Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 4 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgememde Wien ■MHffltlMIH Die tBcmrhci Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV1. Jahrgang _ Wien 24. Jänner 1930 Nummer 4 Krise in der religiösen Erziehung unserer Jugend. Von Rabbiner Dr. Heinrich Berger, Berlin. In den ersten Jahren des großen Weltkrieges sprach man allgemein von einer Renaissance der Religion. Der Indifierentismus der Vorzeit schien geschwunden zu sein und machte im Kreise unserer heldenmütigen Jugend Platz für religiöse Werte. Und von der empfänglichen und begeisterten Jugend verpflanzte sich der Gottesglauben auf die Eltern, die voller Hoffnung der Zukunft entgegensahen. Jung und Alt erhoben Aug und Herz zu Gott, der Wunden schlagen und heilen kann. Leider folgte bald nach dem Aufflackern des religiösen Funkens ein fast völliges Verlöschen, der scheinbaren Neubelebung der Religion ein Rückschlag. Ein neuer Beweis dafür, daß welterschütternde Ereignisse trauriger Natur, Unglücksfälle und Schicksalsschläge die Menschen zum Quell der Religion führen, Hoffnung, Trost, Erhebung und Begeisterung auslösen. Der langjährige Krieg hat die Jugend enttäuscht. Die Begeisterung schwand aihnäh- ' lieh und inachte einer Apathie Platz. Und später, da die Jugend zur Ueberzeugung kam, daß wir trotz beispiellosen Heldenmuts, großer Entbehrung und Ausdauer den Krieg verloren haben, und noch später, da sich die Folgen der Niederlage zeigten, hat der alte Indifferentismus der Vorkriegszeit wieder seine Herrschaft augetreten. Viele sprachen um diese Zeit von einem politischen, wirtschaftlichen, erziehlichen und religiösen Zusammenbruch. Ich glaube, daß man nicht gut von einem religiösen Zusammenbruch sprechen kann, da der religiöse Indifferentismus bereits vor dem Kriege vorhanden war und nur in den ersten Jahren des Krieges eine Wandlung erfahren hat. Allerdings zeigt uns auch eine Parallele zwischen Gegenwart und Vorkriegszeit gewisse Unterschiede in religiöser Beziehung. In alter Zeit, zum Teil noch vor dem Kriege, gab es einen Autoritätsglauben, dem sich viele entzogen hatten, um philosophische und kritische Betrachtungen anzustellen. Da transzendente Dinge es mehr mit unserem Gefühle als mit unserem Verstände zu tun haben, das heißt, in erster Reihe Glaubenssache sind, stand die Jugend ziemlich skeptisch diesen Dingen gegenüber. Auch die Gründe für Vorschritten, die mit der Hygiene der alten Zeit in Zusammenhang gebracht werden, forderten ihren Widerspruch heraus. Immerhin zeigte sich im Glauben und Unglauben der Jugend, in ihrer positiven oder negativen Einstellung ein gewisses Interesse für religiöse Dinge. Heute bringt ein Teil unserer Jugend-dem Sport mehr Beachtung entgegen als der Religion, würdigt mehr den Champion als den Gesetzeslehrer. Ein anderer Teil unserer Jugend ist politisch eingestellt und richtet in erster Reihe sein Augenmerk auf aktuelle Dinge, die mit der Vergangenheit nichts zu schaffen haben. Ein großer Teil unserer. Jugend negiert ohne jede Prüfung, die Wahrheiten, die ewigen Werte unserer Religion. Nur ein geringer Prozentsatz unserer heutigen Jugend nimmt in allen religiösen Fragen einen positiven Standpunkt ein, blickt voller Ehrfurcht und Begeisterung auf die edlen Männer und Frauen der Vorzeit, die um ihres Glaubens willen ihr Leben preisgegeben, auf Länder und Weltteile, in denen die Sonne des Glaubens Licht und Wärme gespendet, auf Zeiten, in denen der Geist vom Sinai, die Lehren in Mischna und Talmud die Menschen geleitet haben. Nur wenige im Kreise unserer heutigen Jugend haben Verständnis für die Segnungen der Religion, für Pietät und Familiensinn. Gibt es nun eine Möglichkeit, das Gros unserer Jugend für die Wahrheiten unserer Religion wieder empfänglich zu machen? Ein Hinweis auf die Eltern wäre zwecklos, weil Eltern und Kinder in ihrer psychologischen Einstellung grundverschieden sind, weil sie zwei verschiedenen Generationen angehören, die durch eine Kluft getrennt sind, die kaum zu überbrücken ist. Ja, noch mehr! Die Eltern in ihrer überwiegenden M-ajorität geben ihren Kindern kein gutes Beispiel in religiöser Beziehung. Auch der Anschluß an Jugendorganisationen kann uns nur in vereinzelten Fällen helfen. Nur wenige Gruppen dieser Vereinigungen sind religiös eingestellt. Die Ansicht, daß ethische Wahrheiten eine Brücke bilden, die zur Neubelebung der Religion führen könnte, ist falsch. Diese Hypothese widerspricht der normalen geschichtlichen Entwicklung. Die Religion führt zur Ethik, aber nicht umgekehrt die Ethik zur Religion. Das inessiaiiische Ideal zeigt, daß die Ethik ein Höhepunkt, aber nicht eine Zwischenstufe ist. Ich kenne nur ein Mittel, das zu einer Renaissance der jüdischen Religion führen könnte. Schmerzliche, tiefeinsehneideude und erschütternde Ereignisse, erhöhter aggressiver Antisemitismus würden uns gewiß zum Quell des Glaubens zurückführen, würden unser religiöses Empfinden wieder beleben. Aber wer wollte Unglücksfälle wünschen? Wer wollte durch Katastrophen eine Renaissance der Religion herbeiführen? Hier haben wir ein schwieriges Problem, das uns bereits seit Jahren beschäftigt. Wir haben auf die Schwierigkeiten hingewiesen und wollen hoffen, daß wir früher oder später zu einer befriedigenden Lösung kommen werden. Jugend und Judentum. Eine wirksame Ergänzung des obigen Artikels, den wir dem Hamburger „Israelitischen F a m i 1 i c n b 1 a 11" entnommen haben, stellt der folgende Aufsatz eines jungen Wiener Juden dar. Wir stellen heute das so brennend gewordene Problem der Not der jüdischen Jugend zur Diskussion und hoffen auf eine recht starke Beteiligung. Sowohl die jüdischen Zeitschriften wie auch alle jüdischen Vereinigungen beschäftigen sich lebhaft mit den Erscheinungen des Tages! Doch ob •die Wurzeln genug Kräfte liefern, um den Stamm lebensfähig zu erhalten, ob die Aufzucht neuer Kampfesbrüder in genügendem Maße vor sich geht, das findet weniger Erörterung und Gedankenaufwand. Es wird die Zeit kommen, und sie ist nicht weit, wo die Judenschaft die Augen weit aufreißen und erstaunt und entsetzt fragen wird: „Wo ist der Nachwuchs geblieben, warum folgt uns die Jugend nicht wie wir unseren Vätern im Glauben gefolgt? Wer wird für uns Kaddisch sagen?" Gott sei Dank ist es noch nicht so schlimm, wir können noch viel retten, doch leider sind wir noch nicht zu der Erkenntnis gelangt, wie es um die Jugend steht! Wir sind gegenüber der Erziehung unserer Söhne und Töchter zum Juden allzu verständnislos. Jährlich werden Unsummen Geldes für die Jugenderziehung von der Kultusgemeinde und vielen wohltätigen Vereinen verausgabt, alles nützt so t wenig! Jude sein heißt Kämpfer sein, Jude sein heißt Selbstbeherrschung besitzen und viel Unrecht ertragen müssen, doch Jude sein heißt auch stolz sein auf seine tausendjährigen Ahnen und auf das, was sie für die Menschheit geleistet. Und auf Grund obiger Bekenntnisse muß die Jugend zu dem Entschlüsse gelangen, daß es für sie nur einen Platz in dieser Welt auszufüllen gibt: weiterhin für den Glaubenund die Traditionerheben, gewirkt zu haben. u n s e r e s Volk e s /. u k ä in n f e 11. Ein Haustein zu sein in dein herrlichen und nie vollendeten Werke, das Abraham und Isak begonnen: dem Judentum. Dieses Glaubensbekenntnis sollte die Grundlage der religiösen Erziehung der Jugend von Up-to-day bilden. Die große ethische Berufung des Judentums, seine trotz seiner geringen Zahl grandiosen Leistungen bis heute im Vergleich mit anderen Religionen und seine Bekämpfung durch alle Völker, wenn dies in der Schule gelehrt würde und den Jungen und Mädchen ins Gemüt übergegangen wäre, da soll mir einer den jungen Menschen zeigen, der den Glauben seiner Väter von sich werfen wird, wie dies heute in einer raschen Aufwallung verständnislos geschieht! Man frage aber heute einen jungen Juden, ob Volksschüler oder Maturanten, was das heißt: Jude sein! Auf Grund ihrer mangelhaften Schulkenntnisse werden diese stillschweigen, denn der Lehrer hat solche Gedanken nicht allzu oft angeregt. Deshalb müßte die Jugend vorerst fließend hebräisch lesen können, die Bedeutung der Feste den jungen Leuten in Fleisch und Blut übergehen. Und die hauptsächlichste Forderung, die aber an die Eltern geht, heißt, nehmt die Jugend in den Tempel mit, gewöhnt sie an jüdisches Tun und Lassen, damit sie zuletzt an deren Ausübung Freude und Befriedigung empfinden und dem allen nicht so fremd gegenüberstehen! Ich hatte und habe viel Gelegenheit, in den Kreisen der Jugend zu verkehren, habe ich doch vor nicht allzu langer Zeit selbst die Schulbank gedrückt. Wenn man mir Uebertreibung vorwirft, so muß ich sagen: es geht so nicht mehr weiter und nur die düsterste Schilderung kann Anspruch