unser Jahrhundert trotz der beispiellos furchtbaren Kriege, die seine erstien Jahrzehnte ausfüllten, in der Geschichte das „Jahrhundert des endgültigen Friedens" genannt werden wird." Die Arbeit des Bundes in Deutschland ist so schön, so groß, so echt jüdisch, daß die österreichischen Juden es als Manko empfinden müssen, daß in Oesterreich noch keine ähnliche Organisation besteht. Es ist selbstverständlich, und wir wissen es ganz genau, daß sie alle einem solchen „Jüdischen'Friedensbund" ihr Herz öffnen würden. Hier wäre ein Tätigkeitsgebiet, auf dem selbst gegnerische Parteien gemeinsam arbeiten könnten. Das Problem der Strafe im Judentum. Von Rabbiner Dr. Ernst Jacob, Augsburg. Aeußerungen von jüdischer Seite haben mehriacn versucht, düe Stellung des Judentums zu Straiart und Strafvollzug, insbesondere zur Todesstrafe, zu formulieren. Dabei darf mau aber nicht allein von den al1gemeinen, ethischen Prinzipien und Ideen der Bibel und des Talmuds ausgehen. Es gibt ja ein eigenes jüdisches Strafrecht, das vollkommen ausgebildet und kodifiziert vorliegt. Zwar ist es fraglich, ob es je praktische Anwendung gefunden hat und nicht nur auf Grund theoretischer Erwägungen aufgebaut ist. Dieses Strai'recht ist nämlich seit zwei Jahrtausenden, von geringen Ausnahmen abgesehen, nicht mehr gehandhabt worden. Seit dem Untergänge eines autonomen jüdischen Staatswesens hatten die Juden nun hßer und da ein gewisses Disziplinarrecht innerhalb einzelner Gemeinden und Länder, welches zeitweise straff genug ausgeübt worden ist. Doch kennte ein jüdischer Gerichtshof fast nie eine Todesstrafe verllängen: man vergleiche den Prozel! Jesu. Jedenfalls besitzen wir damit eine konkrete Anwendung der ethischen Idee des Judentums auf die Probleme des Verbrechens und der Strafe. Der humane und soziale Geist des jüdüschen Rechtes gehört zu den noch weithin unbekannten Schätzen nnserer Gemeinschaft. Es fehlt uns ein Werk über den Geist des jüdischen Rechtes, das ein Gegenstück zu I h r i ii g s berühmten „Geist des römischen Rechts" bilden müßte. Dieser Geist erscheint einheitlich und ungebrochen in den mannigfaltigen Gattungen dfcr. biblischen und talmudischen Literatur. Der Talmud ist auch hierin der legitime und würdige Erbe der Bibel. Diese Humanität spricht sich in der Schaffung elgendiimlicliem Rechtsbegriffe aus, z. B. des baal. In diesem Wort liegt nicht