Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 3 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064148--17744-3082701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Seite 5 ben, daß dieses Geld nicht von seiner Mutter wäre und daß er um seiner Mutter wegen es nicht refüsieren darf. Wir waren so traurig über dieser armen Menschen Unglück. Wie grausam wurd'en sie gemartert, nur weil sie Juden sind! Ich wünschte, wir könnten wirklich für diese Armen etwas tun oder helfen. Ich bin so glücklich, daß Sie mir geraten haben, sie aufzusuchen! Nicht durch das bescheidene Geld haben wir-geholfen — es mag doch sein, daß die paar-Momente der Teilnahme dem Herzen dieser armen Frau viel wohler getan haben! Armes, kleines Ding, es bricht mir das Herz für sie. Und alles dies in einer ihr f r e m d e n Gegend! Ein einziger Mensch, ein Jude, Heinrich Glaser, sagte sie, war wie ein Bruder zu ihr. Es ist gut zu denken, daß es doch gute Menschen in dieser Welt gibt. W i r hoffen und beten, daß Halsmann b a 1 d f r e i w i r d! Slossen. Die Aufführung von Händeis „Esther-' im Gesellschaftskonzert wurde als eine Sensation ersten Ranges begrüßt. Eine Premiere ohnegleichen. Nach mehr als 200 Jahren „Esther" zum allererstenmal! Dank dem großen Händel war es ein Erfolg bei Publikum und Kritik ohne Unterschied der Konfession. Selbst Bekenner des allein unselig machenden Antisemitismus vergaßen unter den berauschenden Tönen dieser Musik, daß die Handlung, getreu der Bibelerzählung folgend, damit endet, daß ein König, durch ein bezaubernd schönes Weib einmal — o seltener Fall! — wieder zu Verstand gekommen, Haman, diesen bösen Ahnherrn des Antisemitismus zum Galgen erhöhen läßt. Wir leben jetzt in zivilisierteren Zeiten. Nicht etwa, daß es bald da, bald dort an Hamans fehlte, die offen den mörderischen Haß gegen alle Juden predigen. Aber heute würde es niemand wünschen, daß man für die grausamen Hetzer just den Galgen unter Musikbegleitung errichtet. Es würde genügen, wenn man statt des Galgens, die bereits bestehenden gesetzlichen Mittel anwendete, um die gewiß höchst schätzenswerte Redefreiheit so weit einzudämmen, daß die Hamans nicht ihre gemeingefährlichen Ziele erreichen. * * * * Offiziell wird gemeldet: „Anläßlich der Wiederaufnahme des Lehrbetriebes hat der akademische Senat im Einvernehmen mit dem Unterrichtsminister Vorkehrungen gegen etwaige antisemitische Ausschreitungen getroffen. Studenten, die die öffentliche Ruhe stören, sollen relegiert und den Strafbehördeu übergeben werden." Man ist nunmehr auch in Oesterreich überzeugt, daß diese offiziell aus Jassy gemeldeten, von dem akademischen Senat der Universität in Jassy beschlossenen Maßnahmen das erfreuliche Ergebnis haben werden, daß die die Ehre der Universität Jassy schändenden Ausschreitungen sich in Jassy nicht wiederholen werden. * . * :•: Die von Pater Mallon, dem Direktor des papstlichen Bibelinstitutes zu Jerusalem geleiteten Ausgrabungen im Heiligen Lande haben, wie die Blätter melden, vor einigen Tagen zu einer wichtigen archäologischen Entdeckung geführt. In der Gegend von Jerich-j wurden u. a. die Grundmauern von fünf oder sechs Häusern zutage gebracht, die der Zeit um 2500 v. Chr. angehören. Man vermutet nun, daß es sich hier um Reste von Sodo'm handelt. Die Meldung dürfte auch außerhalb der Kreise gelehrter Archäologen lebhaftes Interesse erregen, da die Erinnerung an diese alte Stadt, ■durch die Reste von Sodoms Justiz, « Ein Wort Albert Einsteins. j (Im Hilfsverein der Deutschen Juden.) - Jn dieser Zeit wirtschaftlicher Depression pflegen viele am falschen Orte zu sparen — nämlich indem sie sich ihren sozialen Pflichten entziehen, statt ihren privaten Bedarf einzuschränken. Denken Sie selber darüber nach; ich habe nicht das Zeug zum Prediger in der Wüste." ... : die man in manchen europäischen Staaten findet, sehr lebendig geblieben ist. * * •j; Die soeben von Jean Martet, dem vertrauten Sekretär Clemenceaus veröffentlichten Erinnerungen enthalten auch eine Reihe höchst interessanter, im Wortlaute mitgeteilter Gespräche des genialen Staatsmannes über Dreyfus. Auf die Bemerkung Martets, daß doch auch Clemenceau anfangs an die Schuld des Kapitäns geglaubt habe, antwortete dieser: „Ja, aber der Irrtum wurde bald überwunden. Nach ein paar Wochen waren wir frei von diesem Wahn. Etwas sehr Kurioses aber ist es mit dem Judenhaß der Dreyfus-Gegner. Sie hassen die Juden und sie glauben, wenn sie etwas aushecken, was wie Patriotismus aussieht, dann ist ihnen alles gestattet. Dann dürfe man Wahrheit, Menschlichkeit und Rechtsgefühl mit Füßen treten. Für sie war die Frage nicht mehr, ob Dreyius schuldig ist, es handelte sich darum, ob alle Juden schuldig sind oder nicht, und daß es wichtig ist, daß man einen jüdischen Verriter in der Armee gefunden." Clemenceaus Bemerkung über die Psychologie der französischen Judenhasser hat ihre Aktualität nicht verloren. Man streiche den Namen Dreyfus und die Charakteristik der Judenhasser kann sich wahrhaftig überall sehen lassen, wo sich Menschen finden, die gelegentlich einen jüdischen Angeklagten nur darum verurteilt wünschen, weil sie gegen alle Juden hetzen wollen. i- * # Nicht geringeres Interesse dürfte eine andere im Buche .Martets verzeichnete Reminiszenz Clemenceaus beanspruchen, die sich auf seine Gespräche mit Baron Edmond Rothschild bezieht. „Neulich — erzählte Clemenceau — war der alte Baron Edmond Rothschild bei mir. Den halte ich für den besten Juden von allen Juden. Da saß er bei mir und sprach sehr gescheite Sachen, was jedenfalls sehr beachtenswert bei einem Bankier ist ... Und welch ein selbstbewußter Jude das ist! .. . Einmal, ich war damals Ministerpräsident, traf er mich schlecht gelaunt und ich fing an, vor ihm über die Juden zu schimpfen. Da stand der alte Herr auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. Auf den Tisch des Ministerpräsidenten! Und ganz außer sich, donnerte er mir zu: „Herr Clemenceau schweigen Sie! Die Juden sind das größte Volk der Weltgeschichte!" Und da fängt der alte Baron mir einen Vortrag über Israel zu halten. Er sprach auch über die Makkabäer ... Wissen Sie, lieber Martet, die Makkabäer liebe ich nicht, aber ich liebe es sehr, wenn sich einer nicht schämt, der zu sein, der er ist, und namentlich wenn einer sich nicht schämt, Jude zu sein." Clemenceau hat offenbar nicht nur die Antisemiten, sondern auch die Juden gut gekannt. * * « Nationalsozialisten und Mitglieder des Stahlhelm in Berlin wollten einem Mithelfer bei der Ermordung Rathenaus beim Verlassen des 5 Union deutschöslerreicniscber Juden ■ ■ Ortsgruppe Floridsdorf ■ ■ EINLADUNG ■ 2 zu dem am J " Mlliwodi, den 22. Jänner, 8 Ohr abends, 5 ■ im Cale-Restaurant „Goldener Engel", ■ ■ Wien xxi., Am Spitz 3 ■ 3 B ■ stattfindenden ■ {Dishussionsabend j ■ über das Thema " £ Ziel und Zweck der „Union" i ■ ■ ■ REFERENT: S ■ Re& Rat Dr. Mai Lenk 5 ■ Gäste willkommen! ■ ■ ■ ■ Der Obmann: ■ ■ Dr. Julias Granwald m. p. 5 ^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■S Kerkers nach verbüßter Strafe Ovationen darbringen. Die zwei Mörder Rathenaus haben sich bekanntlich sofort nach Verübung ihrer Tat durch Selbstmord der Strafe und, wie man jetzt sieht, auch eventuellen nicht viel ehrenderen Huldigungen entzogen. * * * Graf Bethlen erklärt in Haag einem Interviewer, „es handle sich jetzt, um ein altes Wort Franz Deaks zu variieren, darum, eine falsch zugeknöpfte Weste wieder aufzuknüpfen, um sie dann richtig zuknöpfen zu können." Man merkt, daß Graf Bethlen nicht vom Numerus clausus sprach, der nicht an eine Weste, sondern an eine — Zwangsjacke erinnert. Ego. Wahrheiten vom Sage Die Palästinahilfe. Unter (diesem Titel schrieb Dr. Woligang W e i s 1 in der „Neuen Freien Presse" jüngst folgendes: „Der Boykott ist eine außerordentlich schwere Belastungsprobe der jüdischen Wirtschaft Palästinas in einem politisch kritischen Augenblick. Wohl kamen die Juden der ganzen Welt durch eine außerordentlich schnelle Hilfsaktion dem palästinensischen Judentum wirtschaftlich zu Hilfe: rund achtzehn Millionen Schilling wurden in wenigen Wochen gesammelt, um die wirtschaftlichen Folgen der arabischen Angriffe abzuwehren. Von diesem Geld wurden jedoch kaum zehn Prozent (!) wirklich nach Palästina geschickt und unter die Flüchtlinge aus den beiden armen Städten Safed und Hebron verteilt: fast der ganze übrige Fonds blieb über a u sdrückliche Forderung des jüdischen N a t i o n a I r a t e s von Palästina bis jetzt in den Kassen Londons und New Yorks, da der Nationalrat die Ansicht vertrat, dieses Geld dürfe nicht in Spenden oder Anleihen verzettelt werden, sondern müsse als Bankkapital einem zielbewußten Wirtschaftsaufbau für die Zukunft dauernd fruchtbar gemacht werden." Wir reproduzieren diese Mitteilung erst heute, da wir der Ansicht waren, daß sie von berufener Seite dementiert werden würde. Denn uns erschien es unglaublich, daß ein „jüdischer Nationalrat von Palästina" sich das Recht anmaßt, über Spenden der ganzen jüdischen Welt, die den Opfern der blutigen Unruhen im Heiligen Lande zukommen hätten sollen, nach seinem Gutdünken >.u verfügen. Das von uns erwartete Dementi ist bis heute nicht erfolgt und so bleibt die Tatsache bestehen, daß die horrende Summe von achtzehn Millionen Schilling gegen den Willen der Spender eigentlich vertan wird. Dr. Magnes über die Lage in Palästina. Der Kanzler der Hebräischen Universität Dr. J. L. Magnes veröffentlicht eine Broschüre mit dem Titel „Allen Völkern gleich?", die sich mit der Situation in Palästina beschäftigt. Die Broschüre, in der sich Dr. Magnes für die Dringlichkeit einer jüdisch-arabischen Ver-' ständigung einsetzt, enthält ältere Aufsätze und neuere Aeußerungen von Dr. Magnes. einschließlich seiner viel diskutierten Rede bei der Wiedereröffnung der Hebräischen Universität, und ferner einen bisher unveröffentlichten Aufsatz. Dieser Aufsatz befürwortet die Einrichtung eines Parlaments in Palästina unter der Voraussetzung, daß die Araber und eine internationale Körperschaft die jüdische Immigration, die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation und die Freiheit zur Entwicklung der jüdischen Kultur gerantieren. Als Einleitung enthält die Broschüre von Dr. Magnes das Vorwort, das Achad Ha'am zur Neuausgabe seiner eigenen Werke schrieb. (Siehe den Universitätsartikel von B. W. S e g e I.) Die Palästina-Untersuchungskommission in London. Nach ihrer Rückkehr aus Palästina hat die Palästina - Untersuchungskommission ihre erste Sitzung in London am 9. Jänner abgehalten. Die Sitzung war geheim. Die Mitglieder der Kommission-sind hinsichtlich der Beurteilung der Situation, wie die ITA erfährt, vollständig einer Meinung, und es besteht Grund zu der Annahme, daß die Arbeit nun sehr schnell fortschreiten wird.