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Die Wahrheit · 1930-01-24 · Heft 4 (24.1.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 4 (24.1.1930)
Date
1930-01-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEI1 Die Wirtschaftslage Amerikas und die Sabbathheiligung. Von Rabbiner Jul.'Samuel, Generalsekretär des Weltverbandes „Schomre Schabbos'' Für die Menschen, die mit dem kritischen Blick des Beobachters die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage der Gegenwart überschauen, um daraus bestimmte Bewegungsgesetze ihrer Entwicklung abzuleiten, wird es sich bald erweisen, daß es für eben diese Bewegungsgesetze kaum einheitliche Gesichtspunkte gibt. Während etwa für ein Land mir geringen Arbeitskräften der Siegeszug der Technik im allgemeinen und der Maschine im besonderen einen Segen bedeuten kann, gibt er sich in Ländern mit großen Arbeitermassen, wie z. B. Nordamerika immer mehr als ein Unsegen kund. Die beste Illustrierung, die wir dieser Behauptung geben können, geschieht durch die Tatsache, daß, laut einer Mitteilung des Präsidenten des größten amerikanischen Eisenbahntrusts, Mr. Alex Whitney, in den letzten fünf Jahren infolge der Erfindung neuer arbeitsparender Maschinen über 150.000 Arbeiter entlassen werden konnten. So kommt es, daß es auf dem amerikanischen A r b ei t s in a r k t ziemlich trostlos aussieht und daß die Arbeitslosigkeit überhand nimmt. Eine Zeitlang schien es, als ob durch das Eingreifen des Präsidenten Hoover, der die „Prosperity" der Wirtschaft durch Vergebung öffentlicher Staatsarbeiten fördern will, in der Tat ein wirtschaftlicher Umschwung herbeigeführt werden könne. Doch die führenden Kreise der amerikanischen Arbeitgeberverbände und der Gewerkschaften haben bald erkannt, daß die Not auf dem Arbeitsmarkt nur durch eine viel umfassendere gesetzgeberische Aktion gelöst werden kann. . Wie wirkt sich nun diese wirtschaftliche Entwicklung in bezug auf den S a b b a t h aus? Während der Ruhetag des jüdischen Volkes sonst der materiellen Not zum Opfer zu fallen pflegt, scheint die gleiche Not in Amerika zu einer verstärkten Arbeitsruhe gerade für den Sabbath zu führen. Fünf- Tage-Woche heißt die Parole der besonders interessierten Kreise. In Cleveland haben sich im Anfang dieses Monats die bedeutendsten Vertreter des amerikanischen Kapitals und die führenden Arbeitervertreter versammelt, um in gemeinsamer Beratung eine Lösung zu suchen für die brennende Frage der Arbeitslosigkeit und für andere Probleme, die sich als störende Faktoren in der ökonomischen Entwicklung des Landes gezeigt haben. Hier war es, wo man in einer K ü rzung der Arbeitszeit übereinstimmend die einzige Heilung aus dem wirtschaftlichen Dilemma zu finden glaubte. Diese Uebereinstimmurig fand Ausdruck in einer Entschließung, die den Arbeitgebern die fünftägige Arbeitswoche anempfiehlt. Sowohl der Sabbath als auch der Sonntag sollen als Ruhetage gelten. Besonders propagiert wird die fünftägige Arbeitswoche von Edgar Adams, einem der größten Unternehmer Clevelands. Mr. Adams ging so weit, dem Präsidenten Hoover den Vorschlag zu machen, die Initiative zu ergreifen und für die Regierungsangestellten die Fünf-Tagei-Woche •einzuführen. Dann solle der Kongreß den Sabbath als nationalen Ruhetag proklamieren. Es machte einen besonders starken Eindruck, als diese Forderungen von Alex Whitney, dem Präsidenten der großen ' Eisenbahngesellschaft nachdrücklich unterstützt wurden. Nicht eine augenblickliche „Prosperity" sei anzustreben, vielmehr eine gesunde Basis für die wirtschaftliche Erholung des Landes. Der mit Sicherheit zu erwartende gesetzgeberische Akt würde sich als ein Segen erweisen, wenn er in den interessierten jüdischen Arbeitgeber- und -nehmerkreisen den Sinn für die Heiligkeit des Sabbaths vertiefen könnte. Es dürfte dann mancher erfahren, daß derjenige, der den Sabbath in der Not hütet, schließlich dazu gelangt, ihn in der Fülle zu hüten. Aus dem geiUFA-TON-KINi II., Tab o r' s t r a D e 8 Telephon R.42-3-41 ■ , Fünfte Woche prolongiert! Der erste Ufa-Ton- und Sprechfilm der Erich Pommer-Produktion Melodie des Herzens Hauptdarsteller: Dlfa Pario and Willy misch Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr Db setzgeberischen Zwang und der ökonomischen Notwendigkeit soll die sittliche Freiheit des Individuums sich im Zurückfinden zur Sabbathidee erneuern, denn nur der Sabbath bedingt die wahre „Prosperity". Der Wcltverband für Sabbathschutz Schomre Schabbos hat es von Anbeginn her erkannt, daß das radikalste und zu erstrebende Mittel zur Rettung des jüdischen Sabbath die' Propagierung und Realisierung des Wochenendgedankens, wobei Sabbath und Sonntag als anerkannte Ruhetage gelten sollen, darstellt und nach dieser Richtung hin eine starke Aktivität eingesetzt. Wenn er dabei auf die Mitarbeit der ganzen Judenhedt wird rechnen können, muß das Werk der Sicherung des Sabbath und damit auch die soziale Heilung der Judenheit gelingen. «jüiHsr1 Das Judentum im Kampfe für den Frieden. .Nachdem van wenigen Monaten die „Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen für den Frieden" sich konstituiert hat und mit ihrem Arbeitsprogramm vor die Oeffentlichkeft »eitelsten ist, hatte der ihr angeschlossene „Jüdische Friedensbund" für Sonntag, den 12. Jänner, mittags, zu einer Massenkundgebung im großen Festsaal der Berliner Staatlichen Hochschule für Musik aufgemfen. Lange vor Beginn dar Kundgebung waren der große Saal und die Galerien überfüllt. Hunderte mußten stehen und weitere Hunderte konnten nicht mehr in den Saal hineän. Menschen aus allen sozialen und Gesinnungsk reisen waren anwesend. Neben den Vertretern aller maßgeblichen jüdischen Organisationen und Institutionen (Jüd. Gemeinde, Genrralvieireiii, Lib. Vereinigung, Zion. Vereinigung, Rabbinerverband. Rabbincrseminare, Logen, Akademieverlbände u. a. m.) sah man die markantesten Köpfe aus dem jüdischen Leben Berfas, so fast alle Berliner Rabbiner'. Besonders viel junge Menschen waren zugegen und auch eine Anzahl nichtjüdischer Persönlichkeiten, so unter anderem der Führer der protestantischen Friedensfreunde Präsident Spicken Direktor Oskar Wassermann, der Vorsitzende des Jüdischen Friedensbundes. leitete die Kundgebung mit einem Appell zu praktischer Mitarbeit aller Juden an dem von religiösen Motiven und Impulsen geleiteten Friedenswenk der Religion ein, den wir weiter unten wiedergeben. Der Dichter L i o n F e u c h t w a n g c r wünschte nicht, daß man sich in diesem notwendigsten aller Kämpfe, dem für den Frieden, allzusehr auf die Bibel stütze. Denn zu viel schon sei die Bibel als Quelle für Gegenwartsschlagwonte mißbraucht. Der Kampf ist zu führen von uns als Gegenwarrtsmenschen. die ködvoü zur Friedensidee gekommen sind durch das grausige Erlebnis des Weltkrieges. Die Berechtigung aber, das Judentum in diesen Kampf eiiinzustelfcn, schöpfen wir daraus, daß jeder Krieg Judentum und Judenheit ni jedem Lande in ihrem kuhturellen und materiellen Bestände auf's schwerste gefährdet und den Judenhaß aufflammen läßt. Von welchem jüdischen Blickpunkt wir aJso forschen und abwägen: Deir Kampf ruf Sir de« Weltfrieden einigt uns! Der Anreger der Idee zur Gründung des Jüdischen Friedensbundcs und Mitbegründer der interkonfessionellen Friedensgemeinschaft, Dr. Alfred Noss i g, zeigte, daß nicht revolutionäre Kämpfe den Frieden förderten, denn sie gingen auch von machtpolitischen Instinkten aus und ergäben dfc Gefahr, daß der {Feuilleton Oberkantor Salamon Sulzer. 7m seinem 40. Todestag. Von Oberkantor Isidor L ö w i t, Präsident des österreichischen Kantorenverbandes. Es ist eine selbstverständliche Pfliclit der Dankbarkeit anläßlich seines 40. Todestages des großen Meisters des Synagogengesanges zu gedenken, sein Wirken näher zu beleuchten und eingehender zu würdigen. Salamon S u 1 z e r wurde am 3Ü. März 1804 zu H o h e n e m s in Vorarlberg geboren und zeigte schon als kleiner Junge eine schöne Stimme und viel Begabung, so daß seine fromme Mutter zum Dank für die Errettung ihres geliebten, damals sechsjährigen Kindes aus dem Ertrinkungstode beschloß, dieses dem Dienste Gottes zu weihen. Im Alter von 13 Jahren kam der kleine Sulzer nach Karlsruhe, um dort bei Kantor Eichberg seine Ausbildung zu erhalten. Schon nach zweijährigem Studium war er so weit, daß er in seiner Ileimatsgemeinde Hohenems zum Kantor bestellt wurde. Seine nunmehr mit ihm gereifte Stimme, verbunden mit angeborener musikalischer Begabung, erreffte große Bewunderung. So kam es, daß Sulzer über Vorschlag I. N. Mannheimers zu einem Probevortrag nach Wien berufen wurde, welchen er am 12. Februar 1826 mit großem Erfolge vollzog und darauf im Alter von 21 Jahren zum Kantor des Stadttempels bestellt wurde. Nun stand Sulzer vor einer großen, schweren Aufgabe. Galt es doch in erster Linie, die Neugestaltung des Gottesdienstes, wie sie von Mannheimer eingeführt wurde, in die entsprechende musikalische Form zu kleiden, einen Chor zu bilden und die religiösen Gesänge zu schaffen. Trotz seiner außerordentlichen Begabung war sich Sulzer darüber klar, daß er allein dieser Aufgabe nicht ganz gewachsen sein könne. Er suchte daher Rat bei seinen Lehrern und hervorragenden Künstlern seiner Zeit. Es waren dies Franz Schubert, Kapellmeister Drechsler, R. v. Segfried, Volker t, Würfel und später Prof. Josef F i s c h h o f, die ihn wegen seiner herrlichen Stimme und seines seltenen Talentes bewunderten; mit ihrer Unterstützung schuf er nunmehr den Wiener reformierten Gottesdienst, dessen Gesänge von ihm im epochemachenden ersten Teil des Werkes „S c h i r Zion" im Jahre 1835 veröffentlicht wurden. Sulzers ausschließlich persönliche und verdienstvolle Arbeit war es, die bisher in allen Synagogen gebräuchlichen alttraditionellen Gesangsweisen von den unschönen Verzierungen und überschwänglichen Koloraturen gereinigt und in eine künstlerisch ästhetische, synagogal würdigere Form gebracht zu haben. Dies ist Sulzer in so hervorragender Weise geglückt, daß er damit in der ganzen Welt Nachahmung fand. Somit entstand auch eigentlich das „sulzerische Rezitati v". Sulzer, immer musikalisch gereifter und selbständiger, arbeitete mit Unterstützung seiner Mitarbeiter weiter und vollendete sein berühmtes Werk durch Herausgabe des zweiten Teiles, Feiertagsgesänge und Casualien, im Jahre 1865. Wollten wir nun den Inhalt dieses Werkes ausführlich besprechen, dessen Schönheit und musikalischen Wert hervorheben, so würden wir den Rahmen dieser Festschrift weit überschreiten. Es sei deshalb darauf hingewiesen, daß der „S c h i r Z i o n" von keinem später erschienenen Synagogengesangswerk je erreicht, geschweige denn übertroffen wurde. Bedenkt man nun, daß Sulzer, als er im Jahre 1826 an die Arbeit ging, nichts vorfand, woran er anknüpfen konnte, so muß man seinen grundlegenden Leistungen besondere Anerkennung zollen. Was nun die Gesangskunst und kantorale Bedeutung Salamon Sulzers anbelangt, ist es schwer festzustellen, in welcher Eigenschaft Sulzer bedeutender war, ob als Sänger oder als Kantor. Sulzer besaß eine außerordentlich schöne, modulationsfähige", umfangreiche Baritonstimme, beherrschte dieselbe meisterhaft und ergriff die Andächtigen in hervorragender Weise. Durch diegewinnende Art seines Vortrages angezogen, strömten alle jüdischen Kreise Wiens in den Stadttempel, um Sulzer und seinen Chor zu hören. Aber

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